Keine Show ohne Publikum

von Alice Saville

August/Dezember 2020. Während des Lockdown boten Großbritanniens Theater dem krisengebeutelten Publikum Online-Theater in Not-Rationen: Aufzeichnungen alter Produktionen, Online-Monologe und Livestreams von Stücken, die vor leeren Sälen aufgeführt wurden. Bei den Künstler*innen hat dieser Ansturm von digitalem Gratis-Theater gemischte Gefühle hinterlassen. "Gleich zu Beginn des Lockdown las ich einen Artikel, in dem es hieß: 'Warum sollte ich mir eine Lesung von Hedda Gabler ansehen, statt Tiger King auf Netflix?'", sagt Emma Blackman. "Und es stimmt ja: Das Theater hat eine beschissene Ausstattung im Vergleich zu Netflix." Die Online-Aufführungen, mit denen sie sich hingegen wirklich beschäftigt habe, "waren diejenigen, die mir als Zuschauer*in eine gewisse Autorität verliehen haben".

Blackman ist zugegebenermaßen voreingenommen, sie produziert das immersive Stück "Forty Elephants", das im Herbst in London herauskommen wird. Die Faustregel des immersiven Theaters erklärt ihre Kollegin Amie Burns Walker so: "Wenn das Publikum nicht da ist und die Show weitergehen kann, dann ist sie nicht immersiv."

PP Stills 3"Plymouth Point" © Swamp Motel 

In "normalen Zeiten" ist immersives Theater ein Risiko. Es bedarf einer sorgfältigen Planung, um eine Umgebung zu schaffen, die für Zuschauer*innen und Spieler*innen gleichermaßen gut funktioniert. Nichts allerdings im Vergleich zu den Herausforderungen, denen sich das "traditionelle Theater" in Großbritannien derzeit gegenübersieht: Die meisten der berühmten Londoner West End-Theater stammen aus dem 18. und 19. Jahrhundert. Selbst wenn ihre Zuschauerräume leer bleiben, ist Social Distancing in den labyrinthischen Gängen hinter der Bühne fast unmöglich. Als eine der wenigen großen Spielstätten, die überhaupt eine Herbstsaison ankündigen, hat das Bridge Theatre sich für Monologe mit berühmten Schauspieler*innen entschieden. Besser als nichts, aber ein neues Publikum wird so nicht davon überzeugt, dass Theater eine Kunstform ist, die zukunftsweisend und aufregend ist – und die es wert ist, gerettet zu werden.

Vorhandene Infrastrukturen neu beleben – nur diesmal online

Clem Garritty and Ollie Jones Co Founders of Swamp MotelClem Garritty und Ollie Jones © Swamp Motel Swamp Motel's immersives Stück "Plymouth Point" hingegen leistet genau diese Überzeugungsarbeit. Clem Garritty und Ollie Jones von Swamp Motel haben sich vom Lockdown inspirieren lassen: "Plötzlich benutzten wir alle unsere Laptops 500 Prozent mehr als sonst – wir machten Zoom-Quizze und chatteten mit Freunden – und wir konnten sehen, wie langweilig das auf die Dauer werden würde, wenn wir uns nichts neues ausdenken würden."

"Plymouth Point" beginnt mit einem Zoom-Treffen mit einer verzweifelten Frau namens Ivy; sie erklärt, dass ihre Nachbarin vermisst wird, und schickt dann das Publikum los, um im Internet nach Beweisen für einen mörderischen Kult zu suchen. "Wir benutzen vor allem reale Plattformen wie Facebook und Google Maps. Der Gedanke war, von bekannten Umgebungen aus verrücktes Zeug zu erfinden", erklärt Clem Garritty. In gewisser Weise kehren sie die normale Arbeitsweise immersiver Theatermacher*innen um: Kompanien wie Punchdrunk sind dafür bekannt, dass sie in charakterlosen Lagerhallen schillernde Welten installieren. "Plymouth Point" dagegen nutzt eine reichhaltige Landschaft, die online bereits vorhanden ist – die Künstler*innen von Swamp Motel müssen das Publikum nur noch durch sie hindurchführen.

Eine weitere herausragende Online-Performance aus der Lockdown-Zeit, "Telephone", baut ihre Welt aus den Erinnerungen des Publikums auf. Regisseur Tassos Stevens schafft mittels der Konferenz-App Zoom eine Telefonzentrale, in der so getan wird, als würde man analog telefonieren. "Telephone" gibt in der inhaltlichen Gestaltung viel Kontrolle ans Publikum ab und gewinnt schnell ein Eigenleben, je nachdem, wer gerade im Zoom-Raum dabei ist: "Ich fühle mich in den Performances selbst oft mehr als Zuschauer als als Autor", sagt Stevens.

coneytelephone"Telephone" von Coney, Screenshot: Tassos Stevens

"Telephone" ist das jüngste Experiment von Coney, einer immersiven Theatergruppe, die besser als die meisten anderen darauf vorbereitet war, mit den Bedingungen des Lockdowns umzugehen. Wie Stevens erklärt, "war eine der Gründungs-Ideen von Coney, dass der Künstler nicht im selben Raum wie das Publikum sein sollte". Stevens wollte mit einem Kollegen arbeiten, der 200 Meilen entfernt wohnte, "aber wir hatten nicht das Geld, um zueinander zu reisen. Also dachten wir, warum machen wir nicht etwas, das auch auf Entfernung funktioniert?"

Das hyperlokale Potential von Online-Formaten

Und so erfüllt "Telephone" ein menschliches Bedürfnis, das die Lockdown-Zeit verstärkt hat – das Bedürfnis nach Verbindung, Spiel und sozialen Kontakten. Wird dieses Bedürfnis abklingen, wenn sich die sozialen Kontakte von Zoom wieder in die "reale Welt" verlagern? "Ich glaube, dass es weiterhin zumindest ein Nischenpublikum geben wird", sagt Stevens. "Man kann ja mit Leuten auf der ganzen Welt in Kontakt treten." Aber die Form habe auch ein hyperlokales Potenzial.

Afsana Begums Rightful Place Theatre Company verfolgt einen solchen hyperlokalen Ansatz; ihre Arbeit "We Are Shadows" nimmt die Menschen mit Smartphones mit auf eine Audio-Reise durch die berühmte Brick Lane im Osten Londons und in die Geschichten von Frauen, die dort seit Generationen leben. In Zusammenarbeit mit Coney und Tamasha entstand "We Are Shadows" bereits im vergangenen Jahr und kehrt im Herbst dieses Jahres zurück. Die Arbeit passt perfekt in eine Zeit, in der wir uns gezwungenermaßen daran gewöhnt haben, uns auf unsere unmittelbare Umgebung zu konzentrieren.

We are Shadows. Credit Bettina Adela"We are Shadows" © Bettina Adela

Die Rightful Place Theatre Company besteht überwiegend aus britischen Frauen aus Bangladesch, die aus dem Londoner Stadtbezirk Tower Hamlets stammen, der von Covid-19 hart getroffen wurde. "Ein großer Teil der Gemeinde lebt in Großfamilien, so dass die Auswirkungen enorm sind und die Menschen eine Menge Traumata durchleben. Diese Geschichten müssen auf irgendeine Weise weitergegeben werden", sagt Begum. Aber die Bedürfnisse einer Gruppe, die verzweifelt versucht, sich wieder zu vereinen, muss mit technischen Herausforderungen in Einklang gebracht werden: "Wir sind eine generationenübergreifende Gruppe, und Technologie ist nicht jedermanns Komfortzone."

Auf der Suche nach mehr Diversität

Das Internet wird oft als Demokratisierungs-Instrument bezeichnet. Doch obwohl Online-Darbietungen ein Publikum auf der ganzen Welt verbinden können, laufen sie auch Gefahr, Communities ganz um die Ecke zu verpassen. "Die britische Netztheater-Szene ist dominiert von weißen Männern, genauso wie andere Technik- und Games-Communities", sagt Tassos Stevens – seine Gruppe Coney bemüht sich deshalb darum, Fachwissen mit anderen Künstler*innen wie Rightful Place zu teilen und hat für Kinder das Nachwuchsprojekt "Young Coney" ins Leben gerufen.

Auch in Großbritannien ist also unter Lockdown-Bedingungen ein Theater gediehen, das sich zwischen den Welten bewegt. Die Künstler*innen, die diese hybriden Werke schaffen, könnten nun allerdings dem Sog der lukrativeren Genres erliegen – Gaming, Film, Fernsehen. Denn das Theater hat bestimmt noch einige schmerzhafte Jahre vor sich. Elliot Hughes vom Hidden Track Theatre verbrachte seine Lockdown-Zeit damit, "How to Win" zu entwickeln, ein politisches Online-Spiel, das durch Vorschläge des Publikums inhaltlich gestaltet wurde. Er will nun wieder interaktive Live-Aufführungen machen, "was auch immer die nächsten Jahre bringen mögen". Aber er warnt davor, dass "es für Künstler*innen der Arbeiterklasse bereits vorher sehr schwer war, es in dieser Branche zu schaffen, und viele von ihnen werden jetzt sagen: 'Wie viel Leidenschaft ich auch immer habe, physisch, finanziell, logistisch, ich kann diesen Weg einfach nicht weiter beschreiten.'"

Künstler*innen stehen in der Tat vor einer unmöglichen Herausforderung. Es wird von ihnen verlangt, innovativer denn je zu sein, und das unter höchst instabilen Bedingungen. "Es gibt viele kleine Aufträge von Theatern, die sagen: 'Wir wissen nicht, wie es weitergeht. Wollen Sie etwas ausprobieren?'", erzählt Hughes. "Aber in der nächsten Phase werden die Künstler etwas mehr Geld brauchen, um diese Ideen voranzubringen, und wir werden sehen, wie viel Risiko Theater dann noch eingehen werden."

Wenn man die Wiedereröffnungs-Ankündigungen anschaut, scheinen sie jetzt schon eher auf bewährte Rezepte zu setzen. Etablierte Häuser in ganz Großbritannien kündigen reduzierte Spielzeiten an, die experimentelle Sitzordnungen mit vergleichsweise traditionellen Programmen kombinieren. Der Theaterproduzent Brian Hook ist trotzdem überzeugt vom Potenzial der nächsten Monate: "Es gibt diesen neuen Zeitgeist, in dem immersives Theater aufblühen kann", sagt er.

Sicherheitsregeln schlagen künstlerische Regeln

Seine Kompanie Hartshorn und Hook eröffnet das bereits vor der Pandemie zum immersiven Theaterraum umgestaltete Great Gatsby für nur 90 Zuschauer (statt wie sonst üblich 240) wieder. Ökonomisch kann sich das eigentlich nicht lohnen. Aber Hook lässt sich nicht entmutigen: "Wir zahlen keine so hohe Miete. Und wir behalten die Einnahmen aus der Gastronomie und dem Merchandising. Wir haben also ein viel sichereres, stabileres Modell aufgebaut als das traditionelle Theater." Er räumt ein, dass das nicht ohne Risiken ist. Denn die Einnahmen aus den Getränken mögen helfen, den Betrieb über Wasser zu halten – aber was ist, wenn ein beschwipstes Publikum das Social Distancing vergisst?

The Great Gatsby Immersive LDN Jessica Hern cHelen MaybanksImmersive "The Great Gatsby" with Jessica Hern © Helen Maybanks

Die Theatermacher*innen, mit denen ich für diesen Artikel gesprochen habe, befürchten alle eine zweite Covid-19-Welle. Überleben bedeutet für sie derzeit, sich streng an Sicherheitsregeln zu halten und dafür eher ein paar künstlerische Regeln zu brechen. Nach Marshall McLuhan ist das Medium die Botschaft; aber stehen Form und Inhalt in der gleichen unentwirrbaren Beziehung, wenn man nicht sicher sein kann, welche Formen in sechs Monaten überhaupt legal sein werden? Tassos Stevens von Coney sieht die Lösung darin, interaktive Performances zu machen, die sowohl online als auch analog funktionieren können. "Wir leben mit der Ungewissheit eines möglichen nächsten Lockdowns."

Damals im März schien es denkbar, dass es irgendwann eine klare Antwort auf die Frage geben könnte, wann und wie das Live-Theater zurückkehrt. Obwohl wir mittlerweile mehr über die Krankheit Covid-19 wissen, sind die Perspektiven fürs Theater eher unsicherer geworden. Fest steht, dass die sicherste Investition derzeit die in Theaterformen ist, die flexibel genug sind, sich an alles anzupassen, was die Zukunft bringen könnte.

P.S. im Dezember 2020

Seit ich diesen Artikel im August verfasst habe, hat das Theater in Großbritannien einen Herbst schmerzlicher Unsicherheit durchlebt, mit zunächst lokalen Schließungen, gefolgt von einem erneuten landesweiten Lockdown im November. In einigen Gegenden – darunter auch das Londoner West End – werden Anfang Dezember Theater wiedereröffnet, allerdings unter strengen Auflagen und der Androhung weiterer Schließungen.

Ich bin wirklich traurig darüber, dass die britische Regierung die Theater nachdrücklich dazu aufgerufen hat, all ihre Anstrengungen darauf zu richten, ihre Türen wieder zu öffnen, anstatt sich über Investition in Online-, Freiluft- und immersive Aufführungen auf eine zweite Welle vorzubereiten. Aber ich fühle mich auch ermutigt durch die wachsende Raffinesse der experimentellen Arbeit, die produziert wird, und durch die Bereitschaft des Publikums und der Spielstätten, ihre Vorstellungen davon, was Theater sein kann, zu erweitern.

Alice Saville ist Redakteurin beim britischen Theater-, Tanz- und Performance-Magazin Exeunt. Außerdem schreibt sie Kritiken und Artikel für verschiedene Publikationen, darunter Time Out und Financial Times.

 

(Übersetzung: Sophie Diesselhorst)

Lesen Sie hier den Text im englischen Original / here you find the original English version of this article.

 

Kooperation

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Der Aufsatz entstammt dem Band
Netztheater. Positionen | Praxis | Produktionen.
Herausgegeben von der Heinrich Böll Stiftung und nachtkritik.de in Zusammenarbeit mit Weltuebergang.net unter redaktioneller Leitung von Sophie Diesselhorst, Christiane Hütter, Christian Rakow und Christian Römer. Berlin 2020. 

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Hier finden Sie das pdf des Bandes.

 

 
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