Zurück ins Ungefähre

von Georg Kasch

Leipzig, 24. Juni 2021. Es gibt diesen schönen Moment, in dem sich die Zeiten überlagern: Auf drei Projektionsflächen erscheinen die kindlich-jugendlichen Gesichter der Performer:innen Sarah Thom, Berit Stumpf und Damian Rebgetz, die virtuell zum Leben erweckt wurden. Darüber lagern sich ihre ebenfalls bewegten Gesichter von heute, allerdings tragen sie blonde Mop-Perücken, neonfarbenes Make-Up und weiße Kostüme, die wirken, als hätte Ingken Benesch die Rüschenblusen Lady Dis mit den engen Karottenhosen der Zeit kombiniert. Mal scheint die lebenspralle Vergangenheit durch, mal die schon vom Leben gezeichnete Gegenwart.

Erinnern mit Orwell

Dazwischen liegen 37 Jahre, Triumphe und Niederlagen, historische Ereignisse wie der Mauerfall und 9/11. Was hat diese drei Menschen zu denen gemacht, die sie heute sind?

In "1984: Back to No Future" reisen Gob Squad wie Marty McFly in den Zurück in die Zukunft-Filmen in die Vergangenheit. Ihre Vergangenheit. Das Jahr ist natürlich nicht zufällig gewählt. Denn angeleitet werden sie dabei von einem Orwell'schen Großen Bruder. Immer einer der vier Performer:innen – bei der Deutschland-Premiere (Uraufführung war im Mai in Kopenhagen) am Schauspiel Leipzig war das neben Thom, Stumpf und Rebgetz noch Bastian Trost – setzt sich vor die Kamera und lässt sein Bild übergroß auf die Leinwand in der rechten Bühnenhälfte projizieren. So blickt er (oder sie) auf die anderen herab, halb Vergangenheitsbeschwörer, halb Psychologe, und hält sie zum Erinnern, Reden, Re-Imaginieren an.

1 280 1984 gob squad c dorotheatuchErinnern, Reden, Re-Imaginieren: Johanna Freiburg, Tatiana Saphir, Sean Patten (Big face: Bastian Trost) © Dorothea Tuch

Das beginnt privat auf drei Jalousien, die die linke Bühnenhälfte dominieren und auf denen die Gesichter der drei Zeitreisenden erscheinen. Trotz Wohlstands-West-Biografien wird es bald ungemütlich, als es um ihre Ängste geht – die atomare Bedrohung, moralische Urteile, Maggie Thatcher. Die westdeutsche Enge, Terroristen, Krokodile. Wie schützt man sich vor mieser Stimmung? Mit Musik. Als sie die Aufgabe bekommen, im virtuellen Raum einen Unterschlupf zu bauen, schichten sie mit ihren Avataren Musikkassetten zusammen.

Sinnbild von Quatsch und Ernst

Klar: Wenn die vier Gob Squads aus Deutschland, Großbritannien und Australien beim Blick zurück etwas verbindet, dann ihre Flucht in die Musik. Schon zu Beginn tanzen sie zum fiesen Klassikpop-Meadley verkleidet als Walkman, Mixtape und Ghettoblaster durch den Raum. Später klingen "Forever Young", "Sweet Dreams Are Made of This" und "Big in Japan" an. Songs, die diesen Kindern der Provinz Rückzugsorte waren und sie zugleich in die große weite Welt katapultierten. Allerdings auch ins wohlig Ungefähre.

Gob Squad haben in ihrer knapp 30-jährigen Geschichte etliche Arbeiten geschaffen, in denen das Private und das große Ganze, Quatsch und Ernst, Improvisation und Form ein bezwingendes Sinn-Bild ergaben – erst vergangenes Jahr mit ihrer Zwölf-Stunden-Corona-Performance Show Me A Good Time. Daneben gab es auch immer wieder Abende, an denen sie deutlich zu kurz sprangen beim Versuch, den angepeilten Diskurs zu erwischen.

2 560 1984 gob squad c dorotheatuchVergangenheitsbeschwörung und Pop: vorne: Sean Patten, links: Johanna Freiburg, rechts: Tatiana Saphi © Dorothea Tuch

"1984" gehört dazu. Denn das Private will nicht so richtig politisch werden. Was sollen uns auch diese Wohlstandsbiografien voller Privilegien und Sehnsucht nach einem anderen Leben, der akustische Blick in die starposter-tapezierten Jugendzimmer, selbst die Angst vor der Bombe? Die wirkt ebenso aufgesetzt wie Bastian Trosts Fantasie, damals den Ernst der Klimalage erkannt und viele Jahre vor Greta Thunberg einen Schulstreik fürs Klima begonnen zu haben. Und was ist eigentlich – apropos Leipzig – mit dem Leben im Ostblock? Der kommt allenfalls als geliebtes Feindbild ganz am Rande vor.

You suffer from nostalgia!

So wirkt dieser Abend erstaunlich unausgegoren, auch in seinen Mitteln zwischen braver Befragung, Kamera-Setting und auch schon etwas gestrig ruckelnden Avataren. Dabei haben Gob Squad mit Zeitreisen gute Erfahrungen gemacht. In Before Your Very Eyes schickten sie 2011 Kinder in deren eigene Zukunft – einer ihrer umwerfendsten und weisesten Theaterabende. Hier aber konstatiert Damien Rebgetz schon früh: "You suffer from nostalgia!" Und niemand findet eine Medizin dagegen.

 

1984: Back to No Future
von Gob Squad
Konzept und Regie: Gob Squad, Sounddesign: Sebastian Bark, Catalina Fernandez, Isabel Gonzales Toro, Videodesign: Miles Chalcraft, Noam Gorbat, Kostüme: Ingken Benesch, Bühnenbild: Amina Nouns, Lichtdesign und Technische Leitung: Chris Umney, Dramaturgie und Produktionsleitung: Christina Runge, Künstlerische Mitarbeit: Mat Hand
VR Beratung, Entwicklung und Design: Joris Weijdom.
Mit: Johanna Freiburg, Sean Patten, Sharon Smith, Berit Stumpf, Sarah Thom, Bastian Trost, Simon Will, Damian Rebgetz, Tatiana Saphir.
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause
Premiere am 24. Juni 2021

www.schauspiel-leipzig.de
www.gobsquad.com


Kritikenrundschau

In der Süddeutschen Zeitung (26.6.21) findet Christiane Lutz es schade, wie privat die Zeitreise ausfällt – "eine familiär-persönliche Nabelschau, an politischen Entwicklungen oder gesamtgesellschaftlichen Zusammenhängen hat das Kollektiv erstaunlich wenig Interesse." Auch wenn die "Musik der Achtzigerjahre, die, hin und wieder kurz aufgedreht, die verführerischste der nostalgischen Kräfte darstellt", findet die Rezensentin: "So kathartisch die Rückschau in die Winkel des Herzens für den Einzelnen sein mag, so wenig interessant ist sie für ein größeres Publikum." Das Kollektiv beweise hier zwar wieder "feines Gespür für die Themen, die die Menschen umtreiben und die unbedingt ins Theater gehören"– schaffe aber diesmal nicht wie sonst, elegant "aus dem Kleinen etwas Großes zu machen."

"Zukunftsangst und Pioniergeist marschieren immer Hand in Hand. Das zeigt der Abend, der Gegenwart und 80er übereinanderlegt", schreibt Dimo Rieß von der Leipziger Volkszeitung (28.6.2021). "(D)ie mit charmantem Witz gespielte, fast an Séancen erinnernde Rückkehr in alte Perspektiven mit heuigem Wissen öffnet den Blick auf spannende Fragen, setzt Individuum gegen den Zeitenlauf."

 

 
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