Vorkämpfer:innen der Intersektionalität

von Anna Landefeld

München, 27. Juni 2021. Danke für die Erinnerung: "Willkommen! Herzlich! Herzlich Willkommen! Hey, hallo in München 1886. 1-8-8-6!" schallt es zur Begrüßung – und nichts atmet hier den bajuwarisch königlich-kaiserlichen Kolorit des 19. Jahrhunderts bei der Uraufführung von Jessica Glauses "Bayerische Suffragetten" in den Münchner Kammerspielen. 1886, das Jahr des Kick-Offs der Münchner Frauenbewegung, ballert mit Verve und Glamour ganz schön ein auf unser Jahr 2021 mit bass-boostigem Minimal-Electro, trägt hautenge, perlmuttfarbene, Ganzkörperanzüge mit Neonsprenklerornamentik, flache (!) Schuhe und silbrig-weißes Zukunftshaar. Aber die Message des Stücks ist durchaus vergangenheitsbezogen: Was wir heute unter intersektionalem Feminismus verschlagworten, wäre rein gar nichts ohne diese zehn Kämpferinnen der Vergangenheit, die uns Menschen der Gegenwart hier ihre Geschichten entgegenschleudern, uns mahnen: Der Kampf ist noch lange nicht vorbei – und Gegenwart, ja, Zukunft, ist eben nichts ohne ihre Geschichte.

Diskussionen im Fotostudio

Über zwei Jahre hat Jessica Glause "Bayerische Suffragetten“ zusammen mit den zehn Darsteller:innen des Kammerspiele-Ensembles entwickelt – denn alleine kann man nunmal keinen Kampf führen. Chronologisch, fast zu brav wird zunächst erzählt, wie alles im legendären "Fotostudio Elvira" beginnt im Winter 1886, gegründet von Sophia Goudstikker und Anita Augspurg, wo bald das Who-is-Who der bürgerlichen Frauenbewegung zusammenkommt. Bei Glause werden diese Frauen in einem Live-Fotoshooting nacheinander abgelichtet und die Gesichter der Darsteller:innen an die bühnenraumhohe Leinwand geworfen.

Suffragetten1 600 JulianBaumannSuffragetten vor Selbstporträt © Julian Baumann

Eine spielerische Reminiszenz an diese emanzipatorische Keimzelle, wo sich die Vorreiterinnen vor knapp 120 Jahren in revolutionär-skandalöser Denkerpose mit Zigarette und Hosenanzug ablichten ließen. Wo debattiert und überlegt wurde, wie man Mädchen den Zugang zu höherer Bildung ermöglichen, Abtreibungen legalisieren oder überhaupt erst einmal Gleichstellung und Gleichbehandlung der Frau erwirken kann. Wo die Polizei einmarschierte und Anita Augspurg unter "Radikalitätsverdacht" stellte.

Kein richtiges Leben im falschen

All das steht nur fragmentarisch, irgendwo verkleckert in den Geschichtsbüchern. Die Stückentwicklung ist also auch wichtige Forschungsarbeit. Sie speist sich textlich aus den wenigen erhaltenen Reden Anita Augspurgs, Ilka Freudenbergs, aus Briefen, Zeitungsschnipseln männlicher Journalisten, aus Romanen von Carry Brachvogel, Elsa Bernstein, Helene Böhlau-al-Raschid-Bey, Theaterstücken von Marie Haushofer, die sich mit persönlichen, assoziativ gestreuten Kommentaren der Schauspieler:innen mischen.

Suffragetten3 600 JulianBaumannIm Vordergrund: Lucy Wilke © Julian Baumann

Wenn beispielsweise alle zehn in rappender Agitprop-Manier donnern: "Wer wischt den Arsch deiner Eltern? / Pflückt das Bio auf den Feldern? / Liefert deine Pho Xao Bo?" Was nichts anderes heißt als: Klar, "Gönn dir deine Bourgeoisie", aber feministischer Lifestyle-Social-Media-Aktivismus bringt nix, wenn das Grundübel patriachal-toxischer Kapitalismus immer noch vor sich hin rottet. Es gibt nun mal kein richtiges Leben im falschen. Die Befreiung der Frauen ist kein bürgerliches Ding, sondern allumfassend, menschheitsumspannend. Feminismus ist Schwarz, Weiß, kommt in allen möglichen Körperformen, sitzt im Rollstuhl, ist queer, ist weiblich*, ist männlich*.

Hitler und der Drache

Dass man von der fülligen, kleinteiligen Textlichkeit des vollgepackten Abends als Publikum nicht ertränkt wird, liegt daran, dass Glause und Ensemble ihn Teilchen für Teilchen für und vor uns zusammenpuzzeln. So wie auch die Bühne, die im Laufe des Abends aus einzelnen, weißen Plattformen zusammengeschoben wird, zu einem überlebensgroßen stilisierten Drachen mit Schweif und spitzzackigem Maul. Es ist jener Drache, der einst die Fassade des Fotostudios Elvira in der Von-der-Tann-Straße 15 schmückte – Paradebeispiel des Münchner Jugendstils, kraftvoll, bunt, einschüchternd.

Sufragetten3 560 c Julian Baumann uUtopisches Farbenspiel © Julian Baumann

Ein Statement, das Adolf Hitler auf seinem Weg zum nahe gelegenen "Haus der Deutschen Kunst" ein Dorn im Auge war, so dass er später den Fassadendrachen abschlagen und die Wand neu verputzen ließ und somit auch ein Symbol der bayerischen Frauenbewegung unsichtbar machte. Nur, man hatte den falschen Putz gewählt. Die Silhouette des Drachens schimmerte immer noch leicht durch. In den Kammerspielen nun prangt der Drache am Ende auf der Bühne, die zehn Darsteller:innen davor, gekleidet in samtene LGBTQIA+-Farben. Jessica Glause und Ensemble suhlen sich nicht im Sepiasumpf der Geschichte. Sie preschen immer vorwärts Richtung Zukunft.

Bayerische Suffragetten
Stückentwicklung zur Geschichte der Münchner Frauenbewegung von Jessica Glause und Ensemble
Regie: Jessica Glause, Bühne: Jil Bertermann, Kostüme: Aleksandra Pavlović, Musik: Eva Jantschitsch, Live-Video: Paula Tschira, Lichtdesign: Charlotte Marr, Dramaturgie: Viola Hasselberg, Mitarbeit Recherche und Konzeption: Veronika Maurer.
Mit: Katharina Bach, Svetlana Belesova, Julia Gräfner, Thomas Hauser, Jelena Kulijć, Anna-Gesa-Raija Lappe, Annette Paulmann, Edith Saldanha, Lucy Wilke, Luisa Wöllisch, Lotta Ökmen.
Premiere am 27. Juni 2021
Dauer: circa 2 Stunden, keine Pause

www.muenchner-kammerspiele.de

 

Kritikenrundschau

Von zwei Stunden sehr lebendigem "Geschichtsunterricht voller heute fassungslos machender Details" spricht Egbert Tholl in der Süddeutschen Zeitung (29.6.2021). Der Theaterabend "Bayerische Suffragetten" - von Jessica Glause "mit Hilfe eines vor Spiellust berstenden Frauenensembles" inszeniert – handele von klugen, selbstbewußten Frauen, die gegen Ende des 19. Jahrhunderts ihre Unterdrückung und Marginalisierung durch die Männergesellschaft nicht mehr hinnehmen wollten. Die sprachliche, agitatorische Wucht des Abends sei "enorm, Reden ersetzt Psychologie". Das Heute schimmert dem Bericht des Kritikers zufolge "allenfalls in den teils chorischen, vor allem von Jelena Kuljic wie immer hinreißend gesungenen Songs durch."

"Regisseurin Jessica Glause stellt scharf auf ein unterbelichtetes Kapitel bayerischer Historie," so Christoph Leibold im Bayerischen Rundfunk. Erkennbar ist aus Sicht des Kritikers dabei ihr Bemühen, "den Abend nicht wie Nachhilfeunterricht für Geschichtsvergessene aussehen zu lassen." Diese Bemühungen können, so Leibold weiter, jedoch nicht komplett kaschieren, "dass all die bunten szenischen Perlen an einem konventionell chronologischen Erzählfaden aufgefädelt sind. Originell geht anders."

 
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