Sich einfach mal so stehen lassen

von Colette M. Schmidt

Graz, 23. Oktober 2008. Den ganzen Erdball zu retten – das stellt sich nicht einmal Superman als kleinen Nebenjob vor. Trotzdem war nichts Geringeres der Auftrag des steirischen herbstes an junge Autoren: Das Thema "Welt retten" sollte in Kurzstücke gepackt werden. Damit die ganze Rettungsaktion rasch abgewickelt werden kann, kamen nun drei solche Texte an einem Abend zur Aufführung in Graz.

Den Anfang machten im Inneren des felsigen Schlossberges der Stadt, im Dom im Berg, "Biffy und Wutz" von Lukas Bärfuss und dem Videokünstler Noel Dernesch. Es ist die Geschichte zweier ungleicher Hunde, die die große Liebe entdecken. Doch während der gemütliche Wutz sich gerne von seinem Herrchen unterdrücken lässt und Wurst und ein Nickerchen jedem tiefschürfenden Gedanken vorzieht, lässt sich Biffy von aufständischen Ideen anstecken und will durch "revolutionäre Großtaten" einen Sinn geben – sie verrichtet ihre Notdurft auf einer österreichischen Wirtschaftszeitung auf der Schwelle des großbürgerlichen Hauses, in dem Wutz wohnt. Zwischendurch zitiert sie auch Lenin. Es kommt, wie es kommen muss: Die beiden Hunde stehen vor einer Beziehungskrise, die nur schlecht enden kann.

Warum Hunde?

Auf der Rückseite der Bühne erzählt ein Film mit professionell abgerichteten Hunden die traurige Geschichte. Davor spielen Monika Klengel und Rupert Lehofer auf der Bühne die beiden Vierbeiner beherzt auf ihren Hinterpfoten stehend. Ansonsten fehlt es dem Stück aber an aufrechter Haltung. Warum Hunde?, fragt man sich bald. Und die Antwort scheint recht banal zu sein. Offenbar verwechselten Bärfuss und Dernesch das Aufbegehren gegen Ungerechtigkeiten innerhalb der Menschheit mit dem Ruf der Wildnis, der so manches verzüchtete Haustier des Nachts in überheizten Menschenwohnungen quälen mag. Ein Vergleich, der sich zwar lustig durch die synchronisierten Hundefilme zieht, allerdings nicht haltbar ist.

Schöner und schlüssiger ist da der "kollege von niemand", der vom gebürtigen Grazer Johannes Schrettle geschrieben und vom argentinischen Regisseur Mariano Pensotti gescheit und zügig umgesetzt wurde. Zwei Schauspielerinnen und zwei Schauspieler (Javier Lorenzo, Viviana Vasquez, Lorena Vega und Walter Jakob)– ebenfalls aus Argentinien – haben sich in einem kleinen schachtelartigen Bühnenraum im weitläufigen Landesmuseum Joanneum verschanzt.

Gut gehüpft ist halb gewärmt

Sie spielen Schauspieler, die versuchen zu fühlen, was jene fünf Schauspieler gefühlt haben mögen, die 1967 in Jean-Luc Godards "La Chinoise" ihre politischen Positionen in einem Pariser Appartement diskutierten und als Schauspieler glaubten, mit ihrer Kunst die Welt verändern zu können. Szenen aus dem Filmklassiker laufen stumm im Hintergrund, während die vier Akteure diese nachstellen und dazu auf Spanisch und Deutsch synchronisieren.

Durch kollektives kraftraubendes Gehüpfe versucht man zwischendurch das Gemeinschaftsgefühl zu intensivieren. Doch immer wieder stellen sich Zweifel ein, dann Resignation. Denn das Gefühl, das eine Generation vor 40 Jahren antrieb, lässt sich nicht authentisch wieder heraufbeschwören. Ebensowenig wie man eine Liebe einfach so aufwärmen kann. Die Schauspieler treten also immer wieder aus ihren vermeintlichen Rollen, und von ein paar Dutzend Namen aus der Dramengeschichte, die mit Kreide auf eine Tafel gekritzelt wurden, bleibt am Ende nur noch Brecht stehen.

Die Gruppe fühlt sich nicht anders als der Polizist im Film, der glaubt, er sei einer von den Aktivisten, bei deren Demonstration er anwesend ist, der durch seine Sprache aber verraten wird. Dieser titelgebende Kollege von niemandem wird zum Sinnbild einer Generation, die irgendwie zwischen zwei Sesseln hängt, weil sie eigentlich auch lieber iPod hört, ins Shoppingcenter geht und dann den "diensthabenden Faschisten wählt", statt sich gegen die herrschende Klasse aufzulehnen.

Am Schluss lässt Schrettle seine Figuren nach einem Ende für das Stück suchen. Sie probieren es mit dem Song "Just like the Rain" von Richard Hawley, lassen die Sache (und damit sich selbst) dann aber einfach mal so stehen: Wie "eine Liebe, die nicht weiß, dass sie eigentlich aus Zeit besteht", denn es sei "immer besser, wenn die Bilder nicht wissen, in welchem Rahmen sie gerade hängen".

Molotow-Cocktails und andere Redseligkeiten

Ein Satz, der leider auch für diesen Abend stimmt, denn nach Schrettle und Pensotti wird das Publikum noch eine schwache Stunde lang in einen viel zu kleinen Raum in einen anderen Flügel des Joanneums gezwängt. Hier wurde ein Ballroom nachgestellt, in dem eine langweilige Performance der kroatischen Autorin, Regisseurin und Schauspielerin Ivana Sajko zum bedeutungsvollen Tänzchen mutieren soll.

Das niederländisch-belgische Schauspielerkollektiv Wunderbaum brachte den nach einem Satz Gertrude Steins benannten Theatertext "Rose is a rose is a rose is a rose", der um einen brutalen Tanzmarathon kreist, wo verzweifelte Amerikaner in den 30er Jahren Geld gewinnen wollten, aufs glatte Parkett. Doch die Ausführungen um Liebe, Molotow-Cocktails und andere zerstörerische Begebenheiten sind vor allem eines: Redselig. Über die gähnenden Längen helfen auch die Einlagen mit ein bisschen Körperarbeit nicht hinweg.

Doch wie auch immer die Ergebnisse der Welterretter aussehen – der steirische herbst löst mit dieser dreiteiligen Produktion ein Versprechen ein, das Intendantin Veronica Kaup-Hasler bei ihrem Dienstantritt vor drei Jahren gab: Der herbst wolle nicht nur renommierte Namen einkaufen, sondern auch ein "Festival der Produktionen" sein – und das ist natürlich gut so.

 

Biffy und Wutz (UA)
von Lukas Bärfuss und Noël Dernesch
Regie: Noël Dernesch, Ausstattung: Mixi Stegmüller.
Mit: Mit Monika Klengel und Rupert Lehofer sowie den Hunden Holly, Amor und Hexi.

kollege von niemand (UA)
von Johannes Schrettle
Regie: Mariano Pensotti, Bühne: Mariana Tirantte.
Mit: Javier Lorenzo, Viviana Vasquez, Lorena Vega und Walter Jakob.

Rose is a rose is a rose is a rose (UA)
von Ivana Sajko
Regie: Wunderbaum.
Mit: Walter Bart, Wine Dierickx, Judith van Herck, Matijs Jansen, Maarten van Otterdijk, Maartje Remmers, Marleen Scholten & Jeroen Versteele.

www.steirischerherbst.at

 

 

Kritikenrundschau

Nicht besonders zufrieden zeigt sich Reinhard Kriechbaum in der Wiener Zeitung (25.10.) mit diesem Abend. "Boulevard-Avantgarde, leider darstellerisch auf Amateur-Substandard-Niveau", fasst er seine Eindrücke von Lukas Bärfuss' Stück zusammen, in dem das Projekt Weltrettung aus Hundeperspektive angegangen wird. Die Inszenierung von Johannes Schrettles Text kommt etwas besser weg: hier beeindruckt den Kritiker zumindest die nuancenreiche Sprechtechnik der niederländischen Darstellung. Ivana Sajkos Text schien ihm gänzlich theateruntauglich zu sein. Insgesamt hatte der Abend etwas von geballter "Denkmarmelade" für ihn. Erhofft hatte er sich Gedankenhumus.

"Welt gegerettet?" fragt Ronald Pohl für die Wiener Tageszeitung Der Standard (25. 10.) und muß die Sache leider mit "Theater tot" beantworten. Denn der Abend war für ihn im wesentlichen eine "hunderttausendste Ausgabe des postdramatischen Theaters", die sich strafverschärfend außerdem noch ängstlich "hinter lauter ästhetischen Unverbindlichkeiten" versteckte. Allerdings differenziert er sein Urteil dann und urteilt im einzelnen etwas gnädiger. Das "Opusculum" von Ivana Sajko kommt dabei am schlechtesten weg. Weder versteht er den Gertrude-Stein-Bezug im Titel, noch kann er der "zähen Amour-fou-Lyrik" die im Text "auf angestrengtem Tumultpalaver" trifft, etwas abgewinnen. Lukas Bärfuss Text "Biffy & Wutz" kommt etwas besser weg, der "aus der Perspektive zweier Wohlstandshunde über das Erlahmen revolutionärer Antriebskräfte" spricht, was aber auch mit den echten Hunden zu tun hat, die hier eine Rolle spielen. Johannes Schrettles Beitrag erregt wiederum Missmut, da die versprochene "Sachen Schärfung des kritischen Bewusstseins" offensichtlich ausgeblieben ist.

 

 
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