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Hot Stuff

von Matthias Schmidt

Weimar, 18. Juni 2021. Der Wald von Arden wird von einer kunterbunten Land-Kommune besiedelt, die Möhren und Rübchen anbaut und in hölzerne Gemüsekisten packt. Die Städter lieben diese Kisten, auch wenn sie insgeheim hoffen, dass bei der nächsten Lieferung nicht schon wieder so viel Brokkoli drin ist. Alles auf dieser Bühne ist bunt und grell. Männer sind Frauen, und Frauen spielen Männer, die sich dann wiederum als Frauen verkleiden. Was ist hier zu erwarten? Heutiges? Parodistisches? Provokantes gar?

"Wie es euch gefällt" wird gespielt, das Sommertheater des Nationaltheaters auf der Freilichtbühne am alten E-Werk, und es gäbe kaum ein besseres Stück, um die in den Monaten angestaute Lust auf Schauspiel zu befriedigen.

Wir sind's nur

Der Titel wirkt wie ein Motto, und auf den ersten Blick bedienen Regisseur Christian Weise und sein künstlerisches Team es mit allem, was das Theater zu bieten hat. Glamouröse Kostüme, Live-Musik auf der Bühne mit Hits unter anderem von Bronski Beat und Donna Summer und endlich wieder eine große Besetzung, die ohne spürbare Abstandsregeln groß aufspielt.

Wie es euch gefaellt1 560 candy welz .jpgAlles durcheinander: Männer spielen Frauen, die Männer spielen. Hier Thomas Kramer (Viola) und Fabian Hagen (Orlanda) © Candy Welz

Auf den zweiten Blick aber unterläuft die Inszenierung den simplen Sommertheaterspaß, der auf der Hand zu liegen scheint. Sie überdreht ihn, nimmt von allem zu viel: zu viel Kostüm, zu viel Farbe, zu viel Schminke, zu viele große Gesten. Sie vertauscht die Geschlechter gleich doppelt, sowohl in den Rollen als auch in der Besetzung. Aus Rosalind wird Rosalund, ein Mann, gespielt von einer Frau. Aus Orlando wird Orlanda, gespielt von einem Mann. Was in Zusammenhang mit dem ohnehin zum Stück gehörenden Geschlechtertausch im Wald von Arden ein ordentliches Maß an Travestie auf die Bühne zaubert. Vor allem tut es das ohne vordergründige Botschaft, sondern zunächst rein äußerlich. Der Stil ist alles, die Kunst der Übertreibung mehr als die Sache selbst. "Hot Stuff", nicht nur für die Ohren.

Grelle Überzeichnung

Das erstaunliche Ergebnis ist, dass man mit den Paaren, die die Liebe suchen, völlig unabhängig von Geschlecht und Rolle völlig vorbehaltlos mitfiebert. Darum letztlich geht es ja, wenn Orlanda und Rosalund und Silvia und Phoebus und die anderen sich umkreisen, sich missverstehen und schließlich finden. In dieser Inszenierung, das erreicht die grelle Überzeichnung, soll gespielt und kein Diskurs geführt werden.

wie es euch gefaellt3 560 candy welz.jpgÜbertreibung ist alles: Nadja Robiné (Rosalund), Krunoslav Sebrek (Madame Touchstone) und Christoph Heckel (Corinna), im Hintergrund: Boris Izvarin (Amiens) © Candy Welz

Eine Befreiung ebenso, wie das Aufeinanderprallen von Stadt und Land sich in diesem Konzept auflösen. Auch hier sorgt die schiere Übertreibung für klassen- und schrankenlose Empathie. Ein dicklicher Depp? Ein muskulöser Mann im Blümchen-Bikini? Eine Schäferin in Kittelschürze, die auch noch berlinert? Kein Problem. Die Typen vom Lande mögen etwas zurückgeblieben aussehen, aber wie auch bei den schrillen Hofschranzen verstecken sich dahinter Humor und ein intaktes Herz. Damit erobern sie trotz alldem die Herzen des Publikums. Sie sind Menschen, man fühlt mit ihnen mit, obwohl man sich vor Lachen über sie teilweise kaum halten kann. Man mag das "Camp" nennen. Man kann es aber auch einfach Theater nennen.

Ein kluger Spaß

Diese Inszenierung kommt mit einer Leichtigkeit daher, die zu sagen scheint: wir sind’s nur, euer Theater. Wir spielen für euch, wir sind für euch Herzoginnen und Preisboxer, Schäferinnen und Narren, Frauen und Männer und alles dazwischen. Lacht mit uns, fühlt mit uns, hier ist der Raum dafür. Und vielleicht sprecht ihr auf dem Nachhauseweg oder im Biergarten, das geht ja auch wieder, nicht ganz zufällig darüber, warum dieser Abend, obwohl er gleich etliche Debattenthemen der Zeit zumindest angerissen hat, dennoch so unglaublich unterhaltsam war.

wie es euch gefaellt3 560 candy welz.jpgThey will rock you! Auf der Bühne von Jana Findeklee und Joki Tewes: Paula Weber (Phoebus), Boris Izvarin (Amiens) und Miro Maurer (Silvia), im Hintergrund die Musiker Falk Effenberger und Steffen Illner © Candy Welz
Genau darin nämlich besteht die Raffinesse von Christian Weises Arbeit. Das Spiel mit den Identitäten und den Geschlechtern, mit den Gegensätzen der Jetzt-Zeit, von Stadt und Land, von Adel und Landvolk, von Veganern und Fleischfressern, es polarisiert nicht, es löst sich auf in Selbstverständlichkeiten. In Shakespeares brillanten Dialogen, in denen man sich bekämpfen und zugleich achten kann, in denen geschliffener Witz und derbe Bauernschläue enge Verwandte sind. In immer wieder eingestreuten Bezügen ins Heute, kurzen Andeutungen nur: ein Gendern hier, ein Wortwechsel zum Thema "vegan oder Fleisch" dort.

Wie Volkstheater zu Shakespeares Zeiten

Ein paar Wortwechsel mit den Zuschauern, ein paar Witzchen auf deren Kosten ("Bitte ab 40 keine ärmellosen Kleider mehr!" – "Jack Wolfskin im Theater? Nicht Ihr Ernst!"), eine kleine Politikergeste ("Ich bin es, die Mitte!"), dazu die wirklich ungebremste Spielfreude, und alles zusammen lässt eine Ahnung davon aufkommen, was es mit dem Volkstheater der Shakespeare-Zeit auf sich gehabt haben könnte. Ein kluger Spaß kann mehr als jede Belehrung und jeder aufgesetzte Diskurs. Diese Inszenierung war so ein kluger Spaß. Den frenetischen Applaus hat sie sich redlich verdient.



Wie es euch gefällt
Komödie von William Shakespeare
Unter Verwendung der Übersetzung von Wilhelm Schlegel
Regie: Christian Weise, Bühne und Kostüme: Jana Findeklee, Joki Tewes, Musik: Jens Dohle, Dramaturgie: Beate Seidel.
Mit: Sebastian Kowski, Cornelius Schwalm, Thomas Kramer, Fabian Hagen, Krunoslav Šebrek, Nadja Robiné, Rosa Falkenhagen, Paula Weber, Christoph Heckel, Miro Maurer, Boris Izvarin, Musiker: Jens Dohle, Steffen Illner, Falk Effenberger.
Premiere am 18. Juni 2021
Dauer: 2 Stunden 40 Minuten, eine Pause

www.nationaltheater-weimar.de

 

Kritikenrundschau

"Das läuft alles fast zu rund, als Teil einer gut geölten Komödienmaschine, die Christian Weise glänzend zu bedienen weiß", schreibt Michael Helbing in der Thüringer Landeszeitung (21.6.2021). "Da stimmt jeder Ton, jeder Rhythmus – so sehr, dass man sich wünschte, die Maschine geriete mal ins Stottern." Es fehle ein irritierendes Moment. "Denn so selbstverständlich ist natürlich nichts, beim Suchen und Finden der Liebe wie der eigenen Identität. Dass muss ihnen irgendwann aufgefallen sein, weshalb Thomas Kramer als Orlandas Schwester Olivia einen starken Auftritt bekommt, bei dem sämtliche Hüllen fallen und einer plötzlich zwischen Stühlen (und Geschlechtern) steht: 'someone in between', wie Boris Izvarin sang." Ansonsten triumphiere das Spiel mit Drinnen und Draußen über jenes mit Inner- und Äußerlichkeiten, so der Kritiker, der dieses Sommerspiel schließlich als fulminante Rückkehr des Nationaltheaters bejubelt: "ein großes Lust-Spiel, in dem die Lust selbst zwar nur als Seitenthema eine Nebenrolle abbekommt, die Lust der Spieler aufeinander und auf ein Publikum aber explodiert".