Kopflos in der Cloud

von Andrea Heinz

Wien / Online, 31. Dezember 2020. Das Seltsame am Leben in der Pandemie ist ja nicht zuletzt, dass einem*r gefühlt ständig erzählt wird, wie digital, hybrid, was-noch-alles die Welt nicht geworden sei – während die Leute in Wahrheit eher Dinge machen wie Brot backen, Briefe an Oma schicken oder exzessiv Netflix schauen. Ein bisschen krankt an dieser seltsamen Text-Bild-Schere auch die Silvester-Premiere im Kasino des Burgtheaters. Aber dazu gleich. Erst einmal muss man sagen: Ist es eine mehr als löbliche und erfreuliche Sache, in diesen Tagen zu versuchen, Menschen Theaterbesuche zu ermöglich. Österreich befindet sich im harten Lockdown (wobei man angesichts der Punsch-trinkenden Menschentrauben aller- und der Wintersportgaudi mancherorten nicht viel davon merkt). Es gibt viele, die das Theater schmerzlich vermissen. Die Frage ist nur: Was kriegt man, wenn man dieser Tage "ins Theater" geht?

Das abwesende Publikum

"Die Maschine in mir (Version 1.0)" heißt das Stück, das per Live-Stream geboten wird. Als Koproduktion von Dead Centre mit dem Dublin Theatre Festival wurde es dort bereits im Herbst mit Jack Gleeson gezeigt. Es basiert auf Mark O’Connells Buch "Unsterblich sein" und erzählt von Transhumanisten, Cyborgs, Bio-Hackern, Menschen, die ihre Gehirne in Clouds hochladen (oder so) und sich nach erfolgtem Ableben einfrieren lassen, damit man sie (teils mit abgetrenntem Kopf, ehrlich!) in einer fernen Zukunft wieder zum Leben erwecken kann. Manch eine*r erinnert sich, dass das bei Austin Powers erfolgreich praktiziert wurde, und der hat immerhin die Welt gerettet.

DieMaschine3 560 screenshotMichael Maertens als Mark O’Connell im Burgtheaterstream Bild: Screenshot
Über O’Connells Buch wurde geschrieben, es sei "ein nachdenklich-verstörender Einblick in die Vision von der Selbstabschaffung" (Deutschlandfunk Kultur). Nur: Das kommt in der Inszenierung des Regieduos Dead Centre (Ben Kidd, Bush Moukarzel) nicht so wirklich rüber. Michael Maertens spielt live im Kasino den Autor und Erzähler Mark O’Connell, das Publikum sitzt zuhause – und sieht im Stream teilweise die Aufnahmen von sich selbst, die es vorab aufzeichnen musste und die, auf Tablet-Bildschirmen, in den Sitzreihen des Kasinos zu sehen sind.

Existenzen auf Plattformen

Zu Beginn versucht Maertens, so etwas wie eine Verbindung mit dem abwesenden Publikum herzustellen. Er erzählt von seiner Blasenschwäche (die freilich O’Connells ist und diesen, zusammen mit seinen schlechten Deutschkenntnissen, angeblich daran hindert, sich selbst zu spielen), irgendetwas davon, dass man jetzt zusammen kommen würde, obwohl man nicht zusammen ist, und: Sind Sie etwa auf der Toilette? Man dürfe, könne ja, man muss sich nicht auf das konzentrieren, was da auf der Bühne passiert. Was die Sache schon mal problematisch macht. Maertens als O’Connell erzählt nun also von seinen Recherchen, auf seinem Tablet wischt er die Männer herbei, die er besucht hat, um mehr davon zu erfahren, wie man das "Gefängnis" des Körpers, die sterbliche, defizitäre, fehleranfällige (sprich: menschliche, lebendige) Realität überwindet, um – ja, was eigentlich? Ein Code zu werden? Ein Datensatz?

DieMaschine 560 screenshotDie Zuschauer Bild: Screenshot

Das Problem ist zum einen, dass man nicht wirklich versteht, worum es hier gehen soll. Ist Transhumanismus jetzt eine Möglichkeit, die man ernsthaft bedenken sollte? Sollen wir wirklich glauben, dass wir schon längst am Weg dorthin sind, wie einmal vorgeschlagen wird? Weil wir ja unsere Existenz auf Plattformen wie Facebook oder Twitter "hochladen"? Oder sollte uns das abschrecken? Und wenn ja, war das alles? Ein bisschen zu viel wird hier in einen Topf geworfen (O’Connells Buch hat knapp 300 Seiten, der Abend dauert rund 45 Minuten), ein bisschen zu unsauber argumentiert. Geht es jetzt um das Leib-Seele-Problem? Um die ewige menschliche Sehnsucht nach Unsterblichkeit (auch der Gilgamesch-Epos wird einmal anzitiert)?

Leben, Leiden Fühlen

Oder geht es um die Frage, was eigentlich ein Ich, eine Identität ausmacht? Manchmal gleitet das Ganze fast schon ein wenig in Plattitüden ab, etwa wenn eröffnet wird, dass menschliche Zellen sich alle 7 Jahre erneuern. Das erklären sonst Friseusen, wenn die Kundin fragt, warum sie plötzlich Naturwelle hat. Manchmal ist auch einfach die Sprache schrecklich unpräzise: Ist eine Person nicht nur ein Haufen Atome? Nein, ein Körper besteht aus Atomen – woraus eine Person jetzt genau besteht, das ist halt die Frage. Die auch hier nicht beantwortet wird.

DieMaschine1 560 ScreenshotWas ist mit unseren Körpern? Michael Maertens, Kameramann Mariano Margarit und das Publikum Bild: Screenshot

Dafür erfährt man, wieso man das Theater so vermisst – wenn auch leider in der Negation. Der Abend ist im Grunde Frontalunterricht mit technischen Spielereien, Michael Maertens hat kaum eine Chance, zu spielen. Schmerzlich zeigt sich, was abseits aller hohlen Phrasen von menschlicher Nähe (wollen Sie auch endlich mal wieder in einem Raum voller fremder Menschen sein? Eigentlich nicht) und dem Zauber des Theaters wirklich fehlt, was Theater ausmacht: Schauspieler*innen, die spielen; Menschen, denen man beim Menschsein, beim Leben, Leiden, Fühlen, meinetwegen auch beim Sterben zusehen kann. Der Transhumanismus will all das überwinden. "Die Maschine in mir" zeigt, sicherlich mit den besten Absichten, was passiert, wenn all diese Dinge nicht mehr vorkommen – oder eben nur noch auf der Metaebene. Das Ergebnis ist doch eher unbefriedigend.

 

Die Maschine in mir (Version 1.0)
von Dead Centre und Mark O’Connell
übersetzt von Henning Bochert
Regie: Ben Kidd, Bush Moukarzel, Bühne: Andrew Clancy, Kostüm: Saileóg O'Halloran, Maria-Lena Poindl, Licht: Norbert Gottwald, Stephen Dodd, Live-Kamera: Andrea Gabriel, Mariano Margarit, Dramaturgie: Andreas Karlaganis.
Mit: Michael Maertens
Dauer: 45 Minuten, keine Pause

www.deadcentre.org
www.burgtheater.at

 

 

Kritikenrundschau

"Maertens Performance dauert knapp fünfzig Minuten, und am Ende ist man viel weniger von dem fasziniert, was sie behandelt, als von dem, was ihr fehlt. Da steht ein Schauspieler am Silvesterabend und tut alles dafür, sein Publikum zu erreichen, irgendwie doch eine Reaktion zu bekommen auf sein Spiel. Es ist der verzweifelte Versuch eines Theaterdarstellers, sein Selbstbewusstsein nicht zu verlieren, das von der Wirkung lebt, die er unmittelbar erzeugen kann", schreibt Simon Strauß von der FAZ (2.1.2021). Und weiter: "Nur wenn sein Ich auch ein anderes sein kann, nur, wenn es uneigentlich bleibt, ist es etwas. Und eben nicht nichts. Das ist der Zaubertrick des Theaters. Dadurch bleibt es am Leben."

"Die Uraufführung von 'Die Maschine in mir (Version 1.0)' ist so etwas wie ein Pilotprojekt bei der Verknüpfung analoger und digitaler Spielweisen – und ist durchaus gelungen", schreibt Petra Paterno in der Wiener Zeitung (1.1.2021). "Der Inhalt des Monologs – eine Art Einführung in den Transhumanismus und dessen Vision einer Mensch-Maschinen-Verschmelzung – passt und verfängt mit der Form der Darbietung." Dem Duo Dead Centre glücke eine durchaus überzeugende Umsetzung. "Sie erlauben sich einige technische Spielereien, ohne allzu töricht mit der Online-Regietrickkiste herum zu albern."

"Lange Zeit fragt man sich, worauf das alles hinauslaufen soll, wann endlich die Pointe kommt - bis irgendwann klar wird, dass es darum gar nicht geht", findet Wolfgang Kralicek in der Süddeutschen Zeitung (4.1.2020). "The medium is the message." Der spannenden Frage, ob ein Schauspieler, der einen anderen Menschen verkörpert, nicht auch eine Art von Transhumanismus sei, gehe die Aufführung szenisch aber nicht wirklich nach; "die etwas dröge Lecture-Situation wird nie aufgebrochen". Der  technische Aufwand wirke "etwas unverhältnismäßig für diese 50 Minuten kurze Petitesse".

"Immer wieder wischt Michael Maertens über ein großes Tablet, das auf einer Halterung neben ihm auf der Bühne steht, und holt so neue Bebilderungen auf den Schirm", berichtet Eberhard Spreng im Tagesspiegel (4.1.2021). "Mit neckischer Unachtsamkeit stößt Maertens dann das Tablet und damit dieses doch so kostbare Menschenkind zu Boden und hebt es als ein gesprungenes Spiegelbild wieder auf." Das sei "eine von vielen Regieideen, mit denen die Irrfahrt durch die nunmehr zunehmend südwestamerikanische Transhumanistenszene fürs Online-Theater aufgepeppt" werde. Allerdings hätte sich der Rezensent an einigen Stellen den "Einspruch der zeitgenössischen Transhumanismuskritik gewünscht, um dieser kleinen Aufführung einen aktuellen Raum der Kontroverse zu öffnen". Was bleibe, sei "eine etwas unentschiedene Freakshow".

 
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