"Ich hab so Bock!"

von Stefan Forth

Hamburg, 6. Juni 2021. Partymacher*innen haben gerade keinen besonders guten Ruf. Regisseurin Jette Steckel lässt sich davon nicht abschrecken. Am Hamburger Thalia Theater veranstaltet sie mit "Pippi Langstrumpf" nach Astrid Lindgren einen großen, knalligen Kindergeburtstag für Erwachsene – und den ganzen Rest der Familie. Ein Fest der Fantasie, mit dem ein spielwütiges Ensemble die Bühne als einen Ort zurückerobert, an dem die Welt anders denkbar sein darf als auf den pandemiegeplagten Straßen und Plätzen um sie herum.

Energiegeladen und akrobatisch

Wie für das Theater gilt auch für die berühmt-berüchtigte Villa Kunterbunt: Hier ist im Prinzip alles möglich, wenn man nur fest genug daran glaubt. Bühnenbildner Florian Lösche hat die heruntergekommenen Bruchbude, die Astrid Lindgren zufolge Pippis Heimat sein soll, in einen neonstrahlenden, weitgehend leeren und deshalb extrem flexiblen Zauberraum verwandelt. Wände, Decken und Boden bestehen aus elastischen, kreischbunten Farblamellen, hinter denen Menschen, Tiere, Schatten und Geister ebenso schnell und unvermittelt auftauchen wie verschwinden können. Wenn sie nicht gerade irgendwo klettern, schweben, fliegen oder tanzen.

PippiLangstrumpf 2 560 ArminSmailovic uZaubertrick im Zauberhaus © Armin Smailovic

Und so gibt es richtig viel zu gucken und zu staunen an diesem energiegeladenen, kraftstrotzenden, akrobatisch durchchoreografierten Abend. Schauspieler André Szymanski etwa hat sich extra am schwarzen Vertikaltuch trainieren lassen für seine Rolle als Pippis Affe Herr Nilsson. Zu sagen hat er nicht viel, aber das fällt kaum auf, weil der Mann körperlich dermaßen agil und präsent ist, dass eine Poesie ganz ohne Worte entsteht. Dafür redet der wahnsinnig wuselige Ole Lagerpusch als Pippis bürgerlich biederer Kinderfreund Tommy umso mehr. Dieser hyperaktive Typ steht zwei Stunden lang unter Dauerstrom – als würde sich die ganze Energie langer spielfreier Monate in einer einzigen Aufführung entladen. Ein grandioses Glück fürs Publikum, das dabei sein darf!

Staatsräson vs. Freiheitsdrang

"Meine letzte Vorstellung war am 11. März 2020," sagt dieser spannungsvoll smarte Ole Lagerpusch einmal. Und: "Ich hab‘ so Bock." In Momenten wie diesen lugt die politische Realität durch die bonbonfarbenen Lamellen in das Anderswo der Villa Kunterbunt. Für die Erwachsenen im Zuschauerraum wird der herrliche Spaß dann manchmal ganz schön ernst. Schließlich wissen wir ja tief in uns drin, dass das mit der ganzen attraktiv anzuschauenden Anarchie am Ende auch keine Lösung ist. Da müssten sich Lagerpusch und Szymanski gar nicht zwingend mit Rudi Dutschke und erhobener Faust zurufen: "Der Kampf geht weiter!" Der Auftritt zweier Polizisten in voller schwarzer Einsatzkampfmontur auf der Bühne gegen Pippi und ihre Freunde hätte im Zweifel auch schon gereicht, um das Dilemma zwischen Staatsräson und Freiheitsdrang zu illustrieren.

PippiLangstrumpf 4 560 ArminSmailovic uMusik und Kuscheltiere © Armin Smailovic

Ein paar Restbestände einer Geschichte gibt’s in dieser lustvoll und klug komponierten Rebellionsrevue auch: Frau Prysselius von der Volksfürsorge (würdevoll verbrämt gespielt vom kolossal komischen Julian Greis) möchte die vermeintlich elternlose Pippi um deren zehnten Geburtstag herum der guten Ordnung halber lieber in ein Heim stecken (oder zu sich selbst nach Hause nehmen), aber das legendär starke Mädchen wehrt sich solange dagegen, bis sein Vater plötzlich auftaucht. Der wird allerdings gleich wieder allein zurück auf hohe See geschickt. Schließlich kommen Pippi, Tommy und dessen Schwester Annika auch ganz gut ohne Erwachsene klar.

Die anarchische Magie des Theaters

Oder etwa doch nicht? "Fragile" hat Kostümfrau Sibylle Wallum gleich mehrfach mit Klebestreifen auf Pippis Jeansflickenoutfit geklebt. Und tatsächlich ist die wunderbar burschikose Barbara Nüsse eine manchmal ziemlich zerbrechlich wirkende kleine Kapitänstochter. Eine große Klappe hat sie zwar, aber ihre eigentliche Stärke liegt in ihrem Einfühlungsvermögen, darin, dass sie die Erwachsenen durchschaut und demaskiert. In einer besonders berührenden Szene legt sie sich mit silbrig schwebendem (mit Helium gefüllten) Bettzeug schlafen, schaut in die Sterne und denkt noch kurz an ihre tote Mutter, die es im Himmel sicher schön haben müsse. "Ich sing ein Lied für mich, ein bisschen schräg soll’s sein, weil sonst die Nacht einnickt und lässt den Mond nicht rein," summt Barbara Nüsse dann leise und ein wenig brüchig. Für einen Augenblick kann sich da schonmal ein Kloß im Hals festsetzen.

PippiLangstrumpf 1 560 ArminSmailovic uBarbara Nüsse als Pippi Langstrumpf © Armin Smailovic

Überhaupt gehört die Musik von Anna Bauer zu den Highlights dieser Inszenierung. Die Texte zu den Songs hat sie sich teils ausgeliehen, von Carl Hegemann zum Beispiel oder Inga Humpe, melodisch zitiert sie zwischendurch den Liedohrwurm aus den alten Pippi-Filmen, "Keine Party" von Deichkind hat sie ein wenig umarrangiert – und aus diesem geballten Material macht sie eine überzeugende Klangcollage quer durch die Genres. Für die Zugabe hat auch noch der Deutschrocker Jan Plewka ein Lied beigesteuert, eine Lobhudelei auf Lindgrens starkes Mädchen aus prominentem Mund, mit der es sich aber verhält wie mit Pippis rätselhaftem "Spunk", von dem niemand so genau weiß, was das genau ist und wozu es überhaupt gut sein soll. Da hilft es auch nichts, wenn (wie bei der Premiere) Plewka selbst diesen Song zum Besten gibt.

Die große Kunst dieser Inszenierung besteht darin, dass sie Erwachsene und Kinder gleichermaßen in ihren Bann zieht. Zu verdanken ist das einem großartigen Ensemble – und dem bedingungslosen Vertrauen von Regisseurin Jette Steckel und ihrem Team in die Kraft der Fantasie, in die anarchische Magie des Theaters. Dieser Abend kann glücklich machen – unabhängig von der Anzahl der Falten im Gesicht.

Pippi Langstrumpf
von Astrid Lindgren
Regie: Jette Steckel, Bühne: Florian Lösche, Kostüme: Sibylle Wallum, Komposition: Anna Bauer mit Songtexten von Carl Hegemann, Inga Humpe, Ben Pavlidis, musikalische Leitung: Anna Bauer, Mark Badur, Live-Musik: Felix Weigt, Arne Bischoff, musikalische Zugabe: Jan Plewka, Sound: Rewert Lindeburg, Benedikt Kohlmann, Choreografie: Yohan Stegli, Licht: Paulus Vogt, Dramaturgie: Emilia Linda Heinrich.
Mit: Bernd Grawert, Julian Greis, Ole Lagerpusch, Barbara Nüsse, Maja Schöne, André Szymanski.
Dauer:  ca. 2 Stunden, keine Pause

www.thalia-theater.de

 

Kritikenrundschau

Jubel, Tanzen, Klatschen im Publikum – "der Abend trifft bei allen im Saal diesen entscheidenden Nerv", so Peter Helling bei NDR Kultur (7.6.2021). "Hier wird jede Behauptung zu Theaterzauber, das funktioniert perfekt." Leider gehe Jette Steckels Inszenierung im zweiten Teil die Puste aus. "Die Geschichte von Annika, Tommy und Pippi verliert sich in bunten Effekten. Auftritt reiht sich an Auftritt." Aber Barbara Nüsse mache Pippi zu einer "zerbrechlichen Heldin, die ihre Kraft aus der Menschenliebe nimmt" und – wie das Theater –  die Welt nicht einfach so hinnehme, sondern sie spielerisch verwandle.

"Ein bunter, kurzweiliger Abend mit einem großartigen Ensemble und einer wunderbaren, zarten, frechen Barbara Nüsse als Pippi", fasst es das Fernsehmagazin Hamburg Journal des NDR (7.6.2021) zusammen. Der Inszenierung fehle es "ein wenig an Ausdauer", manche Szenen wirkten aneinandergereiht. "Ein bisschen mehr Geschichte hätte gut getan."

 
Kommentar schreiben