Gäste in Not

8. März 2021. Zahlreiche baden-württembergische Schauspielensembles solidarisieren sich mit ihren frei arbeitenden Kolleg*innen. In einem Offenen Brief an Kunstministerin Theresia Bauer kritisieren sie deren Corona-Politik. "In BW gibt es zahlreiche Theater – sowohl kommunale Theater, als auch Staatstheater und Landesbühnen –, in denen Gastkünstler*innen seit Beginn der Pandemie im März 2020 für entfallene Produktionen und Vorstellungen nur unangemessen bis gar nicht entschädigt wurden." Es sei untragbar, "dass nach wie vor keine klare und faire Rechtssicherheit im Umgang mit Gastverträgen geschaffen wurde, umso mehr, da wir wahrscheinlich noch lange mit der Pandemie und ihren Folgen werden umgehen müssen".

Der Offene Brief nimmt Bezug auf eine Pressemitteilung des Kunstministeriums, in dem Gastkünstler*innen Ausfallzahlungen in Aussicht gestellt werden. Allerdings heißt es hier nur, dass die Staatstheater solche Ausfall-Honorare zahlen dürften. Weder von einer Verpflichtung der Häuser noch von einer prozentualen Höhe der Honorare ist die Rede. Die Ensembles beklagen: "Es wird den betroffenen Personen eine klare Rechtsaussage verwehrt und sie finden keine*n Ansprechpartner*innen. Dadurch werden die freischaffenden Künstler*innen zum Spielball eines kulturpolitischen Kräftemessens, in dem die Theaterleitungen und das Kulturministerium kaum bis keine Verantwortung übernehmen."

Ausfallzahlungen erschwert

Der Offene Brief kritisiert außerdem die Umstellung der Förderpraxis des Landes von einer Festbetragsfinanzierung auf eine Fehlbedarfsfinanzierung. Diese führe einer Pressemitteilung des Landesverbands des Deutschen Bühnenvereins zufolge dazu, "dass das Land mögliche rechnerische Mehreinnahmen der Theater und Orchester, etwa aus den Erstattungen des Bundes aus der Kurzarbeit, aus Spenden oder Sponsoring bereits vorab auf den Landeszuschuss anrechnet und damit abschöpft". Die Ensembles befürchten, dass es dadurch vielen Kommunaltheatern unmöglich gemacht würde, Ausfallzahlungen an ihre Gäste zu tätigen, ohne selbst erheblichen finanziellen Schaden zu nehmen.

Unterzeichnet haben den Offenen Brief (hier in voller Länge) elf in Baden-Württemberg beheimatete Schauspielensembles, darunter die der Städte Heidelberg, Karlsruhe und Konstanz. Sie befürchten, die Missstände würden dazu führen, "dass uns Schauspieler*innen, Musiker*innen, Kostümbildner*innen, Regisseur*innen, Bühnenbildner*innen, Tänzer*innen, Videokünstler*innen, Lichtdesigner*innen, Puppenspieler*innen und viele mehr längerfristig abhanden kommen und nicht mehr in die Kulturarbeit zurückkehren werden". Die erwarteten Folgen des Verlustes dieses kreativen Potenzials würden das gesamte gesellschaftliche Leben und das Miteinander spürbar treffen.

(Schauspielensembles Baden-Württemberg / Bühnenverein – Landesverband Baden-Württemberg / miwo)

 

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