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Das Social Media Game

von Caspar Weimann

9. Januar 2021. Seit einem dreiviertel Jahr suchen nicht mehr nur ein paar vereinzelte freie Gruppen (zu einer von denen gehöre ich mit onlinetheater.live selbst), sondern ein ganzer Theatermainstream nach Möglichkeiten, im Internet Theater zu machen und mit künstlerischen Mitteln eigenständige Erfahrungsräume in unserer digitalen Umwelt zu erschaffen. Eine Leitfrage, der sich viele Akteur*innen dabei stellen: Wie können wir auch im digitalen Kontext innovative Theaterformen entwickeln, die ein so vielfältiges Erlebnis schaffen, dass sie attraktiver sind als Netflixandchill? Das Diplomprojekt "Der Kult der toten Kuh" von Laura Tontsch und Team gibt dafür bedeutende Impulse.

ToteKuh1 280Auf dem Hauptprofil spielt man das Tutorial und findet in die Story zurück, wenn man lost ist. © Screenshot"Der Kult der toten Kuh" bezeichnet sich selbst als "Instagame" und erschafft damit ein eigenes Genre: Zusammen mit zahlreichen anderen Spieler*innen (von denen man einige im Spielverlauf kennenlernt) begibt man sich zwanzig Tage lang auf Instagram in ein Spielnarrativ.

Dabei stellt sich ein neues und befreiendes Gefühl ein: auf einer Social Media Plattform zu sein und nicht von Algorithmen gelenkt zu werden (die eine*n halt echt erschreckend gut kennen), sondern von Theatermacher*innen (denen ich persönlich deutlich mehr vertraue). Um im Spiel voran zu kommen, muss man den comfort space de:r passiven Zuschauer*in verlassen und aktiv – ja fast zu*r Aktivist*in – werden.

Welches Instagram wollen wir?

Es beginnt mit der erfolgreichen Influencerin Aslı (Melisa Su Taşkıran), die gehackt wurde und nun keinen Zugang zu ihrem Account mehr hat. Besonders mysteriös ist, dass dieser Account weiterhin Bilder und Videos von ihr postet, die sie noch gar nicht veröffentlicht hat. Sie stellt Kontakt zum White-Hat-Hacker Backbone Rat (Dennis Schigiol) her, der mit Hilfe der Spieler*innen versucht, sich selbst in den Account zu hacken. Als dies scheitert, wittert Backbone Rat, dass etwas Größeres dahinter steckt; und zwar der Instagram-Algorithmus dy5m0-f342 (Moritz Sauer).

Mit diesem Algorithmus probiert Instagram, die Reichweite von Influencer:innen zu maximieren und ihre Posting-Frequenz mittels KI voll zu automatisieren – für einen Reichweite-starken Account braucht es ja letztendlich keine echten Menschen mehr hinter den Profilen.

Jagd nach dem Algorithmus

Die Spieler*innen finden heraus, dass Aslı zum Versuchsobjekt dieses Algorithmus' wurde. Als dann auch noch herauskommt, dass Backbone Rat höchstpersönlich die ursprüngliche, deutlich sozialere Form von dy5m0-f342 programmiert hat, entbrennt ein Streit zwischen den beiden.

Backbone Rat möchte seine Fehler rückgängig machen und startet mit den Spieler*innen eine Protestbewegung gegen Instagram, die sich zunehmend radikalisiert. Sie verfolgt das Ziel, Instagram zu löschen. Aslı wiederum stellt sich dieser Bewegung entgegen und plädiert für ein sozialeres Instagram, bei dem Algorithmen wie dy5m0-f342 keinen Platz haben. Als Spieler*in muss man sich entscheiden, zu welcher Seite man gehören will.

Das Spiel bedient sich an allen Mitteln, die Instagram aktuell bietet: Man muss mehreren Profilen folgen, die Stories und den Newsfeed beobachten und mittels Filtergames an neue Informationen kommen. Es ist wie ein Krimi, indem man selbst Ermittler*in ist. Dabei übt es auf viele Spieler*innen, die an die Funktionen von Instagram gewöhnt sind, eine starke Sogwirkung aus.

ToteKuh3 560Performen im Instagame mittels Stories, Videos, Fotos, messages: Melisa Su Taşkıran als Influencerin und Dennis Schigiol als Hacker. Abstimmungen und Gruppendiskussionen im Chat beeinflussen die Story. © Presskit

Immer wieder findet man sich in Gruppenchats mit anderen Spieler*innen, in denen man klare Haltungen beziehen muss und in denen niemand die Fiktion des Spiels durch Meta-Diskussionen oder Trolling zerstört. Das führt dazu, dass es immer wieder Momente gibt, in denen man vom Engagement der anderen Spieler*innen mitgerissen wird und dann selbst wieder neue Impulse ins Spiel mit einbringt. 

Die Spieler*innen befinden sich in einer Feedbackschleife. Nicht zuletzt wird dieser Sog durch die Protagonist*innen Melisa Su Taşkıran und Dennis Schigiol ausgelöst. Beide performen hier in Stories, Videos, Fotos und Nachrichten sehr (!) authentisch die Influencerin und den Hacker. Von beiden bekommt man im Lauf des Spiels personalisierte Sprachnachrichten, mit beiden kann man direkt kommunizieren, mal muss man sie anfeuern, mal beruhigen und ihnen manchmal sogar aktiv widerstehen. Im Verlauf der zwanzig Tage freundet man sich mit ihnen an. Das macht es besonders schwierig, sich schließlich für eine Seite zu entscheiden.

Durchbrecht die Firewall

Diese von authentischen Interaktionen geprägte Spieldynamik wird immer wieder unterbrochen von Mini-Games und überzeichneten Videofrequenzen, die die Spieler*innen daran erinnern, dass das ja hier alles ein Spiel ist. So muss man beispielsweise die Firewall von dy5m0-f342 durchbrechen, in dem man in einer bestimmten Zeit alle Kacke-Emojis aus der Luft fischt. Einmal kommt es in einem Livestream sogar zur Begegnung mit dy5m0-f342. ToteKuh2 560Ein Algorithmus nimmt Gestalt an: Moritz Sauer performt in der Rolle klassische Instagram-Stereotype © Presskit

Dort wird der Algorithmus als eine Art Wandelgestalt inszeniert, die ständig ihre Form ändert: Von der Bücherliebhaberin zur Diva zum Schmock und wieder zur Diva. Moritz Sauer performt hier klassische Instagram-Stereotype – die sich gut kommerzialisieren lassen.

"Der Kult der toten Kuh" begleitet die Spieler*innen durch ihren Alltag. Man kann immer spielen, wenn man gerade Zeit hat. Sollte man mal einen Tag einen Teil des Geschehens verpasst haben, wird man in den Stories von Aslı und Backbone Rat geupdatet.

Auch helfen dabei die anderen Spieler*innen, denn mit ihnen bildet man in Gruppenchats nach und nach immer mehr eine Gemeinschaft, in der geholfen und diskutiert wird. Dort entwickeln sich sogar unter den Spieler:innen ganz eigene Figuren – manche werden Mediator*innen, andere Radikalos. Dabei werden die Spieler*innen konsequent mit ihrem selbstgewählten Spielnamen angesprochen. Das macht viele Spielsituationen ganz besonders real.

Debatte über Mitgestaltung im sozialen Netzwerk

Das Spiel eröffnet eine Debatte über Partizipation und Mitgestaltung des gesellschaftlichen Brennpunkts Instagram. Es stellt Fragen nach sozialer digitaler Teilhabe und konfrontiert die Spieler*innen mit ihrer FOMO.

ToteKuh4 560In Minispielen zum Ziel: Ganz nebenbei erfindet das Spiel neue Features in Insta-Stories. © Presskit

Vermutlich hat es nicht alle Spieler:innen, die von Anfang an dabei waren, ganz mitgenommen, da es einen großen Erfahrungsschatz in der Benutzung von Instagram voraussetzt und daher für manche sicher nicht sehr zugänglich ist – das ist aber auch nicht, worum es hier geht. Vor allem leistet "Der Kult der toten Kuh" nämlich wichtige künstlerische Forschungsarbeit darin, mit welchen Mitteln und Herangehensweisen Theaterschaffende unsere digitale Umwelt mitgestalten, kritisieren und reflektieren können. Es legt die Grundlage für eine völlig neue und innovative partizipative Erzählweise, die weiterentwickelt und verfolgt werden sollte, damit sie perspektivisch Social Media Plattformen zu wirklich sozialen Austausch- und Begegnungsorten umformt.

Digitales Theater wird noch einige Zeit in Kinderschuhen stecken. Es wird sich aber nur dann zu einer politisch und gesellschaftlich relevanten Wirkkraft entwickeln, wenn es experimentiert, mit den gegenwärtigen Mitteln sozialer Interaktion arbeitet und sich gelegentlich verabschiedet von klassischen Dramaturgien, Arbeits- und Herangehensweisen. Watch Laura Tontsch and team doing that!

 

 

Caspar Weimann 280Caspar Weimann ist Initiator des Internettheaters onlinetheater.live und der digitalen Klimakunstkonferenz #ClimArtCon, Dozent für Schauspiel an der ADK Baden-Württemberg und Seminar- und Wokshopleiter zu digitalen Theaterformaten und partizipativem Theater im Netz. Als Teil der "Initiative Digitale Dramaturgie" war er an der Gestaltung des Kontextprogramms "UnBoxing Stages" des Berliner Theatertreffen 2020 beteiligt und arbeitet aktuell am Projekt "Loulu", einer Koproduktion des HAU Hebbel am Ufer und onlinetheater.live. (Foto: Chris Schäfer)

 

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