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Homunkulus' schöne neue Welt

von Falk Schreiber

Freiburg / Online, 10. Februar 2021. Faust ist ein Wanderer. In "Der Tragödie zweitem Teil" wandert der Held durch Romantik und Klassik, durch deutschen Wald und griechisches Gebirge, durch Mittelalter und Moderne, durch Antike und Gegenwart. Bei Krzysztof Garbaczewski wandert Thieß Brammers Faust durch das Theater Freiburg: durch den leeren Saal, durch Pfützen auf der Bühne, schließlich über eine höhlenartig dunkle Hinterbühne und durch schmucklose Verbindungsgänge. Um irgendwann im virtuellen Raum zu landen, den man auch in Südbaden als pandemiesicheren Rückzugsort fürs Theater erkannt hat.

Realität vs. Virtuelle Realität

Bis heute wird "Faust II" verhältnismäßig selten inszeniert: Zu voll mit Verweisen ist Goethes Spätwerk, als dass sich hier eine eindeutige szenische Form anbieten würde, mehr ausufernder Traum als echtes Drama. Der polnische Regisseur Garbaczewski versucht in Freiburg erst gar nicht, den Stoff in all seinen Verästelungen zu erfassen, sondern inszeniert vor allem den Raum, in dem Faust sich bewegt. Und zwar als Raum, der ständig zwischen digital und analog verschwimmt. Die Bühne zitiert die eigenartigen geometrischen Formen virtueller Räume, an der Seite lehnt eine technische Struktur, von der Decke hängen Stalaktiten, die Figuren bewegen sich auf Podesten. Und parallel dazu springt die Handlung immer wieder tatsächlich in die Virtualität, in der Avatare die Darsteller doppeln.

FaustII3 600 Britt Schilling uJanna Horstmann als Faustsches Fingerwesen © Britt Schilling

Ausstatterin Aleksandra Wasilkowska hat für die virtuellen Räume die Realität nachgebaut, während die Realität die Raumelemente des Virtuellen kopiert. Außerdem tauchen Figuren aus der VR immer wieder auch (als einfach, aber wirkungsvoll animierte Tricksequenzen) auf der Bühne auf, während die Darsteller*innen mittels VR-Brillen den Übergang auf die andere Seite vollziehen. Und mit ihnen Teile des Publikums: Die Inszenierung funktioniert grundsätzlich als Livestream – wer die notwendige Ausrüstung besitzt, kann sich zusätzlich auch selbst in die virtuellen Räume einklinken (der Autor dieser Nachtkritik beschränkte sich allerdings aufs Zuschauen).

Künstlicher Mensch, künstliche Welt

Viel vom Stoffreichtum aus Goethes Vorlage geht verloren: Weder findet die Inszenierung einen echten Zugang zu den Figuren (der freilich auch im Text kaum fassbar ist), noch interessieren sie die inhaltlichen Bezüge, die kulturgeschichtliche Interpretation, die eine klassische Ästhetik aus einer Rückbesinnung auf die Antike erklärt, oder die überraschende, aber stimmige Kapitalismuskritik, die dem Stoff eingeschrieben ist. Wenn eine Szene mal ausgespielt wird, dann als Witz: Der Tod des Euphorion etwa zeigt Faust und Helena (Janna Horstmann) als aufgescheuchte Spießereltern, die ihrem ins Unheil entschwindenden Sohn hektisch "Mäßig! Mäßig! Nicht zu verwegen" hinterhergackern.

FaustII 600 Britt Schilling uVictor Calero mit VR Brille zwischen den Realitäten; im Hintergrund: Thieß Brammer und  Janna Horstmann © Britt Schilling

Wichtig ist für Garbaczewski allerdings eine Passage im zweiten Akt: die Erschaffung des Homunkulus (Laura Friedmann). Und hier ergibt auch die Grenzverwischung zwischen digitaler und analoger Welt noch einmal mehr Sinn – im Drama wird ein künstlicher Mensch geschaffen, und Garbaczewski erschafft im Zusammenspiel mit Ausstattung, Virtual Reality Design (das die mit dem Regisseur eng verbundene Gruppe dream adoption society gestaltet) und Film eine künstliche Welt.

Wie ausgefeilt diese Welt gezeichnet wird, versteht man, wenn man gar nicht mal so weit zurückgeht: Vor 13 Jahren inszenierte Roger Vontobel im Malersaal des Hamburger Schauspielhauses Ibsens "Die Helden auf Helgeland" als Spiel mit der damals extrem angesagten VR-Welt Second Life. Auf den ersten Blick sieht die virtuelle Realität bei Garbaczewski gar nicht so wahnsinnig anders aus – die Haut der Figuren ist weiterhin eigentümlich glatt, die Bewegungen sind fließend, es fehlen Rauheit, Affekte, Aggressionen.

Immaterielle Puppen

Neu ist hier aber, dass die virtuelle Realität gar nicht mehr versucht, nur die bessere Version des Alltags zu sein. Wenn die Darsteller*innen im Freiburger Datendunkel ihren Avataren begegnen, dann behaupten sie nicht ein mehr oder weniger originelles Spiel miteinander. Vielmehr treffen sich da zwei unterschiedliche Spezies, die noch nicht so recht wissen, was sie voneinander zu halten haben, denen aber klar ist: Wir werden einander nicht mehr los.

Jenseits von allem technischen Brimborium, jenseits der szenischen Schauwerte, der aufwendigen Bühnenbauten und der originellen Kostüme (das Fingerkleid, in dem Horstmann wie eine riesige Bananenstaude durch die Szene wankt!) entpuppt sich Garbaczewskis "Faust II" also irgendwann als digitales Puppentheater, bei dem die Puppen durch virtuelle Figuren ersetzt wurden. Was sie nicht weniger unheimlich macht, weil man nie so genau weiß, was die eigentlich gerade wollen. Böses? Einmal ist man irritiert: Hatte der Avatar gerade einen Texthänger? Und wenn dieser Hänger programmiert war: warum? "Ich schwebe so von Stell' zu Stelle / Und möchte gern im besten Sinn entstehn", beschreibt Homunkulus seine Motivation, und im Grunde ist das das Leitmotiv dieser so unterhaltsamen wie beunruhigenden Inszenierung: Es geht darum, etwas entstehen zu lassen, bei dem man längst nicht weiß, was daraus wird.

 

Faust II
von Johann Wolfgang von Goethe
Regie: Krzysztof Garbaczewski, Bühne, Kostüme und Licht: Aleksandra Wasilkowska, Musik: Jan Duszynski, VR-Design: dream adoption society, Dramaturgie: Laura Ellersdorfer, Tamina Theiß.
Mit: Thieß Brammer, Victor Calero, Laura Friedmann, Janna Horstmann, Stefanie Mrachacz.
Premiere am 10. Februar 2021
Dauer: 1 Stunde 50 Minuten, keine Pause

http://theater.freiburg.de

 

Kritikenrundschau

Ein "Theaterbastard von seltsamer Schönheit" sei dieser Faust II, schreibt Christine Dössel in der Süddeutschen Zeitung (17.2.2021). "Binnen eines Pandemiejahres ist da sehr viel passiert", findet die Autorin – und bezieht sich vor allem auf den Mut der Theater, neue Technologien und Bildsprachen auszuloten. In dem Kontext sei auch diese Arbeit zu sehen. Das Werk selbst eigne sich wunderbar für eine VR-Inszenierung, schließlich biete es mit seinem märchenhaft-mystischen Personal das Eintauchen in andere Welten an. "Begegnungen der dritten Art" macht die Rezensentin hinsichtlich Goethes Figuren da aus, ein "High-Brow-Computerspiel" und "eine neonbunte Science-Fiction-Welt" erlebt sie. Verstehen würde man das Stück eh nicht, daher sei Garbaczewskis Ansatz, es wie eine Landschaft durchschreiten zu lassen, passend. Zwar nehme das tranceartige Sprechen der Schauspieler*innen dem Erlebnis viel Dynamik. Die Kritikerin endet aber versöhnlich: Als "aufregendes Experiment" sei die Inszenierung noch ausbaufähig und als virtuelles Puppenspiel schon fast wieder werkgetreu.

"Unaufführbar" sei das Drama eigentlich, schreibt Bettina Schulte in der Badischen Zeitung (11.2.2021 | hinter Paywall) und kürt Garbaczewskis zum "Mann der Stunde". "Um ein Drama mit Figuren, die miteinander in Dialog treten, geht es bei Krzysztof Garbaczewskis Beschäftigung mit dem Stoff am allerwenigsten." Worum also dann? Einen "psychedelischen Trip" sieht die Rezensentin voller filmisch-dramatischer Sounds, mit denen Goethes Blankverse eher als zarte Melodie konkurrierten. Dem Regisseur sei es wohl um eine inhaltliche Auseinandersetzung mit diesem Faust II gegangen. Avatare, die mit den Stimmen der Schauspieler*inne sprechen, passten gut zum Motiv der Erschaffung eines künstlichen Menschen. Fazit der Rezensentin: Ein "Rausch an Bildern und Geräuschen", sei diese Inszenierung, die nicht immer gelinge und teilweise bemüht wirke. Trotzdem: Auch diese Kritikerin lobt den Mut zum Experiment in Zeiten, "in denen mehr denn je mit anderen Wirklichkeiten als der materiell gegebenen experimentiert wird."