Wenn ich ein Raumschiff wär' 

von Hartmut Krug

Potsdam, 17. Oktober 2008. Ein Mann sitzt am Bühnenrand, stellt sich vor, erzählt seinen Lebenslauf und bittet "um schnellste Hilfe." Denn er ist in einer Nervenklinik, obwohl er beteuert: "Ich bin ein völlig normaler Mensch." Dann versammeln sich in einem riesigen, schäbig-düsteren Raum mit vier Türen auf jeder Seite die Klinikinsassen auf einer großen Matratze zur Feier des 18. Jahrestags der DDR. Sie singen an gegen den Stillstand und sehnen sich hinaus mit "Flieg, Gedanke" (Verdis Gefangenenchor aus Nabucco) und mit DDR-Liedchen, die vom Fliegen erzählen.

Auch wenn dieser Beginn etwas an Christoph Marthalers "Murx" und die Szene an Bühnenbilder von Anna Viebrock erinnern, so entwickelt Adriana Altaras in ihrem Stück und ihrer Inszenierung doch eine sehr eigene, wunderbar leichte und witzige Form. In dieser Inszenierung wird der politische zugleich zum poetischen Raum.

Sich aus den Grenzen heraus sehnen

Alle sind hier ihrer freien Beweglichkeit beraubt, sie sind, ob Personal oder Patienten, notgedrungen Teil einer Gemeinschaft. Der Arzt wurde strafversetzt, wie auch die freundliche Krankenschwester (die zu ihrer Schwester in den Westen wollte). Karl Hans Jankes Schicksal dient nicht als Material für ein Stück, das vom einsamen, missverstandenen Genie handelt, sondern für das Bild einer Menschengemeinschaft, die sich einrichtet und zugleich hinaussehnt aus ihren gegebenen Grenzen. So wird die Geschichte eines Mannes, der vierzig DDR-Jahre in der Klinik saß, auch zur Parabel über diesen Staat.

Karl Hans Janke wurde mit der Diagnose "chronisch paranoide Schizophrenie" 1949 in die Psychiatrie eingewiesen. Bis zu seinem Tode 1988 in der Psychiatrischen Landesanstalt Hubertusburg im sächsischen Wermsdorf eingesperrt, entwickelte er auf mehr als 2500 Zeichnungen fast eintausend Erfindungen. Doch der Eingeschlossene wurde nicht ernst genommen, er vermochte nur zwei Patente anzumelden. Nachdem man im Jahre 2000 seine Werke auf dem Dachboden der Klinik wiederentdeckte, wurden sie in mehreren Ausstellungen präsentiert, zuletzt in Peenemünde unter dem Titel "Karl Hans Janke vs. Wernher von Braun".

Natürlich ist auch von Braun in der Klinik. Er verkörpert (mit wunderbar genauer und witziger Körpersprache: Moritz Führmann) den erfolgreichen Gegenspieler Jankes. Während Janke seine Raketen für eine Welt freier Beweglichkeit und ohne Waffen entwarf, steht Braun für die zerstörerische Variante des Erfindertums. Braun wird als starker, beweglicher Cowboy gezeigt, der sich mit jeder Macht arrangiert. Er überwindet auch das Eingeschlossensein und geht an ein Pult im Zuschauerraum, um die Raketen von Peenemünde oder Cape Canaveral zu starten. Und wenn sich alle, hintereinander auf Stühlen sitzend, in einem Trajekt von Janke zum Flug vereinen und dabei vom Ausbruch in Ostsee- und andere Urlaubsgebiete träumen, dann startet Braun in den Weltraum und betritt den Mond (wobei das pantomimische Nachspiel des historischen Ereignisses eine szenische Glanznummer ist).

Fort aus der Klinik ins Weltall

Wunderbar, wie die Inszenierung Ausbruchsphantasien und den Traum vom Fliegen in immer neue Bilder faßt. Anrührend poetisch-komisch wirkt es, wenn (die ungemein präsente) Nicoline Schubert als von Janke unerwidert geliebte Christine ein Rotkehlchen spielt und zu fliegen versucht, – oder wenn der Janke begleitende Herr Paul (Joachim Schönitz) vor dem Patentamt seine Reisesehnsüchte bis nach Cortina d'Ampezzo schweifen lässt. Hinaus aber geht es nur nach oben, in den Weltraum….

Janke kämpft verzweifelt darum, wahrgenommen zu werden. Er schreibt Briefe, er zeigt Lichtbildervorträge, er referiert in einer Schule vor Direktor und jungen Pionieren und stellt sich vergeblich beim Patentamt vor. Bei diesen Szenen öffnet sich die Rückwand, und hoch oben erscheinen die Menschen, die über ihn richten können, aber nur Desinteresse oder Phrasen äußern. Mit angenehm zurückhaltender Nüchternheit zeigt Christian Klischat Jankes wachsende Verzweiflung, wenn dessen Wünsche, Gefühle und Fähigkeiten ignoriert werden. Nachdem Janke tot umgefallen ist (1988!), geht alles wie immer weiter mit dem Alltagsritual: nach dem Zähneputzen in frontaler Reihe werden nacheinander Tabletten, das Essen und Schlafkissen entgegen genommen. Nur der bisherige Arzt gibt seine Jacke einem bisherigen Patienten.

Adriana Altaras beschwingte Inszenierung erzählt nicht nur vom Scheitern, sondern auch davon, was der Mensch erreichen kann. So trägt einer den Knochen, der in Kubricks Film "Odyssee im Weltraum" von der Keule zum Raumschiff wird, und das Geschehen wird oft untermalt von klassischer Musik. Es ist eine Inszenierung wie "aus einem Guss", mit einem homogenen siebenköpfigen Ensemble ohne Stars, das man in dieser lustvollen spielerischen Genauigkeit in Potsdam selten gesehen hat. Das Publikum feierte den Abend zu Recht laut und lange, denn er war ein Ereignis.

 

Der Fall Janke (Uraufführung)
von Adriana Altaras und Dirk Olaf Hanke unter Mitarbeit von Michael Erler
Inszenierung: Adriana Altaras, Bühne: Christoph Schubiger, Kostüme: Jessica Karge, Musik: Wolfgamg Böhmer.
Mit: Christian Klischat, Nicoline Schubert, Friedericke Walke, Andreas Herrmann, Moritz Führmann, Joachim Schönitz, Helmut G. Fritzsch.
www.karl-hans-janke.de

www.hot.potsdam.de

 

Kritikenrundschau

"Berührt und bewegt" sei das Publikum davon gewesen, wie Regisseurin und Autorin Adriana Altaras in Potsdam den "Fall Janke" wieder aufgerollt habe, berichtet Frank Dietschreit in der Märkischen Allgemeinen (20.10.). "Erst jetzt, 20 Jahre nach seinem Tod", würden Karl Hans Jankes Zeichnungen und Modelle, die zu Lebzeiten "nur belächelt und als Fantasiegebilde abgestempelt" worden seien, "als das gewürdigt, was sie waren: technische, künstlerische und philosophische Denkanstöße eines wahnsinnigen Genies". Die Bühne von Christoph Schubiger, ein "düsterer Gefühls-Bunker", erinnere als klaustrophober Raum an Marthaler-Inszenierungen, wie auch die Musikalität "beim Schweizer Regisseur abgelauscht" sei: "Opernarien, kitschige Schlager, Kampflieder" würden "ironisch verballhornt". Die Psychiatrie, in der Janke Patient war, diene "als Metapher für die DDR-Gesellschaft, die Störenfriede und Freigeister wegsperrt". "Ein ebenso beklemmender wie aufregender Abend" mit "nur einem Schönheitsfehler": der sich als Wernher von Braun ausgebende Patient gehört für Dietschreit nicht hierher. Denn "anders als bei Janke waren bei Braun Genie und Wahnsinn nicht ein und dasselbe".

 

 
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