"Dieses Haus wird entweiht"

von Janis El-Bira

22. Januar 2021. Für Werte wie Solidarität, Diversität, Freiheit steht das Ruhrfestspielhaus Recklinghausen. Als ein Symbol der jungen BRD-Demokratie wurde es zwischen 1960 und 1965 errichtet, mit finanzieller Hilfe u.a. des Deutschen Gewerkschaftsbundes und des 1959 vom regelmäßigen Festspielbesucher Theodor Heuss gegründeten Vereins Freunde der Ruhrfestspiele. Nun hat die AfD das Festspielhaus für eine Kreiskonferenz angemietet, um über ihre Kandidaten für die anstehende Bundestagswahl zu befinden. Ein skandalöser Vorgang, findet Olaf Kröck, der Intendant der Ruhrfestspiele Recklinghausen. Im Interview mit Janis El-Bira erzählt er mehr über die Details und Hintergründe der Vermietung an eine in Teilen rechtsextrem positionierte, kulturfeindliche Partei.

nachtkritik.de: Herr Kröck, wie haben Sie von der geplanten Nutzung des Ruhrfestspielhauses durch die AfD erfahren?

Kröck: Aus der Recklinghäuser Zeitung. Ein Kollege hatte es mir weitergeleitet, weil wir hier die meiste Zeit im Home-Office sind, und ich dachte: Bitte, was?! Man muss dazu sagen: Wir sind als Ruhrfestspiele im Ruhrfestspielhaus Mieter, weshalb wir auch nur ein Vierteljahr lang Hausrecht haben. Ansonsten wird das Haus von einer Trägergesellschaft verwaltet, der Vestischen Cultur- und Congresszentrum GmbH. Erst ab April hätte man uns wieder nach Zustimmung fragen müssen – jetzt gerade eben nicht. Und offensichtlich ist man innerhalb der städtischen Verwaltung pragmatisch mit der Anfrage einer Partei umgegangen, die nun einmal im Land und im Kreis vertreten ist.

Ruhrfestspiele Olaf Kroeck 2020 280 HansJuergenLandes uOlaf Kröck, Intendant der Ruhrfestspiele © Hans Jürgen LandesIm demokratischen Procedere ist es eine Notwendigkeit, dass auch diese Partei einen Ort für ihren Wahlparteitag bekommt. Aber: Wir sind mitten in einer Pandemie. Alle Theater sind geschlossen. Die Schulen sind zu und selbst unsere Kinder sitzen im Home-Schooling und beteiligen sich solidarisch an der Pandemie-Bekämpfung. Wie kann man überhaupt in diesen Zeiten einen Live-Parteitag mit 100 Personen in einem Theatergebäude abhalten? Das allein würde schon als Skandal reichen. Die ganze Gesellschaft arbeitet solidarisch an der Lösung dieses Problems und jetzt kommt irgendeine dahergelaufene Partei und ist offenbar nicht in der Lage, andere Wege zu finden, ihre Veranstaltung abzuhalten? Das alleine regt mich schon auf.

nachtkritik.de: Recklinghausen ist eine verhältnismäßig kleine Stadt. Trotzdem gibt es ja gerade überall Gebäude, die nicht oder kaum genutzt werden. Dennoch gibt die Stadt ausgerechnet das historisch hochsymbolische Ruhrfestspielhaus frei. Da müsste doch irgendjemandem etwas aufgefallen sein…

Kröck: Das ist die nächste Ebene. Dieses Haus ist ein riesiges Symbol! Und hier fangen meine vielen Fragezeichen an. Weil ich aber in den ganzen Prozess nie involviert war, niemand mal ein Telefon in die Hand genommen hat, konnte ich auch niemandem einen Hinweis geben. Die städtische Verwaltung leistet hier eigentlich wirklich gute Arbeit, ist ein toller Gesprächspartner vor Ort. Aber hier hat einfach keine Transparenz stattgefunden. Darüber bin ich fassungslos. Ich bin erschüttert, dass das stattfinden soll. Diese Partei ist antidemokratisch, in Teilen rechtsextrem. Vor allem aber hat sie eine ganz klare Agenda: Gegen kulturelle Vielfalt, gegen Diversität. Sie operiert kulturpolitisch mit abstrusen Vorstellungen. Dass die dieses Haus hier kriegen, das ist für mich ein unhaltbarer Zustand.

Ruhrfestspiele 560 SiegersbuschGrischaWindus uSteht für Werte wie Demokratie, Solidarität und Freiheit: das Ruhrfestspielhaus © Siegersbusch Grischa Windus

nachtkritik.de: Haben Sie denn überhaupt Möglichkeiten, gegen diese Veranstaltung vorzugehen?

Kröck: Darum haben wir uns gemeinsam mit dem DGB und der Stadt hinter den Kulissen bemüht. Der Mietvertrag ist jetzt gekündigt und bestimmte Bewilligungsprozesse sind rückgängig gemacht worden. Dagegen sind von der AfD Rechtsmittel eingelegt worden. Es ist also ein schwebender Prozess und bedauerlicherweise muss man davon ausgehen, dass die Partei ihn gewinnen wird. Und der Schaden ist ja ohnehin schon da.

nachtkritik.de: Nun wurde gestern auch schon von Kolleg*innen aus der Theaterszene deutlich gegen diesen Vorgang protestiert. Johan Simons, Intendant am Schauspielhaus Bochum, nannte die Entwicklungen "besorgniserregend". Sie selbst haben sich zunächst zurückgehalten. Warum?

Kröck: Ich habe meinen Protest sofort geäußert – allerdings intern. Als Leiter einer größeren Kulturinstitution bin ich in der glücklichen Position, relativ direkte Drähte zu den Entscheidungsträger*innen zu haben. Da wurden dann parallel zur Intervention des Deutschen Gewerkschaftsbundes tatsächlich alle Hebel in Bewegung gesetzt. Es wäre also nicht richtig zu sagen, dass die Stadt und der Bürgermeister nicht alles versucht hätten. Vor allem aber: Wir wollten damit unbedingt ein Ergebnis erreichen. Nämlich dass dieser Wahlparteitag nicht im Ruhrfestspielhaus stattfindet. Die öffentliche Protesthaltung äußere ich erst jetzt, in diesem Augenblick, wo ich nicht mehr sicher sein kann, dass uns das gelingt. Hätte ich es früher sichtbar gemacht, wäre möglicherweise eine falsche Symbolkraft entstanden. Und darum geht es dieser Partei doch! Es geht um Symbole und darum, bestimmte Orte und Räume auf eine Art zu besetzen, die die Symbolkraft dieser Orte zerstört. Das Ruhrfestspielhaus ist ein Ort, dessen Gründungsgeschichte aus der gewerkschaftlichen Bewegung kommt. Die steht für Solidarität, Demokratie, Freiheit – und vor allem für einen antifaschistischen Kampf! Das ist in dieses Haus und in dieses Festival eingeschrieben. Für die Stadt Recklinghausen mit ihrer Geschichte ist das fast ein heiliger Ort. Und dieser heilige Ort wird entweiht. Weil bestimmte Akteure mit einer falschen Pragmatik vorgegangen sind und eben nicht den Kampf aufgenommen haben gegen eine politische Instanz, die es zu bekämpfen gilt.

nachtkritik.de: Wenn man diesen Kampf allerdings intern führt und zunächst bewusst auf den öffentlichen Protest verzichtet, um dem Gegenüber keine Bühne zu bieten, dann verzichtet man auch auf öffentliche Solidarität. Und gleichzeitig riskiert man, als jemand dazustehen, der sich nicht deutlich äußert. Ist das nicht ein sehr hoher Preis?

Kröck: Absolut. Aber in dem Kampf – und ich kann kein anderes Wort dafür benutzen – gegen diese politische Kraft zahlen wir sowieso einen Preis. Schließlich schaffen sie es ja, dass wir uns mit ihnen in der Öffentlichkeit beschäftigen müssen. Und der nächste Schritt wird sein: Wenn diese Partei vor Gericht gewinnt, wird sie am Sonntag im Ruhrfestspielhaus sitzen. Wir hätten viel früher involviert werden müssen, damit wir viel früher hätten nachdenken können, welche Mittel wir zur Verhinderung gehabt hätten. Gestern war dann meine Zurückhaltung nur noch der Strategie geschuldet, der Stadt dabei zu helfen, den Schaden abzuwenden. Denn es war die letzte Möglichkeit für die städtischen Behörden, einen Weg aus der zugesagten Vermietung zu finden. Ich wollte nicht Appelle, sondern ganz konkret die Partei aus dem Haus haben. Diesen Weg hätte ich selber torpediert, wenn ich direkt lautstark öffentlich Protest geäußert hätte. Denn das wäre doch für die Gegenseite eine regelrechte Einladung geworden. Deshalb hatte ich mir bis heute Morgen die Frist gegeben abzuwarten, zu welcher Lösung die Stadt kommt. Denn Schaden ist ja ohnehin schon entstanden. Ich kann nur noch mal sagen: Wenn diese Veranstaltung im Ruhrfestspielhaus durchgeführt wird, ist das ein empörender Vorgang. Deshalb werde ich mich natürlich auch an der vom DGB angemeldeten Mahnwache beteiligen – unter Einhaltung aller Corona-Schutzregeln.

 

Mehr dazu: Keine AfD im Festspielhaus. Meldung vom 23. Januar 2021

 
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