Jenseits von Identität

von Wolfgang Behrens

11. Mai 2021. Wenn man sich auf der Streaming-Seite von Disney+ herumtreibt, wird man in gar nicht so wenigen Fällen vor dem eigenen Angebot des Konzerns gewarnt. In Bezug auf bestimmte Figurendarstellungen, etwa in Trickfilmen wie "Dumbo", "Aristocats" oder "Dschungelbuch", heißt es dann: "These stereotypes were wrong then and are wrong now." "Diese Stereotype waren damals falsch und sind es noch heute."

Ja, stimmt wohl! Oder stimmt vielleicht. Ob so liebenswerte Darstellungen wie die einer Katzen-Jazzband in den "Aristocats" schon gleich grundverkehrt sind, nur weil ein paar Stereotype bedient werden – darüber kann zumindest diskutiert werden. Aber schon mit der Diskussion ist es ja so eine Sache. Denn wer wann wo wie etwas sagen darf, das ist längst selbst Gegenstand einer erbitterten Diskussion.

Utopische Idee

Wer Diskussionen wie führen darf, das hat auf nachtkritik.de eine lange Geschichte. Und natürlich gab es Entwicklungen: ein immer zupackenderes Gatekeeping, sichtbarere Moderation, das Bemühen um Etikette und Sachlichkeit, das vorbehaltsreiche Ringen um Ausschlusskriterien (vielleicht – ich möchte es glauben – hat dieser mitunter quälende Prozess dazu geführt, dass das Diskussionsklima auf Nachtkritik im Ganzen doch weniger rau ist als in anderen sozialen Medien). Aber von all dem möchte ich nicht erzählen. Sondern von der utopischen Gründungsidee des maskierten oder anonymisierten Sprechens.

Als ich noch ein Kritiker war und nachtkritik in den Startlöchern stand, da war ein Credo der Erfinder*innen dieser Seite, dass die Diskussion über Theater offener werden müsse. Die Kritik dürfe keine Einbahnstraße sein, es müsse Gegenrede geben, und die dürfe auch aus dem Inneren der Theater, also von den unmittelbar Kritisierten kommen.

Für das gute Argument

Nicht zuletzt deswegen entschied man damals, dass die Kommentarfunktion anonym nutzbar sein solle. Um die Sache müsse es gehen und nicht um die Leute, die ihre Meinungen kundtun. Ein gutes Argument bleibe ein gutes Argument, egal, von wem es geäußert werde.

kolumne 2p behrensUnd zugleich wollte man diejenigen schützen, die vielleicht aus dem Theater heraus kritisch über ihr eigenes Theater schreiben – oder über Produktionen, an denen sie selbst beteiligt waren. Nicht, dass am nächsten Tag die Intendantin oder der Regisseur auf der Matte steht mit der Anrede: "Sieh mal her, Andrea*s, das hast Du gestern bei nachtkritik gepostet, also das war's jetzt für Dich. Wiedersehen!"

Die Sache gestaltete sich indes komplizierter. Zuerst einmal musste sichergestellt werden, dass jemand, der unter einem prominenten Klarnamen kommentierte auch wirklich die- oder derjenige war. Denn irgendwie verlieh ja der Klarname einem Statement doch ein anderes Gewicht. Warum eigentlich? Kam es nicht mehr ausschließlich auf das Argument an? Nun ja, es stellte sich heraus, dass – wenn es nicht gerade um Mathematik geht – die Perspektive ein Teil des Arguments ist. Wenn eine Regisseurin sagt: "Ich habe das aber so gemeint", dann kann das eben niemand Anderes so für sie schreiben.

Klarnamen kann man abprüfen, Funktionen oder anonyme Selbstzuschreibungen indes nicht. Wenn jemand unter dem Nickname "dramaturgin", "Inspizient" oder "Alte weiße Frau" postet, dann kann man die Perspektive, aus der dadurch zu schreiben behauptet wird, glauben oder nicht. Tatsächlich aber maßen sich die Schreibenden so einen bestimmten Erfahrungshorizont an. "Regieassistent" scheint "Zuschauerin", was interne Theatervorgänge betrifft, klar überlegen zu sein.

Alles aber, was an eigener Erfahrung in die Argumente einfließt, macht deren Glaubwürdigkeit abhängig von der tatsächlichen Sprecher*innenposition. "Ich habe an vier Theatern gearbeitet und nur tolle männliche Intendanten erlebt" ist eine Aussage, die erst interessant wird, wenn sie jemand tätigt, der nachweislich an vier Theatern mit männlichen Intendanten gearbeitet hat. Wenn ein solcher Kommentar anonym von der Pressesprecherin eines Intendanten gepostet wird, der gerade wegen Machtmissbrauchs in der Diskussion steht, fällt das Argument in sich zusammen.

War es also damals falsch und ist es noch heute, auf anonyme Kommentare zu setzen? Um ehrlich zu sein: Ich weiß es nicht.

Identitätspolitische Kehrseite

Theaterleute zu schützen, die sich außerhalb der Hierarchie äußern wollen, halte ich nach wie vor für richtig. Und eine weitere Kehrseite der Medaille ist die identitätspolitische. Wenn ich ein Argument vorbringe, kann es tatsächlich einen riesigen Unterschied machen, ob ich ein weißer Mann bin. Oder eine muslimische Frau. Oder eine Trans*person. Oder ein grüner Politiker. Oder eine lesbische AfD-Politikerin. Oder ein schwarzer Schauspieler. Vielleicht aber möchte ich ja, dass einmal nur mein Argument gehört wird und nicht gleich jemand sagt: "Ah, das sagt er ja nur, weil er ein weißer heterosexueller westdeutscher Dramaturg ist, der früher einmal ein Kritiker war und nun sehen muss, wo er bleibt. Und so einer darf zu Stereotypen-Darstellungen in Disney-Filmen eigentlich nichts sagen. Gar nichts."

Vielleicht ist ja mein Restglauben an einen alle Identitäten hinter sich lassenden universalistischen Dialog auch einfach nur hemmungslos naiv?

Ich weiß es wirklich nicht.

 

Wolfgang Behrens, Jahrgang 1970, ist seit der Spielzeit 2017/18 Dramaturg am Staatstheater Wiesbaden. Zuvor war er Redakteur bei nachtkritik.de. Er studierte Musikwissenschaft, Philosophie und Mathematik in Berlin. Für seine Kolumne "Als ich noch ein Kritiker war" wühlt er unter anderem in seinem reichen Theateranekdotenschatz.

 

In seiner vorherigen Kolumne erklärte Wolfgang Behrens, was die Impfkampagne vom Theater lernen kann.

 

Kommentare

Kommentare  
#1 Kolumne Behrens: undogmatische MitteThorsten Weckherlin 2021-05-11 17:06
Wolfgang Behrens: "Vielleicht ist ja mein Restglauben an einen alle Identitäten hinter sich lassenden universalistischen Dialog auch einfach nur hemmungslos naiv?" - Ja, leider! Völlig naiv. Aber dieser Restglaube ist absolut richtig. (Obwohl: kann Glaube richtig sein?)
Ständig tun wir das "Richtige", indem wir für die "richtige Gesinnung" eintreten, und bewirken damit nur immer wieder das Falsche: die Stärkung der Ränder auf Kosten einer undogmatischen Mitte und eben eines universalistischen Dialogs, wo sich im Selbstverständnis der Demokratie alle Meinungen treffen und ins Benehmen setzen sollten. Vom Verlust der Umgangsformen will ich gar nicht sprechen. Historiker würden jetzt sagen, in Wellenbewegungen kommt halt so was auf uns zu, geht aber auch wieder weg. Hoffen wir mal!
#2 Kolumne Behrens: WeiterträumenEin Universalist 2021-05-11 18:50
Der einzige valide universalistische Gedanke ist, dass es keinen universalistischen (in ihrem Sinne: identitätsunabhängigen) Gedanken gibt: Den können Sie gerne äußern, den wird niemand Ihnen oder Disney vorhalten.
Abgesehen davon frage ich mich und Sie, was genau Sie beweinen, wenn Sie Ihre Kritikerinnen wie folgt zitieren "Ah, das sagt er ja nur, weil er ein weißer heterosexueller westdeutscher Dramaturg ist, der früher einmal ein Kritiker war und nun sehen muss, wo er bleibt."

"Muss sehen, wo er bleibt"? Sie sind Dramaturg in Wiesbaden und veröffentlichen monatlich auf Nachtkritik. Ja, wo genau bleibt er da, er, der da sehen muss, wo er bleibt? In einer viel gehörten Sprecherposition...mindestens!
Das, was Sie beklagen - "Denn wer wann wo wie etwas sagen darf, das ist längst selbst Gegenstand einer erbitterten Diskussion." - nennt sich Kritik. Kritik an Ihrer Sprecherposition und ihrem Unwillen, diese zu reflektieren und markiert zu sehen als das, was sie nun mal ist - ein Zeugnis von einem privilegierten Standpunkt. Sie können es sich leisten, den Universalismus zurück zu verlangen, weil Sie einer gesellschaftlichen Gruppe angehören, die diesen für sich beanspruchen durfte über Jahrtausende - auf Kosten der Markiertheit und Entvalidierung anderer Sprechpositionen!

Von einem Universalisten zum anderen, möchte ich Sie naivst bitten, in sich zu gehen und sich zu fragen: Ist ihre universalistische Kritik an der Identitätspolitik wirklich ganz und gar befreit davon, dass die von Ihnen besetzte, privilegierte Position nun erstmals in eine medial-globale Kritik gerät und sie das stört, weil es natürlich angenehmer ist, Neutralität und Alllgemeingültigkeit für die Perspektive zu beanspruchen? Dass Ihre Grunde, sich an der strukturellen Kritik zu stören eben nicht total universalistisch neutral sind - sondern schlicht und ergreifend dieselben Gründe, aus denen alle Menschen sich nicht gern kritisieren lassen - es piekst, es macht keinen Spaß.

Und - finden Sie nicht, bevor Sie sich für sich selber den Meinungsuniversalismus erbitten, sollte dies erst mal Personen zugestanden werden, deren Position noch nie in der Historie als "universell" gelten durfte?
Und da Sie bei Disney-Kartoons "liebevolle" Stereotypen-Darstellungen ja eigenen Worten nach legitim finden, darf man doch auch erwarten, dass Sie es goutieren, wenn man Sie und ihre Meinungen dem stereotyp "hyperpreviligiert" zuordnet!
Gleiches Recht für alle Aristocats...
Hochachtungsvoll, Ihr Universalist
#3 Kolumne Behrens: Universalismus-ParadoxWolfgang Behrens 2021-05-12 10:34
@Universalist
Sie legen den Finger genau in die Wunde. Mir ist schon klar, dass die Sehnsucht nach einem unmarkierten Sprechen für mich gewissermaßen eine neue Erfahrung ist - da ich lange von einer Mehrheitsgesellschaft in dem privilegierten Gefühl belassen wurde, unmarkiert zu sein. Und mir ist klar, dass Menschen, die eh und je markiert gesprochen haben, ein solches Gefühl nie gekannt haben.

Ich sehe es als historisches Dilemma, dass ausgerechnet Gesellschaften, die Ideen wie die Aufklärung und den Universalismus entwickelt haben, unendliches Leid über die Welt gebracht haben. Ich halte diese Ideen noch immer für hochhaltenswert, aber das Unrecht, das in ihrem Namen ausgeübt wurde, hat sie - wahrscheinlich unwiderruflich - kontaminiert.

Ich sehe aber auch nicht, dass wir aus diesem Dilemma aussteigen können, indem wir Identitätspolitiken betreiben. Oder nur dann, wenn im Grunde das Ziel wieder ein universalistisches ist - denn ansonsten treibt man den Keil zwischen verschieden markierten Gruppen nur immer tiefer. Wenn man bestimmte Gruppen von bestimmten Diskursen per se auszuschließen sucht, gibt es keine Möglichkeit mehr zum Dialog. Diesen Dialog aber, die demokratische Aushandlung unseres Miteinanders, erachte ich für so ungemein wichtig für alle Seiten, dass - - - ich mich nach unmarkiertem Sprechen sehne. Dass die Argumente gehört werden und nicht erst einmal gegooglet wird, ob dieser Mensch vielleicht Verbindungen zur Querdenker*innenszene hat oder homosexuell ist oder jüdisch oder chinesisch. Und danach das Argument vielleicht gar nicht mehr zur Kenntnis nimmt. Aber da beißt sich die Katze in den Schwanz, weil ich ja konzediere, dass es natürlich qua unterschiedlichen Erfahrungshorizonten einen Unterschied macht, wer spricht.

Letztlich glaube ich, dass man sich eine Art naiven Glauben an den Universalismus bewahren muss, damit die Dinge in Bewegung, im Dialog bleiben können. Dass man sich aber auf diesem naiven Glauben nicht naiv ausruhen darf.
#4 Kolumne Behrens: Selbstwiderspruchanonym 2021-05-12 11:38
Lieber Universalist,

auch wenn Sie etwas anderes damit beabsichtigen, zeigen Sie in Ihrem Kommentar, wie unhaltbar eine Standpunkttheorie der Wahrheit ist: Wenn keine Aussage universale Gültigkeit beanspruchen darf, weil jede nur relativ, nur für eine bestimmte Perspektive gilt, dann darf auch die Aussage, dass keine Aussage universale Gültigkeit beanspruchen darf, keine universale Gültigkeit beanspruchen und ist bloß eine Perspektive neben anderen. Diesen zwingenden Selbstwiderspruch können Sie nur ausblenden durch Ihre dogmatische (unbegründete und unbegründbare) Setzung: "Der einzige valide universalistische Gedanke ist, dass es keinen universalistischen (in ihrem Sinne: identitätsunabhängigen) Gedanken gibt".
#5 Kolumne Behrens: DankeSpielerin 2021-05-12 17:54
@universalist:
Danke! Bester Beitrag seit langem...
#6 Kolumne Behrens: IdentitätHans Piesbergen 2021-05-13 01:00
Sehr geehrter Herr Behrens,
Ihre aktuelle Kolumne ehrt Sie und ich glaube Ihnen die Beweggründe, die Sie und die Gründer*innen von NACHTKRITIK zur anonymen Kommentarfunktion bewogen haben.
Aber:
Die anonyme Kommentarfunktion ist aus vielen Gründen einfach nur falsch:
- sie leistet Falschaussagen und Lügen Vorschub (Neudeutsch: "Fake-News")
- sie schürt unreflektierte und unüberprüfbare (meist negative) emotionalisierte Äußerungen
- sie widerspricht unserer freiheitlich demokratischen Gesellschaftsform
- sie unterstützt das Denunziantentum autoritärer Regime
- sie macht aus NACHTKRITIK ein billiges Boulevard-Medium mit dem Schwerpunkt "Theater".

Gerade wir, die wir in diesem Medium THEATER mit all seinen hierarichischen, feudalen und oft zutiefst reaktionären Strukturen (frauenfeindlich, ausländerfeindlich usw.) leben und arbeiten, sollten aufrecht aufstehen und unsere Meinung offen äußern.
Das ist nicht nur ein Recht, das ist eine Pflicht!
"Freiheit ist eine Pflicht, lange, bevor sie ein Recht ist, ist sie eine Pflicht", hat der griechischen Freiheitskämpfer Alexander Panagoulis gesagt und, ja, er hatte recht.
"Ja, aber die Menschen müssen doch geschützt werden...", sagen Sie und "Universalist", "Spielerin", "anonym" und alle anderen ohne Klarnamen. Also bitte, meine lieben Kolleg*innen, ist jeder Kommentar von Euch wirklich ein Kündigungsgrund? Und selbst wenn Ihr die widerlichsten Chefs*Chefinnen habt - ein Kommentar auf NACHTKRITIK ist kein Nichtverlängerungs-/Kündigungsgrund. Dagegen wäre es auch sehr einfach rechtlich vorzugehen.
Ich erlaube mir das alles zu sagen, denn ich habe in den letzten 40 Jahren an jedem Theater, an dem ich gearbeitet habe, den Mund aufgemacht. Das war meiner Karriere nicht immer förderlich, zugegeben. Aber ich habe mich wenigstens nicht verbogen.
Mut, Kolleg*innen, das ist das einzige was hilft.
Anonyme Kommentare helfen nur dem eigenen Erleichterungsgefühl und ändern gar nichts. Der deutlichste Beweis ist das aktuelle Interview mit dem Berliner Kultursenator...
In diesem Sinne: Haltung hat einen Namen.
Meine Haltung trägt meinen Namen.
#7 Kolumne Behrens: denkoffenHans Zisch 2021-05-13 16:11
@6: Einspruch, Euer Ehren. Jeder/jedem steht es frei, ihren/seinen Realnamen anzugeben. Freiheit. Überprüfbarkeit ist ohnehin nur sehr aufwändig möglich? Oder soll ich nk einen Lichtbildausweis "Hans Zisch" zusenden oder mich per Video-App authentifizieren? Und was, wenn mein eigentlicher Name Theobald Tiger wäre? Wäre meine eventuelle Anonymität dann demokratie- oder Habermas-feindlich?

Klasse denkoffener Text von Wolfgang Behrens!! Nach meiner Einschätzung rekalibriert nk seine Moderation über die Jahre. Moderation ist super. Neujustierungen auch. (Beides kostet Zeit und Nerven.) Habe schon gespendet. Namentlich.
#8 Kolumne Behrens: #7Hans Piesbergen 2021-05-16 01:26
Sehr geehrter Herr Zisch, das Heer der anonymen Kommentatoren auf dieser Webseite mit Tucholsky gleichzusetzen, ist - und das wissen Sie auch - absurd.
Die Frage ist doch nicht, ob es jedem freisteht, mit Klarnamen zu kommentieren (na, das wäre ja noch schöner, wenn ich gezwungen würde, mich wegzuducken!), die Frage ist, ob es in einer offenen, pluralistischen Gesellschaft, die immer wieder aufs Neue in Gefahr ist (das liegt im Kern der Sache), nicht eine Pflicht sein sollte, für die eigene Meinung einzustehen.
In meinen Augen unterstützt NK mit der Anonym-Kommentar-Funktion den allseits bekannten "Kantinentratsch", die üble Nachrede, die unbewiesenen Behauptungen. Ich finde es unsäglich.
#9 Kolumne Behrens: ReplikEin Universalist 2021-05-16 15:19
#3
@Wolfgang Behrens

Verehrter Kolumnist, ich danke für Ihre Antwort!
Zunächst einmal: Sie sagen, ich lege den Finger in die Wunde. Derartige Rhetorik und Motivik, die Schmerz und Verletzung behauptet und aufgreift, liest man häufig- vonseiten der Zweifler*innen an intersektionaler Diskriminierungskritik. Dem möchte ich entgegnen: Es ist aber nicht ihre Wunde! Es ist nicht ihre Verletzung - ob enttäuschter Sehnsucht nach den Idealen der Aufklärung - die diese Diskurse bestimmt. Natürlich fragen Sie sich, was Sie als weißer cis etc etc Mann überhaupt noch sagen bzw. diesen Diskursen beitragen dürfen - und übersehen dabei die Mininal-Anforderung: sich einmal zurück nehmen. Einmal die eigene, die Welt dominierende Perspektive freiwillig in den Hintergrund rücken.
Wir sind noch so weit von dem Punkt entfernt, an dem wir uns "jetzt aber endlich mal wieder" der nun in umgekehrter Historie angeblich überschrienen weißmännlich-etc Perpektive annehmen müssten. Und nochmal möchte ich hier darauf verweisen, dass offensichtlich niemand Sie aus Diskursen ausschließt oder Ihnen den Mund verbietet.

Hochinteressant finde ich diesen Absatz von Ihnen:
"Ich sehe es als historisches Dilemma, dass ausgerechnet Gesellschaften, die Ideen wie die Aufklärung und den Universalismus entwickelt haben, unendliches Leid über die Welt gebracht haben. Ich halte diese Ideen noch immer für hochhaltenswert, aber das Unrecht, das in ihrem Namen ausgeübt wurde, hat sie - wahrscheinlich unwiderruflich - kontaminiert."

Sie übergehen, dass "unendliches Leid" (sic) also Kolonialismus, Unterdrückung, Rape Culture, Ausbeutung, gewaltsame Sicherung der eigenen Herrschaftsposition NICHT (und so klingt es bei Ihnen) zufällig mit den hehren Ideen von Universalismus und Aufklärung zusammenfallen, sondern dass das Konstruktionen und Strukturen sind, die einander bedingen. Die Vorstellung objektiver Wahrheit und objektiver Argumente enthält die Ideologie einer hierarchischen Ordnung, die auf Überlegenheit basiert und sich dadurch rechtfertigen will. Diese Vorstellung von Wahrheit ist nur aus einer privilegierten Position (also immer auf Kosten anderer Positionen) denkbar.

Keine emanzipatorischen Bewegungen können nachhaltig sein, die nur soweit gehen dürfen, dass "die schönen Traditionen", "die schöne Wagner Musik", "die schöne Literatur Hemingways", "die schöne Idee vom Universalismus" nicht angegriffen wird - denn Emanzipation von repressiven Strukturen bedeutet, diese erst mal zu sondieren. Und anzuerkennen - und das ist dann wohl Ihre Wunde - dass sie leider nicht halt machen vor den Konzepten und Weltsichten, die Sie gerne als davon unberührt denken würden.
#10 Kolumne Behrens: der innere WiderspruchPupserin 2021-05-16 23:44
Zu 9: ich kann die Aufforderung nach Zurückhaltung (oder wie es oft „schöngeredet“ heißt gefälligst erstmal „zuzuhören“) privilegierter weißer cis-Menschen durchaus sehr gut nachvollziehen - doch ein aufdringlich fahler Beigeschmack folgt dieser Forderung wie ein Schatten, wenn die Menschen, von denen sie kommt (wie sie es auch hier tun) ihren inneren Widerspruch nicht wahrnehmen wollen…
Sie sagen einerseits, Herr Behrens sei „Und nochmal möchte ich hier darauf verweisen, dass offensichtlich niemand Sie aus Diskursen ausschließt oder Ihnen den Mund verbietet.“ doch gleich darauf machen Sie ihm genau darin den Vorwurf er schreibe ausschließlich aus der eigenen privilegierten Position heraus und somit seien seine Überlegungen und die damit geknüpften Thesen (eine These ist im Übrigen IMMER auch widerlegbar und dient nur der analytischen Aufarbeitung und hat eigentlich nicht primär den Zweck, sich als Wahrheit zu verkaufen) - überhaupt jede Überlegung privilegierter Sprecherpositionen per se aufgrund ihrer „Herkunft“ disqualifiziert… Bitte verstehen Sie mich nicht falsch - ich versuche hier nur durch leichte Zuspitzung bzw die Forderung konsequent bis zum Ende zu denken und verdeutlichen, worin der innere Widerspruch aufblitzt…
Ich möchte und werde mich definitiv nicht dazu verführen lassen, meine jahrelangen Unterdrückungen und Diskriminierungen aus der Vergangenheit zum Anlass zu nehmen, ein pauschal konzeptualisiertes Feindbild der Gegenwart zu propagieren… 1. weil die Skizzierung des Unterdrückenden (weiß alt männlich) besonders stark von einer Vergangenheit geprägt ist, die heute teilweise überwunden ist oder eine starke Verlagerung der bestehenden Probleme stattgefunden hat, bei dem der Paradigmenwechsel die Forderung, der weiße alte Mann soll sich jetzt mal zurückhalten, als vollkommen überholt enthüllt…Es enthüllt nämlich dass es nicht auf der Suche möglicher Lösungsansätze einer der Zukunft zugewandten und die Vergangenheit hinter sich lassenden Bewegung geht, sondern beharrend auf veralteten Feindbildern, sondern auf der Suche nach eigenen Machtpositionen und das vorallem LEIDER ohne den Mut bzw den eigenen Ansprüchen den Kern von Machtpositionen aufzulösen…
Alles in allem: Sie verbieten niemandem den Mund, weisen allerdings darauf hin, dass der Gehalt des Sprechenden im Kontext von der Herkunft (sozial, Kulturell, etc) zu bewerten und betrachten ist… Dabei haben Sie auch keine Skrupel davor, jemanden allein wegen dieser Herkunft Eigenschaften und Unfähigkeiten zu unterstellen und attestieren ohne dabei die eigene Arroganz zu zügeln… hinzu kommt noch last but not least: ausgehend der erwähnten Paradigmenwechsels: wenn privilegierte Menschen aus der sogenannten Mehrheitsgesellschaft damit endlich aufhören sollen aus ihrer privilegierten Position heraus über Unterdrückungspolitik und besonders ihre Unterdrückten öffentlich zu reden bzw sollen sie es sich anscheinend vorallem nicht anmaßen innerhalb der vermeintlich „betroffenen“ Communitys mitzureden - sie sind nur als stumme Beobachter willkommen und da mache ich nicht mit!!! Diese sogenannten Communitys behaupten bzw beanspruchen für sich den „nicht privilegierten“-Status (den sie in der Vergangenheit VIELLEICHT noch hatten aber spätestens nicht mehr haben sobald sie studieren) um die Behauptung aufrecht zu erhalten, man erhebt die Stimme für all die vielen immernoch stimmlosen diskriminierten unterdrückten Menschen aber seltsamerweise OHNE dabei den Tisch der Mächtigen zu zertrümmern, sondern nur mit dem Ziel an den Tisch endlich auch mal Platz nehmen zu dürfen… Ich erinnere mich eigentlich nur daran, dass sobald da jemand Platz nimmt, alle guten demokratischen Ambitionen plötzlich abhanden gekommen waren…
#11 Kolumne Behrens: BuchtippPupserin 2021-05-18 17:36
…in diesem Zusammenhang hier noch eine Buchempfehlung meiner Schwester im Geiste:
Judith Sevinç Basad: Schäm dich! Wie Ideologinnen und Ideologen bestimmen, was gut und böse ist, Westend-Verlag, Frankfurt/Main 2021
#12 Kolumne Behrens: alle gleich, Kunst freiUwe Eric Laufenberg 2021-05-22 13:23
Dabei ist doch alles viel einfacher: Alle Menschen sind gleich!!!
Alle müssen gleich behandelt und gleich geachtet werden. Es gibt keine Menschen, die gleicher sind als andere.
Das ist (noch!) nicht in der ganzen Welt durchgesetzt, wir sollten daran arbeiten.
Und nochwas halte ich sehr wert:
Die Kunst und Kultur, das heißt auch das Theater sind frei.
Zensur findet nicht statt.
Mit besten Grüßen von jemand, der mit keinem Privileg, weder mit Geld noch mit gesellschaftlicher Stellung ins Leben gestartet ist, einfach war es nicht immer, meistens eher nicht, aber schön war es doch...
#13 Kolumne Behrens: mauvaise foiFlegelianer*in 2021-05-22 15:07
"Wir sprachen klug und deckten mit der Rede das,
was geschehen sollte, auf und zu." (Erich Kästner)

Lieber Herr Behrens,

vll. ist es genau die vermeintliche Naivität Ihres Glaubens, die das Problem ist. Denn so naiv ist er ja nicht: Sie wissen, dass man es sich damit nicht leicht machen sollte, und Ihnen ist Ihre privilegierte Sprecherposition nach eigener Aussage "schon klar". Es klingt für mich eher so, dass Ihre "Naivität" Sie vor allem davor schützt, sich für eine Seite entscheiden zu müssen oder Ihren "naiven Glauben" in eine argumentativ gestützte, politische Weltsicht zu transformieren. Sartre bezeichnete das als "mauvaise foi" (eine geschickte Form der Selbsttäuschung), bei der Sie immer schön kokett zwischen den Fronten agieren können - je nach Kontext und Gegenüber. Und das ist vielleicht genau die privilegierte Position, die Sie sich leisten können und die einige so nervt, weil sie in universalistischem Gewand pseudoneutral daher kommt, aber dann wie durch ein Wunder doch Ihre ganz speziellen Interessen schützt: An privilegierter Stelle sagen zu können, was sie wollen, und Ihre Freiheit aus der Vogelperspektive zu genießen.

Mich treibt nun weniger eine Dekonstruktion Ihrer Sprecherposition um als eine allgemeinere Frage: Wie viele Theatervorgänge werden entschieden, weil es darauf ankommt, wer etwas sagt und nicht was gesagt wird? Starke Markierungen im Theater sind ja bisher immer noch eher Regisseur, Intendant, Schauspieldirektor etc. als weiß und schwarz (allein schon, weil die Belegschaft meist gar nicht divers genug dafür ist). Das wissen Sie als Dramaturg sicherlich am besten und sind hier an vielen Entscheidungen beteiligt. Wofür entscheiden Sie sich?

Viele Grüße!
Der*Die*Das Flegelianer*in

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