Geisterstunden der Vergessenen

von Esther Boldt

Frankfurt am Main | Online, 23. Januar 2021. "Ehrlich gesagt: Das Theater, das ich vermisse, gibt es nicht. Ich geistere seit Jahrhunderten durch die Hochkultur und suche es." Ein Spot sucht den schwarzen Bühnenboden ab, seine Kratzer, Spuren. Wandert durch den leeren Raum, die verlassene Tribüne empor. Die schwarzen Stuhlreihen entlang. Das Theater als Ort der Zusammenkunft liegt verwaist: Das Gebot ist Abstand. Das Publikum zu Hause.

Doch bevor die Sehnsucht nach diesem verlassenen Ort wachsen kann, weist die freundlich-klare Frauenstimme in meinem Ohr mich darauf hin, dass er dies nie war: ein gemeinsamer Ort. Dass es stets sehr viele Menschen gab, die er nicht meinte. Die hier nicht anwesend waren. Die Geister der Nichtgehörten, Nichtgesehenen und Vergessenen spuken nun im Künstlerhaus Mousonturm, vom Künstlerinnenkollektiv Swoosh Lieu gerufen. Eine von drei Uraufführungen Frankfurter Künstlerinnen, die innerhalb von einer Woche auf der digitalen Bühne des Frankfurter Künstlerhauses zu sehen waren.

Wütende Tennisspielerinnen bei Hanna Steinmair

"A Room of Our Own – Vorstellung für Browser:in und variables Publikum" von Swoosh Lieu, "RAGE. A Tennis Western" von Hanna Steinmair und "Ich trinke mein Glas leer und träum, dass es schön wär'. Ein Chor vermisst Dich" von Susanne Zaun und Marion Schneider. Ihren Umzug auf die virtuelle Bühne vertragen die Produktionen unterschiedlich gut, das Vermissen bleibt aber ein zuverlässiger Begleiter. Beispielsweise in "RAGE. A Tennis Western", in dem die fulminanten Performerinnen Maria Sendlhofer und Joana Tischkau in weißen Tennisröckchen Gesten der Wut zelebrieren – inspiriert u.a. von der Tennisspielerin Serena Williams, bekannt für ihre Zornesausbrüche auf dem Platz.

IchTrinkeMeinGlasLeer 560 Charlotte Bosling uBissig im Geschlechterkampf: Maria Sendlhofer und Joana Tischkau spielen in "Rage" von Hanna Steinmair © Charlotte Bösling uSendlhofer und Tischkau zertrümmern also Tennisschläger und zerreißen das Tennisnetz, sie schreien, schlagen mit der Faust auf den Boden und recken Mittelfinger in die Kamera. Sie erinnern aber durchaus auch daran, dass diese emotionalen Ausbrüche bei Frauen gesellschaftlich anders rezipiert werden als bei Männern, nicht als Zeichen von Charakterstärke nämlich, sondern von Zickigkeit. Und so machen sie sich auf zu den Herren des wilden Westens, und persiflieren mit Tennisschläger-Westerngitarre angry white men à la Harvey Weinstein und Brett Kavanaugh. Leider sind die Kernpunkte der Inszenierung rasch verstanden. Und die physische Wucht der choreografierten Wut ebenso wie des Country-Gesangs, die eine andere Ebene eröffnen könnte, geht am Bildschirm schlicht verloren.

Ein Emanzipations-Parcours bei Swoosh Lieu

Und dann gleitet die Kamera über durch die öde Black Box. Ein Sehnsuchtsort, bei all seiner Schlichtheit, Höhlenhaftigkeit. Zärtlich ihre Nacktheit abtastend, rücksichtsvoll ihre Geheimnisse belassend. Swoosh Lieu haben aus ihrer Uraufführung einen 35minütigen Film gemacht, der an viele Motive aus den vorangegangen Arbeiten des Kollektivs anknüpft. Als virtuose Technikerinnen gelingt ihnen der Transfer von der Bühne zum Film elegant, das Beleben des Unbelebten spielerisch.

ARoomOfOurOwn1 600 Swoosh Lieu uAktivistische Gedenkkultur: Das feministische Kollektiv Swoosh Lieu überklebt in "A Room of Our Own" Straßennamen in Frankfurts Innenstadt © Swoosh Lieu

Ihre Kamerareise durchs Theater mit Audio-Kommentar aus dem Off wird ergänzt durch Aktivismus im Stadtraum: Da ziehen Frauen in Overalls los, um die Namen von U-Bahn-Stationen in Frauennamen umzuwandeln, und installieren mit Plakaten von u.a. Virginia Woolf neue Vorbilder im Stadtraum. Und sie fragen danach, welche Räume Emanzipation und Selbstverwirklichung heute braucht. Taugt die Black Box mit ihrem historischen Ballast noch für unsere Vorstellungen von morgen? Essayhaft macht der Film sich in eine Zukunft auf, die von gesellschaftlichen Zuschreibungen befreit ist. Denn bei aller Sehnsucht nach dem geteilten Raum, den die Bühne darstellt, machen die Künstlerinnen auch sehr klar, dass für sie nach der Pandemie nicht vor der Pandemie sein kann: "We don't want to go back to normal. Because normal was the problem."

Party mit Sicherheitsabstand bei Zaun/Schneider

Und dann ist da "Ich trinke mein Glas leer und träum, dass es schön wär'. Ein Chor vermisst Dich" von Susanne Zaun und Marion Schneider. Auch die beiden Regisseurinnen und ihre sechs Choreutinnen, die eine jahrelange Zusammenarbeit verbindet, tauchen ab im verwaisten Mousonturm – um hier eine Party zu feiern. Mit Sicherheitsabstand. Und jede für sich. Die Zuschauerin kann sich dabei virtuell durch vier Räume bewegen.

Nach einer ausführlichen Begrüßung durch Katharina Speckmann, die sich immer wieder vorstellt – bei Vereinen und Restaurants, bei flüchtigen Bekanntschaften, Kolleg*innen und Hotlines – erwartet uns an der Bar Katharina Runte. Sie mixt ein Getränk namens Yellow Loneliness und telefoniert dabei mit Asja Mahgoub. Maghoub wiederum sitzt in der Garderobe und bereitet sudanischen Tomatensalat zu. Beide tauschen Erinnerungen an Feste und Feiern aus, an Kindergeburtstage und Abibälle, flüchtige Bekanntschaften und hohe Schuhe.

IchTrinkeMeinGlasLeer 560 Charlotte Bosling u"Ich geb mir selbst ne Party" lautet das Motto bei Susanne Zaun und Marion Schneider © Charlotte Bösling

Währenddessen erinnert sich Isabelle Zinsmaier auf der Bühne an fast alle Menschen, die sie in ihrem Leben getroffen hat. Rattert ihre Namen herunter, bis eine unsichtbare Hand einen Löffel gegen ein Glas stößt und sie dann eine Erinnerung an diejenige Person preisgibt, deren Namen sie gerade nannte.

Auf der Studiobühne lädt derweil Ekaterine Giorgadze zum Fest. Sie erwartet uns an einer Feststafel, mit roten Luftballons und roter Pinata, einer Karaffe Rotwein auf dem Tisch und einer Torte Schwarzwälder Kirsch. Giorgadze führt uns in die Feinheiten georgischer Gastgeberschaft ein, während sie die Luftballons zum Platzen bringt, die Pinata mit einem Baseballschläger attackiert und schließlich ihr Gesicht in die Torte taucht. Nach ihr kommt Judith Altmeyer herein, die zu Keyboardgedudel aus dem Off grandios trocken "Ich geb mir selbst ne Party" von Howard Carpendale zum Besten gibt.

Die Feste unseres Lebens

Viel mehr, viel anderes geschieht in den nächsten drei Stunden nicht. Giorgadze führt wieder und wieder in die Regeln der Gastgeberschaft ein. Altmeyer singt Carpendale, in wechselnden Kostümen und mit ungebrochener Haltung. Zinsmaier klappert Lebensstationen und Bekanntschaften ab. Und Runte und Maghoub erinnern sich an die Feste ihres Lebens.

Erstaunlicherweise gelingt es: zugleich eine – sehr leise! – Partyatmosphäre zu erschaffen, die Erinnerung an diesen schlendernden Rhythmus zu wecken, an aufgeschnappte Gespräche und Getränke, an Aufregung und Langeweile, Entzücken und Einsamkeit. Und dabei die ganze Verlassenheit aufklappen zu lassen, vor dem Bildschirm, in Nicht-Teilhaberinnenschaft. Dagegen hilft nur: Sich mit Mitbewohner*innen verbünden, es den Choreutinnen in Sachen Trinken, Erinnern und Erzählen vor dem Bildschirm gleich zu tun – und sich selbst ne Party zu geben.
 

Rage | A Room of Our Own | Ich trinke mein Glas leer
Drei neue Theaterstücke von Künstlerinnen des Mousonturm Frankfurt

RAGE. A Tennis Western

von Hanna Steinmair
Konzept & Inszenierung: Hanna Steinmair. Performance und künstlerische Mitarbeit: Julia Novacek, Maria Sendlhofer, Joana Tischkau. Video & Teaser: Julia Novacek. Dramaturgie: Christopher Weickenmeier. Musikalische Setzung Songs & Gesangscoach: Jan Gehmlich. Produktionsberatung: Lisa Gehring & Carmen Salinas.
Dauer: 1 Stunde, keine Pause

A Room of Our Own – Vorstellung für Browser:in und variables Publikum
von Swoosh Lieu
Konzept, Ausstattung, Licht: Johanna Castell. Konzept, Komposition, Sounddesign, Text: Katharina Pelosi. Konzept, Schnitt, Kamera Labor, Text: Rosa Wernecke. Assistenz und dramaturgische Mitarbeit : Verena Katz. Ausstattungsassistenz: Katharina Olt. Technische Mitarbeit: Jones Seitz, Stine Hertel. Kamera: Marie Zahir
Sprecherin: Birte Schnöink. Schauspielerin Labor: Mariana Senne.
Dauer: 35 Minuten, keine Pause

Ich trinke mein Glas leer und träum, dass es schön wär'. Ein Chor vermisst Dich
von Susanne Zaun/Marion Schneider
Konzept und Inszenierung: Marion Schneider und Susanne Zaun. Musik: Jacob Bussmann. Video: Charlotte Bösling. Webgestaltung: Pablo Lapettina. Dramaturgische Mitarbeit: Philipp Schulte. Ausstattung, Technische Einrichtung und Assistenz: Maren Küpper. Produktion: Martin Bien.
Performance: Judith Altmeyer, Ekaterine Giorgadze, Asja Mahgoub, Katharina Runte, Katharina Speckmann, Isabelle Zinsmaier.
Premiere am 23. Januar 2021
Dauer: 3 Stunden 20 Minuten, keine Pause

www.mousonturm.de


Mehr von den beteiligten Künstlerinnen und Kollektiven:

Die Mutter aller Fragen oder 25 Rollen, die eine Frau niemals spielen sollte von Susanne Zaun/Marion Schneider am Schlosstheater Moers (10/2019)

Es ist doch eine schöne Sache, über Kanzlerkandidaten zu reden und dabei Blutwurst zu essen von Susanne Zaun/Marion Schneider am Theater Marburg (2/2019)

Who moves?! von Swoosh Lieu am Frankfurt Lab (12/2017)

 

Kritikenrundschau

"Was wir vermissen, die Begegnungen, das Leichtherzige, den Glitzer, wird im ganzen Mousonturm zu einer Partyzone. In der sechs Performerinnen in vier Räumen allein vor sich hin reden, schnippeln, trinken, trauern – für uns", schreibt Eva Maria Magl in der FAZ (25.1.2021) über "Ich trink mein Glas leer ...". Es sei konsequent, dass die Party-Show nur einmal stattgefunden habe: "Partys kann man schließlich nicht wiederholen. Theater, im Grunde, ja auch nicht", so Magel. "Was man aber wiederholen kann: die Erinnerungs- und Diskursmethoden, auf denen die Performance beruht. Wie Runte und Mahgoub in endlosen Telefongesprächen vom Hölzchen aufs Stöckchen kommen, Erinnerungsspiele an Partys von einst mit dem Alphabet-Stop spielen. (…) Und während sie versucht, sich an alle zu erinnern, die sie dort traf, fällt uns auch wieder allerhand ein, auf das wir anstoßen könnten."

"A Room of Our Own ..." von Swoosh Lieu zeuge "filmisch von der Pandemie-Misere unserer Präsenzkünste", schreibt Marcus Hladek in der FR (25.1.2021). Die Arbeit spitze die Lage der Künstlerin ohne Raum "in einer Art Meditation zur Grundsatzfrage nach Räumen und Mitteln für Frauen, Männer und Non-Binäre" zu, so Hladek: Die Künstler*innen wollten "die Befreiungsmaschine Theater bei Gelegenheit von Covid-19 lieber umbauen, für utopische Welten des Neuen".

 
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