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Aus Protest

13. Juni 2021. Aus Protest gegen die Entlassung der beiden ehemaligen Leiter*innen des freien Dortmunder Theaters Fletch Bizzel gibt Schauspielerin Maja Beckmann den ihr vom Haus verliehenen Tana-Schanzara-Preis zurück. Das berichtet unter anderem das regionale Blog ruhrbarone.de.

Medea 2 280 GinaFolly uMaja Beckmann als Medea in Leonie Böhms Inszenierung "Medea*" am Schauspielhaus Zürich 2020 © Gina FollyDem Streit vorangegangen war der Rücktritt von Horst Hanke-Lindemann als Theaterleiter Anfang des Jahres. Er hat das Theater 1985 gegründet. Lindemann ist heute noch Vorsitzender des Trägervereins von Fletch Bizzel. Die künstlerische Leitung übernahmen die Kulturmanagerin Cindy Jänicke und der Schauspieler und Autor Till Beckmann, Bruder von Maja Beckmann, im Januar 2021. Vier Monate später – im Mai – kündigte der Trägerverein des Theaters beiden fristlos. Ausgelöst hatte den Eklat eine Auseinandersetzung über eine geplante Urban-Art Ausstellung, die laut den Ruhr Nachrichten während des Aufbaus vom Vermieter des Theaters verhindert worden sei. Derzeit wird die Kündigung vor dem Dortmunder Arbeitsgericht verhandelt.

Verliehen wird der Tana-Schanzara-Preis im Rahmen des Comedy-Festival Ruhrhochdeutsch, das von Fletch Bizzel veranstaltet wird. Er wurde zu Ehren der Schau­spielerin und Komödiantin Tana Schanzara ins Leben gerufen, wird alle zwei Jahre vergeben und gilt als wichtige Auszeichnung in der Kulturszene des Ruhrgebietes. Maja Beckmann erhielt den Preis im Jahre 2010. Derzeit ist sie festes Mitglied am Schauspielhaus Zürich. Beckmann veröffentlichte ein Statement zur Rückgabe des Preises auf ihrer Facebook-Seite. Darin heißt es unter anderem: 

"Hiermit gebe ich den mir 2010 verliehenen Tana-Schanzara-Preis mit sofortiger Wirkung zurück. Das Preisgeld werde ich an verschiedene soziale Einrichtungen im mittleren Ruhrgebiet spenden. Ich möchte keinen Preis annehmen von einem Veranstalter (Horst Hanke-Lindemann), der seine Mitarbeitenden mit fadenscheinigen und diffamierenden Gründen fristlos kündigt."

(ruhrbarone.de / Ruhr Nachrichten / sdre)

 

Presseschau

Das Dortmunder Arbeitsgericht hat am 19.8.2021 über die Klage von Cindy Jänicke und Til Beckmann zu ihrer fristlosen Kündigung durch den tragenden Theaterverein entschieden: Die Kündigung ist unwirksam. Der Verein muss stattdessen eine ordentliche Kündigung aussprechen und die Gehälter des ehemaligen Leitungsteams bis Ende der vertraglich vereinbarten Frist bezahlen –  oder eine Abfindung. Ans "Fletch Bizzel" werden Jänicke und Beckmann nicht zurückkehren. Den rechtlichen Ausgang der Auseinandersetzung fasst unter anderem die Westdeutsche Allgemeine Zeitung (20.8.2021) zusammen und zitiert Til Beckmann: "Neuausrichtung ist keine Einbahnstraße. Das hat man im 'Fletch Bizzel' offenbar noch nicht verstanden." Zunächst sei die fristlose Kündigung mit Kritik an der künstlerischen Arbeit des Leitungsteams begründet worden. Vor Gericht sind laut WAZ-Recherche andere Gründe zum Tragen gekommen: Die künstlerische Neuausrichtung des Hauses habe dem Eigentümer der Immobilie nicht gefallen und die Verlängerung des Mietvertrages auf der Kippe gestanden. Von einem "Alleinstellungsmerkmal" für Dortmund ist im WAZ-Artikel die Rede: Die Stadt habe damit das einzige freie Theater, bei dem der Immobilieneigentümer über das Programm bestimmen darf.

Die künstlerische Interims-Leitung des Theaters stellt derweil Felix Guth in den Ruhrnachrichten (19.8.2021) vor: Rada Radojcic (46). Sie kenne das Haus seit 13 Jahren, habe hier mit dem Theaterensemble "Kulturbrigaden" und anderen Projekten immer wieder gespielt und inszeniert. Besonders der Kinder- und Jugendtheaterbereich liege ihr am Herzen, heißt es im Artikel. Eine "musikbetonte" Inszenierung von "Alice im Wunderland" werde den Auftakt ihrer Leitungsperiode am Theater machen.

"Das Ding ist durch", kommentiert die Journalistin Sabine Brandi auf dem Blog ruhrbarone.de (25.8.2021) den Fall. In ihrem Text weist sie zentral darauf hin, dass der ehemalige Theaterleiter und Vereinsvorsitzende Horst Hanke-Lindemann nach dem Prozess gegenüber der Presse die Einmischung des Vermieters weiterhin abstreite: "Der Vermieter hat in 35 Jahren noch nie Einfluss auf die Kultur hier genommen und wird es auch nicht tun", zitiert die Autorin Hanke-Lindemann in ihrem Artikel. Gegenteiliges ginge aber klar aus Mailwechseln zwischen dem Vereinsvorsitzenden und dem Immobilieneigentümer Jochen Niemeyer hervor, die laut Brandi auch vor Gericht eine Rolle spielten. Dieser Druck habe dazu geführt, dass bei einem Vermittlungstermin im April, im Beisein von Vertretern der Stadt und dem Fletch-Bizzel-Vereinsvorstand, von allen Vorstandsmitgliedern geäußert worden sei: "Till und Cindy und ihr Konzept müssen weg, sonst gibt es für uns keinen neuen Mietvertrag".