Im Krieg gibt es keine schönen Geschichten

von Dorothea Marcus

Osnabrück, 31. Oktober 2008. Es scheint fast, als würde das Thema in der Luft liegen: gerade erzählt der Film "Anonyma" zum ersten Mal die russischen Vergewaltigungen nach dem Zweiten Weltkrieg im Kino - und nun wird auch noch Erich Maria Remarques einziges zu Lebzeiten aufgeführtes Theaterstück "Die letzte Station" ausgegraben, das die Vergewaltigungen ebenfalls drastisch thematisiert.

Lange war es so gut wie vergessen. In Osnabrück, Remarques Geburtsstadt, wurde es nie gespielt. Uraufgeführt 1956 in Berlin vor einem begeisterten Publikum im Renaissance-Theater, wurde es danach mit mäßigem Erfolg in New York adaptiert – und später in der DDR und ausgerechnet in Russland gespielt. Dabei kommen die Russen darin wahrlich nicht gut weg. Einerseits Retter, ohne die sich Deutschland nie von den Nazis befreit hätte – aber auch rücksichtslose, stumpfe Rachegestalten. In späteren Aufführungen wurden sie kurzerhand gestrichen, Remarque hätte sich wohl im Grabe umgedreht.

Verstümmelter Reichsadler aus Pappmaché

"Berlin 1945 - die letzte Station" ist ein gut gebautes, schnelles Stück über Schuld, Verrat und den Preis, den das Retten der eigenen Haut kosten kann - mit vielen Umschwüngen und einem sich thrillerhaft steigernden Spannungsbogen. Kaum zu glauben, dass es so selten gespielt worden ist. In Osnabrück hat man vorsichtig versucht, wieder eine Fassung herzustellen, die Remarque entsprochen hätte – der Autor, der von einer Karriere als Bühnenautor träumte, hatte bis kurz vor seinem Tod daran gearbeitet. Aber man hat es auch von reichlich Pathos befreit.

Der KZ-Häftling Ross (feinnervig schwankend zwischen Brutalität und tierischer Angst: Dietmar Nieder) flüchtet in einen Wohnblock, doch der Mann, bei dem er unterschlüpfen wollte, wurde verraten. Statt dessen lebt in der Wohnung Anna Walter (Christina Dom spielt sie patent, schnell und elegant), aus geheimnisvollen Quellen stets gut gekleidet und mit Bohnenkaffee versorgt. Erst streiten die beiden heftig, doch dann gibt sie ihm zur Tarnung eine Wehrmachtsuniform und versteckt seine KZ-Nummer mit einem Verband. Die Situation spitzt sich immer mehr zu in der Wohnung mit den herumliegenden Bodenplatten, der schmutzig abgerissenen Tapete und dem riesigen, verstümmelten Reichsadler aus Pappmaché.

Erst ist nur das blonde Nachbarsmädchen Grete (Sibille Helfenberger ist eine liebliche, dampfplaudernde Dorfpomeranze) die Bedrohung. Sie findet es furchtbar aufregend, wenn desertierende Feldwebel an Straßenlaternen aufgehängt werden und freut sich schon fast auf die "asiatischen Untermenschen aus Russland", deren Nahen in kurzen Abständen im Radio vermeldet wird. Dann kommen drei SS-Leute vorbei, die fast die KZ-Kleidung finden und jede Sekunde kurz davor sind, Ross zu entlarven. Schließlich wird noch der Mitflüchtling von Ross hochgeschleppt, der sich aber lieber aus dem Fenster stürzt, als ihn zu verraten.

Hitler ist tot, sagt das Radio

Das wird anfangs in Osnabrück fast zu geschmeidig, wie ein spritziges Boulevardstück inszeniert. Selbst an Komik ist kein Mangel: etwa, als die SS-Leute den Mitflüchtling nach seiner Identität fragen, der frühere Philosophieprofessor immer nur wiederholt "Ich bin eine dreckige Judensau" und ein SS-Mann trocken kommentiert "Er kann nicht anders, Lagerroutine". "Im Lager kommts auf ein paar Tausend nicht an, aber hier muss man jeden Einzelnen melden", sagt launig der SS-Oberscharführer Schmidt (schön schmierig und selbstzufrieden: Thomas Schneider). Schließlich ist Hitler tot, sagt das Radio, und der zweite Teil beginnt damit, dass sich Ross vor Anna Walter einen herunterholt.

Das wirkt überflüssig drastisch, lässt den zuerst so glatt wirkenden Plot aber auch wohltuend stolpern: denn Ross ist eben kein "guter" KZ-Häftling, der sich in Anna verliebt und alles ist geheilt, sondern schwankt in einer ganz eigenen Ambivalenz aus jahrelanger Demütigung, Verrohung und nackter Angst. Im Krieg gibt es keine schönen Geschichten mehr, auch keine Thriller-Dramaturgien, die den Zuschauer atemlos mitfiebern lassen - mit diesem Widerspruch kämpfen natürlich auch Remarques Stück und die Inszenierung. Hitler ist tot und als Ross nur mal kurz die Wohnung verlässt, kommt Oberscharführer Schmid notgeil in Zivil zurück, will sich mit einem Sack Kartoffeln bei Anna Walter einnisten und sich mit den Papieren eines KZ-Sträflings reinwaschen.

Dumpfe Sieger ohne Gnade

Und dann kommen die Russen, die Schauspieler haben auch die SS-Leute gespielt, alles ist eins, das Leben ein Kreislauf aus Vergeltung und Gewalt. Ross steht nun da in Soldatenuniform, der SS-Mann mit KZ-Papieren - aber erstmal schleppen die Russen die plauderwütige Denunziantengrete hinter die Bühne, die wiederkommt mit blutigen Beinen, zerrissenem Kleid und verschmiertem Mund, ohne Gnade, dumpfe Sieger, die schließlich eher durch Zufall doch den richtigen SS-Mann erschießen. Alle Frauen haben Blut am Körper, auch die alte Frau, die schon die ganze Zeit still am Bühnenrand gesessen hat und sich nur bei den heulenden Luftangriffen und der knatternden Flak, die Bühne ist minutenlang in zitterndes Blau getaucht, die Ohren zuhielt – so wie viele ältere Menschen im Publikum. Dann sind die Russen weg.

Grete rafft schon wieder die schönen Kleider von Anna zusammen und wird unversehens zum Bild für Wirtschaftswunderdeutschland, während Mia ihr patriotisches Deutschlandlied von der Liebe singt, das ungeahnt zynisches Potential entfaltet: "Fragt man mich, woher ich komm, tue ich mir nicht mehr selber leid." Zum Schluss stehen Ross und Anna dann doch liebespaarartig im Licht, Ross muss weg, die Toten begraben. "Ich komme wieder", sagt er, "und dann fangen wir wieder an" - und man weiß nicht recht, ob das ein Zeichen der Hoffnung oder eins des Entsetzen ist. Das trifft nicht alles immer den Ton, auch wird nicht jede Geschichte kohärent aufgelöst. Aber es bleibt ein gut gespielter, atmosphärisch dichter Abend über deutsche Vergangenheitsbewältigung und die Wiederentdeckung eines zu Unrecht vergessenen Stücks.


Berlin 1945 - Die letzte Station
Schauspiel in zwei Teilen von Erich Maria Remarque
Regie: Dariusch Yazdkhasti, Bühne und Kostüme: Petra Winterer, Dramaturgie: Patricia Nickel-Dönicke.
Mit: Christina Dom, Dietmar Nieder, Sibille Helfenberger, Thomas Schneider, Clemens Dönicke, Steffen Gangloff, Johannes Bussler und Rosemarie Fischer.

theater.osnabrueck.de

 

Kritikenrundschau

Dariusch Yazdkhasti schwanke – so Christine Adam in der Neuen Osnabrücker Zeitung (3.11.2009) – in seiner Osnabrücker Inszenierung von Erich Maria Remarques "Berlin 1945 – Die letzte Station" "ein wenig unentschieden zwischen Realismus und Abstraktion. Das irritiert, auch wenn sein Ziel aller Ehren wert ist: Er möchte das Verrohte und Verpanzerte der Menschen unter Kriegsbedingungen sichtbar machen" – und er gehe dabei "mit aller Wucht und Härte und deutlich über Erich Maria Remarques Schauspiel hinaus". Manches wirke "fast unglaubwürdig", dann gehe es wieder "erstaunlich realistisch" zu. Der "energiegeladenen Präsenz des ganzen Ensembles" sei es jedoch "zu verdanken, dass der Sand im Getriebe des Regiekonzepts kaum ins Gewicht" falle.

 

 
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