Neues Publikum

von Javier Ibacache

29. März 2021. Als der Ausbruch des Coronavirus Mitte März 2020 zu einer Pandemie erklärt wurde, waren Theater in Chile – wie in den meisten anderen Lateinamerikanischen Ländern auch – dazu gezwungen, zu schließen. Premieren wurden aufgeschoben, Projekte abgesagt und Vorstellungen verlegt – all das mit der Erwartung, in nicht allzu langer Zeit die Arbeit wieder aufnehmen zu können.

Fast ein Jahr später hat sich die Situation allerdings kaum verändert. Abgesehen von einer kurzen Phase des gelockerten Lockdown, in der einige wenige Theater mit reduzierter Kapazität wieder öffnen konnten, gab es sehr wenige Live-Performances verglichen mit der hohen Anzahl und Vielfältigkeit virtueller Projekte, die Chiles Theaterschaffende auf die Beine gestellt haben. Und das alles, während sie mit großen Unsicherheiten ihre Arbeit betreffend umgehen mussten, die durch die Krise entstanden sind.

Die Rolle der Theatergemeinschaft in der sozialen Mobilisierung

Vor Corona haben Chiles Theater jedes Jahr mehr als 8000 Vorstellungen auf die Bühnen gebracht und konnten den Zahlen des Nationalen Statistikinstituts zufolge circa 1,5 Millionen Besucher*innen pro Saison begrüßen. Die meisten Vorstellungen gab es im Januar 2021, da zu dieser Zeit in der südlichen Hemisphäre Sommer ist und viele Festivals stattfinden.

Das Theater litt schon vor der Pandemie unter den Folgen des social outbreak von Oktober 2019 (einer sozialen Krise, die das Ergebnis ökonomischer Ungleichheit ist und viele Demonstrationen, Proteste und Interventionen im öffentlichen Raum hervorgebracht hat). Diese Krise hatte dazu geführt, dass viele Vorstellungen im letzten Quartal des Jahres 2019 abgesagt wurden.

Theaterbrief Chile 2021 Reminiscencia MauricioVacaValenzuela uSpuren der Erinnerung in einer Stadt, die vom social outbreak und der Pandemie in ein Pause versetzt wurde: "Reminiscencia" von Mauricio Vaca Valenzuela © Mauricio Vaca Valenzuela

Die Theatergemeinschaft hat sich mobilisiert – was bis zu einem politischen Streben nach einer neuen Verfassung geführt hat. Damals haben viele erwartet, dass diese Erfahrungen 2020 in vielen neuen Theaterproduktionen verarbeitet werden würden. Doch der Lockdown hat diesen Hoffnungen einen Strich durch die Rechnung gemacht. Social Distancing und teilweiser oder kompletter Lockdown haben zu einer unvorstellbaren neuen Realität geführt.

Da es in Chile kein staatliches Theatersystem gibt, konzentriert sich die Kulturpolitik in den darstellenden Künsten vor allem auf die staatlichen Förderungen, für die sich Gruppen und Theater regelmäßig bewerben. Im vergangenen Jahr wurden zwar neue Not-Fördermittel geschaffen, jedoch hätten Künstler*innen in dieser kritischen Lage lieber direkte Subventionen und Hilfsgelder vom Staat gesehen.

Risiken eingehen in einer unbeständigen Lage

Vor diesem Hintergrund haben sich darstellende Künstler*innen dem Internet zugewandt, um wenigstens online ihre Arbeiten zeigen zu können. Dieser Wandel hat jedoch eine neue Debatte darüber provoziert, ob diese neuen Werke denn überhaupt noch als Theater bezeichnet werden sollten.

Das Publikum war von derartigen Fragen insofern nicht sonderlich betroffen als es schon sehr früh einer überwältigenden Zahl an digitalen Performances, Talks, Foren und Workshops begegnete ausgesetzt war. In den Wintermonaten (Juni bis August) konnte man jede Woche bis zu 30 Live-Aufführungen chilenischer Autor*innen oder Gruppen sehen. Auch wenn das Angebot sehr vielfältig war, ist es doch nicht klar, ob das Publikum wirklich von Online-Vorführungen überzeugt war, wenn man bedenkt, dass die Einschaltquoten ab September stark gesunken sind – sobald der Lockdown gelockert wurde und es wieder ein paar Präsenz-Aufführungen gab.

Theaterbrief Chile 2021 Oleaje ConstanzaThuemler uWer schaut hin? In seinem Theatertext "Oleaje" rekonstruiert Rodrigo Morales die Identität eines Opfers der Diktatur. Aufnahme aus der Inszenierung von Constanza Thümler und Angelo Olivier © Constanza Thümler

"Pandemie-Projekte" sind ein Risiko eingegangen, wo Relevanz flüchtig ist, künstlerische Erfolge von der Konkurrenz des Kabelfernsehens und Streaminganbietern abhängen und öffentliches Interesse im Angesicht fehlender Loyalität zu den Inhalten oder der Unmöglichkeit von Interaktion schwindet.

Die meisten Projekte sind über den Videokonferenz-Service Zoom veröffentlicht worden und sind diesem in Sound Design, Regie und der Nutzung verschiedener Onlineformate angepasst. Die verschiedenen Nutzungsmöglichkeiten reichen von vor-aufgezeichneten Videos über das Übertragen von Live-Performances.

Darstellende Künstler*innen, Theatergruppen und Theaterhäuser haben viele Erfahrungen gesammelt und die späteren Premieren der Saison zeigen durchaus einen reiferen Stil als am Anfang, während auf der anderen Seite Formate aus der Zeit vor dem Internet wieder aufleben, so wie zum Beispiel Radio-Dramen.

Ein neues virtuelles Ökosystem entsteht

Die Hinwendung zu digitalem Arbeiten hat ein virtuelles Ökosystem geschaffen, in dem neue Plattformen, Streamingangebote und frei zugängliche Angebote nebeneinander existieren können.

Im März 2020 ist die Plattform Escenix.cl entstanden, die von Schauspielerin Patricia Rivadeneira und Videoproduzent Esteban Larraín geleitet wird. Dort findet man einen Katalog von Arbeiten chilenischer Gruppen, zusammen mit Produktionen wie zum Beispiel Santiago Lozas "Amor de cuarentena" (Quaräne-Liebe), ein Audiotheater über WhatsApp, oder "Relecturas chilenas de Shakespeare" (Chilenische Shakespeare-(Re-)Lektüren). Die Initiative bietet 30 Stücke im Video-on-demand System an, was die Arbeit von Autor*innen unterstützen soll.

Theaterbrief Chile 2021 InformeMujerArde JosefinaPerez uFrau im Netz: In "Informe de una mujer que arde" (Bericht einer Frau in Flammen) sucht Isidora Stevenson die historischen Mechanismen des Patriarchats zu überwinden (Inszenierung: Paula Bravo) © Josefina Pérez

Die Website Teatroamil.tv verfolgt einen ähnlichen Ansatz. Vor der Pandemie fungierte sie als Archiv für Chiles größtes Theaterfestival, das Santiago a Mil International Festival. Im Zuge der Krise wurde sie in einen Onlinekanal umgewandelt, der Premieren, spezielle Programme und neue Arbeiten, die während der Pandemie entwickelt worden sind, zeigt.

Die private Produktionsfirma The Cow Company, die sich vorher auf Projekte zu international anerkannten Werken konzentrierte, hat Living Teatro ins Leben gerufen, eine Serie kurzer Stücke, die über Zoom ausgestrahlt werden. Die Satirestücke sind von der Coronakrise inspiriert und haben bis zum Ende des Frühlings eine aktive Community gewonnen. Manche Onlineshows hatten bis zu 900 Zuschauer*innen.

Vorbereitungen für ein hybrides Produktionssystem

Für die Zukunft sehen viele Analysen und Projektionen vorher, dass hybride Formate zwischen Live- und Digital-Performances an der Tagesordnung sein werden. Theater und andere Veranstaltungsorte in der Hautstadt Santiago de Chile und an anderen Orten bereiten sich schon darauf vor und betrachten sich nicht mehr als ausschließlich in der Gemeinschaft vor Ort verankert. Manche haben versucht, live von der Bühne aus zu übertragen, auch wenn das kostspielige Investitionen in die Übertragungstechnik erfordert hat, um überhaupt Einnahmen zu generieren.

Die Festivals, die im Januar 2021 stattgefunden haben, haben einen ähnlichen Ansatz verfolgt und dafür wohlwollende Reaktionen des digitalen Publikums bekommen: Santiago a Mil hat unter anderem ein Sonderprogramm von Rimini Protokoll gezeigt hat, darunter live die chilenische Erstaufführung von "Uncanny Valley" – in Theatern für nur je 10 Zuschauer*innen. Santiago Off, das Videoaufnahmen lokaler Produktionen im Programm hatte, etwa die Premiere von "Artificial“, einer dystopischen Arbeit von Teatro del Terror (Horrortheater) und des Quilicura Teatro Festival, das bekannt dafür ist, mit Themen von Relevanz für die lokale Community zu arbeiten, und das die Arbeiten von Juan Radrigán aus den 80er Jahren archiviert, welche die Ungleichheiten im ökonomischen System der Pinochet-Diktatur darstellen.

Das Positive am Lockdown war, dass er die Zugangsmöglichkeiten erweitert hat. Inhalte, die bis dato nur einem lokalen Publikum vorbehalten waren, konnten nun im ganzen Land und darüber hinaus gesehen werden. Das bestätigen auch die Zuschauerzahlen der Festivals: Es wird geschätzt, dass sie mehr als 350.000 Zuschauer*innen hatten und weitere Studien bestätigen, dass 40 Prozent der Publikums neu dabei waren. Auch eine Pandemie kann also etwas Gutes hervorbringen: eine breitere und diversere Zuschauerschaft für das Theater.

Szenen für die Nachwelt aus einer von Unsicherheit geformten Zeit

Mitten im beschleunigten Wechsel zu neuen Formaten hat die Theatersaison einige wichtige Arbeiten hervorgebracht, die sich um zwei Schwerpunkte gruppieren.

In dem einen Schwerpunkt verbinden Dramatiker*innen Ansichten von Geschlecht und Eventualität miteinander, so wie Nona Fernández mit "Preguntas frecuentes" (Oft gestellte Fragen) in der Regie von Mariana Muñoz, welches den social outbreak der Pandemie in den Mittelpunkt rückt; Carla Zúñiga konzentriert sich in "Un montón de brujas volando por el cielo" (Ein paar Hexen fliegen über den Himmel, Regie: Manuel Morgados ) auf die soziale Ungleichheit als den bestimmenden Faktor in der Konstruktion der weiblichen Identität; und Isidora Stevenson in "Informe de una mujer que arde" (Bericht einer Frau in Flammen, Regie: Paula Bravo), das die historischen Mechanismen des Patriarchats auseinandernimmt, um sie zu überwinden; und Rodrigo Morales’ "Oleaje" (Wachsen, Regie: Constanza Thümler and Angelo Olivier), ein Stück, das die Identität eines Opfers der Diktatur rekonstruiert.

Theaterbrief Chile 2021 UnMontonDeBrujas Manuel Morgado uBestimmt Ungleichheit ihre Identität? "Un montón de brujas volando por el cielo" (Ein paar Hexen fliegen über den Himmel) von Carla Zúñiga in der Regie von Manuel Morgados © Manuel Morgado

Der zweite Schwerpunkt sind Inszenierungen, die mittels Technologien ein immersives Erlebnis erzeugen. Marco Antonio de la Parras "La familia" (Die Familie, Regie: Luis Ureta), platziert die Zuschauenden mithilfe eines ausgeklügeltes Kamerasystems via Zoom direkt in eine dramatische Situation hinein; "Reminiscencia" (Erinnerung), von Mauricio Vaca Valenzuela benutzt Google Earth, um die Spuren der persönlichen und kollektiven Erinnerung in einer Stadt nachzuverfolgen, die vom social outbreak und der Pandemie in ein Pause versetzt wurde; "Random" (Zufällig) von Gerardo Oettinger und Francisco Krebs nutzt viele verschiedene Online-Formate, wie Zoom-Übertragungen, Podcasts und Videos, um die Zerstörung der Antarktis zu rekonstruieren; La Marías "Night Stories" (Nachtgeschichten) arbeitet mit den Methoden des Thriller-Genres um Fiktion in der Fiktion zu erzeugen.

All das sind Inszenierungen für die Nachwelt, in einer Saison, die von Ratlosigkeit, Anpassung und Unsicherheit geprägt war und die die Arbeit chilenischer Theaterschaffender gewandelt und ihre Beharrlichkeit auf die Probe gestellt hat. Was dabei herausgekommen ist, erzeugt hohe Erwartungen für das Theaterjahr 2021, das gerade erst begonnen hat und im Kern hybrid und wandelhaft sein wird.

 

Theaterbrief Chile 2021 JavierIbacache privat uJavier Ibacache ist Theaterkritiker und arbeitet für das chilenische Kultusministerium. Als Kulturmanager ist er auf Zuschauerprojekte spezialisiert. Als Tanz- und Theaterkritiker hat er für Presse, Radio und Fernsehen gearbeitet. Derzeit ist er Direktor des Programm- und Zuschauerbüros von Chiles Ministerium für Kultur, Kunst und Kulturerbe. Javier Ibacache ist Mitglied des Arts Critics Circle und Direktor der Lateinamerikanischen Edition des Magazins “Conectando Audiencias".

 

Dieser Beitrag entstand in einer Kooperation zwischen dem Internationalen Forschungskolleg "Interweaving Performance Cultures" der Freien Universität Berlin (Redaktion: Clara Molau) und nachtkritik.de. Bislang veröffentlicht ist auch ein Theaterbrief aus Argentinien.

Hier geht es zur englischen Version: Letter from Chile – During the pandemic theater resorted to online formats and devised new platforms

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