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Durch ein zerissenes Land

von Sascha Westphal

Düsseldorf, 17. Juni 2021. Die ursprüngliche Planung sah anders aus. Eigentlich sollten bei der Uraufführung von Lara Foots gemeinsam mit der Handspring Puppet Company erarbeiteten Bühnenbearbeitung von J. M. Coetzees Roman Leben und Zeit des Michael K. zwei verschiedene Ensembles gemeinsam auf der Bühne des Düsseldorfer Schauspielhauses stehen. Schauspielerinnen und Schauspieler aus Südafrika und aus Deutschland sollten sich zusammen dieser Geschichte eines Mannes nähern, der versucht, in den Wirren des südafrikanischen Bürgerkriegs seinen eigenen Frieden zu finden.

Eine andere Dimension

Doch das hat die Pandemie verhindert. Die Künstlerinnen und Künstler aus Südafrika konnten nicht zur Eröffnung des Festivals Theater der Welt nach Düsseldorf reisen, sondern standen auf der Bühne des Baxter Theatre Centers in Kapstadt, in dem kein Publikum erlaubt war. Das saß in 9.500 Kilometer Entfernung im Zuschauerraum des Düsseldorfer Schauspielhauses und folgte einer Live-Übertragung der Aufführung aus Südafrika. In Zeiten des Theaterstreamings eigentlich ein gar nicht so ungewöhnlicher Vorgang, der aber durch das gemeinschaftliche Erleben im Saal des Düsseldorfer Schauspielhauses eine etwas andere Dimension erhalten hat.

TheaterderWelt1 560 David Young uEine Art von Geburt: Die Puppe Michael K. wird enthüllt. © David Young

Zu Beginn wird die knapp einen Meter große Holzpuppe von Michael K. in eine Decke gehüllt auf die Bühne getragen und dort enthüllt. Ganz langsam befreit das Ensemble sie aus ihrer Umhüllung, bevor drei Puppenspieler:innen sie übernehmen und beginnen, sie gemeinsam zu führen. Es ist ein fast schon ritueller Akt, eine Art von Geburt, die dieser Puppe mit ihren fein geschnitzten Zügen und der deutlich sichtbaren Lippen-Spalte tatsächlich eine eigene Lebendigkeit verleiht. Es ist offensichtlich, dass Michael K., der aufgrund seiner angeborenen Fehlbildung und der Unterstellung, dass er etwas "langsam in Kopf" sei, einen großen Teil seiner Kindheit in einem Heim verbringen muss, von einer Puppe verkörpert wird, ebenso wie später auch noch einige andere Figuren der Erzählung. Dennoch nimmt man ihn längst nicht nur als Puppe wahr.

Hölzern und belebt

Ein kleiner, aber ungeheuer faszinierender Riss ergibt sich, der im Lauf der Inszenierung immer größer zu werden scheint. Das, was man mit den Augen sieht, und das, was es in einem auslöst, sind zweierlei Dinge. Der hölzerne Kopf und die von den Puppenspieler:innen bewegten Glieder markieren Michael K. nicht als ein unbelebtes Objekt. Sie weisen ihn eher als Außenseiter aus, als jemanden, der in der von Gewalt und Unterdrückung, Ausbeutung und Rassismus geprägten Gesellschaft Südafrikas immer wieder zum Opfer wird. Damit ist diese Puppe eine geradezu ideale Besetzung für Coetzees Michael K., der als Ausgestoßener, durch die Wirren des Krieges Irrender, zu einem Spielball der Verhältnisse wird.

TheaterderWelt2 560 David Young uReise in eines besseres Leben? Mutter und Sohn brechen auf. © David Young

Eine ungeheure Sehnsucht erfüllt diesen Mann, der in Kapstadt als Gärtner in einem großen öffentlichen Park arbeitet. In der Verbindung zur Natur findet er eine Geborgenheit und einen Frieden, die ihm die menschliche Gesellschaft immer wieder raubt. Also bricht er gemeinsam mit seiner schwerkranken Mutter, die in der Inszenierung auch von einer Puppe verkörpert wird, auf, um von Kapstadt nach Prince Albert zu gehen. Dort ist seine Mutter auf einer Farm aufgewachsen, und dort hoffen beide, sich der Not und der Ausgrenzung zu entziehen, die ihr Leben in Kapstadt prägt. Selbst nachdem seine Mutter gestorben ist, hält Michael K. an diesem Traum fest. Er begibt sich auf eine Reise durch das vom Apartheid-Regime zerrissene, an den Rand des Zusammenbruchs gebrachte Land und erfährt dabei immer von Neuem, dass es für ihn kaum ein Entkommen aus den Verhältnissen gibt. Seine ihn letztlich im Kreis führende Odyssee wird in Coetzees Roman zur Anklage einer Gesellschaft, die sich allein auf Gewalt gründet und die Menschen von ihrer Menschlichkeit entfremdet.

Zärtliche Gegenvision

Lara Foot bleibt mit ihrer Adaption sehr nah an Coetzees Roman. In gewisser Weise erzählt sie ihn schlicht mit den Mitteln des Theaters, zu denen hier neben den Puppen auch projizierte Filmaufnahmen von südafrikanischen Landschaften gehören, nach. Dieser Ansatz verleiht ihrer Inszenierung im Vergleich zu vielen Romanbearbeitungen auf deutschen Bühnen einen beinahe schon biederen oder, um es ein wenig neutraler zu formulieren, einen eher klassischen Touch. Foot arbeitet sich an dem Roman ab und greift dabei dessen episodische Struktur auf. Sie reiht Szenen und Situationen aneinander, die sich zu einem bitteren Porträt einer Menschheit zusammenfügen, in der für einen so sensiblen, in seiner scheinbaren Einfachheit extrem komplexen und tiefgründigen Charakter wie Michael K. kein Platz ist. Aber in dem Zusammenspiel der Schauspielerinnen und Schauspieler mit der Puppe blitzen auch Momente von Zärtlichkeit und Wärme auf. So wird eine zufällige Begegnung zwischen Michael K. und einem alten Mann vor einem Krankenhaus zu einem poetischen Moment, in dem ein anderes Zusammenleben aufscheint. Es sind diese Augenblicke, in denen die Puppe aufhört, Puppe zu sein, und einfach zu einem Teil des Ensembles wird, in denen "Leben und Zeit des Michael K." eine bestechende Gegenvision zu all der Gewalt und dem Leid entwickelt, von denen Coetzee erzählt.

 

Leben und Zeit des Michael K.
Uraufführung
nach dem gleichnamigen Roman von J. M. Coetzee
Koproduktion von Festival Theater der Welt Düsseldorf 2021, Düsseldorfer Schauspielhaus, Baxter Theatre Centre (Kapstadt), Les Théâtres de la Ville de Luxembourg
In Englisch, Afrikaans und Xhosa mit deutschen Übertiteln
Regie und Textbearbeitung: Lara Foot; Puppen: Adrian Kohler, Basil J.R. Jones; Leitung Puppen und Konzeption: Adrian Kohler, Handspring Puppet Company; Leitung Puppenspiel: Craig Leo; Komposition: Kyle Shepherd; Bühne: Patrick Curtis; Kostüm: Phylis Midlane; Licht: Joshua Cutts; Sounddesign: David Claassen, Video: Kirsti Cummings; Dramaturgie: Felicitas Zürcher (Düsseldorfer Schauspielhaus); Projektion: Yoav Dagan; Kamera (Film), Foto: Fiona McPherson; Kamera: Barrett De Kock; Produktionsleitung: Marisa Steenkamp; Stage Manager: Puleng Mabuya; Produktionsleitung (Baxter Theatre): Libie Nel.
Mit: Sandra Prinsloo, Andrew Buckland, Faniswa Yisa, Carlo Daniels, Billy Langa, Nolufefe Ntshuntshe.
Puppenspiel: Roshina Ratnam, Marty Kintu, Markus Schabbing.
Premiere am 17. Juni 2021
Dauer: 2 Stunden 30 Minuten, eine Pause

www.baxter.co.za
www.theaterderwelt.de
www.dhaus.de

 

Kritikenrundschau

Ein "Mischung aus Puppen- und Menschentheater" sieht Kritiker Stefan Keim, der die Arbeit auf Deutschlandfunk Kultur (17.6.2021) bespricht. Momente von "wunderbarer Leichtigkeit" und Humor macht der begeisterte Kritiker dabei aus, beispielsweise wenn die Puppe den / die Spieler:in im Spiel anschaut und man ihre Gedanken hören kann. Eine großartige Eröffnung ist dies für den Kritiker. Er habe das Gefühl gehabt, dass die Puppen auf der Bühne lebendig geworden seien. "Unfassbar berührend" seien diese menschenhohen Puppen wie die Inszenierung insgesamt.

"Die Eröffnungspremiere war anrührend", schreibt Martin Krumbholz von der Süddeutschen Zeitung (21.6.2021). "Es sind wunderschöne Bilder, die hier gelingen; die Humanität, die Großzügigkeit und die klare Botschaft des Abends überwiegen die ästhetischen Feinheiten oder gar innovativen Ehrgeiz."

Als "spektakulär" beschreibt Simon Strauß den Abend in der FAZ (21.6.2021). "In der sublimen Tradition britischer Regieführung baut Lara Foot zusammen mit ihrem Puppenspiel-Ensemble eindrückliche Bilder, lässt sich viel Zeit, um die Präzision bei der kollektiven Führung einer halb lebensgroßen Marionette wirken zu lassen." Der Roman werde "so dicht, so zeitgeistlos erzählt, dass man nichts anderes kann, als von dem schonungslosen Rundumschlag des Unglücks gebannt dazusitzen und auf eine bessere Welt zu hoffen".

"Wie die Spieler mitleiden, sich an die Puppe schmiegen und mit ihr schließlich zu verwachsen scheinen, geschieht mit einer solchen Intensität und Innigkeit, die alles vergessen lässt: die große Leinwand und die mehr als 9500 Kilometer zählenden Distanz, selbst das Theater", schwärmt Lothar Schröder in der Rheinischen Post (19.6.2021) von diesem "Glücksfall". "Wir sind Zeuge einer großen Choreografie des Lebens und des Leidens am Leben."

Lara Foot "erzählt die Geschichte schnörkellos, der Puppen-Verfremdungseffekt sorgt für Überhöhung und zugleich für besondere Anteilnahme am Schicksal des Gebeutelten", schreibt Regine Müller in ihrem Festivalbericht für die taz (25.6.2021). "Die lineare Inszenierung und ihre biederen ästhetischen Mittel wirken jedoch eigenartig aus der Zeit gefallen. Dennoch, die auf riesiger Leinwand über 9.500 Kilometer live erlebte Aufführung aus Kapstadt, wo derzeit Ausgangssperre herrscht, ist atmosphärisch stark und war ein würdiger Auftakt."