"Die Luft ist bald raus"

von Falk Schreiber

Hamburg, 6. Juni 2021. Toxische Gesellschaftsverhältnisse verortete Elfriede Jelinek immer schon vorzugsweise auf der Skihütte. Ob im Roman "Die Kinder der Toten" oder im Drama "Schnee Weiss", immer brechen sich in Pistennähe binnen kürzester Zeit Sport, Alkohol, Sexismus, Faschismus und Bumstechno Bahn. Mittlerweile jedoch scheint dieser Blick auf die alpenländische Sportkultur von der Realität überholt worden zu sein. Im Frühjahr 2020 jedenfalls entwickelte sich der Tiroler Skiort Ischgl zum Nukleus der Corona-Pandemie in Europa, genauer: ein Schuppen mit dem sprechenden Namen "Kitzloch", in dem auch dann noch ohne Sinn und Verstand gefeiert wurde, als die Notaufnahmen längst überliefen. Ein gefundenes Fressen für Jelinek.

Österreich-Ekel und ein zerfallender Diskurs

Karin Beier inszeniert die Uraufführung von "Lärm. Blindes Sehen. Blinde sehen!" am Hamburger Schauspielhaus zunächst als realistisches Kitzloch-Abbild: Duri Bischoff hat eine exemplarische Kopie der alpenländischen Tourismusarchitektur auf die Bühne gestellt, die Kapelle spielt elektronisch aufgepeppten Blasmusikpop, die Touristenbaggage ist wild entschlossen, sich zu amüsieren, und ein Kellner (Jan-Peter Kampwirth) fühlt sich irgendwie nicht so gut. Also alles wie gehabt, schönster Österreich-Ekel, der sich nach und nach in einen Höhepunkt schraubt, der vor allem deswegen grausig ist, weil alle wissen, was passiert.

Laerm 3 560 MatthiasHorn uZum Pandemie-Personal gehören auch die Paketbot*innen: Angelika Richter, Julia Wieninger © Matthias Horn

So funktioniert ein guter Seuchenthriller: Man weiß, dass die Infektionen ihren Lauf nehmen, und man starrt trotzdem fasziniert hin. Bloß dass "Lärm. Blindes Sehen. Blinde sehen!" gar kein Seuchenthriller ist. Jelinek beschreibt zwar das Ischgl-Unheil, und Beier bedient die Theater-Klaviatur virtuos, um diese Beschreibung fühlbar zu machen, bis zur Kotze, die schließlich in die ersten Reihen spritzt. Aber ab einem gewissen Punkt geht es nicht mehr um Corona, es geht um: Lärm. Um Geschrei, um zerfallende argumentative Strukturen im Pandemie-Diskurs, um die Kakofonie des Irrsinns. Die einen fordern immer schärfere Schutzmaßnahmen, die anderen leugnen schlichtweg, dass das Virus überhaupt existiert. Zum ersten Mal hat man den Eindruck, dass Jelinek weniger überspitzt als vielmehr abmildert – besonders absurde Gestalten wie Attila Hildmann kommen im Stück gar nicht vor, sondern werden von der Inszenierung gerade mal im Hintergrund als Videoschnipsel gezeigt – und dennoch rauscht der Abend von nun an konsequent in den Wahnsinn.

Von Kirke zu Tönnies

Regisseurin Beier findet hierfür zunächst ein paar abgedroschene Bilder (Lars Rudolph etwa ist als verrückter Wissenschaftler ein allzu leichtes Ziel), bevor sie sich für einen zentralen Erzählstrang entscheidet: Das Stück nämlich koppelt das Seuchengeschehen mit der griechischen Mythologie, genauer, mit der Passage in Homers "Odyssee", als Odysseus' Gefährten von Kirke (die Eva Mattes hier mit sichtlicher Freude an grober Körperlichkeit gibt) in Schweine verwandelt werden. Freilich, verwandelt werden müssen die Gestalten im Grunde überhaupt nicht, es sind längst Schweine, die erst vor Großartigkeit kaum laufen können ("Wie geil sind wir denn?" "Aber richtig geil!"), um später ihrer Lust freien Lauf zu lassen und ein paar Sexpuppen zu malträtieren (wenigstens nur Gummipuppen!). Dass eine der Puppen nach ihrem Martyrium ziemlich platt ist, lässt Ernst Stötzner einen Blick auf das werfen, was kommt: "Die Luft ist bald raus, auch aus Ihren Lungen."

Laerm 4 560 MatthiasHorn uSchweine-Verwandlung: Lars Rudolph, Eva Mattes, Jan-Peter Kampwirth, Maximilian Scheid © Matthias Horn

Diese Corona-"Odyssee" ist also keine Irrfahrt, sondern eine Höllenfahrt. Und weil die Hölle noch längst nicht erreicht ist, stellen die über die Bühne grunzenden Schweine den Link her ins reale Pandemiegeschehen: zur Fleischindustrie, unter deren sklavenähnlichen Arbeitsbedingungen sich das Virus optimal verbreiten konnte. Beiers Theater ist auch ein Theater der Affekte, weswegen sie jetzt die Gelegenheit wahrnimmt, kaum erträgliche Bilder vom realen Schweineschlachten einzuspielen (Video: Severin Renke). Da macht es sich die Inszenierung – wie hin und wieder – ein bisschen leicht. Natürlich will so etwas niemand sehen, natürlich ist das ein Schockeffekt, der allzu kalkuliert zum gewünschten Ergebnis führt. Aber zugegeben, es funktioniert. Man ist in der Hölle.

Gehobenes Après-Ski

Ohnehin funktioniert diese Uraufführung über weite Strecken. Beier hat ein durch die Bank tolles Ensemble zur Verfügung (Josefine Israel mit keuchend kollabierender Atmung! Maximilian Scheidt mit langsam zerfallender Virilität!), Jörg Gollaschs Musik biedert sich nicht an die Alpen-Karikatur an, sondern erinnert als überraschend cooler Blasmusik-Techno-Bastard mehr an Ricardo Villalobos als an DJ Ötzi, und am Ende erweist sich der Abend auch noch als theoriefest, als Julia Wieninger mit einem langen Monolog die Brücke nicht nur zu Jelineks Skisport-Stücken schlägt, sondern auch mittels Trump zu "Am Königsweg" und mittels Heidegger zu "Totenauberg". Und dass dieser Monolog schließlich doch sehr, sehr lang wird, kann man der Inszenierung sicher nicht vorwerfen. Die Hölle nämlich dauert ewig.

Lärm. Blindes Sehen. Blinde sehen!
von Elfriede Jelinek
Regie: Karin Beier, Bühne: Duri Bischoff, Kostüme: Wicke Naujoks, Musik: Jörg Gollasch, Video: Severin Renke, Licht: Annette ter Meulen, Choreografische Mitarbeit: Altea Garrido, Körpertraining: Valentí Rocamora i Torà, Dramaturgie: Rita Thiele.
Mit: Josefine Israel, Jan-Peter Kampwirth, Eva Mattes, Angelika Richter, Lars Rudolph, Maximilian Scheidt, Ernst Stötzner, Julia Wieninger, Musiker: Lukas Fröhlich, Sebastian "Johnny" John, Stefan Pahlke.
Uraufführung am 5. Juni 2021
Dauer: 2 Stunden 55 Minuten, eine Pause

www.schauspielhaus.de

 

Kritikenrundschau

Zwei "Männerdienstreisen", sieht Stephan Hilpold im Standard (6.6.2021) als Stoff für Jelineks Stück: Après-Ski in Ischgl und die Homer’sche Odyssee, in dem Odysseus mit seinen Gefährten auf der Insel der Zauberin Kirke landet und sie dort ob ihrer Fleischeslust in Schweine verwandelt werden. Für diese Motiv-Konstellation macht der Kritiker einen "moralisierenden Unterton" aus, den Regisseurin Karin Beier laut Kritik "weidlich ausschlachtet". Beier setze auf Bilder, die zeigen, dass "das menschliche Ich nicht einmal Herr im eigenen Haus ist", zitiert der Rezensent Freud. Bei Beier seien Menschen Tiere und Tiere nicht ganz unbeteiligt an dieser Pandemie. In den drei Stunden macht der Autor viel Witz und Bildmacht aus, doch: So richtig in Fahrt komme der Abend nicht, erschöpfe sich "Lärm in der Verstärkung der Vielstimmigkeit einer Gegenwart, deren Übereinkünfte außer Kraft gesetzt wurden."

Von einem "prallen Abend" über das "mediale Gesums in verseuchten Zeiten" spricht Christine Dössel in der Süddeutschen Zeitung (6.6.2021). Elfriede Jelinek, die "wortgewaltige, gewohnt kalauerfreudige Erzählerin" dieser "Pandemie-Kakofonie" zündele und richte "einen Textflächenbrand" an. "Mehr als 80 eng beschriebene, anstrengend zu lesende Seiten, ein rauschender Schwall aus Angelesenem, Aufgeschnapptem, Zitiertem, Kolportiertem – böse Zungen würden sagen: Jelinek-Logorrhoe." Karin Beiers Inszenierung gewinnt darin aus Dössels Sicht erst mit der Zeit an "Schärfe und bitterer Kontur und stößt dann dahin vor, wo es eklig wird und weh tut" –  wenn sie nämlich der Spur folgt, "die hinführt zur malträtierten Natur und leidenden Kreatur an sich". Besonders in der letzten Stunde spitze Beier den Abend noch einmal düster zu – tue sich ein "tiefbrauner, sehr gefährlicher Abgrund" auf.

In der FAZ (7.6.2021) beschreibt Irene Bazinger Jelineks Stück als "abstoßend faszinierendes Zerrspiegelpanorama". Regisseurin Karin Beier interpretiere dies "virtuos-verstörend" und "als eine Art von theatralischer Traumabewältigung". Beiers Bilder wirken laut der begeisterten Rezensentin wie eine "reinigende Konzentrationsübung nach all den Lockdown-Monaten". Ein großartiges Ensemble sehe man da am Werk, das Jelineks Text, der von Verschwörungstheorie über Fleischproduktion bis zu Männergruppenreisen mäandernde, "souverän ausspiele".

Im NDR (6.6. 2021) findet Katja Weise Jelineks Stück "virtuos, assoziativ". Katrin Beier "meißele" sich als erfahrene Jelinek-Regisseurin ihre Inszenierung aus dem Text. Kein Überdruss entstehe bei dieser Corona-Arbeit – dies ist für die recht angetane Rezensentin "bemerkenswert". Jelinek und Beier gehe es um eine gespaltene Gesellschaft. Ein fordernder Abend sei entstanden, dessen Komplexität sich nach und nach erschließe, der für die Autorin "trotzdem fast noch dichter gebaut sein könnte". Doch sah sie auch: ein Ensemble, das mit viel Körpereinsatz und Begeisterung gespielt habe.

In der Welt (6.6.2021) schreibt Stefan Grund zum Hintergrund des Jelinek-Stücks, dass lauter Expert*innen im Saal saßen, denn: "das Thema von Lärm ist das Spannungsfeld zwischen den Strukturen der bürgerlichen Gesellschaft und disruptiven Ereignissen, die sie gefährden." Regisseurin Katrin Beier demaskiere an dem Abend ganze Industrien, die frei nach Jelinek den erbärmlichen Zustand der Zivilisation spiegelten. Dass der Abend trotz fehlender Handlung zu einem kompakten Corona-Stück wurde, liegt für den szenisch ausführlich beschreibenden und in vielen Schweine-Sprachspielen schwelgenden Kritiker an Beiers "beherztem Zugriff" – und einem "sehr engagierten" Schauspieler*innen-Einsatz.

Kaum Zeit zu reflektieren lasse das multimediale Highlight-Gewitter, schreibt Anke Dürr im Spiegel (6.6.2021) – etwa über die Frage, wie viele Überschneidungen es zwischen den feiernden Skifahrern und den finsteren Querdenkern wirklich gebe und ob man den Verschwörungstheoretikern beikomme, indem man ihnen, wenn auch sprachlich überformt von einer Jelinek, über weite Strecken des Abends die Bühne überlasse. Jelineks "Themenwust" werde notdürftig zusammengehalten vom Kirke-Mythos: "Von den Masken zu den Sendemasten zu Odysseus' Segelmast zur Schweinemast, das ist ungefähr der Gedankengang." Das Ausstattungsteam bebildere all diese Ebenen "virtuos", Karin Beier springe behende zwischen ihnen hin und her, eine Nummer folge der anderen, so Dürr. "Man fühlt sich wie früher in einem dieser perfekt inszenierten Stadionkonzerte, bei dem einem irgendwann der Verdacht beschleicht, die aufwendige Show solle womöglich vertuschen, dass das aktuelle Album der Band nicht ihr stärkstes ist."

Katrin Ullmann schreibt in der taz (online 8.6.2021): Bei Jelineks Text handele es sich um eine "assoziative Sammlung aus dem schockstarren Pandemiejahr", einen "uneindeutigen Text". Als "Bühnenadaption eine Herausforderung – und vermutlich ein großer Reiz". Karin Beier finde "viele und viele drastische Bilder" zu Jelineks Text. "Sie sprengt ihn förmlich auf." Auf der Bühne tobe "die Partystimmung" vor und zwischen Schweinehälften. Am Ende der Bilderflut konzentriere sich Beier auf Egekonnte, atemlose Stimmcollagen und angst- und kunstvolle Monolog". Insgesamt zücke sie "das ganz große Besteck". Und doch bleibe eine "merkwürdige Leere" zurück. Jelineks "Jahresrückblick" wirke schon wieder verjährt, der darin "beabsichtigte Verzicht auf eine eindeutige Haltung", dem auch die Regie keine These entgegensetze, hinterlasse vor allem Ratlosigkeit.

Jelineks neues Stück sei "teils dadaistisch, teils surrealistisch, manchmal komisch, manchmal erhellend, aber insgesamt nicht konfuser als eine Fernsehtalkshow zum Thema", schreibt Jens Jessen in der ZEIT (9.6.2021). Regisseurin Karin Beier habe zwar "der Versuchung widerstanden, identifizierbare Haltungen (verschwörungstheoretische, medizinisch-besorgte oder frivol Corona leugnende) identifizierbaren Personen zuzuordnen", und sei damit der "Textflächenästhetik" treu geblieben. Aber: "Für diese Redlichkeit zahlt Beier allerdings einen hohen Preis. Es ist der rasende Stillstand. Ein Maximum von Effekten bei einem Maximum von Nicht-Entwicklung erzeugt – dröhnende Langeweile."

 

 
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