Verschwundene Frauen

von Martin Krumbholz

Gladbeck, 14. August 2021. Gleich in den ersten zehn Zeilen der kurzen, kaum mehr als zwanzig Seiten langen Erzählung "Der Untergang des Hauses Usher" von Edgar Allan Poe fallen zweimal die Wörter "melancholisch" bzw. "schwermütig". Unmissverständlich macht der Ich-Erzähler klar, dass es sich bei diesem Affekt keineswegs um eine süßliche, poetische Empfindung handelt, vielmehr um etwas "Unerträgliches", um einen Schrecken, der nicht abklingen, sondern sich steigern wird.

Spiel auf den Nerven

Der gespenstische Auftakt der ersten Ruhrtriennale-Inszenierung von Barbara Frey in der grandiosen Maschinenhalle Zweckel nimmt diese Setzung kongenial auf. Ein letztes fahles Tageslicht scheint durch die hohen Fenster in die Halle zu fallen, in der zwei Pianisten an zwei Flügeln mit zunächst schrillen, dann immer tiefer werdenden Akkorden synchron die ganze Skala der Klaviatur bespielen.

Untergang Hauses Usher Ruhrtriennale 1 560 c Matthias Horn uDie Maschinenhalle Zweckel in Gladbeck © Matthias Horn
Natürlich ist dies auch ein provokantes Spiel auf den Nerven der Zuschauer, die womöglich in einen ähnlichen Zustand zu bringen sind wie jener Roderick Usher, von dem uns Poes Erzähler berichtet, ein wohl noch junger Mann, der an einer "krankhaften Verfeinerung der Sinne" laboriert, wie es vielsagend heißt. Zugleich etabliert das Pianistenduo das Zwillingsmotiv, das im Grunde schon die ganze Struktur der Erzählung ausmacht: Bald wird der finstere Roderick seine todkranke Zwillingsschwester Madeline bestatten, "temporär" zunächst, noch nicht in der Erde, aber doch im geschlossenen Sarg – wer weiß schon, ob die Gute nicht doch noch am Leben ist.

Was stellen Männer sich vor?

Zuzutrauen wäre dem Erfinder des modernen Horrorgenres eine solche Wendung ohne weiteres, wie ein Blick auf etliche andere seiner Texte zeigt; einige von ihnen hat Frey als Seitentriebe in ihren Poe-Abend eingearbeitet. Offensichtlich geht es der Regisseurin nicht so sehr um die Stringenz einer einzelnen Geschichte, als vielmehr um eine (wenn man so will: ideologische) Summe des Ganzen. Auch in der "Feeninsel", beispielsweise, verschwindet eine weibliche Gestalt, ohne dass man so recht wüsste, um wen es sich dabei handelt. Dem Autor Poe wiederum kommt es nicht so sehr auf eine (fadenscheinige) Handlungslogik an, als auf das letztlich "Unerklärliche", das er unermüdlich beschwört.

Untergang Hauses Usher Ruhrtriennale 2 560 c Matthias Horn uEine Traube erschrockener, fast gelähmter Personen umringt den finsteren Roderick Usher (Michael Maertens) © Matthias Horn

Wenn dieser Autor eine "psychologische" Erklärung für etwas anbietet, kann man fast sicher sein, dass es sich um eine diagnostische Sackgasse, wenn nicht um eine Leerformel handelt. Der Grund für Rodericks Schwermut liegt natürlich nicht, wie behauptet wird, in der Erkrankung seiner Schwester. In einer der schönen Interventionen des Abends macht der Schauspieler Michael Maertens klar, wie wenig man bei der Untersuchung eines beliebigen Gegenstandes auf "Scharfsinn" geben dürfe. Mit Scharfsinn komme man den Phänomenen überhaupt nicht bei, vielmehr gehe es um das "Vorstellungsvermögen". Aber was stellt man sich vor, und was, würde Barbara Frey vielleicht ergänzen, stellen Männer sich vor?

Entsetzliche Gedankengebäude

Doch in der Halle Zweckel, die Rainer Küng so kunstvoll beleuchtet hat (es gibt außer den ohnehin vorhandenen Maschinen kein "Bühnenbild"), sind wir zunächst mit der Gruppe von sechs Menschen konfrontiert, drei Frauen, drei Männern, die sich ihrerseits, eng aneinander geklammert, in schwarzer (prospektiver) Trauerkleidung, dem "entsetzlichen" Anblick des Hauses Usher hingeben, durch dessen Fassade sich ein symbolischer "Riss" zieht; ein Riss, der am Ende zum Einsturz eines ohnehin dekadenten (Gedanken-)Gebäudes führen wird. Natürlich ist der Untergang des Hauses Usher sowohl buchstäblich als auch metaphorisch zu verstehen.

Untergang Hauses Usher Ruhrtriennale 4 560 c Matthias Horn uEin Motor des Abends: die Musik und ihre atmosphärische Verschmelzung mit dem Text und dem Raum © Matthias Horn

Die Traube oder winzige Herde von erschrockenen, fast gelähmten Personen wird Frey im Lauf des Abends auflösen und individualisieren, wie sie ja auch die Konstruktion der einzelnen Texte auflöst. Die Spieler sind großartig. Katharina Lorenz und Jan Bülow erzählen davon, wie ein Mann seiner (vermeintlich) toten Braut sämtliche Zähne ausschlägt (so muss man es wohl verstehen). Debbie Korley berichtet (auf Englisch) von der Feeninsel. Annamária Láng und Markus Scheumann imaginieren die inzestuöse gegenseitige Bindung des Geschwisterpaars, die der Ich-Erzähler vergeblich zu entschlüsseln sucht – sein Scharfsinn hilft ihm nicht weiter.

Mystischer Männergesang

Und die Musik? Barbara Frey ist ja von Haus aus Musikerin, bei der musikalischen Regie des Abends triumphiert der Minimalismus, auch im mystischen Gesang der meist unsichtbar bleibenden Männer des Ruhrkohle-Chors. Männer: Sie sind hier ein Thema, an einem Abend, der (auch) davon handelt, wie und mit welchen Mitteln Frauen zum Verschwinden gebracht werden. In der Popmusik, die Frey genüsslich und ironisch zitiert, erfahren wir zum Beispiel von männlichen Ich-Erzählern, wie sie der "schwungvolle Gang" oder das bezaubernde Lächeln der Frauen fasziniert. Überhaupt sind sie ja "zu schön, um wahr zu sein". Der hinreißende Eröffnungsabend in der Halle Zweckel ist das nicht. Er ist wahr und schön.

 

Der Untergang des Hauses Usher
von Edgar Allan Poe
Regie: Barbara Frey, Musik: Barbara Frey, Josh Sneesby, Bühne: Martin Zehetgruber, Kostüm: Esther Geremus, Dramaturgie: Andreas Karlaganis. Chorleitung: Harald Jüngst.
Mit: Jan Bülow, Tommy Hojsa, Debbie Korley, Annamária Láng, Katharina Lorenz, Michael Maertens, Markus Scheumann, Josh Sneesby. Solisten des Ruhrkohle-Chors
Premiere am 14. August 2021
Dauer: 2 Stunden, keine Pause

www.burgtheater.at
www.ruhrtriennale.de

 

Mehr dazu: Regisseurin und Ruhrtriennale-Intendantin Barbara Frey im Interview über Natur und Industriearchitektur, Feminizide, den Tod und die Funktion von Kunst in Krisenzeiten.

Kritikenrundschau

"Gruseldichter Poe muss man nach diesem Abend nicht wiederentdecken. Man darf ihm aber für den Vorwand zu diesen betörenden und einfallsreichen Szenen danken", schreibt Michael Wurmitzer im Standard (12.10.2021) anlässlich der Premiere am Wiener Burgtheater. Es verdanke sich des beherzten Zugriffs von Regisseurin Barbara Frey, dass die Kurzgeschichte auf abendfüllendes Format angewachsen sei. Geboten werde zwei Stunden lang weniger ein Sprechstück, "sondern ein exquisites Bild- und Klangereignis aus ätherischem Sprechen, Hauchen, Lispeln und Singen".

Barbara Frey verzichte ganz auf Klimax, schreibt Till Briegleb in der Süddeutschen Zeitung (17.8.2021). Mit Hang zum gleichbleibenden Takt setze sie die Geschichte in Szene, und die gleichbleibende Übertreibung erregter Gefühle, die Frey fast in Stummfilmmanier von ihrem Ensemble verlangt, sei in einem Maße künstlich und aufgesetzt, dass es umstandslos als Kitsch wahrgenommen werden könne. "Vermutlich ist die Inszenierung dieser Fragmentensammlung als pathetisch stilisiertes Slow-Motion-Theater mit melancholischer Musik wirklich Geschmackssache." Fazit: Das ausbalancierte Komponieren von wahngeschwängerter Stimmung durch suggestive Musik, starres Sprechen und expressionistische Lichtstimmungen erfüllt seinen Zweck, eine Situation ständiger Ergriffenheit darzustellen.

"Der Untergang des Hauses Usher" ist ein gespielter Lesetraum, so Achim Lettmann in der Westfälischen Allgemeinen (17.8.2021). Am Ende aber fehle ein verbindendes Motiv und man fragt sich, warum sich Frey so auf Poe eingelassen habe. "Es bleibt insgesamt eine biedere Schau zu Gruselstories. Freys Frage nach dem Ursprung der Melancholie im Revier macht Lust auf Erkundungen im Diesseits, nicht im mythischen Jenseits der Schauerliteratur."

"Was diesem Theaterprojekt fehlt, ist ein Motiv", findet Peter Jungblut im BR (15.8.2021): "Es wird auch nach pausenlosen gut zwei Stunden nicht deutlich, was Barbara Frey und ihr Team eigentlich an Edgar Allan Poe interessiert hat. Seine Zivilisationskritik? Seine Psychologie? Sein Surrealismus? Es ist von allem was dabei, ohne freilich wirklich zu berühren oder gar zu verstören." Möglich, dass Poe "besser in Residenzstädte wie Wien oder München" passe, als in das "raubeinige, unromantische Ruhrgebiet". 

"Eine Geduldsprobe", aber auch "eine Art Reinigung" hat Stefan Keim im Deutschlandfunk Kultur (15.8.2021) gesehen. Barbara Frey sei eine "große, sehr subtile Auseinandersetzung mit dem Gesamtwerk von Edgar Allan Poe" gelungen, die allerdings "hohe Konzentration" und "richtiges Hinhören" erfordere, damit sich das, "was uns zum Fürchten bringt", entfalte.

Eine "Art Geister-Beschwörung – oder eine Beschwörung eben der Kraft des Erzählens", die "sehr konzentriert und kunstvoll" arbeite, hat Andreas Klaeui von SRF2 Kultur (16.8.2021) in Gladbeck erlebt. Im Blick auf die untoten Frauen entberge sich eine feministische Deutung: "Wovor diese Männer Angst haben, die ihre Frauen am liebsten bei lebendigem Leib in die Gruft wegsperren, ist dass die Frau eben, sprichwörtlich, die Zähne zeigt."

"Mit dieser wohlgelungenen Einstandsproduktion hat Frey den Grundton angeschlagen: die Rekonstruktion einer Sensibilität, die die Kehrseite der materiellen Wertschöpfung bildet – das allmähliche Verlöschen hin zum Tode." So berichtet Ronald Pohl im Standard (16.8.2021). "Himmelhoch paukend, zu Tode betrübt: Frey stellt die Uhren im Pott neu. Die Industrie tritt uns als Gespenst entgegen. Ein Totentanz: Das ist nach den Intendanzen von Johan Simons und Stefanie Carp etwas ohrenbetäubend Neues."

Stefan Keim für "Scala" auf WDR 5 (16.8.2021) verdient die Inszenierung ein eindeutiges "Wow!" "Es ist ein Abend, der sehr viel Konzentration verlangt", der "nicht spektakulär bebildert" sei. Er widme sich ganz der Musik und den Collagen aus Poes Werk. "Ein sehr konzentrierter Abend, eine Erkundung des Gesamtkunstes (von Edgar Allen Poe). Mir hat das eine große Freude bereitet."

 

 
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