Kurzer Abend übers Menschsein

von Shirin Sojitrawalla

Hannover/online, 17. April 2021. Der einzige Mensch in diesem menschlichen Kuriositätenkabinett ist Woyzeck selbst: ein Mann aus Blut, Schweiß und Tränen. Sebastian Nakajew spielt ihn mit düsterem Strahlen in den Augen. Zu Beginn rennt er um sein Leben, gegenläufig zur Drehbewegung der Bühne, wie auch sonst? Das bietet sich irgendwie an. Im berührenden Schlussakkord steht Nakajews Woyzeck dann wie erstarrt da. Erschrocken über die Fährnisse seines Lebens, desillusioniert bis ins Mark.

Dunkler Gesamtzusammenhang

So nah wie in den letzten dramatischen Minuten kommt Woyzeck einem sonst nicht. Dazu braucht er niemanden, keine Marie, keinen Andres, keinen Hauptmann, keinen Doktor. Davor tauchen sie alle auf. Der Hauptmann (Sebastian Jakob Doppelbauer) als zackiges Digitalmännchen in glänzenden Hosen und Hemd. Der Doktor (Alban Mondschein) als sich windendes Bürschchen in Faltenrock und Blazer mit unklarer Regieanweisung. Mit den üblichen Dressurakten des Stücks hält sich Lilja Rupprecht nicht auf, gesellschaftliche Unterdrückungsmechanismen kleben bei ihr nicht an einzelnen Figuren, sondern am dunkel vibrierenden Gesamtzusammenhang Mensch.

Woyzeck3 1000 KerstinSchomburg uUnheimliches Zwischenreich: das technoide Setting von Anne Ehrlichs Bühne lotet Existenzschmerzen aus  © Kerstin Schomburg

Folgerichtig interessiert sie sich so richtig nur für die Titelfigur. Die anderen liefern zu, auch wenn zu Anfang die Großmutter (Sabine Orléans) das Sagen hat. Sie erzählt das todtraurige Märchen vom Ungenügen in der Welt, und sie wird es später noch einmal tun. Damit setzt sie einen Ton, einen sehnenden, einen nach Vollkommenheit strebenden, einen, der weiß, dass die Welt nicht rund läuft.

Chimären in Woyzecks Kopf

So wie sich dem Kind, von dem sie erzählt, der Mond als faules Stück Holz entpuppt, so meint Woyzeck nur in Marie (Sabrina Ceesay) die Liebe gefunden zu haben. Fauler Zauber, wie er lernt, als sie sich anderweitig amüsiert. Das deuten die Spielszenen nur an, wer nicht wüsste, was geschieht, käme nicht darauf. Rupprecht erzählt das Stück nicht nach, sondern stellt seine Gefühlswelt aus. Marschierende Klänge und zappelnde Menschen bevölkern die grau schwarze Bühne wie ein unheimliches Zwischenreich. In der Mitte der Drehbühne steht ein Turm, auf dem immer mal wieder vergrößerte Porträts von Marie oder Woyzeck projiziert werden, wie überhaupt irritierende An- und Aussichten dem Abend sein viel versprechendes Gesicht geben.

Filmaufnahmen schieben sich übereinander, schlieren ineinander (Video: Moritz Grewenig). Irgendwo sind Spiegel angebracht, die Blickachsen ins Wanken bringen. Ein fragmentarisches Stück, eine zersplitterte Welt, ein bruchstückhaftes Lebensgefühl. Das passt fast zu gut zusammen. Die Figuren verdoppeln und verdreifachen sich in diesem Spiegelkabinett. Ein besoffener Alptraum entsteht, Menschen torkeln darin wie Marionetten, Chimären in Woyzecks Kopf.

Woyzeck4 1000 KerstinSchomburg uAusgestellte Gefühlswelt: © Kerstin Schomburg

Marie etwa verschwimmt mit seinem Freund Andres, und am Schluss erscheinen vogelscheuchenartige Puppenwesen (Kostüme: Geraldine Arnold), die ein bisschen an Susanne Kennedys Drei Schwestern erinnern und alle möglichen Figuren auf einmal darstellen. Sie fügen sich gut in Rupprechts Vexierspiel mit Trugbildern. In der sentimentalsten Szene des Abends stehen sich Woyzeck, (der in diesem Moment auch der Tambourmajor sein könnte), und Marie (die in diesem Moment auch Andres sein könnte), gegenüber und singen die Trennungs-Hymne Weißes Papier, was sehr schön ist. Zumindest wenn man Element of Crime mal sehr mochte.

Lachen, als würde man weinen

In seiner Liebeswürdigkeit passt der Moment so gar nicht ins sachlich technoide Setting des Abends und fügt sich doch als Kontrapunkt in den bildbewussten Reigen. Der bietet keine Neuinterpretation des Stoffs, sondern lotet die Existenzschmerzen des Stücks aus. Bild, Ton und Schauspiel bindet Rupprecht zu einem kurzen Abend übers Menschsein. Ihr Woyzeck ist ein vernunftbegabtes Vieh, hohläugig, schnaufend, schwitzend, leidend und sich schließlich fortsehnend.

Die letzten Minuten verflucht man das Bildschirmtheater und wünscht sich ins Hannoveraner Schauspielhaus. Dessen Bühne badet zu diesem Zeitpunkt im Lichtblitzgewitter, Woyzecks Synapsen sprühen herrlich discokugelfarbene Signale. Dazu tönt melancholisch sehnende Musik. Als er begreift, wie es um ihn steht, lacht Woyzeck, als würde er lauthals weinen. Kurze schmerzhafte Blacks unterbrechen die Sicht auf ihn. Dunkle Momente, getragen von Sebastian Nakajews Spiel. Wer in seinen Abgrund schaut, den schwindelt echt.

 

Woyzeck
von Georg Büchner
Regie: Lilja Rupprecht, Bühne: Anne Ehrlich, Kostüme: Geraldine Arnold, Musik: Romain Frequency, Video: Moritz Grewenig, Dramaturgie: Nora Khuon Mit: Sabrina Ceesay, Sebastian Jakob Doppelbauer, Alban Mondschein, Sebastian Nakajew, Sabine Orléans.
Online-Premiere am 17. April 2021
Dauer: 1 Stunde und 10 Minuten, keine Pause

www.schauspiel-hannover.de

 

Kritikenrundschau

Lilja Ruprechts Woyzeck sei auch, aber nicht nur abgefilmtes Theater - so Ronald Meyer-Arlt in der Hannoversche Allgemeine Zeitung (online 18.04.21, 16:46 Uhr). Die Inszenierung - "ein eigenes Kunstwerk" - sei ein "kalaidoskopischer Blick auf eine zerrissene Geschichte" und werde damit dem Textfragment gerecht. Die "Überblendungen, Spiegelungen, Parallelaktionen" würden ein Gefühl der Haltlosigkeit bewirken, das eben das Thema der Inszenierung sei. Leise Zweifel meldet der Rezensent an ob des im Kreis herum Rennens des Hauptdarstellers als das Mittel, um Woyzecks Verausgabung darzustellen. Letzendlich findet er aber: Büchners Fragment bestehe aus "wunderbaren Scherben" und "es funkelt immer dunkel und schön, egal wie man die Scherben zusammen setzt."

Stefan Gohlisch in der Neuen Presse  (online 18.04.2021, 16:30 Uhr) findet: "digitaler Livestream als Kopfkino". Ruprecht nehme die Dramenfragmente "radikal persönlich". Über die Körperlichkeit in diesem "analog-digitalen Zauberkasten" erzähle sich die Vereinsamung und Vereinzelung. Sebastian Nakajew als Woyzeck berühre – "ganz zart, leise und verzweifelt kann dieser wuchtige Mann sein" und "man sieht seinem Woyzeck in die Seele". Am Ende will der Rezensent "zuhause am Laptop tosenden Applaus spenden".

Till Briegleb in der Süddeutschen Zeitung (online 20. April 2021, 17:48 Uhr) beklagt: "Rupprecht stopft das multioptionale Videoformat voll mit 16 Bildern auf neun Worte." Den von vieler Munde gelobten Sebastian Nakajew als Woyzeck sieht er als "Schleifenversion eines triebirren Proleten", der hauptsächlich im Kreis rennt und schwitzt. Der Rezensent bedauert, dass Handlungsmotive ausgeblendet wurden und vom Stück vor allem eins übrig geblieben ist: Disco. Die "Glamourwelt" der Inszenierung sehe zwar gut aus - "Aber sie verstärkt in ihrer Effektverliebtheit auch nur Woyzecks Eindruck, auf einer innen hohlen Welt zu stehen."

 

 

 
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