Der Berg denkt

von Thomas Rothschild

Düsseldorf, 23. Juni 2021. Noch vor einer Generation galt als verachtenswert, wer ein Zitat aus Goethes "Faust" nicht identifizieren oder Magritte nicht von Dali unterscheiden konnte. Das hat sich gründlich geändert. Das Primat der bürgerlichen Hochkultur ist nur noch eine Legende. Die Meinungsführer gehen heute mit der gleichen Blasiertheit, mit der sie einst die Kenntnis ihres Gymnasialkanons zur Norm erhoben, davon aus, dass man weiß, wer in der vergangenen Woche im "Tatort" der Mörder war, wovon der aktuelle Bestseller handelt und wer zum Eurovision Song Contest, einst Grand Prix Eurovision de la Chanson, entsandt wird.

Wer diesen Erwartungen nicht entspricht, ist ebenso wenig satisfaktionsfähig wie ein Smiley-Analphabet oder ein Veranstaltungsbesucher, der darauf verzichtet, seine Begeisterung mit den unartikulierten Lauten kundzutun, die uns die "Indianer" in den rassistischen Filmen der fünfziger Jahre gelehrt haben.

Travestie philosophischer Statements

Und so stellt denn Massimo Furlans und Claire de Ribaupierres "European Philosophical Song Contest" das Modell bereit, das als allgemein bekannt vorausgesetzt werden darf. Gefüllt wird es allerdings gegen den Usus. Statt Schlager singen die Kandidat*innen Antworten von elf Philosoph*innen aus zehn Ländern – "Ungarn konnte leider nicht", höhnt die Komoderatorin Anna Schudt – auf die großzügig verstandene Frage: "Was soll aus Europa werden?" Das Ergebnis des Abends ist ein Zwischending zwischen Parodie und Travestie – eine Parodie auf den Songwettbewerb, eine Travestie philosophischer Statements.

european philosophical song contest2 560 c LaureCeillier PierreNydeggerOnze, diz ou six? Punkteverteilung im "European Philosophical Song Contest" © Laure Ceillier und Pierre Nydegger

Der Song Contest, der jetzt beim Festival Theater der Welt Premiere hat, parodiert nicht nur eine Institution des Fernsehens, sondern auch die sich selbst überbietenden neueren Produktionsbedingungen. Das Projekt des renommierten Théâtre Vidy-Lausanne nennt nicht weniger als sechzehn Koproduzenten aus halb Europa.

Per Lieferando

Zeugt das nun von kosmopolitischer Aufgeschlossenheit oder von einer Not, die das Spezifische einzelner Kulturen und einzelner Ensembles der Finanzierung opfert? Erinnert sich noch jemand an eine Zeit, in der eine Reise vom Hamburger Schauspielhaus zum Berliner Ensemble eine Expedition in eine andere Ästhetik, eine andere Auffassung von Theater bedeutet hat? Damit ist jetzt Schluss. In Vilnius bekommt man das Gleiche zu sehen wie in Porto oder eben in Düsseldorf. Es bedarf keiner Reisen und auch keines Streamings. Die Inszenierungen kommen zu Ihnen. Per Lieferando.

Parodien müssen nicht um jeden Preis komisch sein. In der Regel aber erwecken sie genau diese Erwartung, und dass der "European Philosophical Song Contest" eine komische Absicht hat, wird schon durch den Titel suggeriert. Mit der Komik ist das freilich so eine Sache. Sie lässt sich schwer am Gegenstand selbst festmachen. Sie liegt im Auge des Betrachters.

Komik oder Nicht-Komik

Manche finden Dieter Hallervorden komisch, andere ödet er nur an. Manche halten es für komisch, wie Nestroys Titus Feuerfuchs Salome Pockerl an der Nase herumführt, anderen tut die Gänsemagd bloß leid. Wenn ich nun erkläre, ich hätte im "European Philosophical Song Contest" keine Komik entdecken können, so besagt das nichts über den Theaterabend, sondern lediglich über mich. Und wen soll das schon interessieren?

european philosophical song contest1 560 c LaureCeillier PierreNydeggerGroße Auftritte, aber nur kleine Karikatur: "European Philosophical Song Contest" © Laure Ceillier und Pierre Nydegger

Überprüfen wir den Fall also am Exempel. Wenn Sie die folgenden Sätze komisch finden, sollten Sie mir misstrauen. Im entgegengesetzten Fall dürfen Sie annehmen, dass Sie der Abend ähnlich genervt hätte wie mich. "Wer bringt uns den Mut der Hunde zurück?" (Vinciane Despret), "Nur anmutige Kreaturen fliegen herum." (Kristupas Sabolius), "Du wolltest mal die Welt besetzen / jetzt besetzt du nur das Klo", gesungen in Kleid und Maske von Sylvia von Harden, wie Otto Dix sie porträtiert hat (Leon Engler). Das muss an dieser Stelle reichen.

Als mimte Bohlen den Sloterdijk

Die Texte werden in deutscher Übersetzung auf drei bewegliche Flächen projiziert und durch hervorgehobene Schlagwörter interpretiert. Das Problem besteht darin, dass sich nicht zweifelsfrei entscheiden lässt, ob die Dürftigkeit solcher Verse wie auch der Kitsch einzelner Auftritte der Sängerin und des Sängers in diversen Kostümen, die die Idiotie der Eurovisions-Choreographien reproduzieren, auf das Konto der Veräppelung gehen, oder ob sie von Unvermögen zeugen.

Die vierköpfige Jury auf einem niedrigen Podium jedenfalls diskutiert sie ganz und gar ernsthaft, als hätte sie über den Bachmann-Preis zu entscheiden oder als wollte sie mit dem Philosophischen Quartett seligen Gedenkens konkurrieren. Das Publikum darf durch Applaus mit abstimmen (wobei Anna Schudt den Nationalismus aus dem Publikum herauskitzelt, wenn es um den deutschen Beitrag geht).

Die Jury findet jede Plattitüde – etwa den Satz "Der Berg denkt" – "toll", "großartig", "fantastisch", "wunderbar", und wiederum ist zu befürchten, dass das nicht Parodie sein soll. Es ist, als mimte Dieter Bohlen den Sloterdijk oder den Safranski.

Wer parodiert, muss, wie der Clown im Zirkus, perfekt beherrschen, was er verarscht. Wenn Massimo Furlan seinen Text vom Zettel liest, verfehlt er die schleimige Glätte jener Fernsehmoderatoren, die er nachzuahmen versucht. Er und Anna Schudt stehen, wenn sie nicht gerade sprechen, steif auf der Bühne herum und wissen offenbar nichts mit sich anzufangen. Es bedürfte schon eines Helmut Qualtinger oder eines Peter Ustinov, um den Schwachsinn der Shows bis zur Kenntlichkeit zu verzerren.

Vor 44 Jahren hat das halbe Peymann-Ensemble in der Regie von Uwe Jens Jensen Elvis Presley parodiert. Gott, war das komisch!

 

European Philosophical Song Contest
von Massimo Furlan und Claire de Ribaupierre
Deutschlandpremiere
Konzept, Regie und Bühne: Massimo Furlan, Konzept und Dramaturgie: Claire de Ribaupierre, Komposition: Monika Ballwein (Leitung), Maïc Antoine, Gwénolé Buord, Arno Cuendet, Davide De Vita, Lynn Maring, Dylan Monnard, Bart Plugers, Karin Sever, Musikalische Leitung: Steve Grant, Mimmo Pisino, Licht und Bühne: Antoine Friderici, Videoproduktion: Jérôme Vernez, Kostüm: Séverine Besson, Songtexte: Santiago Alba Rico (ES), Philippe Artières (FR), José Bragança de Miranda (PT), Vinciane Despret (BE), Mladen Dolar (SI), Leon Engler (DE), Mondher Kilani (CH), Michela Marzano (IT), Kristupas Sabolius (LT), Ánde Somby (NO), Jean Paul Van Bendegem (BE)
Mit: Anna Schudt, Massimo Furlan, Claire de Ribaupierre (Jurypräsidentin) und einer Düsseldorfer Jury, Student*innen und Lehrer*innen der Haute École de Musique Vaud Wallis Fribourg: Dominique Hunziker, Davide De Vita (Gesang), Arno Cuendet, Steve Grant, Jocelin Lipp, Matthieu Nuzzo (Musiker*innen).
Jury: André Kaczmarczyk.
Jury am 23. Juni 2021: Miriam Owusu-Tutu, Mayo Velvo, Maria Müller-Schareck.
Premiere beim Theater der Welt am 23. Juni 2021
Dauer: 2 Stunde 20 Minuten, keine Pause

www.theaterderwelt.de



Kritikenrundschau

"Amüsant, wenngleich etwas langatmig fiel" dieser Abend aus Sicht von Regine Müller in ihrem Festivalbericht für die taz (25.6.2021) aus. "Neben den mehr oder weniger ansprechenden Songs und dem witzig karikierten Song-Contest-Pathos der Moderationen standen die Diskussionen der Jury, angeführt vom Düsseldorfer Star-Schauspieler André Kaczmarczyk, im Mittelpunkt des Abends. Dabei ging es wenig diskursiv, in teils weitschweifigem 'Ich-finde-irgendwie'-Idiom ermüdend politisch korrekt zu."

Über "einen immerhin entspannenden Abend" berichtet Bertram Müller in der Rheinischen Post (25.6.2021). Es "reiht sich" in diesem "Spektakel" ein "musikalisches Orakel an das andere. Nicht jedes erweist der Philosophie die Ehre, manches enthält allenfalls Lebensweisheit, anderes übersteigt selbst das Fassungsvermögen der stets bemühten Jury."

Einen der "Höhepunkte des Festivals 'Theater der Welt'" erlebte Martin Krumbholz von der Süddeutschen Zeitung (30.6.2021) an diesem Abend, der ihn mit einer "erfrischenden, weltoffenen Geisteshaltung" überzeugte – "wie das Theaterfest überhaupt". Es handele sich um einen "Song Contest, der den üblichen Schlagerkitsch durch intelligente, elaborierte, zum Teil nachdenkliche, dann wieder eher humoristische Inhalte ersetzt".

 
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