Von Halbmenschen und Kulturschöpfern

von Jorinde Minna Markert

Berlin, 12. August 2021. Man könne den entscheidenden Konflikt in "Fräulein Julie", nämlich die soziale Ungleichheit in der Affäre zwischen dem Bediensteten Jean und der höher gestellten Julie, heute nicht mehr mit dem Originaltext erzählen, sagte Regisseur Timofej Kuljabin vorab zur Überschreibung des Stoffes. Wer sich das Vorwort von August Strindberg antut, kann schwer verneinen. In diesem schwingt der Autor sich zu wahrhaft psychedelischen Höhen der Misogynie auf, schwelgt in trippigen Theorien über Halbfrauen (Fräulein Julie) und verkrüppelten Formen des Menschen (alle Fräuleins und Frauen) und ruft auf dem Höhepunkt seines Flows den Mann als Herrscher der Schöpfung und Schöpfer der Kultur aus. Schöpfer der Kultur also – die Messlatte liegt hoch.

Alle drüber in der Fräuleinschen Küche

Es ist Mitsommernacht – dem Anlass gemäß wird durchgezecht und durchgedreht. Julie (Linn Reusse) hat getrunken und ist ein bisschen drüber, Jean (Felix Goeser) hat Wein geklaut, einen Geheimplan im Kopf, ein Geheim-Headset im Ohr und ist mehr als ein bisschen drüber. Die gesamte Handlung spielt sich in der Fräuleinschen Küche ab. Was im Original ein Ménage-à-trois ist – Julie, Jean und dessen Quasi-Verlobte Kristin (Franziska Machens) –, bekommt in Kuljabins Inszenierung am DT Berlin einen vierten Mitspieler: Thomas (Božidar Kocevski), Ex-Verlobter von Julie, perfider Marionettenspieler, unberechenbarer Drahtzieher, kurz: ein ganz fieser Kontrollfreak. Und dieser sitzt ... hinter der Teekanne. Gut, also, seine Geheimkamera sitzt hinter der Teekanne, er selbst lauert in seinem Airbnbhaft eingerichteten Apartment vor dem Flatscreen. Von dort aus steuert er die Videoaufzeichung der Küche und erteilt Diener Jean Anweisungen per Knopf-im-Ohr. Thomas' Plan: Mit Jeans Hilfe kompromittierendes Videomaterial von Julie in die Finger bekommen und ins Netz stellen. Der Grund: Julie hat ein kompromittierendes Video von Thomas ins Netz gestellt. Und bevor man sich nun allerlei vorstellt: Er fickt darin eine Gummipuppe.

2 560 julie foto arno declair auf dem bild felix goeser linn reusse Unglück in der schicken Küche: Felix Goeser und Linn Reusse © Arno Declair

Die Setzung von Jean als Doppelagenten, der sich auf Spielchen mit Julie einlässt, weil der hinter der Teekanne stalkende Ex-Lover dafür ein hübsches Sümmchen zahlt, ändert für die Figur des Bediensteten gar nicht viel. In beiden Framings ist er auf Bereicherung aus, simuliert Julie gegenüber strategisch Ehrerbietung, gibt sich ihr aus einem spontanen Impuls heraus hin und verachtet sie gleichzeitig für ihre Impulshaftigkeit und Sexualität.

Auch als Autorenentscheidung macht sich die ergänzte Erzähl-Ebene um den Ex-Verlobten nicht bahnbrechend. Durch Headset, Kamera und Sex-Tape-Leaking wird zwar ein etwas dürftiger Aktualitätsbezug hergestellt. Dieser begnügt sich aber mit Technik-Gimmicks anstatt sich an einer Neubetrachtung des misogynen Kerns des Stücks zu versuchen. 

Frauenhass, mit chirurgischer Präzision diktiert

Der angeblich entscheidende Konflikt des Stücks – eine Beziehung in einem intersektionalen Spannungsfeld zwischen Sexismus und Klassismus – scheint für die Inszenierung weniger zentral als der Versuch, als Rechtfertigungsgrundlage für Frauenhass einen angeblichen Männerhass von "Halbfrauen" wie Fräulein Julie zu konstruieren. Und diese haben ihren Männerhass natürlich von der promiskuitiven Emanzen-Mutter gelernt – Ursprung allen Übels. So muss Fräulein Julie auch 130 Jahre nach ihrer Feder-Geburt immer noch in der naturalistischen Bühnenküche ein ums andere Mal brüllen: "Ich hasse Männer! Meine Mutter hat es mir so beigebracht!"

Als spielerische Anlage ist die Soffleur-Nummer sehr reizvoll. Headset-Strippenzieher Thomas' Apartment ist auf der Bühne als Guckkasten direkt über der Küche angebracht, in der Jean und Julie miteinander ringen. Wir sehen und hören Thomas, der Jean die zu sprechenden Sätze und Handlungen mit chirurgischer Präzision diktiert. Und wir hören, wie Jean als widerwilliges Echo die Sätze nachspricht, sie manchmal variiert und dabei wirkt wie ein Schauspieler, der zum ersten Mal Text liest und merkt, dass die Worte nicht in den Mund wollen.

1 560 julie foto arno declair auf dem bild bozidar kocevski Hinterhältiger Headset-Flüsterer: Božidar Kocevski © Arno Declair

Das lädt zu Meta-Betrachtungen des Theaters ein, ist oft witzig und bietet einen neuen Blickpunkt auf Julies Begehren. Wir können uns vorstellen, wie Jean auf Julie wirkt, die von dem Headset-Flüsterer nichts weiß, nur Zeugin wird, wie der Mann vor ihr mit seinen Sätzen kämpft, seltsame Lücken in ihnen lässt, abwesend und hochkonzentriert zugleich wirkt. Er klingt fremd und fremdgesteuert, liefert aber pick-up-artist-mäßig genau die richtigen maßgeschneiderten Sätze, die Julies Ex-Verlobter mit guter Kenntnis ihrer Person vorgibt. Vielleicht ist es gerade diese seltsame Mischung aus etwas nicht einzuordnendem und Vertrautheit, die sie plötzlich anzieht. Eine vielschichtigere Erzählung von Begehren als "Sie war betrunken und verzweifelt" wäre es wohl.

Guilty-Pleasure-Bewusstsein

In dem präzisen Lausch- und Versteckspiel lassen die Darsteller:innen schöne, hochkonzentrierte Momente entstehen. Die Technologie wird dabei durch die Spielenden zu einer grotesken fünften Mitspielerin belebt. Man kann sich den Abend als Psycho-Krimi und Mann-Frau-Komödie mit etwas guilty-pleasure-Bewusstsein gut anschauen und ganz darin aufgehen, wie Felix Goeser verzweifelt versucht, die versteckte Kamera hinterm Porzellan mit als Husten-Anfällen getarnten Schubsern auf Position zu bringen. Einen Beweis für die Herrscher der Schöpfung, Schöpfer der Kultur muss man den Abend aber nun auch nicht nennen.

 

Fräulein Julie
nach August Strindberg
Fassung von Timofej Kuljabin und Roman Dolzhanskij, aus dem Russischen von Olga Fedianina
Regie: Timofej Kuljabin, Bühne und Kostüm: Oleg Golovko, Licht: Thomas Langguth, Dramaturgie: Roman Dolzhanskij, Claus Caesar.
Mit: Linn Reusse, Felix Goeser, Franziska Machens, Božidar Kocevski.
Premiere am 12. August, 2021
Dauer: 1 Stunde 40 Minuten, keine Pause

www.deutschestheater.de


Kritikenrundschau

Weiter als sei nichts gewesen: Trotz dramaturgischer Finesse verweht der Eindruck der Kammerspiel-Inszenierung für Ulrich Seidler von der Berliner Zeitung (13.8.2021) recht schnell. "Das ist nicht so sehr ein Problem der Aufmerksamkeit, sondern der Relevanz" – müsste ein Theater in der ersten Premiere der neuen Saison nicht auf die Corona-Zäsur reagieren, statt eine im Frühling 2020 fertig geprobte Inszenierung aus dem Schrank zu holen? Durch die Aktualisierung – nicht um die Ehre, die Julie bei Strindberg verliert, sondern um Thomas' Rache geht es bei Timofej Kuljabin – löse sich die Tragik des Konflikts in Luft auf. "Der Rest ist gehobenes Geplänkel, garniert mit einem Zeisig-Smoothie", so Seidler.

"Eine erfrischend neue Sicht auf einen viel gespielten Klassiker", findet Oliver Kranz im rbb Kulturradio (13.8.2021). "Timofej Kuljabin und seinem grandiosen Ensemble gelingt es, die Schraube immer noch weiter zu drehen – immer neue Wendungen, immer neue Komik, immer neuer Schmerz." Vor allem Linn Reusse als Julie sei überragend. "In dieser Inszenierung ist niemand Herr der Lage. Das ist das eigentliche Thema", so Kranz. "Die Figuren balancieren am Rande eines Abgrunds und es ist nicht klar, ob sie abstürzen werden."

"Was in den 100 Minuten davor in den Kammerspielen des Deutschen Theaters passiert, ist definitiv ein packender, gut gespielter Psychothriller", schreibt Katja Kollmann in der taz (14.8.2021). Wirklich interessant aber sei die zweite Ebene, die Kuljabin und sein Koautor Roman Dolzhanskij bei der Überschreibung von Strindbergs Theaterbestseller ausgebaut haben: die der Verbindung von Kontrolle und Macht. "Selten ist Überwachung so sinnlich dargestellt worden."

"Kuljabin macht in den Kammerspielen des Deutschen Theaters aus Strindbergs 'Fräulein Julie' eine emotional überdrehte Affären-Zimmerschlacht", ätzt Peter Laudenbach in der Süddeutschen Zeitung (14.8.2021). "Wobei sich die dampfenden Erregungszustände in der Oberflächeninszenierung vor allem in Lautstärke und wildem Gestikulieren äußern."

 
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