Überwältigungsästhetik im Breitwandformat

von Esther Slevogt

Berlin, 19. Mai 2007. Die Szene ist klein aber entscheidend. Im vierten Akt von "Die Piccolomini", Teil zwei von Peter Steins elfstündigem Schiller-Marathon "Wallenstein", steht ein Kellermeister während eines opulenten Banketts am Buffet. Er sieht ein bisschen wie Franz Hals' "Fröhlicher Trinker" aus.

Auch die Szenerie rundum ist alten Gemälden nachempfunden: lange Tische, an denen sich kunstvoll beleuchtete Schauspieler in opulenten Kostümen gruppieren. Wallensteins Feldherren wollen gerade ein Komplott begiessen, von dem sie sich Macht und vor allem eine kriegsentscheidende Wende erhoffen. Sechzehn Jahre dauert dieser europäische Religionskrieg nun schon, vierzehn wird er noch dauern und am Ende die alte Welt neu strukturieren.

Deutschlandfantasie für japanische Touristen

Für den Umtrunk verlangen die Herren jetzt einen kostbaren Goldpokal, der aus der Kriegsbeute nach der Eroberung des böhmischen Prag durch die kaiserlichen, also katholischen Truppen stammt. Und während der Adjutant von Wallensteins Feldherrn Terzky den Becher holt, entspinnt sich zwischen ihm und dem Kellermeister ein Gespräch. Denn auf diesem Goldbecher sind Szenen abgebildet, die auf den Beginn des Dreissigjährigen Krieges verweisen, Szenen vom Prager Fenstersturz, der auf seine Art der 11. September dieser Epoche war.

Und so sinniert der Kellermeister (Martin Seifert) nun über vergangene Zeiten, als es noch Friede und Religionsfreiheit gab. Glorifiziert die alte Ordnung, die gerade im Zerfall begriffen ist. Er hält den Becher in die Höhe, ein blechernes Stück Theaterdekoration, während das kostbar ausgeleuchtete altdeutsche Renaissancetableau hinter ihm zunehmend wirkt, als hätten Kostümbildnerin Moidele Bickel und Bühnenbildner Ferdinand Wögerbauer hier eine Deutschlandfantasie für japanische Touristen arrangiert, und der burleske Kellermeister, der gerade noch einmal die Anatomie des verheerenden Konflikts seziert, passend dazu wie eine Darstellung auf einem Zinnteller in der Andenkenabteilung eines Warenhauses wirkt.

Einerseits Kunstschnee, andererseits Strukturalismus

Und damit befindet man sich schon mitten im Dilemma dieses langen und anstrengenden, manchmal leichtfüßig die Gipfel der Schauspielkunst erklimmenden, am Ende aber allzu oft in altmeisterliches Gehabe oder angestrengtes Kunstgewerbe abstürzenden Abends. Peter Stein will einen neuen Realismus erfinden und trumpft mit einem fein ziselierten Naturalismus auf, der sogar Kunstschnee in Wallensteins Lager drapiert, durch den Kinder tollen und Militärkapellen marschieren. Gleichzeitig verschachtelt er, fast strukturalistisch, verschiedene Darstellungsebenenen: Den Prager Fenstersturz auf dem Becher, Schillers Blick auf den Dreissigjährigen Krieg sowie die eigene, Steins, Sicht auf Schiller und dessen Aktualität für unsere Welt, die wieder in einem Epochenwechsel begriffen ist.

In dieser Lesart, die die persönliche Dynamik allen politischen Handelns zeigt, die private Dramatik jeder geschichtlichen Aktion, zerfallen holzschnitthafte, medial inszenierte Feindbilder von heute. Trotzdem scheitert dieser Versuch, Schiller zu aktualisieren, in dem man ihn erst mal ganz wörtlich nimmt, an der Altväterlichkeit des ästhetischen Zugriffs.

Dabei wirkt sich auch die großspurige Überwältigungsästhetik dieser Veranstaltung kontraproduktiv aus. Angefangen mit der überheblichen Geste, mit der Peter Stein alle paar Jahre aus seinem Theaterolymp herabsteigt und die Oberlehrerkeule gegen das gesamte zeitgenössische Theater schwingt. Dabei wirkt er inzwischen peinlicher und patriarchaler als sämtliche Theaterväter, die er einmal selbst bekämpfte. Diesmal hat er sich in die Obhut von Claus Peymanns Berliner Ensemble begeben, der immer wieder gerne als Patron missverstandener Altmeister und verstossener Regiegenies auftritt. In Neukölln wurde eine Halle auf dem Gelände der ehemaligen Kindl-Brauerei bezogen – und fortan das gut gesponserte Event PR-mäßig betrommelt. So etwas wirkt sich zwar meist positiv auf Besucherzahlen aber negativ auf den Avantagardenimbus aus.

Mühsam – aber letztlich lohnend!

Und so saß man am Anfang eher irritiert vor der 40 Meter langen Breitwandbühne und rang angesichts von so viel detailversessener Mühe um Werktreue mit mancher Geschmacksverirrung. Etwa einem Stillleben aus Tisch, pittoresk darauf drapiertem Teppich und einer Klampfe, zu der am Ende der Szene von Thekla (Friederike Becht) tatsächlich gegriffen wird! Kann man so heute überhaupt noch Theater spielen?

Ja, man kann! Allerdings stellt sich diese Erkenntnis erst nach vielen leidvoll durchlittenen Stunden ein. Denn was Stein rettet, ist, dass er immer noch ein hervorragender Schauspielregisseur ist. Es gibt kaum jemandem neben ihm, der jedes einzelne Wort so zu erhellen versteht, dem es gelingt, dass sich selbst ein Knittelvers wie ein empfundener, wirklich gemeinter Satz anhört. Und Stein hat ein hervorragendes Ensemble. Alles voran, ja – Klaus Maria Brandauer im Fat-Suit und Ledermantel: ein alter Star, der seine Ideale verraten hat. Niemals dröhnend, von existenzieller Wucht und fast selbstquälerischem Zweifel bietet er eine großartige Studie eines Machtmenschen, der im entscheidenden Moment das Falsche tut.

Großartig flankiert wird er von Rainer Philippi als Feldmarschall Illo und Daniel Friedrich als Graf Terzky. Eine Entdeckung auch der junge Alexander Fehling als Max Piccolomini, der direkt von der Schauspielschule kommt und mit Emphase das alte Fach des jugendlichen Helden neu erfunden hat. Oder der messerscharfe Peter Fitz als Piccolomini senior, Jürgen Holtz als Buttler, Roman Kaminski in verschiedenen Nebenrollen, Elisabeth Rath als Gräfin Terzky – man hätte sich gewünscht, sich nicht erst so mühevoll durch Steins Ambitionen durcharbeiten zu müssen.

 

Wallensteins Lager, Der Piccolomini, Wallensteins Tod
von Friedrich Schiller
Inszenierung: Peter Stein, Bühne: Ferdinand Wörgerbauer, Kostüme: Moidele Bickel.
Mit: Klaus Maria Brandauer, Martin Seifert, Rainer Philippi, Daniel Friedrich, Jürgen Holtz, Roman Kaminski, Peter Fitz, Alexander Fehling, Elisabeth Rath, Friedericke Becht.

www.berliner-ensemble.de

 

Kritikenrundschau

Rüdiger Schaper umspielt im Berliner Tagesspiegel (21.5.2007) zugleich den Steinschen "Wallenstein" wie die Aufführungen des Theatertreffens. Er findet es merkwürdig, dass er nach zwei Wochen Theatermarathon und hintendrauf noch zehn Stunden Schiller – "Es ist nicht das Schlechteste, was man von einer Aufführung sagen kann: Dass sie das eingetaktete Alltagszeitempfinden durcheinanderwirft" – immer noch nicht genug hat: "Paradox dieses Schauspiels: ´Wallenstein´ macht Hunger auf Theater." Weil Stein partout nichts (bis auf 10 Prozent des Textes) streichen wollte, bringt das Herrn Schaper zuerst auf die Idee von "Beton" und dann auf den "bizarren Gedanken" es gehe bei Peter Stein zu wie "in einer Inszenierung von Frank Castorf, der bei seinen Fünfstündern nie zum Schluss kommt." Aber wie dem auch sei, Stein habe "etwas hingestellt. Jetzt müssen welche kommen, die Schiller, was immer, ebenso groß und erschöpfend einreißen. Vielleicht wird Neukölln ein Neubeginn."

Ulrich Seidler erzählt in der Berliner Zeitung (21.5.2007), dass Peter Stein seine Arbeit als "Verräumlichen" der Dramen bezeichne, womit er "seinen Beitrag als Inszenator – wahrscheinlich ohne zu kokettieren – auf einen bescheidenen, fast selbstverleugnenden Begriff" bringe. Steins "immense kulturelle Leistung besteht darin, diese Texte mit allem, was ihm an Handwerk und Wissen zur Verfügung steht, verständlich zu machen." Seidler findet, das "sind respektable Dienstleistungen an uns und unserem kulturellen Erbe." Ungeahnten Humor habe der "Schauspielvirtuose" Klaus Maria Brandauer. "Den großen Zweifelmonolog  beginnt er mit auf der Tischplatte liegendem Kopf, sodann schraubt er sich aus dem Stuhl an die Rampe, kommt mit dem Rücken zum Publikum zum Stehen, um sich dann effektvoll eindrehen zu können … Die Stimme jagt er durch alle Register vom zerquetschten Entrüstungsräusperle bis zum hallenfüllenden Brustton der Empörung. Das ist große lustvolle Schauspielkunst-Vorzeigekunst, legitimiert durch einen selbstironischen Schalk …"

In der Süddeutschen Zeitung (21.5.2007) schreibt Christopher Schmidt: "Schiller zeigt einen Sturz in Zeitlupe, Regisseur Peter Stein in der Einzelbildbetrachtung, tableaus vivants." Ein Wechselbalg sei diese Inszenierung geworden, "der die schlimmsten und die schönsten Erwartungen erfüllt." Zum Schauspielvirtuosen Brandauer fällt Herrn Schmidt folgendes ein: "In ihm, der oft gebraucht wird, aber selten gefordert, tickt ja künstlerisch etwas. Was würde passieren, wenn er auf einen Regisseur trifft, von dem er sich auch etwas sagen lässt? ... Brandauer packt die Gelegenheit und seine Figur am Schopf und ist sofort das Kraftzentrum des Stücks …" Er ziehe alle auf seine Höhe, oder doch "jedenfalls die, die ihm folgen können." Wie etwa die Kollegin Elisabeth Rath als Gräfin Terzky, mit der Brandauer "die Geschichte einer ungelebten Ehe" nebenbei mitlaufen ließe, oder "Buttler, der von Jürgen Holtz großartig gespielte Sauertopf, der abgeschobene Alte, aus dem verschmähte Liebe einen eiskalten Racheengel macht." Der Kopf-Spieler Peter Stein, fasst Herr Schmidt zusammen, und der oft in seinem eigenen Saft schwimmende Bauch-Spieler Brandauer: "zusammen haben sie sich triumphal einen Körper gebaut: 'Wallenstein'."

Auch Peter Michalzik lobt in der Frankfurter Rundschau (21.5.2007) das Spiel der Protagonisten, aber er differenziert: "Elisabeth Rath spielt die Terzky-Szene in Berlin als Bravourstück, wohlgesetzt und ausgefeilt, durchaus überzeugend, aber sie spielt sie auch so, wie wenn die Terzky in dem Moment, als sie den Raum betritt, sich schon genau überlegt hätte, was zu sagen ist. ... nichts von der allmählichen Verfertigung der Gedanken beim Reden. ... So ist diese Aufführung texttreu und textfern zugleich, sie stellt den Text aus, sie horcht aber nicht in ihn hinein." Brandauers Figur, ein "barocker Lustmensch", lebe aus "Brandauers unverkennbarem Witz und seiner Wucht, keck wie dröhnend." Aber "wo der Mann von den Schicksalsschlägen getroffen wird, da erschöpft sich sein knieendes, erregt auf und ab gehendes Gestenrepertoire, sein herausgeschleudertes Spiel." Das eigentliche Problem liege jedoch woanders: "Diese Aufführung hat keinen Begriff von der Historie. Sie weicht der Frage aus, welche Vergangenheit hier eigentlich erzählt wird ... der Dreißigjährige Krieg mit seinen Kriegsherren, die Zeit des Aufstiegs Napoleons, das 19. Jahrhundert mit seinem vaterländischen Historismus, die jüngste Vergangenheit mit dem weltweiten Auftauchen von Warlords, die ihr Modell im Dreißigjährigen Krieg haben. Die Aufführung verhält sich aber naiv, was manchmal ins Altbackene umschlägt. Sie tut so, als könnte man Schillers Drama als Lochkamera nehmen, um direkt ins Jahr 1634 zu schauen."

Matthias Heine schreibt in der Welt (21.5.2007): "Nach zehn Stunden fühlt man sich trotz der vier Pausen doch erschöpft wie ein Fußsoldat nach einem Marsch. … Und trotzdem überwiegt das Gefühl des Glücks. Glück darüber, in einem reichen Land geboren zu sein, das sich solche Kunstanstrengungen leistet. Man muss aber nicht der Propaganda von Stein und seinen Aftersassen glauben, es sei unbedingt notwendig, sich zwischen dem ´Regietheater´ und solchen textfrommen Klassikergottesdiensten zu entscheiden. Der Reichtum von Deutschlands Bühnenlandschaft besteht darin, dass man beides haben kann: den jugendlich respektlosen Zugriff auf große Literatur und derartige Schiller-Messen."

Im Neuen Deutschland bezeichnet Hans-Dieter Schütt den Regisseur Peter Stein als einen, "der gigantisch bleiben möchte. Ein obsessiver Hierarch." Die Inszenierung sei eine "Kampfansage gegen die Schnellimbisse des Regietheaters"; das, was Stein mache, habe "etwas altbürgerlich Ehrenhaftes, aber zugleich bedient diese hochmütige Grazie des Zeitlosen auch das Zeitgemäßeste, was es überhaupt gibt im Kunstbetrieb: Es ist ein Event, dem etwas Behäbiges anhaftet." Stein inszeniere den Tschechow im Schiller "psychologisch genau, im Arrangement klar, sorgsam, logisch." Aber verglichen mit  Schleefs »Sportstück« in Wien, Percevals »Schlachten!« in Salzburg fehle es an Wucht, Dynamik und vor allem halte "sich Stein das Stück vom Leibe. Der berühmte Satz des schwedischen Gesandten, er habe keine Meinung, sondern ein Amt, trifft auch auf den Regisseur zu. Was das Ganze mit Heute zu tun haben könnte, wird nicht bedrängend gesucht, hineingelesen, herausgetrieben oder uns wild oder wütend oder weise oder warnend entgegengespielt...".

In der FAZ (21.5.2007) jubiliert ein ungewöhnlich begeisterter Gerhard Stadelmaier: "Der Dreißigjährige Krieg als die deutsche, jahrhundertelang nachwirkende Urerfahrung von Krieg überhaupt, ... findet hier nicht in den Bildern, nicht in den Einfällen einer Regie, er findet in den Herzen und Hirnen und Seelen von Einzelnen statt, von denen Peter Steins überwältigender Inszenierung keine zu klein sind, um sie nicht als gewaltig vorzuführen."
Die größte Leistung von Peter Stein "seit Jahren" bestehe darin, dass er den Schauspieler Brandauer dazu "verführt" habe, "von sich abzusehen". Brandauer spiele einen "Welt- und Kriegs- und Geschichtskerl. Ein relativ zeitloses Chef-Bündel - dem Untergang geweiht. Hinreißend und hingerissen. Wie im Rausch. Und eine Art absoluter theatralischer Novität. Denn der ältere Brandauer, den man bisher in allen Rollen immer nur als Brandauer, als Selbstspieler und Selbstgenießer gesehen hat, spielt hier zum ersten Mal, seit Kortner ihn als Lessings Prinzen in der "Emilia Galotti" (1969) ausbildete, etwas anderes als sich selbst, zum ersten Mal eine bedeutende, umwerfende Rolle, in die er sich nicht hineinwirft wie in eine Hängematte, sondern die er fast verzweifelt an sich reißt – um in ihr aufzugehen."

In der taz (21.5.2007) schließlich stellt Dirk Knipphals die Gretchenfrage: "Warum? Warum soll man Schauspieler dazu bringen, den ganzen Schiller-Text zu spielen? Warum soll sich das Publikum dem aussetzen?" Vielleicht, schlägt er vor, könne man sich "auf folgende Antwort einigen: Weil Peter Stein es kann. Weil es ihm über weite Strecken gelingt, das ganze Stück interessant umsetzen, nicht mehr und nicht weniger. Anstatt diese Inszenierung gegen andere Theateransätze auszuspielen, könnte man doch feststellen, dass Peter Stein damit die gegenwärtigen Möglichkeiten des Theaters erweitert. Es gelingt ihm, dieses alte Stück gerade auch in seiner Fremdheit zu belassen. Wie eine Textoper führt er es auf, mit Schillerarien und kämpferischen Duetten. Ein interessanter Ansatz unter vielen, mit Klassikern umzugehen."

Auch Jenny Hoch auf Spiegel online versagt Klaus Maria Brandauer nicht ihre Referenz: "Tatsächlich erweist sich der österreichische Großschauspieler... als hervorragende Besetzung für die Mammut-Rolle. Wenn er auftritt, nimmt er die riesige Bühne voll und ganz in Beschlag. Seine Präsenz... ist enorm. Ebenso wie seine Fähigkeit, mit seiner Stimme zu spielen, die Schillerschen Verse zu modulieren und deren Bedeutung zu transportieren, anstatt die Worte nur vor sich herzutragen, wie es an diesem Abend leider allzu oft zu beobachten ist." Insgesamt aber erinnert die Inszenierung Frau Hoch an ein Museum, "es befindet sich darin nur eine einzige Vitrine. Sie hat die Form eines enormen rechteckigen Guckkastens, und man kann dort echte Menschen in historischen Kostümen und Zottelperücken dabei beobachten, wie sie historische Vorfälle nachstellen, die schon zu der Zeit, als ein berühmter Dramatiker sie aufschrieb, ein alter Hut waren..."
"Es geht ... von vorne herein gar nicht darum, etwas Neues, künstlerisch Eigenständiges zu erschaffen. Nichts anderes als ... eine Reanimation ist letztlich ... dieser "Wallenstein". Dem Publikum scheint das zu gefallen, denn es wird nicht überrumpelt oder mit unangenehmen Analogien zur heutigen Zeit oder zum eigenen Leben konfrontiert."

 

 
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