Ist es nicht gut, dass es schon mal schlimmer war?

von Lara-Sophie Milagro

9. März 2021. Wenn ich meiner Tochter sage, dass sie ihr Zimmer aufräumen soll, bittet sie mich zunächst zu bestätigen, dass es zwei Tage vorher noch schlimmer aussah, räumt ein, dass es "natürlich immer noch besser geht" und erklärt sich bereit, darüber nachzudenken, ob sich der Zustand ihres Zimmers durch weitere Aufräumarbeiten verbessern ließe, jedoch nicht, ohne mich darauf hinzuweisen, wie engstirnig es ist, auf kleinen Mängeln herumzureiten, anstatt die großen Verbesserungen im Vergleich zu letzter Woche zu feiern. Wenn ich an diesem Punkt die Diskussion für beendet erkläre und auf dem Aufräumen des Zimmers bestehe, zeigt sie sich schockiert darüber, dass sie "ganz und gar nichts mehr sagen darf“ und ruft ihre Freundin an, die ihr Trost zuspricht und sie darin bestätigt, sich auf keinen Fall den Mund verbieten zu lassen. Das Zimmer bleibt derweil unaufgeräumt.

Debatte mit abnehmender Halbwertzeit

Als vor fast 10 Jahren, Anfang 2012 das Berliner Schlosspark Theater in die Kritik geriet, weil eine Schwarze Figur im Stück "Ich bin nicht Rappaport" von einem weißen Schauspieler mit Blackface dargestellt werden sollte, begann in Deutschland erstmals eine öffentliche Debatte nicht nur über diskriminierende künstlerische Stilmittel und Traditionen, sondern auch darüber, wie offen, divers und tolerant die deutsche Kunst- und Kulturlandschaft tatsächlich ist und welche Schritte notwendig wären, um kulturelle Räume gewaltfreier und inklusiver zu gestalten. Neu war zudem, dass sich – dank der Sozialen Medien und erstarkender Interessenverbände wie Pro Quote Film und Bühne, Schwarze Filmschaffende, Leidmedien.de oder der Queer Media Society – in den Folgejahren zum ersten Mal auch diejenigen Kunst- und Kulturschaffenden in der breiten Öffentlichkeit Gehör verschafften, deren Stimmen bis dato weitgehend ignoriert worden waren.

17 NAC Kolumne Visual Milagro V3Eine Dekade später, post NSU, Hanau, "Black Lives Matter"-Solidaritätsbekundungen und "We Can't Breath"-Demos bewegt sich diese Debatte in weiten Teilen auf einem Niveau, das mich an die allabendlichen Diskussionen mit meiner 4-jährigen Tochter erinnert. Ging es dem etablierten Kunst- und Kulturbetrieb in den Zehnerjahren vor allem noch darum, darauf zu beharren, dass es eigentlich gar kein Problem gibt, vergeht gegenwärtig keine Woche, in der nicht in irgendeiner Zeitung, Talk Show oder Online Plattform vermeintliche Expert*innen unter Ausschluss der Betroffenen darüber fachsimpeln, dass sicherlich nicht alles optimal läuft, dass es aber auch nicht SO schlimm ist, vor allem deshalb, weil a) früher alles noch schlimmer war und b) das eigentliche Schlimme ist, dass sich immer noch beschwert wird, es sei schlimm.

Früher war alles schlimmer

So freute sich Kabarettistin Lisa Eckhart in einer Talkrunde des Spiegel-Magazins Anfang dieses Jahres, in der es unter anderem um Antisemitismus-Vorwürfe gegen sie ging: "Wir werden liberaler." Man fühle, dass die Gewalt zurückgehe im Vergleich zu vor 50 Jahren oder 70 Jahren. "Und ich würde mir wünschen, dass man ab und an anerkennt, was es eigentlich bedeutet, dass wir so etwas wie Mikro-Aggressionen wahrnehmen – nämlich ein Zurückgehen der Makro-Aggressionen." Eckhart hatte 2018 bei einem Auftritt in der WDR Satire-Show "Mitternachtsspitzen" über einige prominente "MeToo"-Verdächtige jüdischer Herkunft gewitzelt: "Denen geht’s wirklich nicht um Geld. Denen geht’s um die Weiber, und deshalb brauchen sie das Geld." Es sei "nur gut und recht, wenn wir den Juden jetzt gestatten, ein paar Frauen auszugreifen. Mit Geld ist ja nichts gutzumachen. Ich meine, den Juden Reparationen zu zahlen, das ist wie Didi Mateschitz ein Red Bull auszugeben."

Abgesehen davon, dass man eine solche Aneinanderreihung antisemitischer Klischees vergeblich auf irgendeinen echten Tabubruch oder satirischen Twist abklopft, kann natürlich so ziemlich jede Form sexistischer, rassistische oder homophober Verbal-Entgleisung aus dem Jahr 2021 als läppisch abgetan werden, wenn man das gesellschaftliche Klima der Nachkriegszeit zum Vergleich heranzieht. Chris Rock brachte es 2016 im Zuge der #OscarsSoWhite-Debatte auf den Punkt, als er darüber philosophierte, warum es nicht schon viel früher Proteste afroamerikanischer Kulturschaffender gegeben hatte, obwohl über Jahrzehnte hinweg (so gut wie) keine Schwarzen Schauspieler*innen nominiert worden waren: "When your grandmother is swinging from a tree it's very hard to care about best documentary foreign short." (dt. Wenn deine Großmutter an einem Baum hängt, ist es schwer, sich über den besten ausländischen Kurz-Dokfilm Gedanken zu machen).

Aneignung von Diskriminierungserfahrung

Die tatsächliche oder vermeintlich Annahme, dass früher alles noch viel schlimmer war, hat innerhalb der Diversity Debatte im Verlauf der letzten Dekade einen neuen Prototyp der Argumentationstaktik hervorgebracht: die Diskriminierungs-Aneignung, eine raffinierte Variante der kulturellen Aneignung. In seinem Buch "Everything But the Burden: What White People Are Taking From Black Culture" von 2003, beschreibt der Kulturkritiker Greg Tate als ein Problem der kulturelle Aneignung, dass weiße Menschen alles aus Schwarzen Kulturen übernehmen würden, außer der Diskriminierung, die damit verbunden ist, Schwarz zu sein.

Genau diese Diskriminierungserfahrung von Minderheiten wird nun immer häufiger selbst zum Gegenstand kultureller Aneignung, wenn Angehörige der Mehrheitsgesellschaft sich diskriminiert fühlen, weil Minderheiten sich diskriminiert fühlen und darauf bestehen, Sprache, künstlerische Praktiken, Verteilung von Schlüsselpositionen, Straßennamen oder Denkmäler zu überdenken beziehungsweise zu ändern.

Deutsche Medien im Rückwärtsgang

Da witzeln vor einigen Wochen Vertreter*innen der deutschen Fernsehprominenz beim Meinungstalk "Die letzte Instanz" über Gendersternchen ("Gib mir mal die Salzstreuerin rüber") und die Umbenennung der M-Straße ("NEGERtiv" – ohhhh!) bevor sie sich darüber in Rage reden, dass Grillfleichsauce künftig nicht mehr mit dem Z-Wort betitelt werden soll, um schließlich zu dem Schluss zu kommen: "Wir thematisieren so viel und wir problematisieren so viel und wir terrorisieren so viel." – "Müssen wir alle aufpassen, was wir sagen in der Öffentlichkeit, wenn wir nicht Gefahr laufen wollen, von dem digitalen Mob gelyncht zu werden?", fragt sich Moderator Jo Schück besorgt in einer ZDF-Sendung mit dem Titel "Ist Cancel Culture eine Gefahr für die Meinungsfreiheit?" – "Eine Studie belegt, dass Männer mit Migrationshintergrund und LGBTI*-Personen am deutschen Theater bevorzugt werden", mahnt die Journalistin Hannah Bethke in der FAZ.

Und unter dem Titel "Selbstbewusstsein und Kalkül" weiß die Kommentatorin Sandra Kegel zu berichten, dass "der wichtigste deutsche Produzent Nico Hofmann gerade eine Selbstverpflichtung in Sachen 'Diversity' ausgerufen [hat], die er so orthodox auslegt, dass Dominik Graf schon eine 'Zensur der Stoffe' befürchtet." Anschließend zieht sie über die "Actout"-Aktion des SZ-Magazins her, in dem sich Anfang Februar 185 Schauspieler*innen als schwul, lesbisch, queer, nicht-binär und trans* outeten, um mehr Anerkennung in Theater, Film und Fernsehen zu fordern. O-Ton Kegel: "Da zeigt sich Kalkül im Ringen um Aufmerksamkeit bei Verkennung der Verhältnisse. Als sich am 6. Juni 1971 im 'Stern' 374 Frauen öffentlich dazu bekannten, abgetrieben zu haben, verstießen sie damit gegen geltendes Recht und riskierten viel – nicht zuletzt mehrjährige Haftstrafen. Bei einer Rolle übergangen zu werden mag ärgerlich sein und sicherlich auch kränkend, aber lebensgefährlich ist das nicht."

Wer bestimmt über mikro und makro?

Bleibt am Ende die Frage, was Mikro- und Makro-Aggressionen sind und wer sie definiert, wer auf wessen Statements angemessen beziehungsweise überempfindlich reagiert oder eventuell die Verhältnisse verkennt. Wie zum Beispiel die Tatsache, dass die Hasskriminalität gegen LGBTIQ* bundesweit ansteigt (letzter Stand: 2019) und es vor diesem Hintergrund gelinde gesagt problematisch ist, das Outing der 185 Kolleg*innen als Kalkül zu bezeichnen.

"Früher", das ist manchmal nicht besonders lange her: "Das sind graduelle Unterschiede zwischen dem Ehemann, der aus Rücksichtslosigkeit oder Verlust an Selbstbeherrschung oder vermeintlichem Recht auf sexuellen Verkehr seine Frau zwingt, und jemandem, der eine wildfremde Frau vergewaltigt. Und das kann nicht gleich behandelt werden." Wolfgang von Stetten, CDU Bundestagsabgeordneter, 1983.

 

Lara-Sophie Milagro ist Schauspielerin, in der Leitung des Künstler*innen-Kollektivs Label Noir, Berlinerin in der fünften Generation und fühlt sich immer da heimisch, wo Heimat offen ist: wo sie singt und lacht, wo sie träumt und spielt.


In ihrer letzten Kolumne schrieb Lara-Sophie Milagro über die Schwierigkeiten des deutschen Feuilletons ein Historiendrama utopisch zu lesen.

 

 
Kommentar schreiben