Nationalneurotisches Konstrukt

von Esther Slevogt

22. Dezember 2020. Die Bauzäune sind weg, das vergiftete Weihnachtsgeschenk ist ausgepackt. Da steht es also jetzt, das funkelnagelneue Schloss, das kein Schloss sein darf, sondern Humboldtforum sein soll. Humboldt, das schmeckt nach Wissenschaft, nach Weltläufigkeit und Universalgelehrtentum. Und klingt natürlich besser als Hohenzollern, fängt aber trotzdem mit H an. Weil um Gotteswillen keiner den Deutschen nachsagen soll, sie hätten aus ihrer Geschichte nichts gelernt, wenn sie jetzt die Residenz der kriegerischen preußischen Könige und deutschen Kaiser wieder aufgebaut haben, die (bombengeschädigt, aber durchaus rekonstruierbar) 1950 von der jungen DDR als Symbol des fehlgeleiteten, imperialistischen Deutschland geschleift worden war. Und nun als Symbol für die allerbesten Absichten dieses wieder mal neuen Deutschlands wiederaufgebaut worden ist. Auch, um der DDR nicht das letzte Wort auf diesem Ground Zero der deutschen Geschichte zu überlassen. Die hatte hier 1976 ihren Palast der Republik eingeweiht.

Die Welt sollte nicht an deutschem Wesen genesen, sondern umgekehrt

Um jeden Anschein deutschtümelnder Selbstbezogenheit zu vermeiden und den Neubau nun mit dem hybriden Glanz zu versehen, ein Kulturprojekt statt Ausdruck einer Sehnsucht zu sein, Wunden und Widersprüche der Geschichte mit Stuck und einer teuren Kulisse zuzukleistern, war von Anfang an geplant, die Weltkulturen hier einziehen zu lassen. Diesmal wollte man alles richtig machen: Nicht die Welt sollte an deutschem Wesen genesen, sondern umgekehrt. Die sonst an den Rändern der eurozentristisch gedachten Museumslandschaft situierte sogenannte außereuropäische Kunst sollte durch ihren Umzug in Schloss ins Zentrum rücken. Doch das war leider zu kurz gedacht.

kolumne 2p slevogtZu den Weltkulturzeugnissen gehören auch die sogenannten ethnologischen Sammlungen der Stiftung Preußischer Kulturbesitz. Sie sind zum größten Teil zusammengeraubt. Der Versuch, die Folgen der einen Schuld dekorativ zu überbauen, deckte die nächste verdrängte Schuld auf – den deutschen Kolonialismus. Und das daran geknüpfte rassistische Konzept der Völkerkunde gleich mit. Denn während die Kulturerzeugnisse der einen in den Museen als Kunst und Zeugnisse von Zivilisationen gelten, werden andere in der Folge dieses darwinistischen Denkens als Ausdruck der "Primitiven" eher in Richtung Naturkunde und Zoologie einsortiert. Mit diesem Weltbild, das hier in seiner Umkehrung im Grunde fröhlich weiter sein Unwesen treibt, wurde bereits der Kolonialismus legitimiert. Die Zivilisierten zivilisieren die Unzivilisierten. Und nehmen ihre Rohstoffe und Kulturgüter dabei gleich mit. Doch gehören die Benin-Bronzen aus dem 15. Jahrhundert nach Benin – oder wenigstens ins Bode-Museum zu den spätmittelalterlichen und Renaissance-Skulpturen und nicht in dieses nationalneurotische Konstrukt namens Humboldtforum.

Nie ist etwas zu Ende gedacht

Denn hier stimmt irgendwie nichts – weder passen Architektur und Inhalt noch barocke Front und neusachliche Rückseite zusammen. (Wenn sich hier wenigstens aus dem Bau die Ostfassade des Palastes der Republik frech Richtung Alexanderplatz recken würde – der Bau hätte etwas Pepp und würde sogar Sinn für Ironie, für die Komplexitäten und Brüche der deutschen Geschichte beweisen.) Doch nicht mal zu der Sehnsucht nach Reparatur wird sich bekannt: des historisch gewachsenen Stadtbildes und irgendwie auch der Geschichte. Weil: So macht man das hier in Berlin. Jede Generation erfindet sich ihre eigene Geschichte, baut sie nach eigenem Gutdünken neu – und um. So ist nie etwas zu Ende gedacht und riecht immer nach dem Kleingeist der jeweiligen Zeitgenossen und ihrer dürftigen Ideologien.

Mit der Schleifung des Berliner Stadtschlosses befanden sich Walter Ulbricht und Co. damals übrigens in guter historischer Gesellschaft, war doch das Pariser Stadtschloss, besser bekannt unter dem Namen Tuilerien, 1871 im Zuge der Pariser Kommune (dem allerersten Versuch, eine Räterepublik zu errichten) von Aufständigen angezündet worden. Die ausgebrannte Ruine wurde wenige Jahre später abgerissen. Und nie wieder aufgebaut.

 

Esther Slevogt ist Chefredakteurin und Mitgründerin von nachtkritik.de. Außerdem ist sie Miterfinderin der Konferenz Theater & Netz. In ihrer Kolumne Aus dem bürgerlichen Heldenleben untersucht sie: Was ist eigentlich mit der bürgerlichen Öffentlichkeit und ihren Repräsentationspraktiken passiert?

 

Zuletzt wunderte sich Esther Slevogt über den Appell von Berliner Theatern, trotz steigender Covid-Zahlen zu spielen.

 
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