Neues aus der frankophonen Welt

von Anke Schaefer

Saarbrücken, 25. Oktober 2008. Drei Frauen vor einem Haus im Maisfeld: Die eiskalte Mutter, die verschüchterte Ehefrau und die von Schuldgefühlen gezeichnete Ex-Ehefrau des Mannes, der niemals auftritt und um den sich doch alles dreht. Er ist da drin, dieser Mann, im Haus, mit den Kindern, und weigert sich herauszukommen, um seine Mutter zu sehen.

Es ist heiß, denn es ist der 14. Juli, Nationalfeiertag in Frankreich. Am Abend wird es ein Feuerwerk geben. Bis dahin haben diese Frauen Zeit, eine dunkle Familiengeschichte vor uns auszubreiten, in der Angst und Tod umgehen, in der eine egozentrische und nur auf den äußeren Schein bedachte Mutter einen grundgrausamen Sohn geschaffen hat. So etwa könnte man das Stück "Les Serpents", also "Die Schlangen" von Marie NDiaye zusammenfassen, mit dem das Festival "Primeurs" am Donnerstag in Saarbrücken eröffnet wurde.

Auf der Bühne der Alten Feuerwache (der kleineren Spielstätte des Saarländischen Staatstheaters) standen in der Dunkelheit lediglich die Pulte für die drei Schauspielerinnen (Kornelia Boje, Liv-Juliane Barine, Joana Schümer), links davon saß mit ihrem Reisigbündel und den Spielzeugautos die französische Geräuschemacherin Sophie Bissantz und rechts mit der Klarinette der Musiker Wollie Kaiser.

Neue französische Dramatik, auch aus Togo und Kanada

Die Eröffnung von "Primeurs" wurde nämlich auch dieses Jahr wieder mit einem Live-Hörspiel begangen, produziert von SR 2 Kulturradio, das für die Regie Marguerite Gateau von France Culture aus Paris engagiert hat. Im obligaten Publikumsgespräch, das nach jeder Festival-Aufführung stattfindet, sagte sie, sie habe es bislang immer abgelehnt, Stücke von der in Frankreich sehr bekannten Marie NDiaye zu inszenieren: "Die sind mir einfach zu grausam!" Doch trotz Berührungsangst ist es Marguerite Gateau in ihrer Interpretation der "Schlangen" gelungen, genau diese subtile Grausamkeit herauszuarbeiten: Faszinierend, wie Lesepulte und Reisigbündel plötzlich zu verschwinden schienen und vor dem inneren Auge das Maisfeld, die Szenerie in der drückenden Juli-Hitze entstand.

Und genau das will "Primeurs" leisten: Mit wenig Mitteln neue französische Dramatik auf die Bühne bringen. Neben dem Livehörspiel stehen fünf Werkstattinszenierungen auf dem Programm – alles Stücke junger, französisch schreibender Autoren. Kamen sie letztes Jahr noch alle aus Frankreich, so setzen die Festivalmacher diesmal auch auf solche aus der frankophonen Welt.

Drei der Autoren leben in Kanada: Der im Libanon geborene Wajdi Mouawad, Daniel Danis und David Paquet. Gustave Akakpo kommt aus Togo, Marie NDiaye ist in Frankreich aufgewachsen, hat aber einen senegalesischen Vater. David Lescot ist der einzige, der in diesem Reigen "nur" aus Frankreich stammt. Alle diese Autoren sind in der frankophonen Welt längst bekannt, haben Preise gewonnen, und einige ihrer Stücke sind auch schon ins Deutsche übersetzt und hier gezeigt worden.

Grenzüberschreitende Lernprozesse

Nicht aber diejenigen, die das Festival "Primeurs" zeigt. Da nämlich lauten die Auswahlkriterien für die Programmauswahl: Erstens dürfen die Texte in Deutschland noch auf keine Bühne gebracht worden sein. Zweitens müssen sie allen vier Partnern, die dieses Festival gemeinsam veranstalten, gleich gut gefallen.

Gerade der letzte Punkt hat den Beteiligten im vergangenen Jahr, als "Primeurs" zum ersten Mal stattfand, einiges Kopfzerbrechen bereitet. Denn es arbeiten hier zusammen: Das Saarländische Staatstheater, das Institut Francais, SR 2 Kulturradio und das Nationaltheater Le Carreau, das seinen Sitz im lothringischen Forbach hat.

Und da wird dann in der grenzüberschreitenden Kommunikation klar, so sagt Holger Schröder, Dramaturg am Saarländischen Staatstheater, wie unterschiedlich man an Theater herangehen kann: "Wir befinden uns in einem Lernprozess. Wir merken, dass wir die gleichen Stücke unterschiedlich beschreiben, dass wir uns im ersten Moment völlig unterschiedliche szenische Umsetzungen vorstellen."

Als "Primeurs" im letzten Jahr zum Beispiel "Die außerordentliche Ruhe der Dinge" ("L'extraordinaire tranquilité des choses") vom Autorenkollektiv Lamelin/Levey/Malone/Simonot auf die Bühne brachte, das von den Unruhen in den Pariser Vorstädten erzählt, da seien die Kollegen von Le Carreau doch sehr erstaunt gewesen, dass die vom Saarländischen Staatstheater bestellte Regisseurin Antje Thoms keinen Großstadtjungle auf der Bühne anklingen ließ, sondern eher ein abstrakt-statisches Bild wählte.

Dieses Jahr aber, das sagt auch Frédéric Simon, der Leiter von Le Carreau, sei man da schon viel weiter: "Wir haben uns ein Jahr lang jeden Monat getroffen, und jetzt kennen wir uns so gut, dass wir schon im Voraus wissen, was wer wahrscheinlich gut finden wird!" Wer "Primeurs" in diesem Jahr besucht, der ist mit den Stücken von sechs Autoren konfrontiert, die alle mehr oder weniger deutlich die Fragen stellen: "Wo stehen wir in dieser globalen, von Konflikten heimgesuchten Welt? Wie finden wir unseren Weg?".

Unbekannte, fremde Welten

Wajdi Mouawad und Gustave Akakpo schicken ihre Protagonisten auf die Spuren der eigenen Biografie, die unbekannte, fremde Welten in sich birgt. Von Mouawad zeigt das Festival "Küste - Littoral" den ersten Teil einer geplanten Tetralogie. Deren zweiter Teil, "Verbrennungen", der in Deutschland schon mehrfach zu sehen war, machte den Libanesen auch hierzulande bekannt. "Küste" (wofür er 2005 den renommierten Französischen Theaterpreis "Molière" als bester frankophoner Autor bekam) ist in Deutschland neu. Gustave Akakpo bekam jetzt in Saarbrücken den auf dem Festival erstmals vergebenen (und vom Saarländischen Staatstheater und dem SR mit 2000,- Euro dotierten) "Primeurs"-Publikumspreis für sein Stück "Die Aleppo-Beule – Habbat Alep".

Ganz anders: David Lescot. Der zeichnet in "Nos Occupations" ein Psychogramm derer, die sich bedroht fühlen, sich daher in einer Gruppe zusammenschließen, Widerstand leisten und, weil sie darin den Lebenssinn finden, es am Ende schwer haben, mit der Freiheit umzugehen. Pures Text-Gewitter, eher dröge, zumindest in der Festivallesung der Compagnie "Les Piétons de la Place des Fêtes" (Production Le Carreau). Menschen im Spannungsfeld zwischen Nähe und Distanz in einer kalten Welten zeigen auch Daniel Danis ("Kiwi") und David Paquet in ("Stachelschweine - Porc - Épic").

Wer alle drei Theaterabende von "Primeurs" besucht, wird am Ende wohl kaum von sich behaupten können, er wisse jetzt, wo die frankophone Gegenwartsdramatik als "Ganzes" steht. Er bekommt aber einen Einblick, wie unterschiedlich Stücke geschrieben, gebaut, gedacht werden, die sich doch letztlich immer mit der einen großen Frage nach dem Sinn beschäftigen.

Obwohl im einzelnen spannend, muss sich "Primeurs" das breite Publikum dennoch erst erobern. Es wird bislang vor allem von Studenten und Theaterleuten besucht, obwohl es keine Sprachbarriere gibt: In diesem Jahr sind, mit einer Ausnahme, alle Texte ins Deutsche übersetzt.

Erweiterte Plattform

Doch hat das Festival bereits jetzt schon kulturpolitische Bedeutung. Das Saarland und gerade die Landeshauptstadt Saarbrücken präsentieren sich oft als sehr Frankreich-nah, sind es aber in Wirklichkeit gar nicht so sehr. Französische Gegenwartsdramatik kommt selten vor im Spielplan des Staatstheaters. Sie hatte ihren gesicherten Platz bislang nur einmal im Jahr im Sommer auf dem Deutsch-Französischen Theaterfestival "Perspectives".

Das wird gemeinsam vom Saarland, der Stadt Saarbrücken und dem Département Moselle getragen, stand oft auf der Kippe, ist aber glücklicherweise immer wieder gerettet worden. Gerade in den letzten beiden Jahren konnte es unter der Leitung von Sylvie Hamard neues Publikum und Renommee gewinnen.

Aber "Perspectives" ist den schon etablierten Regisseuren und Stücken vorbehalten, zeigt Produktionen, die andernorts bereits mit Lorbeeren bedacht wurden. Insofern ergänzt und bereichert das neue Festival "Primeurs" die Szenerie und hätte das Potential, sich zu einer echten deutsch-französischen Theaterplattform zu entwickeln.

 

Primeurs
Festival Französischer Gegenwartsdramatik
23.-26. Oktober 2008

www.saarlaendisches-staatstheater.de


Mehr lesen? Gustave Akakpo, 1974 in Togo geboren, hat im Rahmen von Primeurs den Autorenpreis gewonnen.

 
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