Denkmal der Konsumgesellschaft

von Katrin Ullmann

Hamburg, 5. August 2021. Unauffällig lasse ich ihn in meine Jackentasche gleiten. Drehe mich noch einmal um, schaue, ob mich jemand beobachtet hat. "Nehmen Sie die Gelegenheit wahr", hat die Stimme aus dem Kopfhörer mich beschworen, nachdem sie mich in den Bereich der "Accessoires" gelenkt hatte zu den verlockend hell beleuchteten Vitrinen. Ich blicke hinein – es funkelt. Ich soll prüfen, ob alle Schaukästen verschlossen sind. Sind sie nicht. Die Gelegenheit ist günstig, kaum Menschen in meiner Nähe. Keiner scheint mich zu bemerken. Ich greife in die Vitrine, nehme eine kleine silberne Hasenfigur heraus und lasse sie in meiner Jackentasche verschwinden. Stolz und mit tatsächlich diebischer Freude taste ich immer mal wieder nach meiner Beute, umschließe sie mit der Hand. Dann folge ich den weiteren Anweisungen. "Tun Sie ganz unschuldig". Nichts leichter als das.

Zuschauer:innen werden zu Verkäuferin, Kunde, Dieb, Ladendetektiv

Ich befinde mich in "Die Gespenster des Konsumismus", der Audiowalk-Performance von LIGNA in der Hamburger Innenstadt. "Die Kaufhof-Filiale im denkmalgeschützten Gebäude an der Mönckebergstraße 3 in der Hamburger Innenstadt schließt am Samstag, 17. Oktober 2020, ein für alle Mal ihre Pforten. Das Insolvenzverfahren ist zu Ende." So lautet die Nachricht, die die endgültige Schließung des Traditionskaufhauses in der Nähe des Hamburger Hauptbahnhofs vermeldet. Seitdem steht dieser Fritz-Höger-Bau, das ehemalige Klöpperhaus, leer. Seitdem ist unklar, was mit oder in den Räumlichkeiten in Zukunft passieren wird, und das leer stehende Kaufhaus ist nun nicht nur steinernes Symbol für die Krise der Innenstädte – sondern auch eine perfekte Umgebung für einen Audiowalk mit klugen Gedanken zu Geschichte und Stadtentwicklung, zu Konsumismus und Kapitalismus, zu Arbeitern und Ausbeutung, zu Immobilienpreisen und Investitionsfragen.

Gespenster Konsumismus3 600 Maximilian Probst uIn der Camping-Abteilung brennt noch Licht. © Maximilian Probst

Der Audiowalk führt die Teilnehmer*innen eine Stunde lang durch das Souterrain des 1913 erbauten Kaufhauses und macht sie zu Akteur*innen dieser Performance. In "Gespenster des Konsumismus" flanieren, schlendern, streifen sie einander, begegnen und beobachten sich. Sie übernehmen für kurze Zeit die Rolle eines Kunden, eines Diebs, eines Kaufhausdetektivs oder die einer erschöpften Verkäuferin. Sie umkreisen die mehrere Meter dicken Säulen, öffnen stahlschwere Türen, die geräuschvoll ins Schloss fallen.

Nur den Eingang verhängt ein fast glamourös wirkender Lametta-Vorhang, dann geht es über hässlich braune Bodenfliesen an still stehenden Rolltreppen vorbei. Aus der Decke ragen abgeschnittene Starkstromkabel ins Nichts, leuchten vereinzelt Neongitterlampen. Ganz am Ende verliert sich der riesige Raum im Halbdunkel, ein paar Neonbeleuchtungen verweisen auf das einstige Warenangebot: "Camping", "Wolle und Garne", "Betten und Liegen" steht da, wo jetzt fast nichts mehr steht. Ein Gewirr aus Wollfäden in der einen Ecke, zwei Stoffzelte in der anderen, ein paar Liegen ganz hinten. Türen weisen in Richtung Parkscheinautomat, in die ungelüftete Metzgerei, auf deren Stahltisch jetzt ehemalige Stadtansichten und Architekturpläne ausliegen, und in einen fensterlosen Pausenraum mit maximaler Tristesse. Dieses Kaufhaus ist ein unheimlicher Raum, der gespenstisch wirkt so ganz ohne Konsum-Funktion.

Logik des Spektakels

Von Paris aus tritt das Warenhaus ab Mitte des 19. Jahrhunderts seinen Triumphzug an, erzählt die Tonspur. Schließlich bekam der Kunde hier alles, was er wollte. Und er bekam es günstig. Mit seinen Festpreisen war es eine "Befreiung für die Frauen", die hier erstmals alleine einkaufen gehen konnten. Viel und billig lautete die Devise. Zunächst schien in den Kaufhäusern die Demokratisierung des Konsums verwirklicht, bald wurden sie zum Denkmal der anonymen Konsumgesellschaft.

Am 3. April 1968 legten spätere Mitbegründer der RAF Brände in zwei Frankfurter Kaufhäusern. Am 15. Juli 1972 verübten sechs jugendliche Nachahmer in vier Hamburger Kaufhäusern Anschläge. Die Brandsätze waren in hellbraunes, dünnes Packpapier eingewickelt. Einer davon ließ ein Regal mit Frotteevorlagen im Klöpperhaus in Flammen aufgehen.

Kurz nachdem diese Geschichte erzählt worden ist, werden die Teilnehmer*innen des Audiowalks zu Haltung und Wut aufgefordert, sollen durch die Halle eilen, die Fäuste ballen und über ihren eigenen Wert nachdenken – schließlich ist im Kapitalismus alles Ware, auch der Mensch – und über ein Leben ohne Warentausch und Konsum. Dann entdeckt man in einem der Zelte ein in braunes Packpapier eingewickeltes Paket. Eine Reinszenierung, die der Logik des Spektakels folgt, das nur die Symptome, nicht aber die zugrunde liegenden sozialen Verhältnisse angreift.

Macht kaputt, was euch kaputt macht

Die kluge Verzahnung von Erzähltem und Erlebten, das ständige Wechselspiel zwischen (angeleiteter) Aktion und kritischem Kommentar, zwischen dem vorhandenen und dem dort hinein inszenierten Raum, sowie die fast beiläufige Interaktion mit den anderen Teilnehmer*innen sind – auch bei dieser LIGNA-Performance – die prägenden, immer wieder bestechenden Koordinaten, selbst wenn am Ende die Antwort auf die Frage, welche Räume die Hamburger Innenstadt in der Zukunft braucht, offen bleibt und statt einer wilden Utopie jenseits der warenförmigen Stadt ein soft gesungenes "Macht kaputt, was euch kaputt macht" über die Kopfhörer surrt, dazu eine sich drehende Diskokugel dem Raum kurzzeitig Clubatmosphäre verleiht.Gespenster Konsumismus1 600 Maximilian Probst uClubatmosphäre im ehemaligen Kaufhaus © Maximilian Probst

Ein fröstelndes Unwohlsein bleibt. Diese ist dem eigenwilligen, trotz seiner Weitläufigkeit erdrückenden Raum und seiner Geschichte geschuldet und der schalen Erkenntnis, dass man auch bei einer Theaterperformance letztlich nur Konsument ist.

Die Gespenster des Konsumismus
von LIGNA
Regie: LIGNA, Kostüme: Gloria Brillowska, Musik: Günter Reznicek (feat. Bela Brillowska), Ausstattung: Geelke Gaycken, Licht: Björn Salzer und Carsten Sander.
Mit den Stimmen von: Julia Nachtmann, Thomas Niehaus und Samuel Weiß.
Dauer: 1 Stunde, keine Pause

www.kampnagel.de

 

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