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Deutsche Identität erweitern

Natasha A. Kelly im Gespräch

19. Mai 2021. Nach Bekanntwerden der Rassismusvorfälle am Düsseldorfer Schauspielhaus hat Ende März 2021 ein Schwarzes Künstler*Innenkollektiv um Natasha A. Kelly die Zusammenarbeit mit dem Theater beendet. Ursprünglich sollten die Künstler*innen im Rahmen der 360° Förderung, die das Schauspielhaus mit Spielzeitbeginn 2019/20 erhalten hat, um sich diverser aufzustellen, zwei Theaterprojekte realisieren. In einem Offenen Brief wandten sich Kelly und das Kollektiv an den Düsseldorfer Intendanten Wilfried Schulz, den Oberbürgermeister und die NRW- Kultusministerin. Darin kündigten sie die Zusammenarbeit mit dem Theater auf. Statt an einen sicheren Ort zu kommen und künstlerisch arbeiten zu können, hätten sie sich in Strukturen wiedergefunden, die sie in ihren Rassismuserfahrungen retraumatisierten. Als Konsequenz forderten sie eine eigene Bühne. Erste Gespräche mit politisch Verantwortlichen haben inzwischen stattgefunden. Im Zoom-Interview mit Esther Slevogt spricht Natasha A. Kelly über Planungs- und Gesprächsstand.

 

In einem sehr glaubhaften Lernprozess arbeitet das Düsseldorfer Schauspielhaus die Vorfälle jetzt auf, unter anderem mit Unterstützung des Diversitätsbeauftragen. Sie halten jedoch am Ausstieg aus der Zusammenarbeit fest und fordern ein eigenes Theater. Glauben Sie nicht an den Erfolg dieses Prozesses?

Ich begrüße diesen Prozess im Düsseldorfer Schauspielhaus und finde sehr gut, dass diese Arbeit gemacht wird. Letzten Endes ist es jedoch so, dass in erster Linie Menschen davon profitieren werden, die festangestellt sind und sich bereits in den Strukturen bewegen. Ziel dieses Prozesses ist es, vor allem weiße Personen für Rassismus zu sensibilisieren, was gut ist. Doch wenn wir als Schwarze externe Personen in Institutionen kommen, kann nicht von uns erwartet werden, dass wir erst eine antirassistische Vorarbeit leisten, um überhaupt künstlerisch arbeiten zu können, nur weil wir Schwarz sind. Darin besteht für uns eine Doppelbürde, ein Ungleichheitsverhältnis. Nach Bekanntwerden der Vorfälle in Düsseldorf haben wir entschieden, dass wir genau das nicht mehr wollen. Denn bis sich in diesem Prozess die Strukturen verändert haben, ist unsere Kunstfreiheit eingeschränkt. Und das kann Jahre dauern. Deshalb haben wir gesagt: Es muss jetzt einen Raum geben, wo wir künstlerisch arbeiten können ohne Strukturen, die uns einschränken – und fordern ein eigenes Theater.

NatashaAKelly 560 PrivatNatasha A. Kelly  (Screenshot)

Im Zuge der Debatte waren Sie mit Vorwürfen konfrontiert, die Forderung nach einem eigenen Theater sei ein Schritt der Abgrenzung, ein Signal der Integrationsverweigerung. Können Sie solche Vorwürfe nachvollziehen?

Nein, denn das geplante Haus zielt auf die gesamte Gesellschaft ab und soll kein exklusiver Club werden, wohin nur Schwarze Leute kommen dürfen. Uns geht es darum, einen Raum zu haben, um in einem deutschsprachigen Kontext Schwarze Ästhetik neu definieren können. Das gibt es in Deutschland bisher nicht. Im anglophonen Raum gab es schon vor hundert Jahren die Harlem Renaissance. Im frankophonen Raum sind im Zuge der Négritude seit den 1930er Jahren selbständige Schwarze Ausdrucksformen in Kunst, Kultur und Literatur entstanden. Hier sollen wir uns in erster Linie daran beteiligen, Strukturen zu verändern, die eh nicht für uns gedacht waren. Deshalb haben wir jetzt gesagt: Wir fordern einen Raum, wo wir ohne Einschränkung Schwarze Ästhetik, Schwarze Kunst und Schwarze Kultur neu definieren können, um die deutsche Identität zu erweitern.

Kulturpolitisch hat sich doch einiges getan in den letzten Jahren. Überall wird Diversity großgeschrieben. Es gibt spezielle Förderprogramme wie 360° von der Kulturstiftung des Bundes, um Institutionen zu unterstützen, diverser zu werden.

Diversity war ursprünglich ein Widerstandskonzept. Einer der bekanntesten Diversity-Fürsprecher war Martin Luther King, im Kampf um Gleichberechtigung und Civil Rights für alle. Das war nie ein Top-Down-Ansatz, wo weiße Leute ganz oben sich kulturpolitisch überlegt haben: "Oh, die armen People of Colour, die kriegen ja viel weniger vom Kuchen ab als wir, jetzt geben wir denen mal ein größeres Stück." Der ja grundsätzlich gut gemeinte Top-Down-Ansatz hat das Konzept "Diversity" komplett vereinnahmt und entpolitisiert – und damit auch das, was Diversity eigentlich will. Der erste Schritt ist die Solidarisierung von POC, und der zweite Schritt ist eine Strukturveränderung: dass eben diese Solidarität in die Gesamtgesellschaft ausstrahlt. Bei Diversity, die Top-Down organisiert wird, entsteht aber wieder die grundsätzliche Frage: Wer profitiert eigentlich davon? Schwarze Personen kommen letztendlich doch gar nicht an diese Diversity-Maßnahmen heran, weil wir zum großen Teil gar nicht in Strukturen unterwegs sind, für die diese Maßnahmen entwickelt werden.

Aber hat es nicht auch etwas für sich, den berühmten Marsch durch die Institutionen anzutreten, um eine Veränderung zu erreichen im Mainstream? In Dortmund arbeitet mit Julia Wissert die erste afrodeutsche Intendantin, unter dem Dach des Düsseldorfer Schauspielhauses arbeitet das Kollektiv Schwarzes Haus, um nur zwei Beispiele zu nennen.

Es kann und muss beides geben: sich in die Strukturen zu begeben, um zu versuchen, die Veränderungen mitzumachen und von innen mitzugestalten. Und den Weg, für den wir uns entschieden haben: auf unser Recht der Kunstfreiheit zu bestehen und außerhalb der bestehenden Institutionen künstlerisch zu arbeiten. Hier komme ich noch einmal auf die Entwicklung einer eigenständigen Schwarzen Ästhetik in Deutschland zurück. Bisher müssen wir uns immer entlang eurozentrischer Standards hangeln – Standards, die wir nie erfüllen werden, alleine deshalb, weil wir uns in Schwarzen Körpern bewegen und einem white gaze ausgesetzt sind. Von der ganzen Diversityarbeit, der Arbeit am Antirassismus oder der Critical Whiteness, profitieren wir als Betroffene am allerwenigsten. Ich weiß ja, wovon ich rede, denn ich gebe Workshops, berate Institutionen in diesen Fragen. Immer geht es letztlich darum, dass weiße Personen besser verstehen, was Weiß-Sein bedeutet und sich ihrer Privilegien bewusst werden. Aber was ist mit Schwarzen Personen, die von Rassismus betroffen sind? Was wird für uns gemacht? Wo wird in unsere Zukunft investiert? An welcher Stelle? Wann kriegen wir Resources und Facilities für unsere Community? Wir haben überhaupt gar keine Möglichkeit, etwas Nachhaltiges aufzubauen.

Auf welchem Stand sind denn Ihre Gespräche über ein eigenes Haus?

Es ist noch in diesem Monat ein Termin angesetzt, wo wir die Konzeptentwicklung für eine Modellbühne erörtern werden. Das war die Zusage beim letzten Gespräch und das ist für mich ein ganz klares politisches Zeichen in unsere Richtung.

Das Haus soll in Düsseldorf sein?

Düsseldorf macht als Standort Sinn. In Berlin gibt es mit dem Maxim Gorki Theater ein Haus, das sich auf postmigrantische Themen spezialisiert hat, oder das Ballhaus Naunynstraße, das diversen Positionen eine künstlerische Plattform bietet. In Düsseldorf gibt es bisher nur das Kollektiv Schwarzes Haus, das am Düsseldorfer Schauspielhaus angelagert ist. An dieser Stelle sehe ich allerdings einen interessanten Verbindungspunkt von institutioneller und außerinstitutioneller Arbeit.

Gibt es schon Überlegungen zu Programm und Inhalt?

Das Konzept ist transdisziplinär. Neben Schauspiel im klassischen Sinne soll es Experimentierzellen geben, wo Künstler*innen aus unterschiedlichen Sparten aufeinandertreffen und zusammenarbeiten können. Beim "Spoken Word" zum Beispiel gibt es keine klassische Abgrenzung zwischen Tanz und Schauspiel. Das ist eine Schwarze Kunstform, die aus dem Afrikanischen kommt, in den HipHop und Rap einfloss und sich heute als Spoken-Word-Performance etabliert hat. Das sind Dinge, die wir gerne weiter nach vorne bringen würden. Wir wollen aber nicht nur unseren eigenen Ausdruck finden, sondern auch unsere eigene Geschichte erzählen. Ein großer Teil der Arbeit wird Empowerment-Arbeit sein müssen: wo etwa betroffene Menschen lernen, mit Rassismus umzugehen. Es muss Jugendangebote, junges Theater, pädagogische Angebote geben. Wir wollen aber auch ein Think Tank sein, der sich an Wissenschaft und Forschung anschließt. Vieles gibt es schon, denken Sie etwa an Mittelreich von Anta Helena Recke in den Münchner Kammerspielen, an Produktionen wie Jung, giftig & Schwarz von Thandi Sebe und Amina Eisner, die auch zu unserem Kollektiv gehört. Wir erfinden also nicht einmal das Rad neu. Aber mit unserem Theater entsteht ein Knotenpunkt, wo diese Dinge zusammenkommen und institutionalisiert werden können, um in die Gesellschaft als Gesamtes wieder auszustrahlen. Auf diese Weise tragen wir auch direkt zur strukturellen Veränderung bei.

 

Natasha A. Kelly ist promovierte Kommunikationssoziologin, Autorin und Künstlerin. Ihr Filmdebüt, die Dokumentation Millis Erwachen, wurde 2018 auf der 10. Berlin Biennale gezeigt. In ihrem Buch Afrokultur. Der Raum zwischen gestern und morgen bringt sie über Biografien Schwarzer Wissenschaftler*innen, Schriftsteller*innen und Aktivist* innen wie W.E.B. Du Bois, Audre Lorde und May Ayim Schwarze deutsche Geschichte in einen globalen Zusammenhang. Ihre siebte Publikation Rassismus, Strukturelle Probleme brauchen strukturelle Lösungen ist im April 2021 im Atrium Verlag erschienen.

 

Mehr dazu: Hier eine Rekonstruktion der Ereignisse um die Rassismusvorwürfe des Schaupielers Ron Iyamu in Düsseldorf.