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Solange ist die Welt noch in Ordnung?

von Şeyda Kurt

6. April 2021. Vor einigen Wochen in Köln, ich watsche durch die Innenstadt. Mein Blick bleibt an einem Werbeplakat hängen, das an einem Stromverteiler klebt. Darauf prangt der Spruch: "Solange es Bücher gibt, ist die Welt noch in Ordnung", unterschrieben von einer lokalen Kulturinstitution. Noch bevor ich einige Sekunden später an der nächsten Ampel zum Stehen komme, bin ich sauer. Während ich auf das grüne Licht warte, keife ich "Bullshit!" unter meiner FFP2-Maske. Bullshit. Welche Welt soll das sein, die allein dadurch in Ordnung ist, weil Bücher existieren? Und um welche Bücher geht es überhaupt?

Nur einige Hunderte Meter von meiner Ampel entfernt steht eine der größten Buchhandlungen der Stadt. In ihren Regalen finden sich Bücher unzähliger Autor*innen, darunter auch solche von Thilo Sarrazin, Erika Steinbach und anderen (neu)rechten, rassistischen, antisemitischen, anti-feministischen Konsort*innen, die an dieser Welt, die ja eigentlich in Ordnung sein soll, kleben wie vertrocknete Hundescheiße auf dem Kölner Asphalt. Nein, die Welt ist nicht in Ordnung, solange sich Bücher von Sarrazin und Steinbach verkaufen.

NAC Kolumne Seyda Kurt V1Natürlich ist es kein Zufall, dass dieser Kalenderspruch mir gerade in Pandemie-Zeiten begegnet. Und er erinnert mich an die gleichsam endlosen Debatten, die Kulturschaffende seit Beginn der Pandemie führen, Debatten um die eigene Relevanz, Irrelevanz, Systemrelevanz. Gerade weil die Welt vor die Hunde geht, braucht ihr uns doch! Die Literatur! Das Theater! Und ich verstehe die Notwendigkeit dieser Rechtfertigungsdebatten, die letztlich ein oftmals verzweifeltes Flehen um Förder- und Hilfsgelder innerhalb real existierender ökonomischer Zwänge sind.

Doch was kommt nach diesen Debatten?

In dieser Kolumne ging es oftmals um die Repräsentation und neue Visionen von Zärtlichkeit auf den Theaterbühnen. Ich stieß auf meiner Suche zwar nicht auf Repräsentationen im Geiste von Sarrazin, Steinbach und Co., auch weil ich die Stücke, die ich anschaue, mit Bedacht wähle, aber ich weiß, dass das nicht bedeutet, dass sie deshalb nicht existieren. In solchen Theaterhäusern ist sowieso schon mal gar nichts in Ordnung.

Aber ich möchte heute auch einen Schritt weiterdenken: Kann Zärtlichkeit auf Bühnen grundsätzlich existieren, wenn sie nicht auch hinter der Bühne existiert? Zärtlichkeit im Sinne von Solidarität, einem Bekenntnis zu politischer Vielfalt, die geschützt und gefördert werden muss?

Mitte März veröffentlichte die Journalistin Viktoria Morasch in der taz.die tageszeitung eine Recherche mit verheerendem wie auch wenig überraschendem Inhalt: Es ging um Machtmissbrauch an der Berliner Volksbühne durch den nun ehemaligen Intendanten Klaus Dörr, sexualisierte Übergriffe an mutmaßlich mindestens zehn Frauen. Die Recherchen von Morasch legten nahe, dass Ähnliches auch schon an anderen Theatern passiert sein könnte, an denen Klaus Dörr gearbeitet hatte. Und Morasch berichtete auch, dass eine frühere Chefdramaturgin des Maxim Gorki Theaters die Kulturverwaltung vor der Ernennung Klaus Dörrs zum Intendanten der Volksbühne gewarnt hätte. Ernannt wurde er trotzdem.

In derselben Recherche wies Morasch auch auf die Verhältnisse hin, die in Institutionen eine Kultur des unfreiwilligen (Aus-)Schweigens fördern, den Arbeitenden an den Theaterhäusern eine selbstbestimmte Organisation und Verhandlungsposition auf Augenhöhe mit ihren Vorgesetzten erschweren: unbezahlte Praktika, befristete Arbeitsverträge und miese Bezahlung, gerade für Frauen, andere marginalisierte Geschlechter und Menschen, die von Mehrfachdiskriminierung betroffen sind. In den meisten deutschen Theaterhäusern, und auch in denen, die sich als vermeintlich links und progressiv labeln, sind Ressourcen wie Geld, Sicherheit, Macht und Deutungshoheiten so ungerecht verteilt wie im nächstbesten Ausbeuterkonzern.

Die Frage nach Zärtlichkeit auf der Theaterbühne darf sich also nicht nur auf Repräsentationsfragen ausruhen – Wer führt Regie? Wer stellt dar? –, so wesentlich sie auch für dieses Medium sind. Die Frage muss weiter greifen und die Bedingungen des Theatermachens als solche infrage stellen: Wer entscheidet über diese Personalien? Woher kommt die Entscheidungsmacht? Und an welche ungleich verteilten ökonomischen Privilegien ist sie gebunden?

Wie kann es etwa Gleichberechtigung und Diversität im Theater geben, ohne den gleichzeitigen Abbau von institutionellen Hierarchien, die Menschen nicht nur als unterschiedlich, sondern auch ökonomisch als unterschiedlich wertvoll positioniert?
Wie kann das Theater ein Garant für eine demokratische Gesellschaft sein, wenn ihre Intendanz – sofern sie überhaupt nötig ist – nicht demokratisch gewählt ist?

Wie kann das Theater ein Garant für Menschenrechte sein, wenn queere Theatermachende sich zunächst kollektiv in Tageszeitungen outen müssen, um eine Öffentlichkeit für Queerfeindlichkeit am Theater zu schaffen, um Anerkennung und Solidarität von ihren Kolleg*innen und Vorgesetzten zu fordern?

"Ist es uns gelungen, die bereits vor der Pandemie existierenden Systeme zu reflektieren, in denen wir alle agieren und von denen viele von uns profitierten? Haben wir eine kritische und selbstkritische Begegnung mit unseren Zuschauer*innen bezüglich dieser Systeme angestoßen?", fragt die Schriftstellerin und Regisseurin Sivan Ben Yishai in einem Essay über Postpandemisches Theater im lfb-Journal.

Nein, die Welt ist nicht allein dadurch in Ordnung, dass es Theater oder Literatur gibt und weiterhin geben wird (so erfreulich das auch ist). Das Theater kann Impulse liefern, Impulse, die wirklich relevant sind, um die Welt ein wenig mehr in Ordnung zu bringen. Ein zärtliches Theater muss letztendlich ein radikales Theater sein. Ein radikal anti-kapitalistisches, anti-hierarchisches, feministisches, queeres, anti-rassistisches, pluralistisches Theater. Auch und zunächst in den eigenen Strukturen. Dann brauchen wir irgendwann hoffentlich auch keine Kalendersprüche mehr, weder meine noch die von Kulturinstitutionen.

 

Şeyda Kurt ist Autorin und Moderatorin. Sie studierte Philosophie, Romanistik und Kulturjournalismus in Köln, Bordeaux und Berlin. In ihrer Kolumne ❤️topia begibt sie sich auf die Suche nach Utopien der Liebe auf der Bühne: Was erzählt uns das Theater über Zärtlichkeit? Und wo bleiben neue Visionen von Romantik, Freund*innenschaft und Solidarität?

 

Zuletzt schrieb Şeyda Kurt über die Vorstellung von Emanzipation durch romantische Liebe und über Pınar Karabuluts Webserie "Edward II. Die Liebe bin ich".