Die Kunst des Zehennägellackierens

von Simone Kaempf

Berlin, 31. Oktober 2008. Thomas Bernhard in Berlin. Da wird Hassliebe zum schönsten österreichischen Importartikel. Mit einem Claus Peymann an der Spitze, der Bernhards Stücke, die er zum Teil bereits vor über zwanzig Jahren inszeniert hat, nach Berlin holte und Bernhard zum Hausgott des Berliner Ensembles erhob, wo ihr fatalistisches Phlegma erst die richtige museale Reife entwickeln konnte.

Wenn jetzt also im Minutenfußmarsch, drei Häuserblöcke weiter, das Deutsche Theater Bernhards "Ritter, Dene, Voss" auf den Spielplan setzt, ist schon die Ankündigung ein symbolischer Akt. Raus aus den 80ern, rein in das Theater des Jahres, gespielt von Schauspielern des Jahres als sich hassliebendes Geschwistertrio. Und doch kein Selbstgänger.

Der Tschechow im Bernhard

In den Kammerspielen des Deutschen Theaters sieht es freilich erstmal ganz nach Erneuerung aus. Der Vorhang hebt sich, und die Herrschaftsvilla der Geschwister ist entrümpelt bis auf eine grellweiße Spielfläche mit Tisch und Stühlen; ein flacher, klinisch weißer Kasten, auf dem alles spielt. Dass der ältere Bruder in dieses Zuhause nicht nur entlassen, sondern auch eingeliefert wird, daran lassen die streitenden, säuselnden, jammernden, erotisch-blühenden, alles einnehmenden Schwestern keinen Zweifel.

Constanze Becker, als jüngere Schwester Ritter, ist zur Schneewittchen-Schönheit herausgeputzt, die das Bein beim Zehennägel–lackieren auf dem Tisch räkelt, während die ältere Schwester Dene (Almut Zilcher) ganz in die Mutter- und Versorgerrolle verfallen, pedantisch einen Stapel Servietten faltet. Becker und Zilcher sind in dieser ersten Szene die ideale Besetzung, zwei heiß-kaltblütige Frauen, die dem grantelnden Bernhard-Ton eigene Vitalität geben, mit genügend trotzendem Saft, um sich noch lange zu quälen. Ulrich Matthes als heimkehrender Bruder ist ein verstrubbelter Künstlertyp mit Hornbrille und blauen Turnschuhschnürsenkeln. Er darf am Mittagstisch seine Suada halten über die Auflösung der Philosophie, das Ende der Kunst, dem anzweifelbaren Schauspielhandwerk der Schwestern.

Alles wird beschimpft, aber im schnaubenden Ton von Uli Matthes bleibt immer eine melancholische Leidensfähigkeit, die mehr Tschechow ist als Bernhard, die seine Tiraden eher erden, als sie böse zum Funkeln bringen und eher die larmoyante Erstarrung der Rolle unterstreicht. Die These, dass sich hier ein Mann ein Bild von sich selbst erschaffen hat durch das ewige Reden von der genialen Idee und dem großen Werk, trifft eher auf das Bild der Frauen zu, die sich beim Nägellackieren regelrecht als Malerinnen inszenieren: lebende Kunstwerke, perfekt gestylt.

In der Gegenwartsgalerie

Farbig ausgepinselt ist der Abend auch sonst, klar getragen vom ambitionierten Willen zur großen Kunst. Zilchers Dene zerlegt beim Mittagsbraten eine Wassermelone statt des obligatorischen Bratens. Das knallige Fruchtfleisch leuchtet im grellen Weiß der Bühne um die Wette mit Beckers rot-gemalten Lippen und ihrem getupften Kleid. Regisseur Oliver Reese pflegt hier eine Verpackungskunst, die vor allem die beiden Schauspielerinnen ziemlich gut aussehen lässt.

Wenn sie die verrenkten Posen nachspielen, mit denen sie einem Maler Modell gesessen haben, zelebrieren sie genüsslich diese Nummer, und es blitzt die überspannte Groteske über moderne Kunstproduktion auf. Aber alle Künstlichkeit auf der Bühne kann  den Text dann doch nicht zum großen Künstlerdrama machen. Das An- und Abschwellen der Stimmungen, die verbale Überproduktion kommen weniger ausgemalt daher als das ganze Bühnen-Design.

Aus dem Antipodischen der Figuren, ihrem Willen zur Flucht und ihrem ewigen Bleiben entwickelt sich keine Schlagkraft. "Verständnislosigkeit ist das, was mich an meine Schwestern bindet", jault der Bruder Ludwig des Ulrich Matthes. Aber diese Mischung aus stillem Einverständnis, Abscheu, aneinander kleben bleiben – in der sind Becker, Zilcher, Matthes eben doch nicht das eingespielte Trio Ilse Ritter, Kirsten Dene, Gert Voss. In die Quere kommen sich diese beiden Abende jedenfalls nicht, trotz allem Willen zur zeitgemäßen Neuerfindung. Wo das Original ein alter Meister ist, drängt sich Reeses Modernität in die Gegenwartsgalerie und sieht dort gar nicht mal so gut aus.

 

Ritter, Dene, Voss
von Thomas Bernhard
Regie: Oliver Reese, Bühne: Hansjörg Hartung, Kostüme: Elina Schnizler.
Mit: Constanze Becker, Almut Zilcher, Ulrich Matthes.

www.deutschestheater.de

 

Kritikenrundschau

Gut gespielt, aber vom Ansatz her nicht überzeugend, findet Andreas Schäfer im Berliner Tagesspiegel (2.11.) Oliver Reeses Thomas-Bernhard-Modernisierungsversuch. Schon beim ersten Blick auf das Bühnenbild kommt ihm der Abend zu augenzwinkernd und demonstrativ als Gegenveranstaltung zur gewohnten Aufführungstradition entgegen. Um dann aber nie deren "Monstrosität" oder "ständig überkochende" Erregungszustände zu erreichen. Verlegt "in die Leere eines Berlin-Mitte-Lofts", herrscht hier für Schäfer statt des "schmerzhaften Wahnwitzes" nur "wohltemperierte Konfliktnettigkeit" à la Yasmina Reza, von gelegentlichen Tschechow-Melancholie-Schwaden durchweht. Dies führt für Schäfer dazu, dass alle Akteure zwar jeder für sich exzellent agieren, aber aneinander vorbei spielen und von einer abgründigen Schicksalsgemeinschaft nicht viel zu spüren ist.


Mit den Dramen von Thomas Bernhard geht es Eberhard Rathgeb von der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (2.11.) wie mit den Schriften des Philosophen Søren Kierkegaard und teilweise mit den Romanen Dostojewskijs: Einmal gelesen "wird man sie nicht noch ein zweites Mal lesen wollen". Denn das sei ungefähr so, "als würde man als Erwachsener wieder in das Haus einziehen, in dem man großgeworden ist." Deswegen findet er Oliver Reese als Regisseur einerseits mutig, sich einen Thomas Bernhard vorzunehmen. Allerdings konnte ihn das Ergebnis nicht wirklich überzeugen. Das Bühnenbild beschreibt er als leidlich klinisch tot. Und auch die drei Geschwister vermitteln ihm kein Thomas-Bernhard-Feeling, sondern wirken eher "wie ein Dreiklang der Kulturmittelschicht" auf ihn, etwas "vergrämt, verstockt und sinnverloren", insgesamt aber doch "als würden sie schlecht Theater spielen, meistens ins Publikum".


Reeses "Nicht-Regie" lasse die Schauspieler alleine, findet hingegen Peter Laudenbach von der Süddeutschen Zeitung (3.11.). Im Stück scheine er "vor allem Spielmaterial zur Vorführung von Darsteller-Virtuosentum zu sehen", die Schauspieler retteten sich dementsprechend "in Handwerk, Einfälle, Mätzchen". Das sei nur ob der "herausragenden Schauspieler" "erträglich und passagenweise komisch". Verglichen mit Peymanns Uraufführungs-"Fest der vor darstellerischer Intelligenz funkelnden, hochkomischen, bitter-bösen Schauspielkunst" bleibe die Berliner Inszenierung "matte Routine". Wenn sie "die Routine verlässt und den Regisseur Einfälle plagen", werde es gar "peinlich, etwa wenn er die im Text angedeutete Inzest-Möglichkeit plump ausstellt".


Matthias Heine fragt sich in der Welt (3.11.) gar, "ob das Hauptstadttheater vielleicht die Grippe hat". Bei Reese gehe es "erwartbar textfromm" und "werktreu bis zur Selbstaufgabe" zu. Er verlasse sich "auf seine Großdarsteller", zwei SchauspielerInnen des Jahres (Matthes, Becker) und die "preisenswerte" Almut Zilcher. Dazu "zwei Regie-Ideen": Das Fleisch, das von den dreien gegessen wird, werde "durch eine Melone ersetzt" und die "'Gemälde', die die Schwestern dem empörten Bruder zeigen, stellen sie selbst als lebende Bilder dar". Dadurch werde "immerhin klar, dass Ludwigs kritische Tiraden" auf die Malkunst "auch ein Kommentar zu Theaterkunst sind". Trotz der "schönen Komik, mit der die Schauspieler die neurotisch-inzestuöse Beziehung der Geschwister" zeichneten, bleibe es "arg brav", "so als käme Ludwig nicht gerade aus dem Irrenhaus, sondern von einer Kaffeefahrt".


Im Gegensatz zur "alterslos elfenhaften" Ilse Ritter spiele die "junge, wundersam begabte" Constanze Becker deren Partie "unelfenhaft" als "eine Art frustriert vibrierende Jüngere-Schwester-Sexbombe mit stillgelegten Zündern", schreibt Gerhard Stadelmeier in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (3.11.). Almut Zilcher ist ihm "ekstatisch derbe Theatralikerin" und Ulrich Matthes ein "diätetischer Trauerkloß, (...) mit jener sozusagen auf glühenden Kohlen sprechfühlenden todwunden Reizbarkeit, die diesem Schauspieler seit je eigen ist". Er trage als Voss "die trotzig arrogante Maske des Zu-Ende-leben-Müssens", zeige jedoch kaum, "dass dahinter auch lüstern-satyrhaft das dämonisch albern Vitzliputzlihafte (...) lauern könnte". "Keine Spur also von Ritter, Dene, Voss im Deutschen Theater. Dafür viel von Becker, Zilcher, Matthes." Reese verrücke das Stück "nicht wie Peymann ins Psychodrama, das so tut, als tue es nicht nur so als ob", sondern "schlau und intelligent in die Spielhölle, ins Theatertheater, das immer nur vorzeigt, dass es immer nur so tut als ob". Hier kämen die Katastrophen "nicht von außen, sondern aus dem Spiel-Inneren dreier frecher, trauriger, zynisch verlorener alter Kinder, eltern- und weltlos im leeren Theater". Womöglich sei dies "der wahre Bernhard unserer Depressionskrisentage".


"Ritter, Dene, Voss" sei "ein Stück über drei Schauspieler und das Schauspielen", ebenso wie über Wittgenstein, das "auch mit der unerfüllten Liebesbeziehung zwischen dem Theater und der Philosophie, zwischen den Sinnen und dem Nachsinnen" zu tun habe, bemerkt Dirk Pilz in der Berliner Zeitung (3.11.). Bei Reese sehe es "jedoch aus, als sei es in einen Topf fader Psychologie-Suppe gefallen und saufe dort langsam, aber unweigerlich ab". Bernhards Figuren seien, "in hintergründiger Bezugnahme auf Wittgenstein, Sprach-Wesen und gerade keine Charaktere im klassisch psychologischen Sinne". Reese dichte ihnen nun "ein seichtes Seelenreich an, weshalb alles der Figurenbeglaubigung durch halbgare Motive dienen muss". Bernhard werde zwar "dem Worte nach" gespielt, der Sinn allerdings gehe "komplett verloren". Zwar meide das "Dream-Team" Matthes, Becker, Zilcher "sinnigerweise" den "erdrückenden Vergleich mit ihren berühmten Vorbildern", nutze aber "jede Gelegenheit, schick und schön (...) konsequent aneinander vorbei zu psychologisieren". Herauskomme "harm- und belangloses Schauspielervorführtheater" – "allenfalls eine Bernhard-Sitcom".


"Wie weit trägt das Stück heute?", fragt Peter Iden in der Frankfurter Rundschau (4.11.) und sieht in Reeses Inszenierung keine befriedigende Antwort. An dem Stück trete nicht viel mehr hervor "als eine Nähe zu forciertem Kabarett". Auch der intensive Einsatz und die Spielfreude der Schauspieler können den Eindruck einer munter-gehässigen Beiläufigkeit der Vorlage Bernhards nicht korrigieren. "Angestrengtes Bemühen vorzüglicher Schauspieler um eher wenig". Auffällig seien Unentschiedenheiten der Regie. Der Umgang mit der weißen Spielfläche sei ungenau insofern als sie von den Schauspielern wiederholt verlassen werde, "und zwar ohne ersichtlichen Grund." Nicht gelöst auch das Problem der Adressaten: "Peymann ließ die drei aufeinander einreden. Jetzt in Berlin räsonieren sie mal zum Publikum hin, mal bleiben sie in ihrem Weltinnenraum (...). Durch das Mal-so-mal-so fehlt der Bezugspunkt, die Texte werden noch austauschbarer als sie es ohnehin sind."

 

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