Durchs Raster fällt ein Mensch

von Georg Kasch

Berlin, 4. Juni 2021. Nun sitzt er da auf seiner Pappe und hält die Hand auf. Lange hat Vernon versucht, sich nicht gehen zu lassen, nachdem er aus seiner Wohnung geflogen ist, hat Freunde angeschnorrt, sich bei ehemaligen Geliebten einquartiert, ist bei einem kokainabhängigen Spekulanten untergekrochen und am Ende, als nichts mehr ging, U-Bahn gefahren. Eine Weile gelingt es ihm leidlich, die letzte Fassade zu wahren, nicht jedem unter die Nase zu reiben, dass er vollkommen pleite und obdachlos ist, ein Niemand von Anfang 50, dessen altes Charisma nur noch selten durchblitzt. Jetzt ist er unten angelangt. "Und hat einfach die Hand ausgestreckt."

Charaktere in allen Erosionszuständen

Dieser Moment in Viriginie Despentes' erstem Teil ihrer Romantrilogie "Das Leben des Vernon Subutex" ist noch lange nicht das Finale (da kommen noch etwa 70 Seiten). Bei Thomas Ostermeier an der Berliner Schaubühne schon. Denn darum geht’s ihm: zu zeigen, was das System mit einem macht, wenn man nicht mehr funktioniert, ganz gleich, was man eigentlich für ein Mensch ist, mit welcher Geschichte, welchen Eigenschaften, welchen Träumen. Ostermeier will nichts weniger als die Klassenfrage verhandeln: Wie kann es sein, dass in unserer Gesellschaft Schmalspur-Choleriker und Arschlöcher wie Kiko und Laurent im Koks baden, während von der Zeit überrollte Figuren wie der gewesene Schallplattenhändler Vernon aus dem Raster fallen?

Es ist diese Frage, die immer präsent ist in Despentes' (insgesamt) 1200-Seiten-Panorama Pariser Menschen, die sie in Balzac'scher Manier und mit Houellebecq'scher Bissigkeit miteinander verflicht. Die aber nie konkret gestellt wird, sondern unter der süffig geschriebenen Oberfläche pulst, den herrlich plastischen Charakteren aus allen Schichten und in allen seelischen Erosionszuständen. Das Hypnotische an dieser Trilogie ist, dass man sich auf jede Figur neu einlässt, auch auf den Neonazi Xavier, auch auf die oberflächliche Läster-Tussi Sylvie, und dass Despentes oft überraschend die Leser:innen-Perspektive ändert, weitet, man einen völlig neuen Blick sowohl auf die Charaktere als auf die Handlung bekommt (und sich selbst bei den eigenen Vorurteilen und Denkverengungen ertappt).

vernon subutex 560 1 c thomasaurin uIst abgestürzt und klammert sich ans soziale Geländer: Joachim Meyerhoff als Vernon Subutex © Thomas Aurin

Nina Wetzel hat für Despentes' Paris jenseits der Postkartenidyllen ein Gerüst auf die Drehbühne gesetzt, dessen raue Ecken mit wenigen Requisiten zum Zimmer, zur Bar, zum Restaurant werden. Über Bildschirme flackern Sébastien Dupoueys Videobilder, zerkrisselte Szenen des Alltags-Paris: Passant:innen, Polizist:innen, Obdachlose. Auf der einen Seite des Gerüsts hat sich zudem die dreiköpfige Band aufgebaut, die zwischen The Cramps und Portishead so laut und druckvoll durch die Rocksongs peitscht, dass man das Gefühl bekommt, hier solle künstlich Energie in einen blutarmen Abend gepumpt werden.

Geflecht aus Perspektiven und Eindrücken 

Ein Eindruck, der dadurch entsteht, dass diese Inszenierung nicht so recht vom Fleck kommt. Gemeinsam mit den Dramaturg:innen Bettina Ehrlich und Florian Borchmeyer hat Ostermeier die 400 Seiten des ersten "Subutex"-Romans auf vier Spielstunden eingedampft und dabei versucht, die Erzählstruktur weitgehend intakt zu lassen. Heißt: Die Figuren erzählen je ein Kapitel aus ihrer Perspektive. So reiht sich ein langer Monolog an den nächsten; manchmal spielen die anderen stumm mit oder werfen ein paar Worte ein. Nur am Anfang gibt es mit Julia Schubert, Stephanie Eidt und Hêvîn Tekin ein tolles Erzähler:innen-Trio.

vernon subutex 560 3 c thomasaurin uFamoses Frauen-Trio: Stephanie Eidt, Hêvîn Tekin, Ruth Rosenfeld © Thomas Aurin

Was Despentes' Roman ausmacht, ist ja nicht die lässige Sprache, die derart eingekürzt oft banal wirkt wie ein Kalenderspruch. Sondern das Geflecht aus Perspektiven und Eindrücken, die unzähligen Graustufen selbst bei den unsympathischsten Charakteren, die man alle nachvollziehen kann. Hier bleiben davon Klischees und, je nach spielerischer Herangehensweise und Vermögen, hübsche Miniaturen oder Fremdschämmomente. Man sieht Julia Schubert gerne dabei zu, wie sie Emilies bürgerlichen Selbsthass auslotet, und Ruth Rosenfeld, die ihren Ex-Pornostar Pamela äußerst lässig anlegt. Bei Axel Wandtkes Laurent, eigentlich Typ Hassfresse mit Vernichtungsinstinkt, denkt man eher an Buchhalter. Und Bastian Reiber steigert sich als Koksnase Kiko derart in die Stand-up-Komik, dass von der Raubtierhaftigkeit dieses Typen nichts übrigbleibt.

In matter Umarmung der Rolle

Wie sehr Ostermeiers Versuch, die Figuren mit Spieler:innen zu besetzen, die in Sachen Alter und Geschlecht möglichst nah dran sind an den Charakteren, an seine Grenzen kommt, weil damit die herrlichen Unschärfen der Romanmenschen plötzlich eine verengende Eindeutigkeit bekommen, zeigt sich auch an den beiden trans Personen, die in ihrer rührenden Imperfektion – weder Henri Maximilian Jakobs noch Mano Thiravong sind ausgebildete Schauspieler:innen – merkwürdig quer stehen zum blankpolierten Rest. Vor allem aber gilt das für Joachim Meyerhoff, der hier zu einer Art Edel-Clochard ausstaffiert wird: auf dem Kopf eine leicht filzige, schulterlange Matte, am Leib einen zerlöcherten Parka, dazu wird sein Gang immer schlurfiger. Meyerhoff gelingt es sonst oft, sich nicht in eine Rolle zu verwandeln, sondern sie so lange an sich zu drücken, bis man meint, niemand sonst könnte sie so verkörpern wie er. Auch hier versucht er diese Umarmung, mit seinem dröhnenden, immer leicht norddeutsch (und damit ursympathisch) klingenden Organ, mit dieser hypnotisierend schleppenden Diktion. Für Momente lässt man sich auch diesmal wieder kriegen.

Aber warum nur für Momente? Liegt's an der ausgestellten Mattigkeit dieses Vernon? An der grundegoistischen Schnorrer-Attitüde, die hier übrig bleibt vom Charakter-Kaleidoskop? Oder doch an der pittoresk gepinselten Armut, wenn Meyerhoff am Ende leicht zitternd die Hand ausstreckt, während er genau davon spricht? Das war ja schon immer Ostermeiers Problem. Wenn er dem (überschaubaren) Berliner Bürgertum den Spiegel vorhielt, mit "Nora", "Hedda Gabler", Professor Bernhardi, dann besaß das Schärfe, weil der Vorspiel-Realismus auf Augenhöhe mit dem Publikum blieb. Wenn er die Klassenfrage stellte zwischen Lars Noréns "Personenkreis 3.1" und Éduard Louis' Im Herzen der Gewalt, wirkten die ausgestellte Armut oder die ausgestellte Gewalt immer zu schön, um wahr zu sein. Leute, glotzt nicht so romantisch! Denn spätestens am Bahnhof Zoo mit seinen Obdachlosen holt einen die Realität ein mit einer Wucht, die kein Realismus der Welt reproduzieren kann. Und die diesem Abend schmerzlich fehlt.

 

Das Leben des Vernon Subutex 1
von Virginie Despentes, aus dem Französischen von Claudia Steinitz
Regie: Thomas Ostermeier, Bühne und Kostüme: Nina Wetzel, Video: Sébastien Dupouey,
 Musik: Nils Ostendorf, Dramaturgie: Bettina Ehrlich, Licht: Erich Schneider.
Mit: Joachim Meyerhoff, Julia Schubert, Holger Bülow, Stephanie Eidt, Axel Wandtke, Ruth Rosenfeld, Henri Maximilian Jakobs, Bastian Reiber, Mano Thiravong, Hêvîn Tekin, Thomas Bading, Blade AliMBaye; Musiker:innen: Henri Maximilian Jakobs, Ruth Rosenfeld, Taylor Savvy und Thomas Witte.
Premiere am 4. Juni 2021
Dauer: 4 Stunden 30 Minuten, eine Pause

www.schaubuehne.de

 

Kritikenrundschau

Als "Erloschenen" lege Joachim Meyerhoff von Beginn seine Figur an, so Ute Büsing bei rbb Inforadio (5.6.2021). Melancholisch quäle er sich "als Dinosaurier der analogen Ära und damit Vertreter einer Lost Generation" durch die Ruinen seiner Existenz. Ein "fast kindlich staunender Zeitreisender, der die durchdigitalisierte, fragmentierte Gesellschaft nicht mehr versteht". Wo er auch Unterschlupf suche, begegneten ihm Lug, Trug und Verrat. "Aber irgendwie passiert das alles in Thomas Ostermeiers Inszenierung aus großer Distanz." Es werde frontal erzählt, kaum interagiert. Auch wenn die Live-Band mit Songs u.a. von Dead Kennedys, Gang of Four, Sonic Youth und Pixies "kräftig einheizt", sorge "das Polit-Potpourri aus der französischen Krisen-Gesellschaft Mitte der 2000er Jahre" nicht für Retro-Gefühle. Und erst nach der Pause gelängen Momente der Rührung und der "Klarsicht gesellschaftlichen Auseinanderdriftens".

Meyerhoff als "ein Meister des Erzähltheaters" verbünde sich mit jedem einzelnen im Publikum und vermittle in seiner "freudvoll staunenden Erzählung" das Gefühl, "den gemeinsamen Moment zu feiern, in dem ihm Erinnerungen und Gedanken aufsteigen", schreibt Ulrich Seidler in der Berliner Zeitung (5.6.2021). In dieser "zärtlichen Zuwendung" bade er seinen "Titelschluffi" (statt Titelhelden) Vernon: "Der depressive, gedankenlose Er-Schlafwandler des Romans wird zu einem melancholisch reflektierenden Ich-Träumer." Neben Subutex’ Indifferenz, "die ihm einen Rest von Geheimnis und viel Identifikationsspielraum lässt", fielen die anderen Figuren ab: Ihre durchgearbeiteten Charakterzeichnungen wirkten wie Klischees, so Seidler. Die Frauenfiguren müssten meist als Männerprojektion herhalten, sie "räkeln sich viel, tragen Fransenstiefel zu kurzen Röcken und senken Stimme und Augenlider". In aller sexistischen Werktreue – gelte Despentes’ Trilogie doch als sarkastisch feministische Antwort auf die Männerbücher von Michel Houellebecq – transportiere das "seltsam ungebrochen den männlichen Blick".

"Es ist eine nachdenkliche, über weite Strecken auch ein wenig eintönige Inszenierung, mit der die Berliner Schaubühne nach sieben Monaten aus dem Lockdown wieder aufersteht", schreibt Tilman Krause in der Welt (6.6.2021). Vernon Subutex nehme in Joachim Meyerhoff überzeugend Gestalt an, und am Ende fühle man sich "ein wenig bang in die neue Zeit entlassen und fragt sich, was sie wohl bringen wird. Mehr kann Theater nicht bewirken."

"An der Schaubühne ist ein großartiger Abend zu sehen", schwärmt Patrick Wildermann im Tagesspiegel (6.6.2021). "Eine über vierstündige Odyssee ins Herz der Finsternis einer Gesellschaft, die an allen Ecken und Enden zu erodieren beginnt."

"Thomas Ostermeier versuche keinen Berlin-Transfer und keine zuspitzende Lesart. Er bleibe einfach nah am Text, schreibt Eva Behrendt von der taz (7.6.2021). Es komme "braves Nacherzähltheater" dabei heraus. 

"Manchmal ganz lustig, meist eher melancholisch, oft etwas stereotyp, kurz anrührend", findet
Dirk Peitz von Zeit Online (5.6.2021) den Abend. "Zu einer tatsächlichen Gesellschaftsanalyse der Gegenwart taugt das alles eher nicht. Vor allem aber erzeugt die erwartbare Abfolge der Monologe und das weitgehende Nichtzusammenspiel der Akteure eine seltsame Nummernrevuestatik."

"Despentes’ Text bietet keine zuverlässige Grundlage, mal versucht er Yasmina- Reza-haft bissige Gesellschaftssatire, dann schweift er auf den Spuren von Didier Eribon ins sozialkritisch Erzählerische ab, um dann doch lieber von Ferne David Foster Wallace zu imitieren", schreibt Simon Strauß von der FAZ (8.6.2021). "An der Unentschlossenheit seiner Vorlage leidet auch die theatralische Adaption: Während die ersten zwei Stunden noch Stimmung, gutes Timing und französisch klischierte Schlüpfrigkeit zu bieten haben und insbesondere die Post-Punk-Band um Taylor Savvy mit klanglicher Wucht Bedeutung in die Sache bringt, zieht sich der zweite Teil sehr in die Länge und rutscht, auch durch die poesielose Konkretion von Frauen als Sexanbieterinnen und Männern als eindimensionalen Konsumenten, immer wieder in die unebenen Gefilde eines halbfeuchten Mitfünzigermännertraums ab – mit Porno auf dem Macbook und Bierdose als letztem Statussymbol."

 
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