Neues vom Geldgott

von Andrea Heinz

Wien, 22. Mai 2021. Der Fiskus – was für ein dankbarer Dramenstoff er doch ist: Jede*r kennt ihn, jede*r hat damit zu tun, niemand mag ihn (so wirklich). Das Thema Steuern verbindet die ganz großen Themen des menschlichen (Zusammen-)Lebens: Gier und Neid, die ewig unerlöste Sehnsucht nach umfassender Gerechtigkeit bei gleichzeitigem Egoismus und Selbstgerechtigkeit, weil bei einem selber sind kleine Steuerbetrügereien ja nie so schlimm, wie wenn die anderen das machen. Hoffnung und Verzweiflung liegen oft nah beieinander bei der Steuererklärung, dazu die ständige Erinnerung daran, dass in einer Gesellschaft halt alle ihren Beitrag leisten müssen. Auch, wenn die meisten lieber nehmen würden, als geben.

Vorteile, Freibeträge, Blumengießen

Geld, die Wirtschaft, ist halt wichtiger, als man gerne wahrhaben möchte, und insofern hat Felicia Zeller schon recht, wenn sie anmerkt, dass dieses Thema zu Unrecht kaum dramatischen Widerhall findet. In ihrem 2020 für den Mülheimer Dramatikerpreis nominierten Stück "Der Fiskus", das nun im Kasino des Burgtheaters Österreichische Erstaufführung hatte, geht es zuvorderst und eigentlich ausschließlich um Geld – und damit, wie sich weisen wird: um alles.

Fiskus1 600 MarcellaRuizCruzEin Hauch von Atomkrieg: von Janina Brinkmann eingekleidete Finanzbeamt*innen auf Henrike Engels' Bühne im Kasino des Burgtheaters © Marcella Ruiz Cruz

Ein bisschen MA24-mäßig schaut man hier vier Finanzbeamtinnen und einem Finanzbeamten bei der Arbeit zu, sie tragen die schönen Namen Bea Mtinnen (schön bieder mit zwei Brillen um den Hals und als einzige Frau auf einigermaßen flachen Schuhen: Sabine Haupt), Nele Neuer (patent und mit Drang zum Höheren: Dorothee Hartinger), Elfi Nanzen (eventuell schwanger, winkt die Fälle am liebsten durch: Deleila Piasko), Reiner Lös (schluffiger Singer-Songwriter im Nebenberuf: Bardo Böhlefeld) und Betriebsprüferin Angie Außen (mondän in wechselnden Outfits: Stefanie Dvorak). Sie jagen Steuerbetrüger und kämpfen für –Gerechtigkeit, aber eben auch für eigene Freibeträge und Vorteile, wie das Ehepaar Nanzen und Lös, oder um die Karriere und berufliche Machtpositionen wie die Kolleginnen Mtinnen und Neuer.

Atemlose Satzellipsen

In Anita Vulesicas Inszenierung im Kasino ist ihr Büro eine verstaubte, ein bisschen nach Atomkrieg aussehende Baustelle. Die Schreibtische sind mit staubbedeckten Plastikfolien verhüllt, die die Beamt*innen mit Schwung ausschütteln, oder sich auch gerne mal – wenn sie zwischendurch in Ruhe arbeiten oder sonst was tun wollen – über den Kopf ziehen. Auch der Kronleuchter an der Decke ist verhüllt, zwei Baugerüste rahmen die Bühne, die die Spieler*innen manchmal besteigen, sich silberne Baustellenhelme und weiße Kittel überziehen, um dann zwischendurch ein wenig zu streichen, oder Blumen zu gießen.

Immer wieder mal fällt der Strom aus. So, wie man sich halt ein deutsches oder kakanisches Finanzamt vorstellt. Es ist alles ein bisschen veraltet und angegraut, trotzdem man von Social Media und irgendwelchen Paar-Börsen spricht (immer der gleiche Ärger!), das ist die sehr deutliche Botschaft: Die Computer sind wahrscheinlich auf einem Garagenflohmarkt bei Bill Gates billig hergegangen, die Klamotten und Perücken aus den 1970ern, die monströsen Augengläser auch.

Fiskus2 600 MarcellaRuizCruzIn der Bredouille: Bea Mtinnen alias Sabine Haupt © Marcella Ruiz Cruz

Die Inszenierung legt von Anfang an Tempo vor, was sicher auch an Zellers atemlosen Satz-Ellipsen liegt. Dazu kommt ausgiebige Körperarbeit, immer wieder gibt es kleine Choreographien und Tanzeinlagen (Mirjam Klebel), bestimmte Bewegungsmuster sind wie kleine, immer wiederkehrende Motive: Das Scharren mit einem Fuß, das Rudern aus der Schulter mit dem gebeugten Arm; die Gesten zeigen, welche archaische Körperlichkeit in der vermeintlich trockenen Finanzmaterie steckt. Wie um das goldene Kalb wird dabei um einen ominösen Gegenstand in der Mitte des Raumes herumgetanzt: Ein farblich changierender Bildschirm auf einem Podest. Die Finanzen, die Steuergerechtigkeit, der Profit, all das ist eben auch Pseudo-Religion in atheistischen, entmythologisierten Zeiten.

Abstrakter Blick aus dem Maschinenraum

Die Spieler*innen machen ihre Sache ganz wunderbar, sie legen große Spielfreude an den Tag und man hat wirklich Spaß dabei, ihnen zuzusehen. Das kann aber nicht darüber hinwegtrösten, dass der Abend, trotzdem dann noch ein bandenmäßiger Steuerbetrug aufgedeckt (Steuerkrimi nennen die schlechten Zeitungen so was) und jemand degradiert wird, zäh vor sich hinplätschert. Die exaltierte, leicht hysterische Atmosphäre ändert nichts daran, dass die Sache kaum je wirklich Drive kriegt, was zum einen an der unklaren Inszenierung liegt, die sich nicht wirklich entscheiden zu können scheint, ob sie sich jetzt über das Beamtendasein mokieren soll, oder für Steuergerechtigkeit plädieren.

Und sicher hat auch der Text selbst einen Baufehler, zeigt er doch eher den abstrakten Blick aus dem Maschinenraum, der einem*r natürlich weit weniger nahe geht, als es ein konkretes Schicksal, die Auswirkungen dieser Schieflage auf ein Menschenleben tun würden. Da ist also noch Luft nach oben – aber immerhin macht der Abend Lust auf mehr solcher Stücke, über Geld, Ökonomie, Hochfinanz. (Und Stücke mit Frauenüberschuss auf Bühne und am Regiepult, jawohl!)

 

Der Fiskus
von Felicia Zeller
Österreichische Erstaufführung
Regie: Anita Vulesica, Bühne: Henrike Engel, Kostüme: Janina Brinkmann, Choreografie: Mirjam Klebel, Musik: Andreas Radovan, Dramaturgie: Rita Czapka, Tobias Herzberg.
Mit: Sabine Haupt, Dorothee Hartinger, Deleila Piasko, Bardo Böhlefeld, Stefanie Dvorak
Premiere am 22. Mai 2021
Dauer: 1 Stunde 50 Minuten, keine Pause

www.burgtheater.at

 

Kritikenrundschau

Der Komödienzwang, "der sich durch manisches, choreografisch unterstrichenes Wiederholen von Textstellen ausdrückt", macht die österreichische Erstaufführung durch Regisseurin Anita Vulesica im Burgtheater-Kasino für Martin Pesl in der Wiener Zeitung (24.5.2021) etwas anstrengend. Dagegen hilft aus seiner Sicht auch auch nicht, "dass inmitten der angehäuften Fiskalpoesie kaum Platz für Handlung bleibt." Wie sich die Schauspielerinnen in hochkarätige Schmiere hineinsteigern, bereitet ihm aber  dennoch Freude: "Dorothee Hartinger gibt die neue Chefin, die am liebsten bei allen Anträgen die Durchwinktaste drückt, Stefanie Dvorak die Außendienstmitarbeiterin, die sich daran aufgeilt, falsch ausgewiesene Arbeitszimmer aufzudecken. Vor allen brilliert Sabine Haupt als verbissene Streberin auf den Fersen der großen Konzerne. Und wer aufpasst, nimmt vielleicht den einen oder anderen Tipp zur legalen Steuerersparnis mit."

"Eine halbe Stunde weniger hätte dieser platten Posse wohl auch genügt, aber zumindest war es für die meisten Beteiligten ein heiterer Abend", schreibt Martin Lhotzky in der FAZ (26.5.2021).

 

 

 

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