Wir sind tödlich für diesen Planeten!

von Michael Bartsch

Dresden, 1. Juni 2021. In Dresden spielen Rimini-Protokoll zur Wiedereröffnung des Staatsschauspiels mit dem Gedanken der Vertretung und des Identitätsabgleichs: "Willkommen zur 'Konferenz der Abwesenden' – schön, dass sie da sind!" Ein unbemerkter Widerspruch zur Begrüßung oder gewollte Dialektik der drei Inspiratoren Helgard Haug, Stefan Kaegi und Daniel Wetzel von Rimini-Protokoll? Dasein im Abwesenden?

Ganz unreflektiert: Wie schön es tatsächlich war, seit Oktober des vorigen Jahres wieder eine Vorstellung live im Kleinen Haus des Dresdner Staatsschauspiels zu erleben und dabei Freunde zu treffen, zeigten einige Umarmungen beim Eintreffen. Endlich wieder Theater, wenn auch nur mit den geforderten Kilometerabständen zwischen Sitzen und Sitzreihen und mit Dauermaskierung. Und bei einem aerosolgedämpften Auftaktstück zum Restart.

Publikum unter Anleitung

Von einer Inszenierung mag man gar nicht sprechen, denn Rimini stellte nur Idee und Texte und das Haus die Technik, ein Rednerpult und eine karge Sitzeckendekoration zur Verfügung. Und die Stimme Nadja Stübigers als Moderatorin, die bis zum Schluss danach klang, als käme sie von einem Algorithmus. Den Vortrag der Konferenzbeiträge und deren gestische Unterstreichung hatten spontan herausgeforderte Publikumsgäste zu leisten. Eine Chance, aber auch ein hohes Risiko. Solche Provokation des Zufalls kann schiefgehen, war vorab schon aus dem Schauspiel zu hören.

Konferenz1 560 Sebastian Hoppe uDas Pult wartet auf Redner*innen: "Die Konferenz der Abwesenden" von Rimini Protokoll © Sebastian Hoppe

Um es vorwegzunehmen: Es ging am Premierenabend so überhaupt nicht schief, dass man schon an ein abgekartetes Spiel glauben mochte. Denn unter den Spontanrednern, wenn auch mit Manuskripten versehen oder über Kopfhörer soufflierte Texte nachsprechend, befanden sich zwei Journalistenkollegen und -kolleginnen und die ehemalige rechte Hand des sächsischen Aus-länderbeauftragten. Aber nicht nur sie erledigten ihre überraschende Aufgabe makellos und mindestens auf Bürgerbühnenniveau.

Erzählwerkstatt für globale Fragen

Die Ausführung überzeugte, ja begeisterte durchweg, aber über Konzept und Inhalt lässt sich streiten. Die Idee konnte nicht besser zum Wiederanlauf passen. Die ebenso effektiven wie drögen Konferenzen auf Zoom und anderen Plattformen hat jeder inzwischen schon in seine DNA eingespeichert. Man ist dabei und doch nicht da. Rimini Protokoll aber spitzen das Repräsentationsproblem zu und imaginieren eine Konferenz, bei der die Teilnehmer nicht einmal virtuell anwesend sind und sich stattdessen von Stellvertretern live ersetzen lassen.

Exemplarisch vorgestellt wird also eher das Phänomen persönlicher Abwesenheit bei gleichzeitiger Verhandlung einer uns ureigenst betreffenden Sache. In einigen Fällen geht es auch um eine doppelte Identität. Also entweder Richard David Prechts "Wer bin ich, und wenn ja, wie viele?" oder Rimbauds "Ich ist ein anderer" nicht als Sehnsuchtsformel, sondern wörtlich genommen.

Diese Konferenz der Abwesenden ist nichts anderes als eine transformierte Erzählwerkstatt, wie sie vor 30 Jahren in Mode kamen. Neun Menschen, offenbar von den Riminis recherchierte real existierende Personen aus aller Welt, berichten von sich. Zur Abwesenheit verurteilt, lassen sie sich aber von den Premierengästen vor Ort vertreten und sparen so etliche Kilotonnen Kohlendioxid im Flugzeug. Manchmal wird mit dem metaphorischen Zaunpfahl gewinkt, wenn es beispielsweise um Löcher geht: das diamantenschürfende in Mirny/Jakutien etwa oder die Schwarzen Löcher des Universums bei einem Physiker, der sehr an den nervengelähmten Steven Hawking erinnert.

Konferenz2 560 Sebastian Hoppe uBei Rimini Protokoll spielen Zuschauer*innen die abwesenden Experten. Auf der von Marc Jungreithmeier eingerichteten Bühne. © Sebastian Hoppe

Kann ein Angeklagter wie ein Massenmörder von Srebrenica sich überhaupt von einem Anwalt vertreten lassen? Ist er nicht ebenso ein Anderer wie ein 95-jähriger Jude, der die Schlächterei der Nazis nur überlebte, weil er zugleich als Volksdeutscher galt? Wer ist der Flüchtling auf Samos, nur eine Nummer im Camp, der wie Odysseus sagt "Mein Leben ist fern von mir"? Schließlich wird zum Finale nicht nur der moralische Zeigefinger, sondern gleich eine ganze Faust gereckt, wenn zu Kinderlosigkeit und Selbstabschaffung des so genannten Homo Sapiens aufgerufen wird. "Wir sind tödlich für diesen Planeten!"

Schilderung, aber kaum Reflexion

Solche eindrucksvollen Geschichten und Fragestellungen, die an die Existenzbedingungen unserer Spezies rühren, langweilen über zwei Stunden nie. Der dokumentarische und der partizipative Teil dieses Abends bekommen ein "Sehr gut"-Häkchen. Eine darüber hinausgehende Reflexion, ein Spiel mit dem Abwesenheits- und Vertretungsgedanken aber findet höchstens im abstrahierenden Kopf des (mitwirkenden) Zuschauers statt. Was die spontanen Ersatz-Protagonisten beim Schlüpfen in diese Rollen empfanden, erfährt man leider nach ihrem Einsatz nicht. Mithin auch nichts Neues über die Ur-Erfahrung des Schau-Spielenden. Wie authentisch bleibt der Abwesende, Ersetzte, und wie authentisch der Ersetzende? In solche Tiefen drang dieser sonst keineswegs entbehrliche Rimini-Abend leider nicht vor.



Konferenz der Abwesenden
von Rimini Protokoll
Konzept, Text, Regie:  Rimini Protokoll (Helgard Haug, Stefan Kaegi und Daniel Wetzel), Bühne, Video- und Lichtdesign: Marc Jungreithmeier, Musik: Daniel Dorsch, Recherche, Dramaturgie: Imanuel Schipper, Lüder Pit Wilcke, Mitarbeit politisch-kulturelle Bildung: Dr. Werner Friedrichs.
Moderations-Stimme: Nadja Stübiger
Eine Produktion von Rimini Apparat in Koproduktion mit Staatsschauspiel Dresden, Ruhrfestspiele Recklinghausen, HAU Hebbel am Ufer (Berlin) und dem Goethe-Institut.
Premiere am 1. Juni 2021
Dauer: 2 Stunden, keine Pause

www.staatsschauspiel-dresden.de



Kritikenrundschau

Eine "– wenn auch gut durchdachte und vor allem gut gemeinte – theatrale Kopfgeburt", bespricht Matthias Schmidt für MDR Kultur (2.6.2021). Die implizite klimasensible Kritik am internationalen Reisebetrieb (in den auch Rimini Protokoll eingebunden sind) wirkt auf den Kritiker widersprüchlich und "weltfremd": "Denn Live-Kunst lebt vom Austausch, von persönlicher Begegnung mit Kulturen und Menschen und damit eben auch vom Reisen." Das Spiel des Publikums fürs Publikum "ermüdet bald". Die vorgebrachten Schilderungen von Menschen aus aller Welt seien einzeln betrachtet "schlüssig und durchaus spannend, zusammen wirken sie zunehmend bemüht. Ein Text vom Reißbrett." Fazit zum ganzen Abend: "Als Wiedereröffnung des Schauspiels nach monatelanger Zwangsschließung wirkt er sehr unglücklich platziert."

Michael Laages hat für die Sendung "Kultur heute" auf Deutschlandfunk (2.6.2021) bei Rimini Protokoll "tolle Geschichten ohne Pause" erlebt. "Sie alle gehen durch uns hindurch, nichts daran ist peinlich." Für das Publikum entstehe in dieser Arbeit "eine Art mehrfach gebrochener Echoraum": Die Frage, was an diesen in Vertretung erfahren Geschichten "Teil von uns sein" könne und solle, werde aufgeworfen: "Das ist Abenteuer und Lernprozess genug für zwei Stunden." Fazit: "Rimini Protokoll hat sicher schon kompliziertere Konferenzstrukturen entwickelt. Aber auch dieses 1:1 Erlebnis hat es in sich."

Für die Deutsche Bühne online (2.6.2021) berichtet Tobias Prüwer: "Inhaltlich mag es passen, genau mit einem Abend über die Abwesenheit wieder in den Vorort-Betrieb einzusteigen: Vom Timing her – und das ist alles beim Theater – war das keine gute Idee. Eine überfrachtete Textcollage, die allein mit der forcierenden Dramaturgie des Mitmachtheaters operiert, erzeugt so einen zähen Strom mal mehr, mal weniger kluger Gedanken und hallt als politisches Lehrstück leer nach. Während der Schließungen konnte man lernen, dass Theater ohne Publikum nicht funktioniert. In Dresden ist nun zu erleben, dass es ohne Schauspielende wohl auch nicht geht."

Rimini Protokolls "Stellvertreterprogramm mit Nachhaltigkeitsanspruch" spiele mit unterschiedlichen Arten des Fehlens, schreibt Torsten Klaus in den Dresdner Neuesten Nachrichten (3.6.2021): Der Physiker Karl-Heinz Lantke sei mit einem Locked-in-Syndrom nach Schlaganfall in seinem eigenen Leben sowohl an- wie abwesend, die Astronautin Suzanna Randall plane, "zeitweilig einen ganzen Planeten verlassen", und der als "Hitlerjunge Salomon" bekannt gewordene Sally Perel habe sich selbst verleugnen müssen, um zu überleben. Wenn nun das Publikum in die Rollen dieser Personen schlüpfe, lasse die Bedenkzeit seitens der Stellvertreter*innen und die Dauer der technischen Einrichtung ihres Auftritts "das Prozesshafte von RP-Produktionen immer wieder deutlich werden", so Torsten Klaus. "Das Making of als ständiger Begleiter des Bühnengeschehens." Den Zuschauer*innen die Bühne zu überlassen könne nach den sieben Monaten der Schließung als "kleine Verbeugung und Wertschätzung des Theaters gelten – für jene, die ihm die Treue gehalten haben".

"Wer spricht für wen?", nennt "hn" in der Dresdner Morgenpost (3.6.2021) als Leitfrage des Stücks "Erkenntnistheater", das "zu verblüffenden Aha-Erlebnissen führt, die lange nachhallen". "Unverschämt spielerisch" erfahre das Publikum beispielsweise "den Schock der Erfahrung, in hellwacher Mensch in einem gelähmtem (!) Körper zu sein". Um das Locked-in-Syndrom zu veranschaulichen, fordere der betroffene Physiker bzw. dessen Darsteller*in das Publikum auf, zu tanzen – und in der Bewegung einzufrieren. "Alle im Saal waren für einen Moment Stellvertreter dieses kranken Mannes." Nicht um Schauspielkunst gehe es, sondern um "Theater als Ideengeber". "hn" befindet das einen gut gewählten Auftakt für den Neustart.

Von den "grandios ausgewählten, dokumentarischen Geschichten" ist Sebastian Thiele in der Sächsischen Zeitung (3.6.2021) angetan, auch wenn man, so sein Einwand, den "Häschen-Spring-Modus" des brav mittuenden und die Verantwortung für einen funktionierenden Abend übernehmenden Dresdner Publikums kritisch sehen könne. Doch: "Solch eine unverkrampfte Art des Mitmach-Theaters erlebt man selten." In der „Konferenz der Abwesenden“ entstehe "eine Form sozialer Kommunikation" und Rimini Protokoll sei "wieder einmal ein Theater-Labor-Abend gelungen, der mit kreativer Erzählmethode, vielschichtiger Aufklärung und Bewusstwerdung punktet".

Bemerkenswert erscheint Alexander Menden in der Süddeutschen Zeitung (5.6.2021), der eine Vorstellung bei den Ruhrfestspielen gesehen hat, "die darstellerische Abgeklärtheit, die Trittsicherheit, mit der die Menschen (meist gesetzteren Alters), welche hier im Rampenlicht stehen, ihre kurzfristig übernommenen Rollen spielen", obwohl sie sie, wie er erfragt hat, spontan übernommen haben. Dass die vorgelesenen Beiträge, deren Auswahl Menden, so wie den Ansatz zur Klimaneutralität einer Vorstellung ohne eingeflogene Gäste, "einleuchtend (man könnte auch sagen: ostentativ) moralisch relevant" findet, nicht übermäßig moralinsauer wirkten, verdanke sich der ruhigen Präsentation dieser Amateurdarsteller*innen. Letztlich bleibe aber die Anmutung eines auf die Bühne gehievten Workshops: "Zu wenig durchdacht, um eine Analyse verschiedener Manifestationen von Abwesenheit zu sein, und dramatisch zu wenig durchgearbeitet, um wirklich als Theater durchzugehen."

 

 
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