Aus dem Archiv

von Thomas Rothschild

17. Januar 2021. Wir kennen die Namen der Filmregisseure. Aber was ist mit den Drehbuchautoren, auf deren Texten ihre Filme basieren? Wie viele Filme von Ben Hecht können Sie nennen? Was fällt Ihnen zu Wolfgang Kohlhaase ein, ohne den die Filme von Konrad Wolf oder Frank Beyer nicht denkbar wären? Auf der Bühne ist es umgekehrt. Es gibt neben der Theatergeschichte (und im Schulunterricht an ihrer Stelle) eine Dramengeschichte, aber neben der Filmgeschichte, jedenfalls im öffentlichen Bewusstsein, trotz Remakes unterschiedlicher Regisseure keine Drehbuchgeschichte. Auf Theaterzetteln steht ganz oben der Autorenname. Der Regisseur, die Regisseurin kommt erst an zweiter Stelle. Nur wenn sie, analog zum so genannten Autorenfilm, zugleich Autor*in sind, läuft das Spektakel unter ihrem Namen.

Autor und Regisseur in einer Person

Bertolt Brecht ist für die Geschichte des Theaters als Bühnenereignis deshalb besonders interessant, weil er, wie vor ihm Molière oder Nestroy, Noël Coward oder Dario Fo, wie heute René Pollesch, Dramatiker und Theatermacher von Format in einer Person war. Bei ihm verschmolzen das Autoren- und das Regietheater zu einer Einheit, wie es nur selten geschieht. Der Vorteil, den der Dramatiker als Regisseur genießt, besteht darin, dass er nicht nur autorisiert, sondern geradezu versucht ist, bis zur Premiere an seinem Text zu feilen und ihn den Gegebenheiten – den aktuellen Umständen, den Darstellern, den sprachlichen Erfordernissen im Ausland – anzupassen.

Cover Galilei Galilei1955/56, kurz vor seinem Tod, inszenierte Brecht an "seinem" Berliner Ensemble das im Exil entstandene und in Zürich und in Los Angeles – mit Charles Laughton – bereits aufgeführte "Leben des Galilei". Jetzt gibt es die faszinierende Möglichkeit, ihm bei seinen Proben, wenn nicht zuzusehen, so doch zuzuhören. Auf zwei CDs, die in ein vorbildlich gestaltetes Buch eingeklebt sind, hat Stephan Suschke, einst Regieassistent von Heiner Müller, vorübergehend künstlerischer Leiter am BE und zurzeit Schauspieldirektor in Linz, sie aus 100 Stunden auf Initiative von Hans Bunge aufgenommenem Archivmaterial ausgewählt und mit knappen Kommentaren versehen. Wer nicht nur am fertigen Ergebnis, sondern auch am Zustandekommen eines Theaterabends interessiert ist, sollte sich dieses Angebot nicht entgehen lassen.

Die Titelrolle spielte Ernst Busch, in weiteren, zum Teil während der Proben umbesetzten Rollen glänzen große Namen des Berliner Ensembles. Die Musik stammte von Hanns Eisler, das Bühnenbild von Caspar Neher.

Dem Realismus verpflichtet

Brecht begründet seine Anweisungen, ganz dem Realismus verpflichtet, mit Erfahrungsargumenten, psychologisch, soziologisch, historisch. Dann aber wiederum bemängelt er, dass eine Bühnenaktion zu naturalistisch sei. Er erlaubt satirische Elemente, drosselt sie jedoch, wenn sie die Glaubwürdigkeit der Handlung gefährden. Die Hartnäckigkeit, mit der er auf einer bestimmten Intonation besteht, erinnert an ein Jahrzehnt später von Hans Jürgen Syberberg gefilmte Proben mit Fritz Kortner. Ach würden doch heutige Regisseure wie Brecht oder Kortner begreifen, dass ein Unterschied besteht, ob man bei den zwei Wörtern "nicht nur" das "nicht" betont oder das "nur" (mit der Implikation "sondern auch"). In seiner Schlussrede liefert Ernst Busch ein Musterbeispiel für eine heute fast schon museale Artikulation.

Wer jemals Mitglieder der "Brecht-Familie", allen voran Helene Weigel, aber auch die verwandte Therese Giehse, gehört hat – die Theateraufführungen und Lesungen liegen ja auf Schallplatten vor und Film-Mitschnitte einzelner Inszenierungen werden derzeit über die Website des Berliner Ensembles verfügbar gemacht –, wird deren typische Sprechmelodie nicht mehr aus dem Ohr bekommen und jede andere Interpretation als "falsch" empfinden. Kennzeichnend für Brechts politisches Denken ist die Beharrlichkeit, mit der er die Rollen mitsamt ihren Körperhaltungen und Sprechweisen, kurz vor der Veröffentlichung von Erving Goffmans einschlägigem Buch ("Wir alle spielen Theater. Die Selbstdarstellung im Alltag"), aus der sozialen Rolle der Figuren heraus definiert.



(Hörbeispiel der CD © speak low Verlag)

Brecht ist kein glatter Rhetoriker. Sympathisch macht ihn, ähnlich wie Alexander Kluge, ein sprachlicher "Tick". Alle paar Sekunden fügt er ein fragendes "nicht" ein. Dieser Tick signalisiert den Wunsch nach Einverständnis ("ist es nicht so?"), eine Rückversicherung ("Sie verstehen?"). Auch dass Brecht die Schauspieler*innen siezt, fällt auf. Ist es nur seiner Zeit geschuldet? Zumal in einer Umgebung, in der das "proletarische Du" auf Funktionärskreise beschränkt blieb?

Zwischen den Probeaufnahmen spricht Tanja Fornaro stichwortartige Notizen zu biographischen Fakten aus der Zeit der Entstehung des "Galilei" und, etwas vereinfacht, Anmerkungen zu Brechts damaligen politischen Ansichten.

Kein Schinder

In jüngster Zeit war viel vom despotischen Umgang mancher Regisseure mit den Schauspieler*innen die Rede. In den vergangenen siebzig Jahren hat sich, nicht zuletzt unter dem Einfluss der 68er-Revolte, am Theater einiges verändert, was schließlich in Konzepte wie das Projekttheater und die Performance gemündet hat. Die Schauspieler*innen haben an Selbstbewusstsein gewonnen, ihren Star- und Divenstatus zugunsten einer intellektuellen Teilhabe aufgegeben. Heute suchen sie eher das Gespräch mit dem Publikum als die huldvolle Autogrammvergabe am Bühneneingang. Der Regisseur als Tyrann gilt mehr und mehr als anachronistische Erscheinung. Aber Brecht war, wie man den Aufzeichnungen entnehmen kann, auch zu seiner Zeit kein Schinder. Er vertraut, ganz wie sein Galilei, auf die Vernunft. Er bemüht sich darum, seine Mitarbeiter zu überzeugen, mit der Kraft des Arguments und mit einem umfassenden Wissen. Dass ihm ein eingeschworenes Ensemble zur Verfügung stand, hat dieses Ansinnen gewiss erleichtert (und kann bis heute als Begründung für ein festes, nicht ständig mit Gästen brillierendes Ensemble fungieren).

An das Ende seiner gut zweistündigen Dokumentation stellt Stephan Suschke Brechts eigene Interpretation der "Ballade vom Wasserrad". Die hat zwar mit Galilei nichts, mit dem großen Dichter und Theatermann jedoch umso mehr zu tun. Sie verweist die Zwerge, die an ihm herumkritteln, auf ihre Plätze. Auf einer dritten CD verwebt der Komponist und Linzer Kollege Suschkes Joachim Werner unter dem Titel "Brecht-Outtakes" Schnipsel, unter anderem von den Galilei-Proben, in der Art des "Neuen Hörspiels" der sechziger Jahre zu einer akustischen Collage, als hätte sich Kurt Schwitters über Bertolt Brecht hergemacht.

 

Brecht probt Galilei. 1955/56. Ein Mann, der keine Zeit mehr hat.
Originaltonaufnahmen. Ausgewählt und kommentiert von Stephan Suschke.
speak low, Berlin 2020, 25 Euro

 
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