Spielplatz der einsamen Kinder

von Martin Thomas Pesl

Wien, 17. Juli 2021. Für ein Stück gegen die Zeit lässt Meg Stuart ganz schon viel davon zu. Am Beginn ihrer neuen Arbeit ist von den sich überschlagenden, unaufhaltsamen Ereignissen, die der Titel "CASCADE" suggeriert, gar nichts zu spüren, im Gegenteil. Nach und nach schlüpfen die sieben Performer:innen zu einem nervös machenden Klangteppich aus den Ritzen des Raumes, den ihnen der französische Theatermacher Philippe Quesne hingezaubert hat. Im nebelverhangenen Steinbruch – er könnte sich auf einem der Planeten aus dem "kleinen Prinzen" befinden – tasten sie sich voran, experimentieren mit dem, was sie vorfinden.

Leichtes Geröll

Und das ist so einiges: Rechts steht eine Skater-Rampe, an der man hochlaufen, runterrutschen, die Schwerkraft herausfordern kann. Es gibt dicke Stricke für Kletterübungen, zwei große Felsen entpuppen sich als mit Luft gefüllt, auch die Geröllteile in über der Bühne hängenden Netzen sind in Wahrheit ganz leicht. Bis die Erste einen etwas heftigeren Sprung wagt, dauert es. Danach kommt in die bunte Zweckgemeinde, die bisweilen wirkt wie fremdelnde Kinder, die sich am Spielplatz eh gerne mit sich alleine beschäftigen, allmählich etwas Leben.

Cascade - Meg Stuart / Damaged Goods - Nanterre-AmandiersCHORÉGRAPHIEMeg StuartCRÉÉ AVEC ET INTERPRÉTÉ PARPieter AmpeJ. BatutMor DemerDavis FreemanMárcio Kerber CanabarroRenan Martins de OliveiraIsabela Fernandes SantanaSCÉNOGRAPHIE ET LUMIÈREPhilippe QuesneDRAMATURGIEIgor DobricicMUSIQUEBrendan DoughertyMUSIQUE LIVESofia Borges, Brendan DoughertyCOSTUMESAino LaberenzASSISTANTE SCÉNOGRAPHIEÉlodie DauguetASSISTANT CHORÉGRAPHIEFrancisco CamachoAlles viel leichter als gedacht auf der Bühne von Philippe Quesne © Martin Argyrolo

Aino Laberenz hat die Kostüme entworfen und etwas Erstaunliches geschafft: Obwohl kein Kleidungsstück dem anderen ähnelt (manche sind vor allem zweckmäßig, Davis Freeman trägt ein kurzärmeliges Hemd mit Billardkugeln drauf), könnten doch alle demselben Comicstrip eines Achtzigerjahre-Teenagers entsprungen sein. Der Komponist Brendan Dougherty und sein Musikerkollege Philipp Danzeisen sorgen für musikalische Tempowechsel, und sogar Texte (teils von Forced Entertainments Tim Etchells, teils vom Ensemble verfasst) sind vereinzelt zu hören. Bei alledem geht es mehr oder weniger offensichtlich darum, "dem Zeitpfeil zu widerstehen", wie der Ankündigungstext sagt.

Achtmalig verschobene Premiere

Auf der Metaebene hat diese Produktion von Meg Stuarts Kompagnie Damaged Goods im Kampf gegen die Zeit sowieso schon resigniert. Achtmal kam es seit der ursprünglich geplanten Uraufführung bei der Ruhrtriennale im September 2020 zu Verschiebungen. Proben wurden unterbrochen und wieder aufgenommen. Zufällig und unverhofft ist nun das Wiener ImPulsTanz-Festival, das nach der Absage im Vorjahr seit Donnerstag läuft, Gastgeber einer Weltpremiere der Trägerin des Goldenen Biennale-Lebenswerk-Löwen 2018.

Cascade - Meg Stuart / Damaged Goods - Nanterre-AmandiersCHORÉGRAPHIEMeg StuartCRÉÉ AVEC ET INTERPRÉTÉ PARPieter AmpeJ. BatutMor DemerDavis FreemanMárcio Kerber CanabarroRenan Martins de OliveiraIsabela Fernandes SantanaSCÉNOGRAPHIE ET LUMIÈREPhilippe QuesneDRAMATURGIEIgor DobricicMUSIQUEBrendan DoughertyMUSIQUE LIVESofia Borges, Brendan DoughertyCOSTUMESAino LaberenzASSISTANTE SCÉNOGRAPHIEÉlodie DauguetASSISTANT CHORÉGRAPHIEFrancisco CamachoBlickfüllende Parallelaktionen wie in den Filmen von Jacques Tati © Martin Argyrolo

Tanz freilich ist das, wovon an diesem Abend auf der Bühne des Volkstheaters am wenigsten stattfindet. Wenn Körper sich nach vorne oder zur Seite lehnen, vorsichtig den Kipppunkt auslotend, dann erzählt Stuart eher von einem Scheitern an Tanz, ja vielleicht von tänzerischem Scheitern. Wann immer ein:e Performer:in auf das typische Bewegungsvokabular der zeitgenössischen Choreografie zurückzugreift, wendet man den Blick lieber jemand anderem zu. Alternativen gibt es meistens: Stuart lässt ihre Leute viel – etwas zu viel – gleichzeitig solo oder in Paaren machen. Ohne erkennbare Abstimmung mit den anderen Anwesenden stürzt sich einer von der Bühne (auf eine sehr weiche Matte), während zwei andere mit dem luftigen Gestein Ball spielen. Wie in den Filmen Jacques Tatis weiß man nicht, wo man hinschauen soll.

Konzert der Stille

Betätigen Dougherty und Danzeisen ihre Schlagzeuge, unterwerfen sich alle Körper dem Takt, nur eben jeder auf seine Weise. Konzertiert wird eher die Stille: Einer der schönsten Momente ist der, als das Schlagzeug unvermittelt verstummt und gleichzeitig alle erstarren. Nur noch eine der Performerinnen bewegt sich. Sie balanciert gerade an der Skater-Rampe und mimt im Schneckentempo mit ihrem Körper einen Uhrzeiger. Angehaltenen Atems sehen ihr alle dabei zu. Kinder, wie die Zeit vergeht!

Was fehlt, ist Fluss, ist eine kaskadierende Entwicklung des knapp zweistündigen Abends. Erst ganz am Schluss kommt es zur erhofften rauschhaften Steigerung unter Schlagzeugbegleitung zurück in Chaos, Nebel und Dunkelheit. Die das Weltall zeigenden Kulissen sind zu Boden gefallen, die Musiker haben die Trommeln umgeschnallt und die Bühne gestürmt. Alle neun Mitwirkenden paradieren trommelnd und rasend zu Blitz und Donner in ein apokalyptisches Nichts. Endlich! Es mutet wie ein Akt der befreienden Resignation an: Zeit und Schwerkraft haben sich ja doch wieder als unbesiegbar erwiesen.

 

CASCADE
von Damaged Goods
Choreografie: Meg Stuart, Text: Tim Etchells, Bühne und Licht: Philippe Quesne, Kostüme: Aino Laberenz, Dramaturgie: Igor Dobricic, Musik: Brendan Dougherty,
Mit: Pieter Ampe, Jayson Batut, Mor Demer, Davis Freeman, Márcio Kerber Canabarro, Renan Martins de Oliveira, Isabela Fernandes Santana, Live-Musiker: Brendan Dougherty, Philipp Danzeisen
Premiere am 17. Juli 2021
Dauer: 1 Stunde 50 Minuten, keine Pause

www.impulstanz.com
www.damagedgoods.be

Kritikenrundschau

Der Abend "erweist sich als eine künstlerische Reflexion über das Erleben von Zeit als Kulturphänomen und ist als solche großartig 'unnatürlich' inszeniert von der ersten bis zur letzten Sekunde", ist Helmut Ploebst im Standard (19.7.2021) begeistert. Er sei dabei weniger ein "Lehrstück über die Zeit" als vielmehr "eine Himmel- und Höllenfahrt durch Gefühlsspektren und durch kulturelle Versatzstücke wie Zeichenmuster und Anspielungen auf Rituale". Meg Stuart führe ihr Publikum "emotional ans Abgründige" heran, ohne dabei "pathetisch destruktiv" zu werden.

"Betulich" und "kitsch-dystopisch" seien die Bilder, die der Abend vor allem am Ende auffahre, findet Karin Cerny in der Wiener Zeitung (20.7.2021). "Cascade" sei ein "abschreckendes Beispiel für internationalen Koproduktionszirkus", bei dem kein "schlüssiges Endprodukt" herauskomme müsse, nur weil sich "Kunstlegenden" zusammengetan haben. "Bedeutungsschwer und gleichzeitig bedeutungsleer" sei, was Meg Stuart hier zeige.

 

 
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