Wir Kollektiveltern

von Falk Schreiber

Berlin / Online, 8. Dezember 2020. Ziemlich schnell wird klar, dass man durchschnittlichstes Mittelmaß ist. Hätte man nämlich Kinder, dann würden die wohl in einer Großstadt aufwachsen, in einem sozial heterogenen Viertel aber in einem mehrheitlich weißen Umfeld, und das Milieu wäre eines, das man als "sozialökologisch" bezeichnen könnte. Und tatsächlich: Die Kinder der meisten Zuschauer*innen dürften in vergleichbaren Verhältnissen aufwachsen. Interrobang haben mit dem "Empowerment nach Rousseau" "Familiodrom" eine ziemlich homogene Blase aus dem heterogenen Stadtteil in die Berliner Sophiensæle gelockt. Beziehungsweise ins Internet, wo "Familiodrom" als immersive Zoom-Performance stattfindet, aus Gründen des Pandemieschutzes, aber auch, weil das Netz hier strukturbildendes Element ist: Es geht darum, ein Kind als "Kollektiveltern" zu erziehen, und das Kollektiv schließt sich online zusammen.

Online-Votings mit Jean-Jacques Rousseau

Zu Beginn werden die Bedingungen festgelegt, in die das Kind geboren wird. Da erliegt "Familiodrom" ein wenig dem Reiz der Statistik, den auch schon Gruppen wie Rimini Protokoll (mit ihrem "100%"-Franchise) oder She She Pop (mit "Oratorium") gepflegt haben, freilich geht der Abend durch die Netzbasierung einen Schritt weiter: Interrobang umgehen durch die Verschiebung der Performance ins Digitale das Problem, Statistiken irgendwie nachvollziehbar abbilden zu müssen, sie können schneller reagieren und praktisch im Minutentakt Umfragen einspielen. Sind Sie wegen des fehlenden Schlafes verlottert? Bitte klicken Sie jetzt! (Die meisten sind es.) Wird das Einjährige noch gestillt? Klick. (Auf keinen Fall.)

Bildschirmfoto 2020 12 08 um 20.12.34Performerin Bettina Grahs, im Vordergrund ein Abstimmungsergebnis © Screenshot

Technisch ist das reizvoll, führt einen aber nicht näher an das Vorhaben, eine Neudeutung von Jean-Jacques Rousseaus Pädagogik-Klassiker "Émile oder Über die Erziehung" (1762) zu verfassen. Erst einmal geht es nämlich nur darum, eine Basis zu finden: Wir Kollektiveltern bekommen ein Mädchen (das Geschlecht ist der Mehrheit egal, weswegen ein Zufallsgenerator entscheidet) namens Emilia, und das macht die ersten Lebensjahre eben das, was Säuglinge so machen. Es nervt. Es verteilt Glücksgefühle. Es lernt. Schön, aber die Erziehung neu schreiben kann man so nicht.

Abstimmungen und Diskussionen laufen simultan

Kontrovers wird es erst, als Emilia fünf Jahre alt ist und die Schulwahl ansteht. Staatliche Grundschule, okay, aber man könnte ja auch noch die private Urban Global School austesten? (Waldorfschule und kirchliche Hildegard-von-Bingen-Schule fallen gleich raus.) Per Zoom werden Zuschauer*innen in die Diskussion gebeten, eine glaubt, an der bilingualen Privatschule könne Emilia sich besser zur Weltbürgerin entwickeln, zwei weitere sind vom Leistungsdruck an staatlichen Schulen angewidert. Und mit einem Mal geht es tatsächlich um Argumente statt um Befindlichkeiten, um die Frage: Was ist eigentlich das Beste für das Kind? Und währenddessen wird auf der Chatfunktion weiterdiskutiert. "Privatschulen und Homeschooling sind politisch abzulehnen!"

Von Welches Haustier? zu Wie kommen wir an sie ran?

"Familiodrom" hat sich mittlerweile auf vier narrative Ebenen ausdifferenziert, das sorgt dafür, dass es recht kompliziert wird, zwischen verschiedenen Bildschirmen hin- und herzuswitchen, aber es ist als vielstimmiger Meinungsaustausch durchaus interessant. Auf der einen Ebene nämlich treiben die Interrobang-Performer*innen das Älterwerden von Emilia voran, auf einer zweiten diskutieren die Zuschauer*innen mit, auf einer dritten gibt es weiterhin ständige Abstimmungen. Und dann gibt es noch den Chat. Der ist die am wenigsten kontrollierte Ebene, wahrscheinlich ist er auch die Ebene, die im Konzept von Till Müller-Klug, Lajos Talamonti und Nina Tecklenburg am wenigsten Raum hat. Nichtsdestotrotz entwickeln sich hier Dialoge, die nicht nur die Diskussion voranbringen, sondern auch wirklich lustig sind. Beispiel:

Lilith Talamonti: (8:40 PM) 
Sie braucht ein haustie


David: (8:40 PM) Sie soll mit fremden Kinder spielen gehen, sich ihr altes Handy stehlen lassen, zu spät nach hause kommen und ein bisschen mehr Freiraum für Fehler haben


zz_L.: (8:40 PM) kein kanarienvogel bitte


Lilith Talamonti: (8:41 PM) 
hund


David: (8:41 PM) 
selber Hund!


E.T.: (8:41 PM) 
schildkröte

Super. Lebensnah. Und wirklich klug. Es hilft nur nichts: Wir werden mit Emilia älter, und nach und nach entgleitet uns unser Kind. Irgendwann stellt man sich nicht mehr die Frage, ob Hund oder Schildkröte der passendere Spielgefährte sind, irgendwann ist das Kind 14 und hat sich zum Influencer entwickelt. Ein bisschen sind wir stolz, ein bisschen aber auch unsicher: In welchen Milieus bewegt sich die Tochter eigentlich? Bricht da zuviel über ihr zusammen? Ist das nicht gefährlich? Wir wissen: Ja, es bricht viel zusammen, ja, sie wird es durchstehen, trotzdem haben wir sie verloren. Wir kommen nicht mehr an sie ran, unsere Überlegungen "Über die Erziehung" sind an ein Ende gekommen, und sie haben rein gar nichts gebracht.

Bildschirmfoto 2020 12 08 um 20.11.38Komplexe Abstimmungsfragen @ Screenhot

"Die Online-Erziehung wird die Präsenz-Erziehung in vielen Bereichen verdrängen" schließt das Stück mit einem leicht dystopischen Unterton, den der Abend gar nicht nötig hätte. Als mal ironisches, mal unsicheres Nachdenken übers Kindergroßziehen funktioniert er nämlich auch ohne den Schlenker in eine rein digital organisierte Zukunft, selbst beim kinderlosen Nachtkritiker. Nur wäre es ein spannender nächster Schritt, "Familiodrom" einmal mit einem etwas weniger homogenen Publikum durchzuspielen.

Familiodrom. Ein Empowerment nach Rousseau
Konzept: Interrobang (Till Müller-Klug, Lajos Talamonti, Nina Tecklenburg), Dramaturgie: Lisa Großmann, Peggy Mädler, Bühne: Silke Bauer, Maria Gamsjäger, Musik: Friedrich Greiling, Assistenz: Christina Reuter, Programmleitung: Florian Fischer, Lichtdesign, Technische Leitung: Dirk Lutz, Produktionsleitung: ehrliche arbeit, Sandra Klöss, Öffentlichkeitsarbeit: Tina Ebert, Sprecherin Rousseau-Kind: Marla Scharegg, Simultanübersetzung: Flavio Ribeiro.
Mit: Bettina Grahs, Lajos Talamonti, Lisa Großmann.
Uraufführung am 8. Dezember 2020
Dauer: 1 Stunde 40 Minuten, keine Pause

www.sophiensaele.com

 

 

 
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