Naturfreunde im Weltall

von Reingart Sauppe

Basel, 5. Juni 2021. Wow! Was für eine immersive Show, die Philippe Quesne gleich zu Beginn des Abends abzieht, Hollywood im Theater: Lichtdesigner Benjamin Hauser hat ein raumfüllendes virtuelles All kreiert, in dem unzählige Lichtpunkte tanzen, schwarze Gesteinskörper kreuzen und bedrohlich nahekommen; genreüblicher Science-Fiction-Sound treibt das Pathos auf die Spitze. Steven Spielberg hätte es nicht besser machen können. So groß (und bedrohlich) ist der Kosmos, so klein und kaum zu erkennen der Mensch, der sich in seinem Raumschiff durchs Unendliche fortbewegt.

Außerirdische vom Planet Erde

Menschliche Stimmen dringen leise durch den sphärischen Klangteppich, ein grüner Lichtkegel erscheint am Horizont, langsam nehmen die fünf Hauptdarsteller in Quesnes kosmischem Drama Konturen an. Sie scheinen in einer Art beleuchteten Gesteinshöhle über der Bühne zu schweben, in der sie es sich häuslich eingerichtet haben, Das ist technisch so perfekt gemacht, dass der Zuschauer kaum zwischen virtueller und analoger Bühnenrealität unterscheiden kann. Sind die echt oder auch nur virtuelle Figuren? Sind das Schauspieler oder Avatare?

Cosmic Drama 600 MartinArgyroglo Spektakulärer Auftritt der Astronaut*innen im "Cosmic Drama" © Martin Argyroglo

Die Irritation ist gewollt, denn ein Thema von Philipp Quesnes Space-Oper am Theater Basel ist es, mit den Begriffen des Fremden und des Vertrauten zu spielen. In seiner Zukunftsfiktion sind unsere fünf Weltraumbewohner in ihren leuchtend grünen Marsmännchenanzügen längst selbst zu Außerirdischen geworden: Den Kontakt zur Erde haben sie verloren, was geblieben ist, sind Erinnerungsfetzen an eine Existenz dort unten. Immerhin haben die Außerirdischen vom Planet Erde offenbar eine friedliche Mission: Als "Schäfer der Galaxie" wollen sie auf kosmische Gesteinsexpedition gehen.

No conflict!

Dramaturgisch braucht es dazu wie in jedem Sci-Fi-Schinken die Landung auf fremdem, gefährlichen Terrain, in diesem Fall aber auf dem vertrauten Boden der analogen Bühnenrealität. Die virtuelle vierte Wand wird deaktiviert, die Schauspieler leibhaftig sichtbar, sie umarmen und küssen sich. Und auch als Zuschauer ist man nach den langen Monaten endlosen Screenings erleichtert: Wie schön, wieder im analogen Theater zu sein! Und jetzt bedient sich Philippe Quesne voller Herzenslust bei den Mitteln des französischen Cirque Nouveau: Mit clownesker Naivität erforschen unsere fünf Weltraumritter vom Planet Erde die bedrohlichen Steinsbrocken, die als riesige Pappmachegebilde an langen Schnüren auf der Bühne hängen, und wirken dabei wie die multinationale Kleingruppe aus der Friedensbewegung: "No conflict" lautet ihre Übereinkunft.

Cosmic Drama 600 MartinArgyroglo Die "Schäfer der Galaxie" erkunden das Terrain. © Martin Argyroglo

Auf die Science-Fiction-Krieger der Vergangenheit, die mit Laser-Schwertern gegen die fremden, bösen Außerirdischen und für das Überleben der Menschheit kämpften, folgen die "Guten", die sich um das Wohlbefinden des rätselhaften schweigsamen Kosmos sorgen. Haben die Meteoriten vielleicht Liebeskummer? Reagieren sie auf Klaviermusik? Geht's ihnen nicht so gut, weil sie an schwarzen Kabeln hängen? Zum besseren Verständnis ketten die fünf sich selber an Seilen an und schaukeln glückselig zwischen den stummen Gefährten. Natur!, schreien sie begeistert, während die Musik ins Kitschig-Pathetische aufdreht.

Öko-Utopie

Philipp Quesne inszeniert in ironischer Überhöhung die Sorge um den Kosmos als Apotheose. Ist die Liebe des Menschen zur Natur doch nur eine kitschige Gefühlswallung? Wie zum Beweis zitiert Quesne populäre Beispiele aus der Musikgeschichte von "Moon River" bis zur "Mondscheinsonate". Auch die fünf Weltraumreisenden vermenschlichen und vereinnahmen die stummen Gefährten aus dem All. In einer akrobatischen Trampolinnummer gelingt es ihnen, ein besonders schönes steinernes Exemplar in ihr Raumschiff zu hieven. Sie bedecken es sorgfältig mit Goldfolie und setzen zum Aufbruch an: Zeit für die nächste Mission.

CosmicDrama2 600 Martin Argyroglo "Planet Earth is blue / And there's nothing I can do" (David Bowie) © Martin Argyroglo

Nur einer will nicht mehr mitmachen: Er will bleiben, nichts weiter, und das mutet fast an wie ein Aufruf: die Natur einfach mal in Ruhe zu lassen und sie in ihrer Eigenständigkeit und Andersartigkeit zu respektieren. Als klimapolitische Botschaft mag das naiv klingen, doch Philipp Quesnes Öko-Utopie reflektiert weniger unser Handeln als unsere Haltung gegenüber dem Kosmos. Witzig, ironisch, märchenhaft ist dieses kosmische Drama: Eine unterhaltsame und poetische Auseinandersetzung mit dem Thema Mensch und Natur à la française.

Cosmic Drama
Eine Space Oper am Ende der Welt von Vivarium Studio
Konzept, Inszenierung und Ausstattung: Philippe Quesne, Künstlerische Mitarbeit: Elodie Dauguet, Lichtdesign: Benjamin Hauser, Video: David Fortmann, Ton: Jan Fitschen, Dramaturgie: Camille Louis, Angela Osthoff.
Von und mit: Raphael Clamer, Jean-Charles Dumay, Annika Meier, Gala Othero Winter, Julian Anatol Schneider
Uraufführung am 5. Juni 2021
Dauer: 1 Stunde 40 Minuten

www.theater-basel.ch

 

Kritikenrundschau

In der bz Basel (7.6.2021) findet Dominique Spirgi, dass der Abend "vielversprechend" beginne. Um eine "Loslösung der multimedialen Ebenen" voneinander gehe es Philippe Quesne – und dies geschehe originell durch den Übertritt von der inhaltlichen zur ironischen Metaebene. Nach und nach wirke der Abend aber "verschwurbelt". Der Ausgangspunkt der Klimaerwärmung werde nicht mehr aufgenommen, und die Inszenierung steigere sich mehr und mehr in "alberne Slapstick-Loops", zwischen denen mitunter wenig inhaltliche Verbindung da sei. Auch findet der Kritiker all das sukzessive unwitzig.

Philippe Quesnes Inszenierung sei eine "garantiert konfliktfreie Begegnung mit weitgehend gestaltlosen Welten", analysiert Stephan Reuter in der Basler Zeitung (6.6.2021) und sieht eine Inszenierung mit "opulent designten Farbrauschmitteln". Stellenweise "pflüge" sich derAbend "furchtlos durch die Niederungen der Gelehrtensatire". Dies sei für das Ensemble alles andere als überfordernd, findet der Rezensent süffisant, um dann aber festzustellen, dass Quesne noch die "Kurve kriege". Das Schönste an der Arbeit sei aber, dass sie einen "Sprung aus dem technoiden in ein spielerisches Zeitalter ausdrückt". Dies sei ein leichtes für das Theater, aber ein großer Schritt für die Menschheit.

 

 

 
Kommentar schreiben