Das Erhabene und das Elende

von Andrea Heinz

Landestheater Linz / ORF, 30. April, 2021. So ein Nestroy geht in Österreich immer. Nicht unbedingt einen der am häufigsten gespielten hat sich Georg Schmiedleitner für seine Inszenierung am Landestheater Linz gewählt, die im Rahmen der ORF-Reihe "Wir spielen für Österreich" ihre TV-Premiere hatte: "Der Böse Geist Lumpazivagabundus oder das liederliche Kleeblatt". Eine Zauberposse, vordergründig zumindest, mit hartem Zug ins Realistische, fast schon Brutale, mit einem kleinen Schuss Besserungsmoral, die aber gleich wieder ironisch abgeräumt wird.

Im Reich des Feenkönigs (sowas wie dem Olymp des Wiener Biedermeiers) entbrennt Streit: Lumpazivagabundus, der böse Geist, verführt die Jugend, sein Name sagt es ja schon, zum Lumpen, Vagabundieren und wahrscheinlich auch zum Herumhuren, auch wenn man das nicht so deutlich sagen kann. Fortuna, die Glücksfee, und Amorosa, Beschützerin der wahren Liebe, kriegen sich darob in die Haare, welche von ihnen mit ihrer Macht jene des Lumpazi brechen kann, ausbaden müssen es (da stehen die Wiener Feen und Zauberer den antiken Göttern nichts nach) die Menschen. Drei jungen, vagabundierenden Handwerksburschen, dem versoffenen Knieriem, dem liebeskranken Leim und dem Hallodri Zwirn schanzt Fortuna das große Los zu und schaut, wie man heute sagen würde, was das mit den Männern macht. Nichts Gutes.

                               Theresa Palfi als böser Geist verleitet die Handwerksburschen zum, nunja, saufen. © Herwig Prammer
Schmiedleitners hysterische Inszenierung spielt vor allem das Possenhafte, Humoreske aus, es wird viel gekreischt, die Feen tragen Bonbonfarbe, Rüschen und Gold, die irdischen Handwerksburschen sind im zeitgenössischen Sandler-Look unterwegs (Kostüme: Cornelia Kraske).

Grandios abgerissen

Es ist keine klare Aktualisierung oder überhaupt eine Anbindung an eine konkrete Realität, was nur Sinn macht, lebt der Text doch vom Parabelhaften – und müsste man mit eindeutig schweren Alkoholikern wie dem Knieriem, der sich in einer Szene, in der er zwecks Dingfestmachung in einen Teppich gewickelt wurde, mit letzter Kraft zu einer Flasche Hochprozentigem robbt, sie mit dem Mund zu fassen bekommt und sich, auf den Rücken gedreht, den kompletten Inhalt in den Mund laufen lässt, sonst anders umgehen. Das wird alles zwar durchaus realistisch, aber eher komödiantisch als ernsthaft angegangen (und von Julian Sigl grandios verwaschen und abgerissen gespielt – da kann sich so manch outrierender Burgschauspieler noch was abschauen).

                               Theresa Palfi als Lumpazivagabundus à la Marilyn Manson/ Faust © Herwig Prammer

Die Inszenierung hat aber auch Inkonsistenzen, etwa, wenn der mittlerweile geläuterte und (scheinbar) glücklich verheiratete Leim (Daniel Klausner) plötzlich als Sebastian Kurz-Lookalike daherkommt. Es ist eine grandiose Szene, wenn er seinen nach wie vor verlotterten Kumpanen wutentbrannt die neoliberalen Leviten liest, aber es ist eben auch ein Bruch. Durchaus stimmig dagegen das aktualisierte "Kometenlied“, das Knieriem gegen Ende anstimmt, und in dem etwa die Verschwörungstheorie mit den Echsenmenschen Thema ist. Arrangiert hat die Musik Joachim Werner, der auch live am Klavier sitzt.

Spiel mit Schmäh

Die Stärke der Inszenierung sind ganz sicher ihre Schauspieler*innen: Der schon erwähnte Julian Sigl, aber auch Daniel Klausner als Leim und Jan Nikolaus Cerha als Zwirn, die den präpotenten Wiener Schmäh (im Fall von Klausner mit tirolerischen Einschlägen) grandios draufhaben und denen beim Schlagabtausch zuzuschauen eine Freude ist. An dieser Stelle muss man natürlich auch endlich zu Titelfigur kommen, die Theresa Palfi mit Marilyn-Manson-artigem Make-up (das für die Nahaufnahme leider eher ungeeignet ist) als "Lumpazivaginabundus" spielt. Wie sie einem vampirischen Faust gleich in engen schwarzen Hosen und weißer Bluse mit Rüschenplastron auf der Bühne herumschleicht, ist schon für sich eine Schau. Sie gibt ihrer Figur etwas schillerndes, leise verschlagenes, das auch bei ihren anderen Figuren (sie spielt, wie alle außer den drei Handwerksburschen, mehrere Rollen) hindurchschimmert.

                               Harald B. Thors Bühnenbild trasformierend zwischen Tresen und Feenhimmel © Herwig Prammer
Unbedingt erwähnenswert ist auch die Bühne von Harald B. Thor, die in ihrer Schlichtheit und Wandelbarkeit genial ist: An einer Stange in der Mitte der Bühne ist ein rundes Plateau montiert, darauf als separates Element ein runder Tresen. Das ganze lässt sich hinauf Richtung Schnürboden schieben und zum Feenhimmel umfunktionieren, von dem in der Anfangsszene die Feen und Zauberer herunterhängen. Am Boden angekommen und zusammenmontiert werden die beiden Elemente zur Bar des Wirtshauses, in dem die Handwerksburschen zusammenkommen. So schön und einfach kann man das zeigen, dass das Erhabene und das Elende natürlich auch eine Schnittmenge haben.

Der böse Geist "Streaming"

Nicht zuletzt hier wird aber auch deutlich, dass diese Inszenierung klarerweise nicht fürs Fernsehen gemacht ist, sondern für eine Bühne: Am Bildschirm lässt sich die Atmosphäre, die Wirkung, die diese Szenerie in Wahrheit wohl haben muss, kaum erfassen. Auch die oft wuseligen, vollen Massenszenen wirken am Schirm nicht.  Es fehlt, ein Grundproblem beim Stream-Theater freilich, die Möglichkeit zu fokussieren. Die Bildregie (André Turnheim) tut ihr Bestes, kann aber auch nicht ganz vermeiden, dass manches verschwörerische Zwinkern über den Bühnenrand in die falsche Kamera geht. Insofern ist diese TV-Ausstrahlung vor allem eines: Grund, am 9. Juni ins Linzer Schauspielhaus zu fahren und sich dort die "richtige" Premiere dieses "Lumpazivagabundus" anzuschauen.

 

Der Böse Geist Lumpazivagabundus oder das liederliche Kleeblatt
von Johann Nestroy
Regie: Georg Schmiedleitner, Bühne: Harald B. Thor, Kostüme: Cornelia Kraske, Musik: Joachim Werner, Dramaturgie: Franz Huber.
Mit: Lutz Zeidler, Angela Waidmann, Lorena Emmi Mayer, Eva-Maria Aichner, Horst Heiss, Jakob Kajetan Hofbauer, Theresa Palfi, Daniel Klausner, Jan Nikolaus Cerha, Julian Sigl, Sophie Kirsch, Lukas Franke.
TV-Premiere am 30. April 2021
Dauer: 1 Stunde 55 Minuten, keine Pause

www.landestheater-linz.at

 

Kritikenrundschau

Im Standard rezensiert Margarete Affenzeller (

Georg Schmiedleitner hat Nestroys Stück "beherzt ins Heute übertragen, ohne auf die Treffsicherheit Nestroys zu vergessen – zumindest in den stärkeren Passagen", schreibt Norbert Mayer von der Presse (3.5.2021). "Allerdings fehlt die falsche Gemütlichkeit, die sich auch in der Musik ausdrückt. Von den Gesellen wird in Dialekten gesprochen, zu orten irgendwo zwischen Wels und Wien. Hart und kalt ist diese Welt."

Als "durchaus gelungen" bezeichnet Werner Rohrhofer vom Oberösterreichischen Volksblatt (3.5.2021) diese Ausstrahlung des Linzer "Lumpazivagabundus", der ein "stellenweise furioses, turbulentes Bühnenereignis" biete. Eingefleischten Nestroy-Fans werde ein "gerüttelt Maß an Toleranz abverlangt", denn es geht mitunter "zeitgeistig heutig" zu, gerade auch in der Figur des Lumpazivagabundus, die "als Mix aus Vamp und weiblichem Dämon" angelegt sei. "Erst allmählich – und das mag die Traditionalisten unter den Theaterfreunden trösten — setzt sich Autor Nestroy gegen Regisseur Schmiedleitner durch, vor allem auch im sprachlichen Duktus und Witz."

Auch Helmut Atteneder von den Oberösterreichischen Nachrichten (3.5.2021) zeigt sich im Ganzen angetan, insbesondere von der Musik und einzelnen darstellerischen Leistungen. "Es gibt in dieser Produktion ein paar bemerkenswerte Ausreißer nach oben. Theresa Palfi glänzt als weibliche Lumpazi, sie spielt bedeutungsschwanger und gekonnt mit den Kameras und begeistert mit ihrer lasziv-verstörerischen Interpretation von David Bowies 'Lazarus'. Die Rolle hat etwas von diabolischer Showmasterei, wobei im Laufe des Stücks fast zu viel Teuflichkeit mitschwingt."

 

 
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