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Gemeinsame Geschichte(n)

von Şeyda Kurt

25. November 2020. Sie haben es sicherlich schon mitbekommen. 2020 war kein ideales Jahr, um eine Theaterkolumne zu schreiben. Vor mehr als zehn Monaten begab ich mich erstmals auf die Suche nach neuen Visionen von Intimität, Freund*innenschaft, Familie, Verbündung und Solidarität auf den Bühnen. Manchmal verließ ich eine Theatervorstellung mit einer neuen Idee, einem unausgefüllten Gefühl, einem vagen Zusammenhang, einem Widerspruch. Dann dachte ich mir: Das vertiefe ich im nächsten Monat. In der nächsten Kolumne. Ich arbeite an dem Gedanken. Ich verdichte ihn. Dann schlossen wieder die Theater. Dann zerstreuten sich die Gedanken.

Nun ist 2020 fast vorüber. Und ich bin damit beschäftigt, mich an die zerstreuten Gedanken zu erinnern, mir die Koordinaten zu merken, an denen ich sie unterwegs verlor, um irgendwann wieder zurückzukehren und sie aufzusammeln. Denn es gibt noch so viel zu erzählen, so viel zu vertiefen, so viel zu verdichten.

Maßstab fürs Miteinander

Ende März, zum ersten Höhepunkt der Corona-Krise, schrieb ich in einer Kolumne über den damals allseits bemühten Begriff der Solidarität. Ich misstraute ihm und empfand den Applaus von den Balkonen etwa für ausgebeutete Menschen in sogenannten systemrelevanten Berufen als ein entpolitisiertes Tugendtheater ohne strukturelle Konsequenzen. Leere Phrasen, die abklingen würden. Wie auch der Beifall.

NAC Kolumne Seyda Kurt V1Ich will nicht in einer Gesellschaft leben, in der wir Solidarität lediglich in Krisenzeiten mitdenken. Oder mitdenken müssen, weil wir auf diese Weise hoffen, dass auch andere Menschen uns mitdenken, wenn wir in Not sind. Ich will in einer Gesellschaft leben, in der Solidarität die Bedingung und der Maßstab unseres Miteinanders ist. Das kann nur funktionieren, wenn wir die Vielfalt an Realitäten und Bedürfnissen in unserer Gesellschaft kennen und anerkennen. Ich muss Menschen nicht unbedingt nahe stehen, geografisch oder sozial, ich muss nicht mit ihnen fühlen, um mit ihnen und ihren Widerständen solidarisch zu sein und sie zu unterstützen, ihre Forderungen in eine reale, politische Wirklichkeit übersetzen. Ich muss vor allem von ihrer Situation und ihren Widerständen wissen, sie anerkennen, und mich zur Solidarität entscheiden. Und an dieser Entscheidung festhalten.

Leerstellen "aushalten"

Ich hätte in diesem Jahr gerne ein Theaterstück gesehen, das die Utopie einer solidarischen Gesellschaft zeichnet und sie in Gestik, Mimik, Bewegungen, Worte und Sätze übersetzt. Ich hätte gern Szenen gesehen, in denen Menschen miteinander solidarisch sind, obwohl sie sich nicht kennen, nicht verstehen, nicht ähnlich sind und sich nicht miteinander identifizieren können – und eben diese Leerstellen "aushalten", wie es mal die Künstlerin (und meine wunderbare Freundin) Elif Küçük formulierte.

Mehr noch: Ich hätte diese Stücke in diesem zermürbenden Jahr gebraucht, spätestens nach dem rechtsterroristischen Anschlag in Hanau im Februar. Und sicherlich gab es diese Stücke. Doch viele gingen mir im Getöse und im Stillstand dieser Monate verloren, wie meine Gedanken.

Und ich hätte gerne noch viele andere Stücke gesehen. Und ich will sie unbedingt im nächsten Jahr sehen. Etwa eins, in dem Menschen sich kennenlernen, und die sozialen, politischen Rahmenbedingungen, in denen sie sich bewegen, die Diskriminierungen, die sie erfahren, sind ein selbstverständlicher Teil ihrer gemeinsamen Geschichte. Ich will ein Stück sehen, in dem Menschen die unterschiedlichen Handlungsmöglichkeiten, die sie als unterschiedliche Menschen haben, verhandeln und diese Kräfte zusammenführen – und eine gemeinsame Zukunft planen. Ich will Szenen, in denen Menschen sich nachhaltige Versprechen geben, als Freund*innen und Verbündete. Und von mir aus auch als Liebespaare. Doch wenn es schon romantisch sein muss, dann nicht gleich in der traditionellen, heteronormativen, monogamen Version der Zweierbeziehung. "Die eigentliche Lebensatmosphäre der Solidarität (…) bildet nicht die Zweisamkeit von Ich und Du, in der die meisten Ethiken und Moraltheorien beheimatet sind, sondern die Dreisamkeit, Viersamkeit, Vielsamkeit eines ausschweifenderen Zusammenhangs", schreibt die Autorin und Künstlerin Bini Adamczak.

Spielplanwunschzettel für demnächst

Ich will ein Stück sehen, das die Frage beleuchtet, wie und warum die monogame Heterobeziehung zur modernen, europäischen Norm erhoben wurde – und was das weiße Christentum, der Kolonialismus und der patriarchale Kapitalismus damit zu tun haben (Spoiler: viel). Ich will ein Stück sehen, in dem Partner*innen, Freund*innen und Weggefährt*innen die hierarchisierenden Machtverhältnisse, die ihre Beziehung zueinander strukturieren, reflektieren und unterwandern. Ich will ein Stück sehen, das Zärtlichkeit oder Erotik nicht sexuell und Sexualität nicht romantisch konstruiert. Ich will ein Stück sehen, das die Frage stellt, ob gerechte Beziehungen in einer ungerechten Gesellschaft überhaupt möglich sind.

Ich will mehr Stücke sehen, die lauter Leerstellen hinterlassen – die ich aushalten und ausfüllen muss. Ich will diese Stücke und Szenen, im nächsten Jahr. Wir begegnen uns vielleicht dort.

 

Şeyda Kurt ist Autorin und Moderatorin. Sie studierte Philosophie, Romanistik und Kulturjournalismus in Köln, Bordeaux und Berlin. In ihrer Kolumne ❤️topia begibt sie sich auf die Suche nach Utopien der Liebe auf der Bühne: Was erzählt uns das Theater über Zärtlichkeit? Und wo bleiben neue Visionen von Romantik, Freund*innenschaft und Solidarität?

 

Zuletzt schrieb Şeyda Kurt über den Zusammenhang von Abweichung und Bestätigung.