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Die Schock-Strategie

von Sascha Westphal

Düsseldorf / Online, 21. Juni 2021. Reihen von Restaurant-Tischen füllen Rocío Hernandez' Bühne. Auf jedem von ihnen stehen Plastikflaschen, eine in Rot, eine in Gelb und eine in Grün. Ein eher unscheinbarer Ort. Schließlich finden sich solche Tische mit Resopalplatten in unzähligen Cafés und Snack Bars überall auf der Welt. In Santiago de Chile, wo Guillermo Calderóns Inszenierung seines Stücks "Dragón" im Juni 2019 ihre Uraufführung feierte, ruft dieses Bühnenbild allerdings überaus konkrete Assoziationen und Erinnerungen hervor. Hernández hat mit ihm den Innenraum eines bekannten Restaurants am Plaza Italia rekonstruiert, das schon zu Zeiten der Militärdiktatur unter Augusto Pinochet ein Treffpunkt für Dissident*innen war.

Restaurant der Dissidenten

Calderón setzt dieses Hintergrundwissen keineswegs voraus. Seine Produktion "Dragón", die nun im Rahmen des Festivals Theater der Welt ihre Deutschlandpremiere im Düsseldorfer Schauspielhaus hatte, pandemiebedingt als Live-Stream aus Santiago de Chile, entwickelt auch so seine künstlerische und politische Sprengkraft. Aber es hilft einem zu verstehen, wie eng die Arbeiten des chilenischen Autors und Theatermachers mit der Gegenwart wie der Geschichte seines Heimatlandes verknüpft sind. Calderón gelingt es auf beeindruckende und zugleich sehr beiläufige Weise, das Allgemeingültige mit dem Speziellen zu verschränken. Dabei entsteht für das Publikum ein vielfältiger Resonanzraum, der bei allen Zuschauer*innen eigene Erinnerungen und Erfahrungen zum Schwingen bringt.

Dragon1 280 c eugenia pazMord oder Kunst? Luis Cerda, Camila González, Francisca Lewin in "Dragón" © Eugenia Paz

Die Handlung: Das Künstler*innenkollektiv "Dragón" steckt in einer tiefen Krise. Aus dem ehemals dreiköpfigen Drachen ist ein zweiköpfiger geworden. Alejandra hat ihre früheren, von Luis Cerda und Camila González gespielten Partner*innen verlassen. Die beiden suchen nun nach einem Weg, ihrer Arbeit neuerlich Bedeutung zu verleihen. Deswegen treffen sie sich in dem Restaurant mit einer namenlos bleibenden jungen Frau, die schon einer ganzen Reihe von Künstlern, und es waren wohl tatsächlich meist Männer, assistiert und so geholfen hat.

Nachstellung eines Mords als Kunstprojekt

Ihr erzählen sie von ihren Plänen, die Ermordung des guyanischen Historikers und Politikers Walter Rodney in einer Galerie nachzustellen. Der politische Mord an dem schwarzen Theoretiker und Revolutionär soll ihr Kommentar zu den sozialen und (geo-)politischen Verhältnissen im postkolonialen Chile werden

Dragon3 560 Wie man politische Verhältnisse anprangert: "Dragón" im Livestream aus Santiago de Chile © Melanie Zanin

Allerdings erweist sich ihre angehende Assistentin als nicht sonderlich hilfreich für das Künstler*innenduo. Francisca Lewin spielt sie als eine Art Kunst-Groupie. Auf den ersten Blick hat ihre überschwängliche Begeisterung etwas Naives und zugleich Serviles. Endlich begegnet sie ihren Idolen und kann dann auch noch mit ihnen zusammenarbeiten. Doch schon ihre erste, scheinbar unschuldig gestellte Rückfrage, ob sich die beiden wirklich das Leben und den Tod eines Schwarzen für ihre Arbeit aneignen wollen, stürzt den zweiköpfigen Drachen in eine weitere existentielle Krise. Daraus entwickelt sich ein vieldeutiges und immer komplexer werdendes Spiel um die Macht oder Ohnmacht von Kunst und um die Bedeutung von Lügen und Fakes.

Grenzen politischer Kunst

Beeinflusst von Alejandra kommt Luis Cerda auf die Idee, Augusto Boals "unsichtbares Theater" mit einer Performance im Stadtraum von Santiago de Chile neu zu beleben. So will er auf die politischen Morde in Brasilien aufmerksam machen. Nur stellen sich erneut Fragen der Repräsentation. Das weiße, eindeutig bourgeoise Künstler*innenduo überschreitet mit dieser Aktion eine Grenze, so dass sich nicht mehr eindeutig sagen lässt, ob es die politischen Verhältnisse anprangert oder ausnutzt.

Diesen Zwischenspalt spitzt Calderón so weit zu, bis sich Camila González in hysterischen Ausbrüchen zu verlieren scheint und Luis Cerda in Verfolgungswahn fällt. Beide spielen hemmungslos mit den Klischees, die von Künstler*innen existieren, und haben dabei sichtlich ihren Spaß.

Dragn4 560 © Melanie Zanin

So wird "Dragón" zu einer selbstironischen Befragung von Calderóns eigener Arbeit. Er und sein Ensemble zeigen präsize die Grenzen politischer Kunst auf und reflektieren sowohl die eigene Rolle wie die des Publikums, dem schließlich vorgeworfen wird, dass es, wenn es einmal darauf ankommt, wahrscheinlich die Ordnung der Gerechtigkeit vorziehen wird.

Augusto Boal für die Gegenwart

Diese treffende und doch niemals herablassende 'Publikumsbeschimpfung' steht im Zentrum der Inszenierung, die Augusto Boals Konzept eines unsichtbaren Theaters, das zu den künstlerischen Waffen der Unterdrückten zählt, für unsere Gegenwart weiterdenkt.

"Dragón" ist offensichtlich alles andere als unsichtbar. Die Show findet eben nicht auf der Straße statt, wie es Boal wollte, sondern in einem Theater. Aber der Schock, auf den das unsichtbare Theater abzielte, stellt sich dennoch ein. In dem Wechselspiel aus Komik und künstlerischen Aktivismus, das Calderón mit seinem Ensemble inszeniert, werden alle Theaterkünster*innen und Zuschauer*innen mit ihren blinden Flecken konfrontiert. Der Schock stellt sich ein, wenn offensichtlich wird, dass es eben nicht reicht, Theater zu machen oder ein Theater zu besuchen. Auch wer Kunst und vor allem politische Kunst schätzt, steht nicht automatisch auf der richtigen Seite.

 

Dragón
von Guillermo Calderón
in spanischer Sprache mit deutschen Übertiteln
Regie und Text: Guillermo Calderón; Regieassistenz: Ximena Sánchez; Bühne und Licht: Rocío Hernández; Kostüm: Daniela Vargas; Bühne und Lichtmanager: Manuela Mege; Videos: Alex Waghorn, La Copia Feliz, Ximena Sánchez; Produktion: María Paz González
Mit: Luis Cerda, Camila González, Francisca Lewin
Koproduktion Festival Theater der Welt Düsseldorf 2021, Teatro a Mil Foundation, Teatro UC
Dauer: 1 Stunden 25 Minuten, keine Pause

www.theaterderwelt.de
www.dhaus.de



Kritikenrundschau

Über dieses aus ihrer Sicht "brillant geschriebene Stück" schreibt Regine Müller in ihrem Festivalbericht für die taz (25.6.2021). "Treffsicher und mit bösem, selbstironischem Humor spießt Guillermo Calderón alle aktuellen Debatten auf, die den aktuellen Kunstdiskurs aufmischen, vom Black-Facing über Fake-News, Fragen der Repräsentation, Identität und Relevanz von (politischem) Theater und den Grenzen seiner Wirksamkeit. Das DarstellerInnen-Trio spielt dabei lustvoll mit Klischees aller Art und stellt die Rituale der Produktion von künstlerischer Scheinbedeutsamkeit gnadenlos aus. Klug gedacht und hinreißend gespielt ist es aber auch ein Theater der reinen Selbstreferenz."