Beschissen von den Überlebenden

von Max Florian Kühlem

Augsburg, 26. Februar 2021. Beim Brechtfestival in Augsburg ist dieses Jahr laut offizieller Verlautbarung "...nicht der Namensgeber des Festivals der Star, sondern die, die ihm zu seinem Ruhm verholfen haben. Frauen, die mit Brecht im Kollektiv gearbeitet haben, namentlich Helene Weigel, Elisabeth Hauptmann, Margarete Steffin und Ruth Berlau sowie weitere Persönlichkeiten, Künstlerinnen und Frauenfiguren, die in Beziehung zu Bertolt Brecht und seinem Werk stehen: Etwa Carola Neher, Marieluise Fleißer, Simone Weil und Inge Müller."

Leiter des Festivals bleiben selbstverständlich trotzdem zwei Männer, denn das hat hier Tradition. Seit dessen Start hießen sie zum Beispiel Patrick, Joachim, Hans oder Albert. Jetzt sind es Tom (Kühnel) und Jürgen (Kuttner), letzterer hat immerhin eine bekannte Tochter. 

Brecht'sche Fußspuren

Zu den Dingen, die man im aktuellen deutschen Theater und seinen manchmal arg verlogenen Diskursen nicht verstehen kann, gehört dann auch die Eröffnung des Brechtfestivals, das wegen der Corona-Pandemie natürlich rein digital stattfindet: Tom Kühnel und Jürgen Kuttner haben einen 40-minütigen Videoclip zu Heiner Müllers "Medeamaterial" gedreht. Warum? Hier hilft wieder die Pressemitteilung: "Heiner Müller hat die Schuhgröße, die Fußspuren Brechts auszufüllen und trotzdem eigene Wege zu gehen", so die Festivalleiter Kuttner und Kühnel, die diesmal als Gäste des Kooperationspartners Staatstheater Augsburg mit einer Arbeit zum großen deutschsprachigen Theaterautor in Brechts Nachfolge im Programm vertreten sind. Aus Müllers postdramatischer Textcollage "Verkommenes Ufer / Medeamaterial / Landschaft mit Argonauten" wird in der Augsburger Digitalfassung "Medeamaterial" – ein assoziatives, musikalisches und zitatreiches Video, in dessen Zentrum eine der berühmtesten Frauenfiguren der Literaturgeschichte steht." Aha.

MedeaMaterial 1 560 Jan PieterFuhr u Die Medea-Frauen: Natalie Hünig, Elif Esmen, Christina Jung © Jan-Pieter Fuhr

Nach zwei Telefonaten mit der Technik funktioniert die Mediathek (oder Medeathek? Hihi.) und das assoziative und zitatreiche Video zieht über den Laptop-Bildschirm, der musikalische Teil plärrt über dessen kleine Lautsprecher. Leider ist gerade keine Heimkino-Anlage zur Hand. Dafür schaut eine Freundin samt Baby mit, die gerade Probleme mit einer schlecht sitzenden Menstruationstasse hat. "Die zerrissenen Monatsbinden! Das Blut!", sagt eine der drei Schauspielerinnen, die unter Tom und Jürgen spielen dürfen, eine sogar nackt. Das müsste doch jetzt ein Assoziationsfeuerwerk in Gang setzen: Die Monatsbinden, das Blut. Die Menstruationstasse, das Baby. Die Kindsmörderin. Tut es aber nicht.

Ein Porno für die Eingeweihten

Stattdessen zunehmende Distanzierung vom assoziativen und zitatreichen Film in Videoclip-Ästhetik. Die Schauspielerinnen tragen Blattgold im Gesicht oder einen Hut aus dieser Verpackungs-Plastikfolie mit den Luftpolstern. "Knallpapier" haben wir dazu früher gesagt. Auf einmal flimmert Ulrike Meinhof über den Bildschirm und sagt etwas über Kindererziehung, das Private und das Politische und wie man es nicht schaffen kann, die Kinder nicht zu schlagen. Die Stimme aus dem Off erklärt, sie habe sie dann abgegeben.

Hände zerreißen Fotos von Kafka, Brecht und Heiner Müller. Dann Goebbels. Stimmt, Magda Goebbels hat ihre sechs Kinder ja auch… Aber warum berührt das alles nicht, trotz des eindringlichen Sprachgestus der Heiner-Müller-Sprecherinnen? "Die Toten starren nicht ins Fenster / Sie trommeln nicht auf dem Abort / Das sind sie Erde von den Überlebenden beschissen". Und irgendwie fühlt man sich hier doch auch beschissen von diesen Theater-Überlebenden der Corona-Krise, die subventioniert trotzdem machen dürfen. Einen Theater-Porno vor antiken Statuen, mit Zitaten, die ein Club von Theater-Eingeweihten versteht, der (Achtung: Klischee!) umsichtig das Glas Rotwein über der Tastatur schwenkt und sich später in das digitale Pausen-Foyer einloggt.

MedeaMaterial 3 560 Jan PieterFuhr uDem Blick ausgesetzt: Elif Esmen © Jan-PieterFuhr

Den Rest der Nacht versucht der Autor dieses Textes, einen Eintrag aus Wolfgang Herrndorfs Blog zu googlen: Darin erzählt der verstorbene Schriftsteller von einem Programmkino-Besuch. Es ist der Film eines indonesischen oder philippinischen Regisseurs, über den er sinngemäß sagt, dass er im Alter von 16 Jahren lange drüber nachgedacht hätte, ihm heute aber die Zeit zu schade wäre. Seine Zeit war wirklich zu schade, weil zu kurz. Wenn man das nur jetzt auch guten Gewissens behaupten dürfte!

 

Verkommenes Ufer Medeamaterial Landschaft mit Argonauten
von Heiner Müller
Produktion und Beitrag des Staatstheaters Augsburg zum Brechtfestival 2021
Regie: Tom Kühnel und Jürgen Kuttner, Bühne: Maximilian Lindner, Kostüme: Laurant Pellissier, Komposition: Lila-Zoé Krauß, Helena Ratka, Dramaturgie: Lutz Keßler, Live-Musik: Lila-Zoé Krauß, Helena Ratka, Schauspielerinnen: Elif Esmen, Natalie Hünig, Christina Jung
Dauer: 40 Minuten

https://brechtfestival.de/

 

Kritikenrundschau

"Kühnel und Kuttner schauen in den Kopf Medeas, in dem die Gedanken und Assoziationen rasen", berichtet Stefan Keim für "Fazit" auf Deutschlandfunk Kultur (26.2.2021). "Eindrucksvolle Szenen wechseln mit nachdenklichen Momenten. Manchmal bekommt der Film durch die rasante, musikalisch unterfütterte Clipästhetik etwas Glattes und Schickes. Er bleibt stets interessant, aber die Zumutung fehlt, die Radikalität Heiner Müllers."

"Medeamaterial", ist eine "Theaterkunstfilm-Ambition von der Stange, Heiner-Müller-Beschwörung in Edeltrash-Hochglanzbildern", schreibt Hubert Spiegel in seinem Festivalbericht für die Frankfurter Allgemeine Zeitung (5.3.2021) und widmet sich lieber Suse Wächters "Helden des zwanzigsten Jahrhunderts singen Brecht", die er in höchsten Tönen lobt und ebenso wie Stephanie Reinspergers "Dreck"-Abend herausstellt.

 
Kommentar schreiben