Nachhaltigkeit und digitale Öffnung

24. Januar 2021. Der Direktor der öffentlich-rechtlichen Kultur-Stiftung Pro Helvetia Philippe Bischof umreißt in einem Gastkommentar fürs Tagblatt (23.1.2021) die Grundzüge der kommenden Schweizer Förderpolitik. In fünf Punkten zieht er Schlussfolgerungen aus der Notlage von Künstler*innen und aus weiteren Tendenzen der Kultur in Pandemiezeiten.

1. Bessere soziale Absicherung der kulturellen und kreativen Berufe

Die Prekarisierung der freischaffenden Künstler*innen habe gezeigt, dass es abgesehen von "angemessenen Honoraren" dringlicher "denn je" sei, "die Besonderheiten dieser Berufsgattungen endlich im Sozialsystem abzubilden und ihnen einen Anspruch auf Arbeitslosenversicherung zu sichern."

2. Nachhaltige Prozesse statt kurzlebige Produkte fördern

"Die gegenwärtige Krise zeigt klar, in welchem Masse der Kultursektor ein Output-orientiertes System ist, das international eine wachsende Produktionsdichte bei abnehmender Präsentationsdauer fördert: Heute ist ein Werk hier, morgen dort, und übermorgen wird es durch ein neues ersetzt", schreibt Bischof und fordert eine stärkere Orientierung auf nachhaltige Prozesse, die aber nicht in "Provinzialisierung" münden solle, "denn gerade mit bewusster lokaler Verankerung muss es weiterhin darum gehen, einen internationalen Austausch zu pflegen: Kunst und Kultur entstehen aus dem Dialog mit anderen Realitäten".

3. Raum schaffen für Transdisziplinarität und neue Sprachen

Durch neue soziale Medien wie TikTok sei das "Verhältnis zum Publikum, auch der Einbezug von und die Interaktivität mit neuen Publika" zur wichtigen Heraus Herausforderung geworden, schreibt Bischof und regt mehr transdisziplinäre Arbeit, die zu "hybriden Produktionsformen und Prozessen" führe, an.

4. Das Publikum findet Kultur nicht nur dort, wo die Kultur ihr Publikum sucht

In der Pandemie sei ein ungebrochen großer "Appetit nach Kultur" zu verzeichnen gewesen, wenngleich gepaart mit einem "Rückgang bei traditionellen Medienangeboten". Man müsse auch angesichts der Triumphs des Plattformkapitalismus à la amazon, Netflix, YouTube etc. daran arbeiten, "die Verteilverhältnisse zu verändern", schreibt Bischof. "Eine zentrale Aufgabe künftiger Kultur- und Institutionenpolitik könnte sein, alternative, selbstorganisierte Plattformen zu ermöglichen, auf denen die Mittel- und Informationsverteilung, die Produktion und Distribution eigenständig und produzentenfreundlich organisiert wird."

5. Die Grenze des Digitalen beginnt bei der Realität des Körpers

"Das Bedürfnis nach physischem Zusammenkommen, das Verlangen nach körperlicher Begegnung wird die zentrale Realität des Kultursektors bleiben, denn der Sinn von gelebter Kultur ist direkte Interaktion", schreibt Bischof und wünscht sich "ergänzende oder hybride Formate" als Erweiterung der Kultur ins Netz.

(tagblatt.ch / chr)

 
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