Die Tage der Clowns sind vorüber

von Christian Rakow

11. März 2021. Nicht am Anfang dieses Buches, aber doch wohl an seinem gedanklichen Beginn steht ein wenig Aufräumarbeit: "In der Kunstwelt ist es ein Bonmot zu behaupten, das Werk spreche für sich", schreibt Jean Peters. "Ich empfinde das gerade bei politischen Arbeiten als Versuch, sich unnötig zu erhöhen." Unaufgeregt ist das gesprochen – man merkt es an dem kühltemperierten Wörtchen "unnötig" – und doch ist's eine Art Sockelsturz.

Wer KUNST in Großbuchstaben sucht, ist hier definitiv an der falschen Adresse; wer Aktionskunst von Christoph Schlingensief her mit dadaistischem Bildersturm, performativer Wüstheit und genieästhetischem Furor verbindet, wird herb auf einen Zeitenwechsel gestoßen: Dem künstlerischen Aktivismus unserer Tage, wie ihn Jean Peters mit dem von ihm gegründeten Peng! Kollektiv seit nunmehr acht Jahren entscheidend mitprägt, steht nichts ferner als ästhetische Verrätselung. Er ist durch und durch sachlich bestimmt, in der Haltung abgeklärt und aufgeklärt. In einer Zeit der grassierenden Fakes vulgo "alternativen Fakten" ist diese Ausnüchterung nur allzu verständlich.

Tortenwürfe, Ölfontänen, Telefonstreiche

"Wenn ein Fake, ein Medienhack oder andere Kampagnentaktiken ihre Wirkung entfalten konnten und volle Aufmerksamkeit auf ein Thema gelenkt haben, will ich die eigene Motivation erklären", sagt Peters, und das Produkt seines instruktiven Ansatzes ist die vorliegende Werkschau "Wenn die Hoffnung stirbt, geht’s trotzdem weiter". Das Buch zeichnet Aktionen des Peng! Kollektivs und einige Arbeiten mit anderen Gruppen zwischen 2013 und 2020 nach und gibt zugleich Einblick in den Werkzeugkasten des Aktivisten.

Cover PetersViele der Aktionen haben für Furore gesorgt: der Tortenwurf gegen die AfD-Funktionärin Beatrix von Storch ("Tortaler Krieg"), die sprudelnde Ölfontäne inmitten einer Shell-Konferenz ("Slamshell") oder erst jüngst die Undercover-Befragung deutscher Unternehmensführer zu ihrer gesellschaftlichen Verantwortung ("Klingelstreich beim Kapitalismus"). Dabei sind Aktionen, die von mächtigen Symbolen leben (Torte, Ölfontäne) in der Minderzahl. Der Schwerpunkt der Arbeit liegt doch eher auf komplexeren Interventionen oder "Hackings", deren Witz darin besteht, dass sich die Aktivist*innen die Sprache und Verhaltensweisen von Institutionen zu eigen machen, um sie von innen heraus zu travestieren. So lässt sich etwa nachlesen, wie die PR-Abteilung des Energieriesen Vattenfall dazu gebracht wurde, öffentlich zu dementieren, dass man ein verantwortungsvolles ökologisches Leuchtturmunternehmen werden wolle.

Der Künstler als Mechaniker

Jean Peters' Twitter-Account lautet auf den Namen @jeangleur und deutet offenbar auf ebendieses Jonglieren mit Codes und Zeichensprachen. Aber auch wenn Peters in seinem Buch wiederholt das Moment des Artistischen und Improvisationsbereiten für seine Arbeit hervorhebt, wenn er den glücklichen Zufall und das Chaotische betont, sich mitunter der Clownerie zeiht und sich mit mancher Anspielung in die Tradition von Cervantes' Windmühlenkämpfer Don Quijote stellt, so wirkt das Ganze doch nicht als Ausfluss eines zirzensischen Spiels. Eher sehen wir hier den politischen Künstler als Mechaniker, der genau recherchiert und programmiert, Strategien wie am Reißbrett entwickelt, das Für und Wider abwägt, die Reflexion mindestens so wichtig nimmt wie die Aktion. Präzisionsarbeit im Feld der gesellschaftlichen Widersprüche.

Dem analytischen Gestus dieser Arbeit gemäß werden immer wieder Typologien von Aktionsformen erstellt, durchaus verbunden mit der Einladung zur Nachahmung. "Das alles geht, wenn wir es wollen", heißt es schon auf der ersten Seite. Das Buch will nicht nur Rückschau sein, sondern Anleitungen zum sozialökologischen Engagement geben. Adepten sind höchst willkommen. In der Ära nach den Genies wird der Künstler ganz Teil einer Bewegung, Teamplayer und Gesicht in der Menge.

Vom Sprung ins Ungewisse

"Denn du musst wissen, Sancho, nur die Dummen und Naiven erleben Abenteuer", schreibt Peters einmal in Anspielung auf "Don Quijote". Von Dummheit und Naivität ist weder in dem Buch noch in der Arbeit von Peng! viel zu spüren. Am ehesten noch in der "Tortung" der AfD-Frau Beatrix von Storch, die, weil im Herzen doch wohl blöd und albern und jenseits aller zivilen Formen, heute entsprechend hohen Rechtfertigungsaufwand vom Buchautor verlangt. Hier sieht man schön den Analytiker mit dem Kindskopf ringen, ihn langsam niederringen. Nein, Sancho, die Zeiten der Naivität sind dahin, der Ritter von der investigativen Gestalt reitet fester im Sattel. Dummheit ist es nicht mehr, aber doch noch eine bewundernswerte Bereitschaft zum Sprung ins Ungewisse und eine Schonungslosigkeit (vor allem gegen sich selbst). Und die braucht es allemal auch für ein Abenteuer.

Wenn die Hoffnung stirbt, geht’s trotzdem weiter
von Jean Peters
S. Fischer Verlag 2021, 251 Seiten, 21 Euro

 
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