Mit Raubtieren reden

von Sascha Westphal

München / online, 27. April 2021. Michel Decar beschreibt seinen Monolog "Rex Osterwald" nicht nur als "Stück für einen T-Rex". In seinen Regieanweisungen wird er sogar noch deutlicher. "Ein T-Rex ist mindestens 3,70 groß und hat 60 Zähne", heißt es dort. Und an diese Beschreibung soll sich das Theater halten, das diesen Text zur Aufführung bringen möchte. Sonst gäbe es halt keine Aufführung. Das ist natürlich nicht ernst gemeint. Dennoch sollte man die Forderung nicht einfach als Scherz abtun. Sie deutet ein Spiel mit dem Möglichen wie mit dem Unmöglichen an, das einen zu einer tieferen Wahrheit führt.

Der Dino kommt

Ein T-Rex, so wie ihn Decar beschreibt, steht in David Mosers live auf Zoom übertragener Uraufführung selbstverständlich nicht vor der Webcam auf der Probebühne im Obergeschoss des Cuvilliéstheaters. Trotzdem hat sich Moser der Herausforderung, die ihm der Autor stellt, nicht entzogen. Ganz zu Beginn tritt Lukas Rüppel in einem orangefarbenen Plastik-T-Rex-Kostüm auf. Das wirkt zwar nicht gerade besonders furchterregend, aber die beiden Ebenen, mit denen Decar spielt, sind damit von Anfang an etabliert.

4 560 rex osterwald4 c residenztheater Er hat Hunger! © Residenztheater

Rex Osterwald ist kein T-Rex, auch wenn ihn die Zeitungen und seine Konkurrentin, Frau Kolatschny, gerne so nennen. Er ist ein Populist und Politiker mit großen Ambitionen, der in der anstehenden Wahl als Kanzlerkandidat antritt. Also wirbt er auf der Bühne des Theaters, das ihn trotz seiner offensichtlichen Abneigung gegen Künstler eingeladen hat, um Stimmen. Er will das Publikum überzeugen, von sich und seinem Programm. Das ist allerdings eher zweitrangig und natürlich wie bei Politikern seines Schlages üblich eher vage.

Rex spricht zwar viel von Liebe, von seiner Liebe zu allen und zu jedem wie von der Liebe zu Deutschland, die er vehement einfordert. Aber sonderlich liebevoll sind weder seine Worte, aus denen immer wieder blanker Hass auf Frau Kolatschny oder Migranten spricht, noch seine Taten auf der Bühne. Ein T-Rex kann seine Natur, sein Raubtierwesen, eben nur für kurze Zeit überspielen, und so ist es bei dem Politiker Rex Osterwald auch. Was als typische Wahlkampfveranstaltung beginnt, endet in Michel Decars Stück in einem wahren Blutbad, dem nahezu alle Theaterbesucher und das Gebäude selbst zum Opfer fallen.

Saurier passen sich nicht an

Soweit geht die Inszenierung nicht, wie sollte sie auch. Aber wenn Lukas Rüppel schließlich auf dem Weg aus dem Theater hinaus von Rex‘ Amoklauf erzählt und apokalyptische Bilder der Zerstörung heraufbeschwört, ist der Schrecken einer letztlich gezielt aus dem Ruder laufenden Polit-Kampagne überaus präsent. Der eher niedliche Plastik-T-Rex zu Beginn war eben nicht nur eine kleine Verbeugung vor einer Regieanweisung. Das Kostüm spielte auf ein überaus gefährliches Szenario an: Man könnte meinen, Rex Osterwald träte vielleicht wie ein T-Rex auf, aber so schlimm werde es schon nicht kommen. Wäre er erst gewählt und im Amt, dann würde er sich schon an die Gepflogenheiten der demokratischen Politik anpassen. Nur passen sich Männer wie Rex Osterwald oder Donald Trump nicht an. Sie formen die Politik und die Gestalt des Landes nach ihren Vorstellungen.

2 560 rex osterwald lukas ruppel c residenztheater 8Lukas Rüppel als Populist © Residenztheater

Auch wenn Lukas Rüppel im Zoom-Stream nur fünfzehn Zuschauerinnen und Zuschauer hat, die er in kleinen Videokacheln vor sich sieht und ganz direkt anspielen kann, tritt er mit genau der Mischung aus Volksnähe und Überheblichkeit auf, die für Politiker dieses Typus so charakteristisch ist. Es ist offensichtlich, mit welcher Verzweiflung er geliebt werden will und wie er eben diese Liebe zugleich verachtet. Rüppels Lächeln, seine verschämten Entschuldigungen, wenn er mal wieder über die Stränge geschlagen hat, die Sanftheit in seiner Stimme, die von einem Moment auf den anderen einer eisigen Kälte weichen kann, all das ist einem zutiefst vertraut. Man kennt diese Auftritte, nicht nur von Donald Trump, auch von Sebastian Kurz und Emmanuel Macron, von Boris Johnson und Markus Söder. Rüppels Rex inszeniert sich als Volkstribun, als einer, der die Menschen bei sich und ihren Problemen abholt. Ein Kümmerer und Versteher, der in Wahrheit ein Raubtier bleibt.

Nah an der Wirklichkeit dran

Immer wieder winkelt Rüppel die Arme an und deutet mit seinen Fingern Krallen an. Der T-Rex steckt in diesem Mann ohne jede Frage drin. Meist kann er ihn irgendwie kaschieren, aber er zeigt sich doch. Rüppel gelingt es auf grandiose Weise, das Offensichtliche und das Subtile zu verschränken. So können er und David Moser, der den Zoom-Live-Stream geschickt durch vorproduzierte Videos und verräterische Perspektivwechsel auflockert, genau den zwischen Groteske und Schauermär changierenden Ton des Stücks halten.

"Rex Osterwald" ist zum Teil erschreckend nah an unserer aktuellen politischen Wirklichkeit dran. Zugleich wahrt das Stück aber auch eine Distanz, die es zeitlos macht. Denn letztlich ist einer wie Osterwald austauschbar. Viel entscheidender ist die Neigung des Menschen, den T-Rex im Raum zu ignorieren.

 

Rex Osterwald (Uraufführung)
von Michel Decar
Regie: David Moser; Bühne und Kostüme: Lisa Käppler, Rosanna König; Licht: Max Lapper, Georgij Belaga.
Mit: Lukas Rüppel.
Premiere am 27. April 2021
Dauer: 1 Stunde

www.residenztheater.de

 


Kritikenrundschau

Von einer "subtil gesetzten Inszenierung" mit einem "großartig auftrumpfenden" Lukas Rüppel berichtet Ulrike Frick im Münchner Merkur (29.4.2021). "Es macht richtig Spaß dabei zuzusehen, wie Moser und Schnellsprecher Rüppel allmählich das Tempo anziehen und der Monolog sukzessive zur verbalen Maschinengewehrsalve wird", schreibt die Kritikerin. "Der kluge, anfangs so harmlos und launig anmutende Text von Michel Decar hat es in sich, und er beleuchtet die Funktionsweisen von Politik und Macht sehr genau."

"Michel Decar unternimmt den nicht ganz risikolosen Versuch, das auch ganz ohne Dinosaurier schon ziemlich wahnsinnige Wahlkampf-Getue ins Unerträgliche zu steigern, das uns ja schon mit den verlogenen Kür-Vorgängen bei Grün und Schwarz gehörig auf die Nerven ging“, schreibt Michael Laages für die Deutsche Bühne (online 28.4.2021) über Michel Decars "fröhlich-finsteres Wahlkampf-Massaker". "Zum Problem des Textes allerdings wird der von Beginn an immer wieder deutlich spürbare Wahnsinn in Herrn Osterwalds Wahlkampf-Show. Wirklich ernst zu nehmen ist der Dinosaurier immer nur für Augenblicke, im Ganzen aber leider nie." An der Regie überzeugen den Kritiker "die irrlichternden Überblendungen in eine Art Regie-Raum, von wo aus Osterwalds Auftritt gesteuert wird".

Für Sven Ricklefs vom Bayerischen Rundfunk BR|24 (28.4.2021) ist dieser Politdarsteller Rex Osterwald "verbal nicht nur ziemlich zahnlos, sondern nicht einmal als Politikerkarikatur sonderlich beeindruckend". Lukas Rüppel bemühe sich "sichtbar herzhaft darum, diesem T-Rex etwas von dem bedrohlich-smarten Image zu verleihen, das sich Michel Decar als Autor wohl in diese Figur gedacht hat. Und auch der junge Regisseur David Moser hat sich sichtbar angestrengt, dieser Uraufführung im Zoomformat den nötigen Drive zu verleihen. Auch wenn dies gelungen ist, hätte man sich gerade von einem Autor wie Michel Decar gerade im deutschen Superwahljahr in Sachen Politiker mehr erwartet."

Decars Stück "kennt keine Schüchternheit und keine Gnade", schreibt Sabine Busch-Frank im Donaukurier (29.4.2021). Lukas Rüppel forme die Rolle des rechtslastigen Politikers "lustvoll aus". Doch im Ganzen bleibe die Zoom-Inszenierung "kühl und oberflächenverliebt, überholt sich selbst mit rasanten Szenenwechseln, Einspielungen, vorgespuhlten Interviews und Parallelspielorten."

"Unter normalen Umständen würde man sagen, dass dem Autor Michel Decar eine amüsante, wenn auch nicht weltbewegende Wahlkampfsatire gelungen ist", schreibt Alexander Altmann in der Bayerischen Staatszeitung (30.4.2021). "In der aktuellen Situation hingegen wirkt sie seltsam anachronistisch, aber gerade darum erhellend (…). Denn sie ist das Relikt aus einer Zeit, als es ganz selbstverständlich war, Politiker für aalglatte Laienschauspieler zu halten". Heute aber mache man sich mit Zweifeln an den "wackeren Kandidat*innen aller Couleur" "nachgerade verdächtig", so der Kritiker. Und so bekomme dieses Solo "den richtigen Drall ins Unheimliche, Beklemmende, der aus der bloßen Parodie die Perversion herausleuchten lässt".

 
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