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Traumspiele

von Sascha Westphal

Dresden / online, 11. Juni 2021. Ein Mann läuft und läuft und läuft und läuft. Er dreht eine Runde durch den riesigen Lichthof im Albertinum und noch eine und noch eine und noch eine. So ließe sich diese Aufzählung immer weiter fortsetzen. Es ist unmöglich, die von Torsten Ranft gelaufenen Runden mitzuzählen. Selbst wer es versucht, wird irgendwann die Übersicht verlieren. Und es ist ebenso unmöglich, dieses Laufen um des Laufens willen wirklich in Sprache zu fassen. Keine Worte können die Monotonie der immer gleichen Schritte und die Anstrengung des einsamen Mannes in Weiß in Gänze erfahrbar machen.

Raum der Assoziationen

Schon in diesem ersten, als "Phase des Zur-Ruhe-Kommens" beschriebenen Teil von Sebastian Hartmanns performativer Annäherung an Fernando Pessoas Das Buch der Unruhe kommt das Theater an seine Grenzen. Etwa vierzig Minuten lang läuft Torsten Ranft seine Runden im Lichthof. Zwei Kameras an entgegengesetzten Enden des Raums beobachten ihn dabei. Und sonst passiert fast nichts. Trotzdem entwickelt dieser ewige Kreis-Lauf in der live gestreamten Performance einen erstaunlichen Sog. Es fällt einem schwer die Augen von Ranft zu lassen, der offensichtlich nach und nach ermüdet, aber dennoch seinen Laufrhythmus beibehält. Ein weiter Raum der Assoziationen eröffnet sich, der noch größer wird, als plötzlich Bilder einer jungen Frau in einem weißen Kleid zwischen die Aufnahmen von Ranft geschnitten werden. 

buchderunruhe4 560 Sebastian Hoppe upeformativer Kreis-Lauf: Torsten Ranft © Sebastian Hoppe

Die Namenlose steht allem Anschein nach im Zentrum des Lichthofs und schaut wartend zu jemandem hin, der nicht zu sehen ist. In ihren Blicken liegen Freude und Erwartung, später Irritation und Enttäuschung. Und während sich ihr Ausdruck mehr und mehr verändert, wird sie selbst von einer deutlich älteren Frau beobachtet, die etwas seitlich von ihr steht. Vielleicht blickt die jüngere der beiden zu Ranft, in der Hoffnung, dass er von seinem monotonen Rennen ablässt und zu ihr kommt. Nur bewegt der sich auf einer anderen Ebene der Zeit. Und vielleicht ist die zweite eine über das vergebliche Warten alt gewordene Doppelgängerin der anderen. So würden sich die unerwidert bleibenden Blicke zu einem Sinnbild eines absurden Lebens summieren. Alle sind sie Gefangene ihrer selbst und finden keinen Ausweg aus ihrer Einsamkeit.

Einfach die Kontrolle abgeben

So ließe sich diese erste Phase der Inszenierung, die den Phasen des Schlafes vom Zur-Ruhe-Kommen bis zum Aufwachen folgt, durchaus entschlüsseln. Doch letztlich perlen Interpretationen wie diese an Sebastian Hartmanns Theater ab. Die Szenen und Bilder, die er auf der Bühne und nun in noch komplexeren Verschachtelungen im Livestream entwickelt, lassen sich natürlich deuten. Aber sie sind so offen, dass jede Deutung am Ende wie eine mutwillige Reduzierung wirkt. Letztlich bleibt den Zuschauenden kaum etwas anderes, als den Strom der Situationen und Tableaus durch sich hindurchfließen zu lassen. Einfach die Kontrolle abgeben, das ist immer noch die beste Haltung, um sich einer Arbeit Hartmanns zu nähern.

buchderunruhe2 560 Sebastian Hoppe u"Wer schläft, wird wieder zum Kind": Viktor Tremmel, Eva-Marlene Jaekel, Angelika Kuge, Nadja Stübiger, Christian Rabending © Sebastian Hoppe

Nach "Der Zauberberg" und "Lear", die beide am Deutschen Theater Berlin entstanden sind, ist "Das Buch der Unruhe" Sebastian Hartmanns dritte für den Livestream entwickelte Inszenierung, und die siebeneinhalbstündige Arbeit wirkt wie die Summe ihrer beiden Vorgänger. Wie zuletzt bei "Lear" arbeitet er wieder mit unzähligen Überblendungen. In einzelnen Momenten schichtet er Bilder über Bilder und löst so alle Zusammenhänge von Zeit und Raum auf. So kann sich sein in Lichtkostüme gewandetes Ensemble in einer langen Szene in eine Art vielfarbige Konstellation von Sternbildern verwandeln und dabei anscheinend durch das Weltall schweben. Es ist ein ungeheuer poetisches Bild für die Schwerelosigkeit des Schlafes, und damit auch für das, was Pessoa so beschreibt: "Wer schläft, wird wieder zum Kind." Für den portugiesischen Schriftsteller liegt im Schlaf ein "natürlicher Zauber", der den Schlafenden wieder "heilig" werden lässt. Nach eben dieser Form von Heiligkeit strebt Sebastian Hartmanns Inszenierung, die er selbst als theatrale Installation beschreibt. Selbst in eigentlich verstörenden Szenen, etwa wenn Gina Calinoiu mit einem Gewehr auf den vor ihr knienden Marin Blülle zielt und mit einem "Peng" andeutet, dass sie ihn erschießt, strahlt "Das Buch der Unruhe" eine kindliche oder eben träumerische Unschuld aus.

Träumen mit offenen Augen

Im Schlaf wird alles zum Spiel, sogar der schmerzliche Prozess von Geburt und Tod, den Simon Werdelis in einer schier endlos scheinenden Szene als grotesken Tanz performt. Während er aus der ungeheuren Tiefe des Raums der reglosen Kamera immer näherkommt, schreit Werdelis fortwährend und entledigt sich seiner Kleider. Das sind Albtraumvisionen, die für Momente Entsetzen auslösen. Aber wie im Schlaf verwandeln sich das Ungeheure ganz leicht ins Absurde oder auch ins Zärtliche. Überhaupt erfüllt eine geradezu berauschende Zärtlichkeit diese Installation. Cordelia Wege, die über die Bettdecke eines Schlafenden streichelt, beschwört ein Bild von Geborgenheit herauf, das noch die schrecklichsten Albträume vertreiben kann. Nach gut sieben Stunden dreht Torsten Ranft erneut seine Runden durch den Lichthof. Das Erwachen ist wie das Einschlafen, ein stetiger Kreislauf, aus dem es ganz im Sinne von Pessoas literarischen und philosophischen Splittern nur im Schlaf und im Träumen ein Entkommen gibt. Wer mit Sebastian Hartmanns Ensemble die Nacht durchwacht hat, konnte die Freiheit des Träumens mit geöffneten Augen und geschärften Sinnen erleben.

 

Das Buch der Unruhe
nach Fernando Pessoa
aus dem Portugiesischen von Inés Koebel
in Kooperation mit den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden
Regie und Raum: Sebastian Hartmann; Kostüme: Adriana Braga Peretzki; Musik (& Live-Musiker): Samuel Wiese, Philipp Thimm; Lichtdesign: Lothar Baumgarte; Animation: Tilo Baumgärtel; Licht: Johannes Zink; Dramaturgie: Jörg Bochow; Live-Kamera: Christian Rabending, Dorian Sorg; Videooperator: Edgar Franke, Max Rothe, Diana Stelzer, Theresa Tippmann; Sounddesign: Benjamin Blechschmidt, Robert Freitag, Georg Graebner.
Mit: Luise Aschenbrenner, Marin Blülle, Gina Calinoiu, Torsten Ranft, Fanny Staffa, Nadja Stübiger, Yassin Trabelsi, Viktor Tremmel, Cordelia Wege, Simon Werdelis und Konstantin Antelmann, Henrike Demuth, Maria González Havlík, Eva-Marlene Jaekel, Angelika Kuge, Bertolt List, Susanne Meyer, Parisa Mousavi, Yamile Navarro, Skander Soumri.
Dauer: 7 Stunden 40 Minuten, keine Pause

www.staatsschauspiel-dresden.de

 

Kritikenrundschau 

In seinem Bericht für die Dresdner Morgenpost (14.6.2021) schreibt Heiko Nemitz: "Eigentlich will ich durchhalten, aber irgendwann nach drei Uhr kann ich nicht mehr, mein eigener Schlaf vermischt sich mit dem Dargestellten." Dennoch sei Hartmanns Arbeit ein "so brachialer wie meditativer Kraftakt": "Kamera- und Video-Operationen waren exzellent, Lichtdramaturgie und Sounddesign minutiös ausgeklügelt (...)". Man habe "aus dem Vollen geschöpft" und ein Erlebnis geschaffen, das den Rezensenten zu dem Fazit bringt: "Nie hätte ich gedacht, dass ein kalter Stream mich so überwältigen und körperlich packen könnte."