"Gegenwärtig lebe ich allein …" von Heiner Goebbels

7. Januar 2021. Heiner Goebbels gehört zu den prägenden zeitgenössischen Klangkünstlern an der Schnittstelle von Musiktheater, Sprechtheater und Hörspielproduktion. Viele seiner Hörstücke entstanden in den 1980er und 1990er Jahren zu Werken von Heiner Müller. Mit "Gegenwärtig lebe ich allein …" nach Texten des gebürtigen Belgiers Henri Michaux (1899-1984) legt Goebbels erstmals seit 25 Jahren ein originär fürs Radio produziertes Hörstück vor, das nachtkritik.de mit freundlicher Genehmigung der SWR2 Hörspielabteilung für sieben Tage bereitstellt (bis 14. Januar 2021).

Heiner Goebbels (Jahrgang 1952) ist Mitgründer des Sogenannten Linksradikalen Blasorchesters und war Bandmitglied der Avantgarderock-Band Cassiber. Als Professor am Institut für Angewandte Theaterwissenschaft an der Justus-Liebig-Universität in Gießen (1999-2018), als Präsident der Hessischen Theaterakademie wie als Intendant der Ruhrtriennale (2012-2014) prägte er die zeitgenössische Theaterlandschaft weit über die Grenzen des deutschsprachigen Raums hinaus. Seit 2018 ist Goebbels erster Amtsinhaber der Georg-Büchner-Professur an der Justus-Liebig-Universität in Gießen. Zu seinen zahlreichen Auszeichnungen gehört der Internationale Ibsen Award 2012, einer der höchstdotierten Theaterpreise der Welt.

HeinerGoebbels2 SWR2 quardrat c Heiner Goebbels uHeiner Goebbels im Studio der SWR 2 Hörspielabteilung © SWR / Beate Becker

Im Gespräch mit Produktionsdramaturg Manfred Hess von der SWR 2 Hörspielabteilung sagt Heiner Goebbels

über den  Dichter und Maler Henri Michaux:

"Michaux zählt ja zu den großen Doppelbegabungen und Außenseitern in der europäischen Kunst des 20. Jahrhunderts. Und ich kann nicht einmal sagen, was mich mehr an ihm interessiert: Seine Poetik der rhythmischen Wiederholung in den Texten oder die offenen Bewegungen und Gesten in seinen Zeichnungen. Seine Texte sind explosiv, beschwören eine Unabhängigkeit, sind auf Abgrenzung aus, sind dagegen. Er treibt sich zugleich seine Ausbrüche mit dem Schreiben aus. Es ist eine Art künstlerischer Exorzismus gegen sich, den Rest der Welt, und gegen den öffentlichen Sprachgebrauch. Bei Michaux ist das Gesagte nicht immer das Gemeinte – oft eher das Gegenteil. Mit großem Misstrauen gegenüber den Festlegungen der Sprache und mit dem Wunsch sich 'dem Unsagbaren' zu nähern, malt er, um sich 'zu dekonditionieren'. Vielleicht versuche ich das, was er im Schreiben und Malen nebeneinanderstehen lässt, in einem dritten, akustischen Medium zusammenzuführen."

über seine Kompositionsarbeit an dem Hörstück

"Zunächst – und übrigens zum ersten Mal – habe ich eine Woche lang auf und in dem Flügel zu Hause Aufnahmen gemacht. Und das noch ohne Textauswahl und Textbezug. Improvisationen, Klavierpräparationen, Klangforschung. Nicht wissend, was daraus werden würde. Diese Nicht-Intentionalität war mir offensichtlich wichtig. Ich wollte die Texte nicht interpretieren, auch nicht einen bestimmten Effekt erzielen zu einem Wort oder Satz, sondern mich zunächst einer musikalischen Logik der Klangerzeugung überlassen. Die stieß dann erst mehrere Wochen später mit den Textaufnahmen zusammen."

Über das Verhältnis von Sprache und Musik im Hörstück

"In Bildern zu denken, oder denken zu lassen, ist nicht illustrativ gemeint, sondern ein Versuch Texte nicht nur zu 'lesen'. Selbst der Autor Michaux gibt als Maler Bildern den Vorzug vor Büchern, weil bei der Lektüre die Wahrnehmungsrichtung zu sehr vorgezeichnet ist und er die 'freie Zirkulation' vermisst: also mal links, mal rechts zu schauen, mal oben, mal unten, ganz nach Belieben. Und obwohl Musik ja eine eindeutige Zeitachse zu haben scheint, schwebt mir eine solche Freiheit letztlich auch vor."

David Bennent 600 SWR Thomas Ernst uDer Sprecher: David Bennent im Studio © SWR / Thomas Ernst



Gegenwärtig lebe ich allein...
von Heiner Goebbels
Hörstück in 9 Bildern mit Texten von Henri Michaux
Aus dem Französischen von Paul Celan, Werner Dürrson, Eleonore Frey, Kurt Leonhard und Elisabeth Walther-Bense
- zweisprachig in Französisch und Deutsch –
Mit:  David Bennent (Stimme) und Heiner Goebbels (Klavier)
Technik Wortaufnahme: Martin Eichberg, Technik Schnitt und Mischung: Heiner Goebbels und Andreas Stoffels,
Komposition und Regie: Heiner Goebbels, Produktion: Südwestrundfunk und Deutschlandfunk Kultur 2021, Dramaturgie/ Redaktion: Manfred Hess.
Produktionszeit: Juni/Juli2020, Oktober und Dezember 2020 in div. Studios in Frankfurt am Main und Berlin
Erstsendung: 7. Januar 2021, SWR2, Hörspielstudio 22.03 Uhr
Dauer: 47 Minuten

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Mit freundlicher Genehmigung

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Presseschau

"Eine Kompositionsarbeit in doppeltem Sinn ist das, weil Goebbels dafür die Musik erdacht und eingespielt hat, und weil er sich die fremden Texte angeeignet und in eine neue Ordnung, einen neuen Zusammenhang gebracht hat", schreibt Stefan Fischer in der Süddeutschen Zeitung (7.1.2021). Die musikalische Komposition ist eine für Klavier, das Spiel ist meist dissonant, "David Bennents Stimme korrespondiert mit diesem Sound". Fazit: "Ein eigenwilliger, subtiler Horror geht von dem Hörspiel aus, ein Grauen, das zugleich eine Verlockung ist. Als Hörer wird man neugierig auf diese Michaux'sche Nacht, will sich gemeinsam mit dem Ich-Erzähler in ihr herumtreiben."

"Ein Stück weit ist Heiner Goebbels für sein neues Hörstück zu früheren ästhetischen Ausgangsmarken zurückgekehrt. Aber dieses Zurück führt immer in mehrere und oft auch in eine neue Richtung. Er ist wieder improvisierender Bühnenmusiker und gewinnt aus der Improvisation bildhaftes Material", so Hans-Jürgen Linke in der Frankfurter Rundschau (8.1.2021).  Von jedem der Hör-Bilder gehe eine neue Intensität aus. "Dramaturgie und zeitliche Abfolge sind nicht zwingend. Das strenge, nie wolkig-metaphorische Pathos in Michaux’ Texten ist mit einer fein dosierten Ironie, die aus den Eigenwilligkeiten der Übertragungen sickert, gebrochen, aber nicht destruiert."

 

 
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