Und ich sah, dass es gut war

von Michael Wolf

6. März 2021. Nach einem deprimierenden Kneipenbesuch verwandelte Tobias seine Ex-Freundin Alina kurzentschlossen in einen Hasen. "Sie zuckte mit ihrem spitzen Mund nach links und rechts, und nach etwa einer halben Minute war von ihr nur noch ein Haufen Kleidung übrig, unter dem ein wonniges Bröckchen raschelte." Es ist dies nicht nur eine zentrale Szene, weil sie in dessen Mitte platziert ist, sie enthält auch im Kleinen schon die Anlage dieses Romans.

Roman mit Rätselspiel

Das Verwandeln von Dingen oder Menschen in Hasen gehört zum festen Repertoire von Magiern. Die Attraktion besteht darin, Unmögliches möglich erscheinen zu lassen, mehr noch aber fesselt die Nummer das Publikum dadurch, dass es nicht an Zauberei glaubt und nicht an sie glauben darf. Immer ist da also die Frage: Wo ist der Trick? Diese Strategie macht sich auch Jakob Noltes Roman "Kurzes Buch über Tobias" zu eigen, dessen Titel Bescheidenheit nur vortäuscht. In Wahrheit ist dieses Buch eine Zumutung, insofern es Informationen nur streut, um Verwirrung zu stiften. Es will unbedingt Rätsel sein, seine Kapitel sind wie ungeordnete Puzzleteile über die Seiten verteilt, Gedichte und E-Mail-Wechsel unterbrechen die Prosa, die Handlung springt durch Jahrzehnte und Jahrhunderte.

Cover NolteEine Zusammenfassung fällt dementsprechend schwer, hier dennoch ein Versuch: Tobias Becker studiert Kreatives Schreiben in Hildesheim, bringt einen ersten Roman heraus und gibt sich dem Leben in der Bohème hin. Später erfährt er ein christliches Erweckungserlebnis, sagt sich vom Literaturbetrieb los und predigt zunächst in einer evangelischen Gemeinde, dann auf Youtube, um schließlich wegen Steuerschulden auf der Straße zu landen. Dazwischen gibt es jede Menge Zeichen und Wunder zu bestaunen. Der Protagonist kann nicht nur Menschen in Hasen verwandeln, sondern auch von den Toten auferstehen und durch die Zeit reisen. Er überlebt einen Flugzeugabsturz, der einzige weitere Überlebende ist sein Alter Ego aus der Zukunft.

Für diesen Tobias gilt die linkische Metapher über die christliche Taufe, die er selbst als Prediger bemüht: "Es ist ein schönes Ritual. Gott als Wasser, aus dem wir bestehen, das überall ist, das gewaltig sein kann wie ein Ozean oder sanft wie Morgentau. Ohne Gott verdurstet die Seele." Nur ist hier nicht Gott allgegenwärtig, sondern eben Tobias. Stets tritt er nur sich selbst entgegen. Er ist, so legen mehr oder wenige subtile Hinweise nahe, auch seine sterbende Mutter, genau wie sein Bruder, und sein Freund natürlich, der auch noch denselben Namen trägt. Ein Kind will er nicht mit ihm, mit sich, haben, was man als Leser erleichtert zur Kenntnis nehmen darf. Denn eine solche Schöpfung, ein solches "Fleisch von meinem Fleisch" höbe die Welt wohl vollends aus den Angeln.

Mit einem Schuss Pynchon

Jakob Nolte, Jahrgang 1988, studierte Szenisches Schreiben an der Berliner Universität der Künste und machte zunächst mit Theaterstücken auf sich aufmerksam, einige davon schrieb er zusammen mit Michel Decar. Bereits in seinen vorhergehenden Büchern "Alff" und "Schreckliche Gewalten" widmete er sich weniger kohärenten Handlungen und psychologischer Glaubwürdigkeit denn dem Spiel mit literarischen Verweisen und Verfahren. Hier nun lehnt er sich deutlich an Thomas Pynchon an, dessen "Die Versteigerung von No. 49" sogar Erwähnung findet. Sicher nicht zufällig ist Noltes Text in 48 Kapitel eingeteilt. Seine Orientierung an postmoderner Literatur wäre für sich wenig wert, erschöpfen sich deren späte Aufgüsse doch oft darin, den Leser entweder für seine Vorbildung zu belohnen oder aber ihn schlicht zu frustrieren.

Mit etwas Abstand jedoch bildet dieser Wust namens Roman ein Muster, das auf beunruhigende Weise der Wirklichkeit ähnelt. Es ist, als blickte ein Spiegelbild auf die von ihm verdoppelte Welt und fände sie verzerrt vor. Etwas muss an ihrem Mittelpunkt in Schieflage geraten sein, eine Unwucht hat ihren Lauf ins Trudeln gebracht. Und in diesem Mittelpunkt steht Noltes Held als Stellvertreter für das spätmoderne Ich, das niemanden neben sich duldet. Die Todsünde Selbstsucht begründet seine Existenz.

Narziss und seine Leiden

Bevor er Alina in einen Hasen verwandelt, überrascht Tobias an einer Stelle die plötzliche Erkenntnis, dass sie wirklich lebt, dass sie auch da ist, handelt, denkt und fühlt, wenn er nicht dabei ist. Als Student versichert er jedem, der es hören will, keine Persönlichkeit zu haben, und möchte doch unbedingt, dass man ihm widerspricht. Vor seinem Roman arbeitet er an einem Prosa-Projekt, in dem er sich selbst als Figur in bekannte Filme hineinschreibt. Seine spätere Hinwendung zur Religion ist nur die effizientere Strategie eines Narzissten, sein Ich aus den Beschränkungen der Realität zu befreien. Er braucht die Literatur nicht mehr, um etwas Besonderes zu sein, stattdessen erschafft er eine eigene Welt, taucht sie in seinen Geist.

Das Christentum, wie es hier erscheint, ist nur Chiffre für die Mythisierung des Realen, seine Aufladung mit einem Sinn, der nicht schon in den Dingen selbst steckt, denen sie sich im Gegenteil fügen müssen. Man kann diese Kraft auch einfach Kultur nennen und ihre Wirkung in der Geschichte auf das zurückführen, was jeweils in ihrem Zentrum steht. In unserer Gegenwart liegt das Heilsversprechen in der Ausweitung des Ichs auf die – seine – ganze Schöpfung.

Ein maßloses Ego verleibt sich hier also alles ein, bis es überall nur noch die eigenen Spuren findet. In Albträumen wird Tobias von sich selbst gejagt. Wer sonst sollte ihm auch etwas anhaben? Die Hölle, das sind hier nicht mehr die anderen, das ist immer nur das Selbst. Und so verleiht Nolte der Szene des Magiers eine neue Wendung: Eher als von der Rätselhaftigkeit für das Publikum handelt diese Show von einem Zauberer, der so tief in sich versunken ist, dass er sich an keinen seiner Tricks mehr erinnert, und mit Entsetzen feststellen muss, dass er wirklich zaubern kann.

 

Kurzes Buch über Tobias
von Jakob Nolte
Suhrkamp Verlag
ISBN: 978-3-518-42979-2
231 Seiten, 22 Euro

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