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Die Regeln des jährlichen Spiels

von Andrea Heinz

Wien, 23. Juni 2021. Natürlich, manchmal fragt man sich schon. Ob man denn nicht andere Wege einschlagen müsste, um dem grassierenden Rassismus, der Misogynie, Homophobie, überhaupt der politischen Geschmacklosigkeit etwas entgegenzusetzen. Zu Ende gedacht hat das Tiago Rodrigues, Intendant des portugiesischen Nationaltheaters. In "Catarina e a Beleza de matar Fascistas" ("Catarina oder von der Schönheit, Faschisten zu töten"), das im September 2020 in Portugal uraufgeführt wurde, trifft sich eine Familie auf dem Land. Erst speist man zusammen (Schweinefüße nach altem Familienrezept), danach tötet man einen Faschisten. Wie jedes Jahr.

Debattierwettbewerb zum Zähneausbeißen

Alle Mitglieder der Familie heißen, quasi Kampfname, Catarina – so wie die portugiesische Nationalheldin Catarina Eufémia, eine Landarbeiterin, die 1954 um einen angemessenen Lohn bitten wollte und dafür von einem Kommandanten der portugiesischen Salazar-Diktatur erschossen wurde. Fun-Fact: Bei der Wahl zu den "Größten Portugiesen aller Zeiten" (sic!) kam Eufémia auf Platz 46 – Diktator Salazar auf Platz 1. Wie Menschen halt so abstimmen, wenn man ihnen die Gelegenheit dazu gibt; in Österreich wünschte sich mal ein großer Teil der Bevölkerung einen starken Mann an der Spitze, der mit harter Hand und so, und das war nicht im letzten Jahrhundert, führt aber jetzt trotzdem zu weit.

Catarina 3 560 Jaime Machado uPorträt einer antifaschistischen Familie © Jaime Machado

Rodrigues jedenfalls macht daraus einen Debattierwettbewerb rund um die Themen Freiheit, Gerechtigkeit, Loyalität und Schuld. Themen also, so abstrakt, dass man sich, wenn nicht grade religiös und mit standhaftem Glauben gesegnet, die Zähne ausbeißt. Auf der düsteren Bühne (grandios ausgeleuchtet von Nuno Meira) steht ein primitives Haus aus Holzlatten, dessen Seiten sich entfernen und auf Rollen bewegen lassen und in dessen Mitte sich ein riesiger Baum befindet, daneben eine lange Tafel, auf der Tischdecke die gestickte Parole "Não passarão!" – eine Anspielung auf das "Ils ne passeront pas!" der französischen Generäle bei der Schlacht von Verdun und, vermutlich in erster Linie, an das "¡No pasarán!" ("Sie werden nicht durchkommen!") von Dolores Ibárruri Gómez im Spanischen Bürgerkrieg (gekontert von Franco mit einem lapidaren "Wir sind durchgekommen"). Damit ist das Feld abgesteckt.

Generationenkonflikt in antiquierten Röcken

Seine doch recht krude Versuchsanordnung der Familie, die alljährlich am Todestag von Catarina Eufémia zusammenkommt, um einen Faschisten zu morden, erklärt Rodrigues durchaus plausibel – wenn man ZDF-Fernsehfilme oder die "Ahnfrau" plausibel nennen mag: Die Uroma stand einst neben Catarina, als diese erschossen wurde. Ur-Opi war auch dabei, allerdings als Soldat, und tat, was Soldaten so tun, nämlich Befehle befolgen und nicht aufmucken, was wiederum Catarina dazu bewog, ihrer Freundin die kalte Geisterhand auf die Schulter zu legen und um Gerechtigkeit zu bitten – woraufhin diese sogleich den Gatten und Vater ihrer drei Kinder mordete und ihre Nachfahr*innen per Brief aufforderte, auch fürderhin als Rächer*innen bereitzustehen, wenn ein Mann untätig daneben steht, während eine Frau fällt.

Catarina 1 560 Jaime Machado uEingeschworen in die (Familien-)Rache: Wann immer eine Frau fällt © Jaime Machado

Da wären wir also: Eine siebenköpfige Familie, alle in antiquierten Röcken und mit dem Namen Catarina, und ein namenlos bleibender Faschist im unvermeidlichen Slim-Fit, der die längste Zeit wort- und regungslos seiner Hinrichtung harrt. Eine Catarina der jungen Generation soll – es ist ihr 26. Geburtstag und, da Eufémia mit 26 starb, der traditionelle Zeitpunkt der Initiation – den Faschisten töten. Sie hat ihn brav entführt, aber jetzt mag sie nicht mehr. Töten scheint ihr falsch, kann man ja verstehen.

Nun wird es Zeit für ausufernde, bisweilen auch arg langatmige Diskussionen zwischen den einzelnen Familienmitgliedern über Fragen, wie man sie sonst im Ethik-Grundkurs bespricht. Kann sich jede*r selber denken. Bei Rodrigues wird daraus nicht zuletzt ein Generationenkonflikt, es geht um Tradition versus Moderne und um Veganismus. Als Gegengewicht zum Dogmatismus der Familie bringt er die Musik in Stellung, auf die Bühne gebracht durch Catarinas Cousin Catarina, der immer wieder seine Kopfhörer aufsetzt, dem Publikum von seinen Zweifeln und Gedanken erzählt, im Kreis der Familie aber vor allem schweigt.

Singen gegen Rechte

Starke Momente, in denen der Abend wirklich spannend und fesselnd wird, gibt es durchaus; auch liebevolle, kleine, in denen die Spieler*innen im Chor singen, ein Handyklingeln intonieren oder das Zwitschern von Schwalben. Über weite Strecken aber fehlt dem Ganzen das Tempo, verliert es sich in ausufernden Streitreden, dreht sich im Kreis – der Abend ist schlicht zu lang. Und er ist letztlich zu sehr Debattierclub, zu wenig Theater. Die Figuren sind wenig mehr als Chargen, die mit Thesen aufeinander losgehen.

Catarina 2 560 Jaime Machado uTableau mit Debattierclub © Jaime Machado

Das zeigt auch der Schluss, der dann wirklich noch mal Spaß macht: Aus Gründen, die hier nicht näher erörtert werden können, kommt der Faschist frei. Und hält eine Rede, die sehr schön die Argumentationsmuster und Motive der neuen Rechten imitiert und aufzeigt. Es ist eine sehr lange Rede, die natürlich provozieren soll; und das gelingt auch: Teile des Publikums scheinen zu vergessen, dass es sich um einen Schauspieler handelt, um Theater (oder sie glauben, sie sind bei SIGNA) und fangen an, Demolieder zu singen und laut zu buhen. Und das ist eigentlich der beste Teil des Abends: Man sieht glasklar die Mechanismen, die hier ablaufen, und dass das Reden mit Rechten schon allein deshalb oft gar nicht möglich ist, weil man es nicht erträgt, ihnen zuzuhören. Selbst, wenn es gar kein Rechter, sondern ein Schauspieler ist.

 

Catarina e a Beleza de matar Fascistas

von Tiago Rodrigues

Regie: Tiago Rodrigues, Bühne: F. Ribeiro, Kostüme: José António Tenente, Licht: Nuno Meira, Ton: Pedro Costa.

Mit: António Fonseca, Beatriz Maia, Isabel Abreu, Marco Mendonça, Pedro Gil, Romeu Costa, Rui M. Silva, Sara Barros Leitão.

Premiere bei den Wiener Festwochen am 23. Juni 2021

Dauer: 2 Stunden 45 Minuten, keine Pause

www.festwochen.at

 

Kritikenrundschau

Für Christina Böck, die die Arbeit in der Wiener Zeitung (24.6.2021) bespricht, ist die Inszenierung "eine Art politischer Konversationskrimi mit wunderbarem Ensemble." Jedes Familienmitglied habe trotz der "Catarina-Kollektivanmutung" einen herausgearbeiteten Charakter: "Es gibt die junge Veganerin, es gibt den aufgeweckten, aber unbekannterweise todkranken Vater, es gibt die kämpferische Mutter und den Onkel mit den smarten Geschäftsideen." Auch eine überzeugende Wendung sieht die Kritikerin an dem Abend. Doch die finale Aussage, dass dem Publikum die hetzerische Rede des Gastes am Tisch erspart geblieben wäre, hätte sich Tochter Catarina durchgerungen ihn zu töten, findet die Rezensentin "etwas platt".

Dies sei ein "äußerst gelungener Theaterabend", findet Florian Baranyi im ORF (24.6.2021) – mit einer geradezu klassischen Dramaturgie, die gegen Ende durchdachte Bruchstellen aufweise. Der begeisterte Rezensent sieht in der Arbeit ein Beispiel dafür, wie politisches Theater funktionieren kann, "ganz ohne schalen Nachgeschmack und Moralin." Die Reaktionen aus den Publikums-Rängen gegen Schluss hin zeigen für den Autor, dass die Inszenierung mit einer geschickten Behauptung von Bühnenillusion spiele, die dann im letzten Moment durchbrochen werde.

In der Kleinen Zeitung sah Julia Schafferhofer (24.6.2021) einen "aufrüttelnden Theaterabend, der in die Gegenwart hineinwirkte und zu protestierenden 'Alerta'-Chören, Buhrufen sowie Abgängen führte." Das Publikum sei teilweise gar erzürnt über diesen Abend gewesen, stellt die Kritikerin fest. Dies beeinträchtigt ihr kurzes, durchweg positives Gesamturteil aber nicht.

Von einer "famosen Produktion" schreibt Ronald Pohl im Standard (25.6.2021). "Der beinahe dreistündige Abend nimmt erst in der letzten halben Stunde beklemmend Fahrt auf", denn die finale Suada des Faschisten biete dort eine "verblüffende, mit viel Eifer und noch mehr rhetorischem Geschick gehaltene Standpauke, die, von Regisseur Rodrigues beinhart kalkuliert, als Provokation ins Parkett hinüberschwappt".