Willige Boys backstage

von Falk Schreiber

Hamburg, 5. August 2021. "Wenn diese Wände sprechen könnten", fragt der Conferencier (Chris Pfannebecker) mit öliger Stimme, "was für Geschichten würden sie uns wohl erzählen?" Die Wände sind, das muss man vorweg sagen, wirklich beeindruckend: meterdick, unzerstörbar, die Mauern des Hochbunkers Heiligengeistfeld auf St. Pauli, eines der gleichzeitig eindrucksvollsten und hässlichsten Bauwerke Hamburgs.

Kultiger Bunker

Man befindet sich im "uebel & gefährlich", das war vor rund zehn Jahren einer der besten Clubs der Republik, mit toller Soundanlage, ausgesuchtem Programm und coolem Publikum, sporadisch auch Spielort für die freie Theaterszene der Hansestadt. Längst sind diese Zeiten vorbei, die Bookingpolitik des Hauses erwies sich dann doch nicht als so geschmackssicher wie gedacht, die Tür war vielleicht nicht hart genug, und spätestens die Corona-Pandemie blockierte die Clubkultur endgültig.

Nesterval4 600 Maximilian Probst uIkonische Szene einer Clubkultur im Rausch von Drogen, Sex und Depression © Maximilian Probst

Außerdem wird der Bunker seit einiger Zeit umgebaut, zu Eventarchitektur der unsympathischsten Sorte – es wird nie wieder so sein, wie man es in Erinnerung hatte. Entsprechend ist es schön, dass die Wiener Immersions-Spezialist:innen Nesterval und das Hamburger Partykollektiv Queereeoké den fast vergessenen Ort im Rahmen des Internationalen Sommerfestivals Kampnagel aus seinem Dornröschenschlaf wecken. Ein bisschen.

Der Niedergang des Club-Imperiums

Erzählt wird Thomas Manns 1901 erschienener Familien-Niedergangsroman "Buddenbrooks". Beziehungsweise die Geschichte der "Familie Nesterval", die vor Jahrzehnten aus Wien nach Hamburg kam und hier ein Club-Imperium aufgebaut hatte, in dessen Zentrum das "Budd'n'Brook" steht: ein angeblich irre angesagter Laden mit Darkrooms, guten Drogen und willigen Boys backstage.

Nesterval3 600 Maximilian Probst uWo die Dekadenz blüht: Nesterval spielen im Hamburger Club "uebel & gefährlich " © Maximilian Probst

Die Nestervals freilich sind identisch mit Manns Buddenbrooks: Es gibt den Familienpatriarchen Jean (Alkis Vlassalkis), der sieht, wie sein Lebenswerk zerrinnt, es gibt den Streber Thomas (Martin Walanka), den auch stündliches Nasenpudern nicht vor seinem Ehrgeiz rettet, es gibt die Rebellin Toni (Romy Hrubeś) und den sensiblen Krischan (Claudia Six), und es gibt unzählige schöne, kaputte, verlorene Menschen, die die Familie umschwirren. Es geht um Sex und Drogen, wie es der Titel "Sex, Drugs & Budd'n'Brooks“ wenig subtil andeutet, aber es geht auch um Geld. Das kennt man von Manns Vorlage, wo die Familie im Handelsgeschäft tätig ist, und das wird eins zu eins übertragen auf diese Familie, die in ein Entertainment-Business investiert, irgendwo zwischen Rotlicht und Nachtleben.

Ausflüge in den Darkroom

Als Theater erzählt Regisseur Martin Finnland diese Geschichte verhältnismäßig konventionell runter: Das Publikum steht am Rande des Dancefloors, und von Zeit zu Zeit werden einzelne Zuschauer:innen aufgefordert, mitzukommen, ins Backstage, in den Darkroom, ins Treppenhaus, von Imke Paulick hübsch zwischen Plüsch und Camp ausgestattet. Hier werden kurze Szenen gespielt, unspektakulär aber wirkungsvoll – Streit zwischen den Figuren, Verwerfungen, die Erkenntnis, dass die Konzentration auf Einnahmen-Ausgaben-Rechnungen einen auch nicht weiterbringt. Und kurz darauf übertönt laute Musik die Szene, man trinkt noch einen Schnaps (und wenn Thomas nicht hinschaut, schafft man es, die Zeche zu prellen), dann geht es zurück in den Saal.

Nesterval2 600 Maximilian Probst uMusikfreunde in Mieder: Astôn Matters spielt "Die Fledermaus" © Maximilian Probst

Der von Mann beschriebene "Verfall einer Familie" vollzieht sich bei den Nestervals allerdings drastischer. Klar, Heroin, Aids, bewaffnete Konkurrenzkämpfe sind im Nachtleben präsenter als unter Lübecker Kaufleuten. Aber die Verfallsgeschichte ist gar nicht wirklich das Thema des Abends, sie ist nur die Folie, auf der sich ein anderes Drama entwickelt. Nesterval und Queereeoké haben den Spielort "uebel & gefährlich" bewusst ausgesucht, der Verfall einer Familie ist auch der Verfall einer Clubkultur, die sich im Zustand der Auflösung befindet.

Dass die Gentrifizierung der Umgebung hier eine Bedeutung hat, spürt man schon am Eingang, wo man als Wohnungsinvestor begrüßt wird: "Sie sehen aus, als ob sie kaufkräftig wären", das klingt wie ein unmoralisches Angebot, ist aber auf St. Pauli mit seinem überhitzten Immobilienmarkt gar nicht so abwegig. Was "Buddenbrooks" dann tatsächlich stimmig im hier und heute verortet, in einem Kulturort, der mal ein cooler Club war und mittlerweile von den Events überrollt wird.

Das böse Ende

Was bei "Sex, Drugs & Budd'n'Brooks" passiert, ist also eine Geisterbeschwörung, eine Sehnsucht nach der Zeit, als laute Musik, geschwollene Nasenschleimhäute, zufällige Berührungen und schlechte Luft noch eine Verheißung waren. "Was für Geschichten würden uns diese Wände wohl erzählen?" Sie würden erzählen, dass man ein Gebäude kaufen kann und dann damit machen, was man möchte. Aber die Geister, die durch die Mauern spuken, die bekommt man nicht so leicht los, die Geister mit den schlecht sitzenden Perücken und den gut sitzenden Brustgeschirren.

Immerhin bietet einem die Inszenierung ein alternatives Ende zum Niedergang an: Da konsolidiert sich die Familie, und Thomas geht in die Politik, als einerseits queerer, andererseits rechts blinkender Populist mit Sympathien für Jörg Haiders FPÖ. Und das ist dann so bedrückend, dass man sich Thomas Manns Ende mit Schrecken eigentlich lieber gewünscht hätte.

 

Sex, Drugs & Budd'n'Brooks
von Nesterval & Queereeoké
Regie: Martin Finnland, Buch / Co-Regie: Teresa Löfberg, Dramaturgie & Produktion: Andreas Fleck, Kostüm und Ausstattung: Imke Paulick, Requisite: Willy Mutzenpachner, Choreografie: Marcelo Dono, Sound-Design: Alkis Vlassakakis, Art Photography: Julia Fuchs, Photography: Alexandra Thompson.
Mit: Alkis Vlassakakis, Gellert Gerson Butter, Rita Brandneulinger, Christopher Wurmdobler, Astôn Matters, Martin Walanka, Laura Hermann, Niklas-Sven Kerck, Romy Hrubeś, Martin Finnland, Maya Herrmann, Marcelo Dono, Dancing Sven, Willy Mutzenpachner, Johannes Scheutz, Chris Pfannebecker, Teresa Löfberg, Andreas Fleck, Claudia Six.
Uraufführung am 5. August 2021
Dauer: 2 Stunden, 40 Minuten, keine Pause

www.kampnagel.de

 

Kritikenrundschau

"Dieser sehr lange Abend des Mitmachzwangs war letztlich doch nur ein schlagender Beweis dafür, dass die Radikalthesen der Identitätsaktivisten (…) den schleichenden Untergang der performativen Künste bedeuten werden", so Till Briegleb in der Süddeutschen Zeitung (10.8.2021). "Wenn Rollen nur noch von Menschen verkörpert werden dürfen, die tatsächlich sind, was sie darstellen, wird Schauspiel zur langweiligen Selbstdarstellung." Mitmachtheater verlasse nur dann das Stadium der Nötigung, wenn es von geübten Darstellerinnen und Darstellern umgesetzt würde. "Wenn aber viele Laien mit Spaß an exaltiertem Verhalten die Groschenromanversion von Weltliteratur als peinliche Treibjagd des Publikums veranstalten, (...) dann hilft es nichts, dass diese Menschen alle sehr sympathisch sind. Das künstlerische Resultat ist die unangenehme Situation, Menschen bei etwas zuzuschauen, was sie nicht können."

"So zeitnah, so düster, haarscharf am Jetzt hat man Thomas Manns "Buddenbrooks" noch nie gesehen", befindet Peter Helling im NDR Kultur (4.8.21, 10:08 Uhr). Die Inszenierung von Martin Finnland sei "Theater der besonders sinnlichen Art, ein vielversprechender Auftakt des Sommerfestivals." "(T)ief hinein ins Halbweltmilieu" und in das "düster-sinnliche(n) Labyrinth für Nachtflaneure" nehme eine:n dieser "berauschende" Abend mit – und sei dabei auch als "Verbeugung vor der durch Corona schwer getroffenen Clubszene" zu verstehen. 

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Kommentare

Kommentare  
#1 Sex, Drugs, Hamburg: Genial, aber …Dirk Schneefuß 2021-08-06 15:42
Das Grundkonzept des Stückes, den Niedergang der Buddenbrooks in die Jetztzeit mit „passenden“ neuen Inhalten zu transferieren, ist eigentlich genial.
Aber zumindest ich brauchte einige Zeit, um
mich bei der Vorstellung der Personen an die entsprechenden Personen aus den Buddenbrooks zu erinnern.
Da die Lebendigkeit der einzelnen Szenen aber aus dem Frage- und Antwortspiel Schauspieler-Zuschauer entstand, hätte ich mir rückblickend entweder ein paar leicht verständliche Anmerkungen zu Beginn des Stückes gewünscht.

Wie man es zum Beispiel schaffen kann, traurig über sein Ende als Opernsängerin im Männerklo zu berichten, ohne jegliche Peinlichkeit dabei aufkommen zu lassen, das muss man einfach gesehen haben..
#2 Sex, Drugs, Budd'n'Brooks, Hamburg: schräg + schrillWolfgang Bergfeld 2021-08-12 14:22
"Buddenbrooks" gehört zu meinen Lieblingsromanen, und ich habe schon zahlreiche Verfilmungen und ein paar Inszenierungen gesehen und erlebt.

Diese gehört sicherlich zu den aufregenderen und interessanteren. Das Thema "Niedergang der Clublandschaften" interessiert mich nun weniger, aber der Roman wird in einen anderen Raum transportiert, und das ist schon schräg und schrill, sehr reizvoll, teilweise mitreißend und einfach bezaubernd, gelegentlich auch ein wenig platt und peinlich.

Das Inszenierungskonzept gefällt mir auch sehr gut, von "Mitmachzwang" kann überhaupt keine Rede sein, man wird mit Blicken und Gesten angesprochen und kann sich entscheiden, ob man jetzt mitgeht oder lieber an der Bar ein Bier trinkt (der Ausdruck "peinliche Treibjagd" ist fast schon üble Nachrede).

Zu Beginn hört man Schlüsselsätze aus dem Roman aus dem Off und hat Zeit, sich diesen wunderbar gestalteten Tisch anzusehen und sich zu orientieren.

Die schauspielerischen Leistungen variieren; persönlich fand ich Claudia Six und Martin Walanka am überzeugendsten. Die Auseinandersetzungen zwischen ihnen waren Highlights ( "Ich mache dich zunichte!"). Auch Grünlich und Sesemi sind mir noch in guter Erinnerung. Das Gelingen der Szenen hängt auch von den Beteiligten ab. Das funktioniert manchmal prima, manchmal leider auch überhaupt nicht.

Mir hat die Inszenierung insgesamt sehr gut gefallen - so habe ich die "Buddenbrooks" noch nie gesehen und erlebt.

Und "Weltliteratur" als "Groschenroman" zu inszenieren hat durchaus seine Reize, ganz abgesehen davon, daß diese Kategorisierungen bestenfalls wenig hilfreich und schlimmstenfalls ziemlich...... langweilig sind.

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